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Central-Verein-Zeitung · 1925-11-13 · 46 (13.11.1925) · p. Seite 731

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
46 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
Seite 731 (sequence 5)
Language
German
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mm ft €9 e co MSLK / Gto emies Wort von i/i/mtWh / Sr. filtnä Wiener Daß wir Juden empfindlich seien, behaupten unsere Gegner; aber auch unsere Freunde sind manchmal dieser ^Meinung. Es nimmt nicht weiter Wunder, wenn man bedenkt, das; ein Herz nnt vielen Narben leichter einen Schlag spürt als ein Herz, dessen Rinde kräftig und üppig ist. Trotzdem soll der jüdische Deutsche unnütze Empfindlichkeit ablegcn, soll nicht in Harnisch geraten, wenn einmal das Wort Jude fällt. Spricht man doch oft vom Juden sozwsagen als Berussbezeichnung, wie man vom Fleischer oder Kupferschmied redet, weil im Volke der Begriff Jude und Händler durch jahrhundertelange, wenn auch einseitige Erfahrung meist zusammenfällt. Ist also solche Ueberempsindlichkeit oft nicht am rechwn Platze, so erschrickt der den deutschen Inden warmherzig beobachtende Zeitgenösse, wenn er sieht, wie in anderen Dingen berechtigte Empfindlichkeit verhärtet, ja nicht einmal zu bestehen schein t. In den Berliner Kabaretts und auch in denen des Reiches spielen sich in den letzten Monaten Vorgänge ab, die einmal, so unangenehm sie auch sind, der Leffentlichkeit ungeschminkt unterbreitet werden müssen. Niemand wird etwa beanspruchen dürfen, daß der Jude von den Witzen des Tages, von der Verspottung des Dichters in seinen Eigenarten und Schwächen ausgenoinmen ist. Der Jude ist ein Typ unserer Zeit wie der Kommerzienrat, der Leutnant oder der Student der „Fliegenden Blätter". Wird jüdische geschäftliche Firigkeit, wird die Klugheit des kleinen Moritz oder das gelegentlich parvenühaste Anstreten des Herrn Neureich' durch die Pritschenhiebe des Schalkes gegeißelt — ein Duckmäuser wäre der, der dagegen Sturm liefe. Was aber bieten uns so manche der Kabaretts und der Dielen? Da wird ein jüdischer Kommerzienrat aus Wien vorgeführt, an dopen protziger Tafel sich .zweifelhafte und unzweifelhafte Personen hinpslanzen. Ter Hausball beginnt, und des Kommerzienrats Tochterlein mißversteht irgendwelche Artigkeiten der kostümierten Besucher in einer derartigen unzüchtigen und frivolen Weise, daß eine bezechte Herrengesellschaft im letzten Stadium der Trunkenheit ihre Freude daran haben könnte. Wir wissen nicht, in welcher deutschen oder österreichischen Stadt sich eine derartig moralisch-verlumpte Konunerzienratssamilie befindet. Wir sind uns bewußt, daß Leute, die sich an der Kunst der leichtgeschürzten Muse erfreuen wollen, dorr nicht den Vortrag Schillerscher Gedichte oder Shakespearescher Dramen erwarten. Aber wir lassen es uns nicht bieten, wenn vor einem großen Kreise von Zuschauern jüdische K ü n st l e r und jüdische K a b a r e t t b e s i tz e r sich dazu' erniedrigen, solche Schweinereien im jüdischen Gewände als Eigentümlichkeiten eines jüdischen Haushaltes anszugeben. Und das Traurigste und Empörendste dabei: Ein Publikum, das besonders in Berlin zum Teil jüdisch ist, wiehert solchen Schamlosigkeiten zu. Heute sei dieser eine Fall festgenagelt. Weitere können ihm angereiht werden. Wir sind keinesfalls gewillt, ans die Dauer solche ekelhaften Verunglimpfungen uns gefallen zu lassen und es werden sich Mittel und Wege finden, um diesen Würdelosigkeiten in dem Ton und in der Stärke zu begegnen, wie sie es verdienen. Hilst diese Warnung nicht, so werden wir deutlicher. * „L acht E n ch Soun e\ heißt ein von Ernst W a r l i tz herausgegebencs Buch von tausend Witzen, dessen Auflage bereits an das zwanzigste Tausend herangeht. Ob Herr Warlitz Jude oder Ehrift ist, ist unbekannt. Ob er aus niedrigen oder böswilligen Absichten sein sogenanntes Wiübuch auch mit einer Reihe jüdischer Witze spickt, die gar keine sind, bleibe dahingestellt. Aber: Welcher deutsche Jude oder welcher Jude aus dem Osten spricht Sätze wie: „Drucken Se mers af mei Herz im sogn Se mcr, loas Se spüren!" Solche „Kulturmenschen" malen die Herren Völkischen vom Schlage der Dinier und Kunze ab. Uns stnd sie noch nicht begegnet. Weit schlimmer: Welche ßemeine Handlungsweise und schändliche Gesinnungsart wird dem Juden in den meisten dieser Witze unterschoben. Er verrät sein Vaterland um ein paar Geldstücke. Er betrügt seine Freunde. Seine Frau ist Meisterin der Unsittlichkeit. Seine Religion ist chm ein Schachergegenstand. Wir verbitten uns, daß wir so v-m Leuten dargestcllt werden, die gar nicht daran denken, sich auch nur im entferntesten ein wahres Bild vom Judentum zu verschaffen. Gewiß enthalt da3 Buch diesen oder jenen Witz über uns, den man mit Lächeln quittieren kann; aber.was dem unbefangenen Leser im allgemeinen vorgesetzt wird, ist eine Schande, imb jeder Jude und jeder anständige Mensch sollte niemals ein solches Buch kaufen, sondern, iZo nskwendig, gebührend niedriger hängen. * Es ist besonders bedauerlich, wenn gewisse deutschk Witzblätter, in deren Schriftleitung auch Juden sitzen und deren künstlerische Qualität in mancher Beziehung nicht verkannt werden soll, sich dazu hergeben, da die große Mode bei einem Teil unserer Deutschen noch „völkisch" ist, in lieblosen, die jüdischen ^Gefühle schwer beleidigenden Darstellungen Kotau vor völkischen Gassenbuben zu machein Damit wir nicht mißverstanden werden: Wir sind keine Ofenhocker und keine Sauertöpfe und vertragen ein freimütiges Wort und einen stachligen Witz auch über die Juden. Aber was ein deutsches Witzblatt sich säst in jeder Nummer leistet, ist kein Witz mehr, sondern nichts anderes als völkische Verzeichnung und übelste Verzerrung unserer deutschen Juden. * Es fällt nicht leicht, in die'e Zusammenhänge auch Georg Kaiser ein nabeziehen. Niemand wird sich dagegen, wehren, chvenn bibll'che Geschehnisse und Perm neu durch Pinsel, Meißel oder Feder begnadeter Künstler, iei es auch mit anderen Augen und anderen Gefühlen als den biblischen, daraestellt werden. Was hat ein Rembrandt, was ein Michelangelo, was" ein Goethe, waein Hebbel Wundervolles aus biblischen" Personen und Motiven zu gestalten vermocht! 'DP Kunst verträgt keine Fesseln, aber der wahre Künstler wird mit den Blättern der Bibel nicht umgehen wie mit den Seiten eines Hmlertreprcnrvinans. Wie er auch Biblisches behandelt, innner wird iucai bei^ihm merken, mit welch ehrfürchtigen Händen er den unvergänglichen off zu meistern sich müht. Einen Schlag ins Gesicht aber für jeden religiös Empfindenden - bedeutet es. wenn in der „I ü d i s ch c n Witwe" Georg Kaisers, I die in diesen Tagen ihre Berliner Uraufführung erlebte, der Tempel; in Jerusalem entgegen jeder geschichtlichen Wahrheit als Stätte vorj geführt wird, in der sich verzweifelnd wehrende Bräute austs Koccheits^; bett geschleppt werden, während das Priesteroolk und die Einnoohnerj menge, trotz Prachtaewändern, in Gesich-szügen, Bewegungen und Cebaren blöden Karikaturen von Ostiuden ane. völkischen Witzblättern! bis aufs Saar (wörtlich zu nehmen) gleichen. Ter Dichter (oder ist es der Regisseur, jetzt „Spielordner"?) scheut sich nicht, im letzten Akte dem H o h e n p r i e st e r vor versammeltem und ob der langen Dauer der Handlung sich aufregendem Volke die Rolle zuzuschanzen, nach Entkleidung bei oifeuer Szene bis aufs Hemd, Judith im Tempelturme das zu gewähren, was ihr bisher versagt geblieben ist. Läßt der Dichter den Hohenpriester noch diese emwürdigeude Ausgabe ernst darstellen. so sorgt Judith durch schlüpfrige Fragen an den für sie Bestimmten, Fragen, die etwa ein Sklaven- Händler an zu erstehende Lustskiaven richten könnte, dafür, daß jeder Wille, diese Szene auch nur enngermaßen nachzufühlen, in s ch ä x f st e E m P ö r u n g gegen eine derartige Herabwürdigung umschlägt. Es ist für unsere Zeit beschämend, wenn, nicht mit Unrecht, der dentschnationale „Tag" dabei festnagelt, daß es in dem „gewissen Punkte" auf den Berliner Bühnen Ueberraschungen nicht mehr gäbe. Und es ist traurig, daß man einem Publikum Dinge in einer nicht zu überbietenden Eindeutigteit vorzusetzen wagt; daß man Schauspieler und Schauspielerinnen ohne irgendeine Notwendigkeit nackt, fast bis zum Letzten, auf die Bühne bringt. Wir wollen einmal hier in aller Deutlichkeit diese widerliche Art und Weise, wie in der „Jüdischen Witwe" sogenanntes Theater geinacht wird, an den Pranger stellen. Kreise, die bei jeder Gelegenheit auf den Juden loshacken, schieben solche Entwicklung dem „jüdischen Geiste" in die Schuhe. Wie stark Christen dabei beteiligt sind, zeigt der vorliegende Fall, und wie man sich nicht scheut, dabei die religiösen und menschlichen Gefühle des Juden selbst 'in den Schmutz zu ziehen, wird hierdurch erwiesen. * Zum Wiederaufbau des niedergebrochenen Vaterlandes gehört nicht nur eine gesunde Wirtschaft und eine zielbewußte Politik. Eine gesunde Denkungsart ist neben hingcbrmder. schwcigrndcr aber tätiger Vaterlandsliebe nicht nünvcr erforderlich. Solche Ausschreitungen. wie die gekennzeichneten, zu bekämpfen und zu beseitigen, ist brennend notwendige Dicderaufbauarbeit. zu der alle wahrhaften Deutschen sich Schulter an Schulter zusammensinden müssen.

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