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Central-Verein-Zeitung · 1925-11-13 · 46 (13.11.1925) · p. Seite 734

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
46 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
Seite 734 (sequence 11)
Language
German
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734 Hei öen Fuswanöerern. Rituelle Speisung aus dem ,,2tlbert Vallitt". An Bordes „A l b e r t B a l I i n ", im September. Was ift über Not und Elend der Auswanderer geschrieben worden! Eine Ausreise auf dem „Zwischendeck" eines Ozeandampfers bedeute vierzehntägiges Leiden. Mit solchen Gedanken betrat ich vor der Abfahrt nach Cuxhaven in Hamburg das Ueberseeheim de r H a P a g , das den Passagieren vor der Ausreise Wohnungsgelegenheit bietet. Welch angenehme Enttäuschung! Kurortähutiche Anlagen, mit Namen versehene Straßen, in denen sich ein Pavillon an den anderen reiht. Blitzsaubere, gelneinsame Schlafsäle mit weißer Bettwäsche auch für die Aermsten der Armen in der dritten Klasstu 1leberall peinlichste Sauberkeit. Wer in verwahrlostem Zustande eingetrossen und die allen Möglichkeiten rechnnngtragenden Neinigungsinstitute glücklich passiert hat, landet schon vor seiner Absahr in einer der Pavillons wie in einem Reiche nie gekannter Glückseligkeit. Wie gut es sich dort leben läßt, beweist die Tatsache, daß schon seit Jahren i m 11 c b c r {e c f) c im f e st gehaltene j ü d i s ch e Familien, die der Einwandernngsguote zum Opfer sielen, nicht das Verlangen haben, irgendwo anders untergebracht zu lverden. " Ich traf im Ueberseeheim jüdische Auswanderer beim Abendbrot, das ihnen an besonderen Tischen aus der rituellen Küche gereicht wird. Jeder Teller, jedes Messer mit einem Stempel versehen, der m jüdischen Lettern zeigt, daß hier streng rituell gespeist wird. Als ich einen Nüssen frage, wie ihm das Beefsteak mundet, antwortet er ansrichtig und dankbar: „I ch will s mein Lebtag ui ch t schlechter h a b c n!" Ein jüngerer deutscher Jude, Student, der an Deutschlands Judenhaß verzweifelt und sich in Amerika eine neue Eristcuz gründen will, schildert ans dem Wege zu der Synagoge im Ueberseeheim, wie unendlich schwierig cs selbst für ihn gewesen wäre, trotz s e i n e r 9 2 Verwandten in Amerika, eine Einwanderilugserlaulmis zu erhalten. In der Synagoge findet gerade Abeudgottesdienst statt. Die Auswanderer haben sich ihren Kantor selber erwählt. Stimmbegabte dürseu an den ersten beiden Tagen des Aufenthaltes im Ueberseeheim ihre Kunst den gläubigen Zuhörern zeigen — und wer am besten gefüllt, der ist dann für die nächsten drei Tage Kantor und ^bleibt es aus dem Schiffe, wo in dem für die rituelle Speisung reservierten Räume Gelegenheit zum ^Gottesdienst gegeben ist. Durch die Zuvorkommenheit der ^chisfsleituug des „Albert Ballin" habe ich Gelegenheit, die rituelle Küche aus dem modernsten deutschen Dampfer in Augenschein zu nehmen. Es sind verhältnismäßig wenige Passagiere in der zweiten, ganz selten auch nur einige der ersten, dagegen ein gut Teil der jüdischen Fahrgäste der dritten Klasse, die von der rituellen Einrichtung auf dem schiff Gebrauch machen. In der besonderen „jüdischen" Vorratskammer durfte ich mich. Umsehen. Der Inhaber eines großen rituellen Speisehauses könnte mit Neid auf diese sich dem überraschten Auge darbietende Fülle von Speise und Trank blicken. Der Koch stellt sich, wie das nicht anders zu erwarten ist, als ein Mann vor, der die gute jüdische Küche beherrscht, und bedauert, daß er mir nicht an einein Freitagabend Proben seines guten Geschmacks geben kann, weit ich schon in Bpulogue anssteige. „Meine Fischklöße. lieber Herr! Fragen Sie die jüdischen Pasiagicre über meine Fischklöße, lieber Herr! Ein Gedicht?" Erschütternd ist der Bericht eines vornehmen, gediegenen jüdischen Kaufmanns aus St. Louis, der vom Besuche seiner Angehörigen in einer an Polen abgetretenen P o s enschen Kleinstadt, die er nach dreißig Jahren der Trennung wieder betreten durfte, zurückgekehrt ist. „Sie machen sich keine Vorstellung von dem Elend, das ich dort angetrossen habe. Meine Geschwister haben ein arbeitsreiches Leben in dieser Posenschen Kleinstadt hinter sich, haben ein Meuschcualter geschuftet und sich nichts gegönnt, um einmal einen sorglosen Lebensabend zu haben. Jetzt haben ihnen die Polen alles genommen. Das Geschäft liegt still, und sie müssen das wenige Ersparte, das ihnen geblieben ist, für Kirchensteuer zum Bau eines neuen polnischen Gotteshauses und für Einkommensteuern hergeben, die mich dem Friede ms - saß erhoben werden. So haben diese armen braven Leute — es ist kein Witz — in den letzten Jahren mehr Steuern gezahlt, als sie einnahmen. Die Jugend durchlebt ein wahres Martyrium. Sie darf sich auch heute noch nicht trauen, auf den Straßen deutsch zu sprechen. Die Gemeinde, einst eine der angesehensten in der Provinz Posen, ist wirtschaftlich völlig zusammengebrochen. Es reicht nur für einen Borbeter aus Kongreß-Polen im Nebenamt. Wüsste man in Amerika, wie unendlich gres; das Leid in den ehemals stolzen Gemeinden der Provinz Posen ist, die Wohltätigkeit würde sich in viel größerem Maste rühren als bisher,' und manche Liebesgabcnsendung würde dorthin geleitet werben. Sie sind Journalist. Sorgen Sie doch für Ausklärung! Das Elend schreit zum Himmel!" Ich erfülle an dieser Stelle, zumal die „E. D. Zeitung" in vielen Exemplaren auch ins Ausland konnnt, die Ehrenpflicht, den Notschrei meines Reisegefährten ans dem „Albert Ballin" wiederzugeben. Werden auch nur einige Herzen gerührt, ist mehr getan als mit der sarbenpräch.tlgstcn Schilderung der Eindrücke aus dem wunderbaren schwimmenden Hotel, dieser Mnsterschöpsnng deutscher Technik. Ich steige hinauf in die prunkvollen Gescllschastsränme mit ihrer verschwenderischen Fülle von Edelmaterial, in denen man nichts von bewegter See, nichts von bewegten Herzen spürt. „Albert Vallin" . . . Ein Bild des Lebens. ... ' Artur Schweriner. Fcstschrist zum 50 jährigen Bestehen, des Rabbinerscminars zu Berlin. Hcransgegebett von den Dozenten. Orient-Buchhandlung Heinz Lasairc, Hannover. 1873 wurde das Berliner Ravbinersemiuar von dem Begründer der Adath. Israel-Gemeinde, Dr. Esiel H i:b b c s h c imer s. A.. ms 'Leben gerufen. Hunderte von deutschen Rabbinern, die in Deutschland wie zum Teil im Auslände ihre Wirksamkeit fanden, sind seitdem aus diesem Seminar hervorgegangen und haben damit letzterem.- zu Nus und Anerkennung vcrholfen. Männer wie Professor David Hoff mann. Berliner. Eppen stein, nicht zuletzt der dem Eentralverein so nahestehende H r r s ch H i l d e s h e i m eje s. A. haben in der abaelansenen Periode zu den Dozenten des Seminars gehört. Daß das Seminar auch in der Gegenwart von berufenen Führern geleitet wird, dafür legt die Fcstschrist ein luwedtes Zeugnis ab. Dr. E. Auerbach behandelt! in seinem Aufsätze „Zur politischen Geseichte der Inden unter Kaiser Hadrian" die Geschichte des Aufstandes, der an den Namen Bar Kochba geknüpft ist. Unter Benutzung eines reichen Onetlenmarerials wird die Borgeschichte dieses Ausstandes erörtert und eine Untersuchung über seine richtige Datierung angestellk. Bon der bisherigen Annahme aus gewichtigen Gründen abweichend, konnnt A. zu dem Schlüsse, daß der Ansstand in die Zeit von 126 bis 133 zu legen sei. Tr. S. G r ü n b e r g untersucht in seinen „ E r e g e t i s ch e n Beiträgen" eine Anzahl schwieriger Stellen der 3Mbd>, insl>esondere ans Jesaia und Hiob; seine Auffassung und Erklärung weicht: vielfach von der bisher üblichen ab, crseljeint aber durchweg ernster Beachtung wert. Eine besondere Hervorhebung verdient der Beitrag von Tr. I. Wohlgemut!) „Zur E h a r a k t e r i st i f des Sündenbewnßs.seins im tö Imudischen I nde n t u m Ter Anspruch des Christentums, dem Judentum gegem"il>er die vorgeschrittene Stufe zu bedeuten, führt dazu, daß auch vor: hervorragenden Forschern wie Köberle, Weber, Bonsset u. a. beb Erörterung der Begriffe: SchickA Sühne, Vergebung der jüdische Standvunkt als der minderwerb'ge dargestellt wird. Auf Grund einer souveränen Beherrschung des Materials zeigt W., daß jene^luffaffiuig teils auf mangelhafter Kenntnis der jüdischen Quellen, teils auf unrichtiger Uebersetzung der beigebrachten Zitate und letzten Endes auf eine starke Voreingenommenheit zugunsten des eigenen^StandPunktes zurückznführcn sei. Der spröde Stofs läßt die Vorzüge, durch d:e sich W-be.^ni.utb.s Arbeiten ausnichnen: übe ruckt liehe Gliederung, klare Darstellung, glänzende Diktion, besonders hervortreten. Der Anhang der Fejlfchmst bringt eine lzebräisch geschrieene Abhandlung des jüngsten Dozenten der Anstalt, A. Kaplan, in der er auf d:e Notwendigkeit der Schaffung eines umfassenden neuen Kommentars für den Talmud babli binweist und Fingerzeige für seine Gestaltung gibt. Ein tragisches Geschick hat dem jungem hochbegabten Gelehrtien noch während der Drucklegung, seiner Arbeit die Feder für immer aus der Hand genommen. Es ist ein Zeichen für die Lebenskraft des Berliner Rabbinerfeminars. daß die Lücke, die durch den jäl>en Tod Kaplans s. A. entstand, inzwischen wieder ausgefüllt werden konnte. So darf man hoffen, daß die Wirksamkeit des Seminars auch in den kommenden Dezennien ein gleich erfolgreiche sein wird. Kl. A. L. Ern Buch für unsere Mutter. Sabbat und Feste im Garten der Kindheit. So betitelt sich ein neues Werk*), das der Verfasier des weitverbreiteten biblischen Geschichtsbuches „Ein Buch für unsere' Kinder" und der „JüdisckM Geschichte in Charakterbildern" S. Mädler (Heidelberg) soeben den jüdischen Müttern geschenkt hat. Wie oft hört man in neuerer Zeit jüdisck)e Mütter darüber klagen, daß sie ihren Kindern die Sabbate und Feiertage nicht festlich nach altem jüdischen Brauch ausgestalten können, da sie es in ihrem Elternhaus nicht vor sich sahen. Diesen Frauen will der Verfasser ein Helfer sein zur Erneuerung und Belebung des jüdischen Geistes im Hanse. Er ruft die Mütter ans, mitzuhelfen, daß die von Gott eingesetzten Festeszeiten, daß vor allem der Sabbat wieder wie ehedem als segnender Genius über dem j ü d i s ch e n Hause s ch webe. Es ist eine sehr glückliche Eingebung, die ben Verfasser hier geleitet hat. So wie das Buch beschaffen ist, darf ihm ein großer Erfolg sicher sein. Denn in ihm schwingt nicht nur ein starkes religiöses und sittliches Empfinden; ans ihm leuchtet auch ein mcuschensreundliches Herz, feinfühliges Verständnis der Menschenseele und ganz besonders der kindlick)en Psyche. Außerdem bezeugt das Buch ein hervorragendes Geschick, Sinn und Bedeutung des Sabbats und der Feste in eine frische, dem Kinde besonders verständliche Form zu prägen. Dabei ist die Sprache keineswegs süßlich; das Buch wahrt den Ernst und die Würde des Gegenstandes überall und legt schon in die jugendlichen Sccleu Keime für die Entfaltung der höchsten Ziele der Menschheit. Das Buch ist ganz D i e n st an der Mutter wie am K i n d e. Wer es ermessen kann, wie gerade die Heilighaltung des Sabbats und der Festtage mit ihren sinnigen Gebräuchen das Herz des Kindes an das Elternhaus kettet, der wird sich gewiß dieses Buch erstehen, znrnal seine vornehme Ausstattung einlädt, sich in seinen Inhalt zu vertiefen. Ich bin dcr festen Ueberzeugung, daß wir Mütter unter der Anleitung dieses Bucl)e2 bald „neues Leben aus den Ruinen" blühen sehen. . Bertha Geismar, 1. Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins Konstanz. ♦) Ph..o.VerI«g, Berlin 1925.

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