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Central-Verein-Zeitung · 1925-11-13 · 46 (13.11.1925) · p. Seite 730

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
46 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
Seite 730 (sequence 3)
Language
German
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730 Schichten Deutschlands betroffen habere, sie lasten aber besonders schwer ans denjenigen Kreisen, für die die Schnelligkeit des Geldumlaufes ein integrierender B e st a u d t e i l ihrer wirtschaftlichen Gristeuz war. Gin Hcrndelsstand ohne Betriebskapital ist eine wirtschaftliche Unmöglichkeit. Ter jüdische Bankier, der vor dem Kriege der Freund und Berater seines Kunden war, hat seine E r i st e n z verloren, der j ü d i f ch e Börsianer, unter dem mau sich früher einen reichen Mann vorstellte. ist heute zu einer .Karikatur geworden. Tie Zusammenbruche in der Konfektion, im Metall- und Getreidehandel u\\t> vielen anderen Branchen haben altangesehene jüdische Geschäftshäuser vernichtet, die, nach soliden Geschäftsorinzipien ansgebaut, den Kreditschuücrigteiten infolge ihrer Bermögensverlnste nicht gewachsen umreit. Tiefe Krisenerscheinungen in der Wirtschaft, besonders im Wandel und Bankwesen, haben unzählige jüdische Angestellte brotlos gemacht. Unter der erschreckend zunehmenden Zahl der Selbstmorde stellen die von Juden einen besonders großen Prozentsatz dar. Wir wissen, daß auch der christliche Mittelstand unter ähnlichen Momenten aufs schwerste leidet. Er wird aber getragen zum größten Teil von den Beamten, die schon durch ihre Pension der furchtbaren Sorge für die Zukunft und die Familie enthoben sind, und all denjenigen, die durch ihre enge Berbiudnng mit der Landwirtschaft leichter die Möglichkeit des Wiederaufbaus eines Vermögens besitzen. Wie wir mit E o u d e n h o v c - K a l e r g i ansingen, so können wir unsere Ausführungen nicht besser beschließen als mit seinen Worten: „Kein Volk hat unter dein Kriege und seinen Folgen mehr zu leiden gehabt als das jüdische; durch ihn hat d a s j ü d i s ch e Elend st ä r k e r zugen o m m e n als der jüdische Reicht u m." äs? r ei Ä-r «fr ff fff Auch ein Beitrag zum „Tolchstoftprozes;". In einer der letzten Nummern unserer Zeitung wurde eine Mitteilung des Hauptlehrers W o ch e n m a r k t in E r a i l s h e i m ver-- offentlicht, in der er aus einer Zeitungsnachricht nachwies, daß die Vorwürsc, die gewöhnlich auf die Juden herunterhageln, als seien sie die Schuldigen an allem Elend, plötzlich gegen die — Beamte n gerichtet wurden. Tie „Bayerische Lehrerzeitung-" druckt nun in ihrer Nr. 42 folgende Ausführungen der „Badischen Lehrerzeitung" ab: „In der Eröffnungsrede zum sozialdemokratischen Parteitag in Heidelberg kam . . . folgende Redewendung vor: Als aber Ruhe im Laude war ... da kamen sie wieder aus ihren Löchern und Winkeln, die Junker, die S ch u I m e t ft c r, die Schlotbarone und Pseffersäcke, und verpesteten die politische Atmosphäre mit dem Gestand ihrer Lügen und ihrer Gemeinheit." .Wir aber meinen des inerteren . . . es wäre wirklich an der Zeit, einmal mit aller Tentlichleit zu sagen, daß es der Lehrer überhaupt satt hat, bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten zum Prügelknaben gemacht zu werden. Wenn man nicht wüßte, wie es gemeint ist, könnte man ja eigentlich stolz werden, zu einem so „ausschlaggebenden" Stand zu gehören. Ta gehört es — nicht nur bei Treitschke — zu den „allgemein anerkannten Tatsachen", daß „die Schullehrer" die Revolution von 4 8 gemacht haben (sie bekamen auch von der Reaktion die entsprechenden Prügel!); dann hat der preußische Schulm e i st e r die Schlacht bei Königgrätz gewonnen; der Weltkrieg i ft durch d i e Schuld der Volksschull e h r e r verloren gegangen. Selbstverständlich haben w i r auch d i e R e v o l u t i o n von 1 9 1 8 „g e m a ch t" (wir brachten derlei Stimmen schon genügend) . es wäre uns lieber, man würde --- rechts wie links — auch dann einmal zuerst an die Lehrer denken, wenn ihre Interessen zu wahren sind, nicht nur daun, ivenn man einen Sündenbock braucht." Auch wir sind mit den bayerischen Lehrern durchaus der Meinung, daß sie recht haben, ivenn sie sich gegen solche Vorwürfe energisch zur Wehr fetzen. Tabei iverden sie sicher Verständnis dafür haben, wie es uns deutschen Inden tut, wenn manche bayerischen Lehrer um eines schlechten Juden willen, der ihnen in den Weg läuft, das ganze Judentum haltlos verdächtigen und schmähen. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. BrüSheimer tMarkibrelt). Harmat unö Etzöorf. Ein bekannter Berliner Irrrist schreibt unö: In dem soeben abgeschlossenen Prozeß gegen das Adelskonsortium v. Etzdorf und Gen. und die Direktoren der Landespsandbriesanstalt ist ein neuer Typ wirtschaftlicher Schädlinge in das Helle Licht der Oessentlichkcit getreten: Diejenigen der alten Borkriegsossiziere, die weltfremd, unerfahren, in vollendeter Verkennung kaufmännischen Geistes und kaufmännischer Ehre skrupellos Beteuerungen und Versprechungen, ja sogar offenen Betrag für das Wesen und den Gipfel kaufmännischer Tätigkeit halten. Ueberslüssig, zu betonen, das; zahlreiche unserer früheren Berufssoldaten sich aG nützliche Glieder in den Rieseuapparat unserer Wirtschaft eiugeführt und eiugefügt haben.^ Aber es gibt auch viel Exemplare der erstereu Gattung; die v. Etzdorf, v. Karstedt und v. Garlowitz sind geradezu <Wp'.liälle dieser Entwicklung. Bei der moralischen Beurteilung ihrer Handlungen haben sie mehr Anspruch auf Milde und Nachsicht als der zünftige Kaufmann der alten Schule, der sich gegen die Gesetze Vergeht: denn sie sind in einem Milieu awgewachseuchin dem der „Kaufmann" als solcher eine verächtliche Figur war, für dessen Angehörige die stark durch angeborene und anerzogene antisemitische Neigung beeinflußten Vorstellungen „Kaufmann, Händler. Wucherer, Here'mleger, Betrüger" zu einem einzigen un« erfreulichen und unappetitlichen Sammelbegriff verschmolzen nmren. Das mußte den Unerfahrenen und Beschräntten unter ihnen, die mm. o Schande, unter dem eisernen Truck der Verhältnisse selbst „.flau»'* (eilte" geworden waren, ohne ljinzuzulernen und sich Verstandes- und gefühlsmäßig umzustelleu, zum Verhängnis werden. Wie bezeichnend für die Ahnungslosigkeit uud die Weltsremdheit der beteiligten Kreise, das; dem Grroßgrundbesitzer v. Zitzewitz ivie dem Leiter der Psaudbriefanstalt, Geheimrat Nehriug. sichen die Dualität der v. Etzdorf, v. Karstedt und v. Earlowitz als „Edelleute" eine ausreichende Gewahr für die Ehrlichkeit ihrer Absichten bedeutete, denfelven Leinen, die jedem geborenen und gewordenen Kanünann mit größter Vorsicht, ja mit offenkundigem Mißtrauen zu begegnen pflegten. Hier ist also eine typische Entwicklung iestpisteltcn; der Eiuzcksall gewinnt allgemeine Bedeutung, ohne das; deshalb unzulässige Generalisternngen nötig oder auch nur erlaubt sind. Und wie stellt sich zu diesen Erscheinungen, die für jeden, der hören ivill, mit tausend Zungen roden, die Presse der Parteien, die man als antisemitisch gerichtet bezeichnen muß? soweit der deutsche Blätterwald dieser Art und Qualität rauscht: kein Wort klarer Erkenntnis der Verhältnisse und objektiver Beurteilung der handelnden Personen, sondern nur Schimpfkanonaden gröbsten Kalibers gegen die Organe der öffentlichen Meinung, die in diesen Vorgängen nicht Einzelfälle. sondern typische Entwicklungen sehen und vom allgemeinen Standpunkt aus gesell schastskrrtisch und soziologisch beurteilen. Jedem objektiven Kenner der Zeitgeschichte drängt sich hier mit Macht der Vergleich mit dem Verhalten der grundsätzlich antisemitischen Presse aller Schattierungen in den Fällen aus, in denen Beschuldigte jüdischer Konfession betroffen sind. Nicht nur. daß oft diese Zeitungen und Zeitschriften, sobald Juden in Frage kamen oder kommen, in skrupellosester Weise die Tatsachen fälschten, die öffentliche Meinung gewissenlos vergistetcu und dadurch Zwecke wie Ziele einer objektiven strafgerichtlichen Untersuchung aus das fchiverste gefährdeten — nein, das genügte diesen edlen Seelen nicht, es mußten vielmehr, wenn ein Jude gesündigt hatte oder gesündigt haben konnte, alle, die sich zum Judentum bekannten, dafür haftbar gemacht, in den gleichen Tops geworfen und in Bausch uud Bogen als Dolksverderber, Betrüger. Parasiten, Schädlinge am deutschen Volksvermögen, an der deutschen Volkswirtschaft und an der deutschen Volksseele beschimpft werden. Alles das zu dem ausgesprochenen Zweck, für den blödesten und wüstesten Antisemitismus Propaganda zu machen und die urteilsunsähigen oder leichtgläubigen Elemente des deutschen Volkes zu wildestem .Haß gegen das dreimal verfluchte „Gastvolk" der Juden aufzupeitschen. Ist es nötig, dafür Beispiele anzuführen? In welche Niederungen des Schmutzes, der Korruption, der Seeleuvergistuug sind wir durch diese Presse hinabgezogen worden, als die Fälle Barmat, Kutijker, Loeb ustv. den berufsmäßigen antisemitischen Hetzern geradezu als Gnadeugescheuke in den Schoß fielen! Wieviel Unschuldige unter der Auswirkung dieser Hetze wirtschaftlich, körperlich und seelisch gelitten haben, wieviel Existenzen und Familien dadurch ruiniert worden sind, — darüber ist an dieser Stelle nicht zu sprechen. Aber das muß festgenagelt und an den Pranger der Oessentlichkeit gestellt iverden, daß dieselben Preßorgaue, die, wenn sie in weiter Ferne einen jüdischen Gesetzesverletzer wittern, von deutscher Sittlichkeit triefen und die deutschen Juden aus Grund einer Art Gemeinbürgschast aller für jeden ihrer Glaubensgenossen in Grund und Boden verdammen, daß alle diese Organe in dem für Folgerungen allgemeiner Art durchaus geeigneten, ja zu solchen direkt zwingenden Fall Etzdorf und Genossen plötzlich die Sprache verloren haben, die Schuld der Angeklagten vielmehr zu verringern trachten und jede Verallgemeinerung, auch wenn sie nach Lage des Falles selbst bei vorsichtigster und objektivster Beurteilung geboten ist, verbieten und verketzern. Vergebene Liebesmüh, diese gewerbsmäßigen Hetzer und Vergifter des Volkes in solchen schlagenden Fällen zu belehren; sie wollen ja nicht überzeugt sein, sondern engstirnig ihr trübes und klägliches Handwerk fortfetzcn, zur höheren Ehre Gottes und zur „sittlichen Erneuerung des Volkslebens".

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