Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 46 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- Seite 729 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 13. November 1925 IV. Jahrgang ❖ Nr. 4S Einzelnummer w Gol-pfennig Äll^emeine Zeitung des Judentums Llonatsabonnement 40 Golbpfennlg zuzüglich Bestellgeld Verlag u. Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindensir. 13. . Fernsprecher: Am! Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube O, Berlin SV/ GS, Lindenstr. 7, und von Soldschrnidt-Nothschild L. Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SV 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90<5?.# für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosse« Normalzeilenmesser Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Ceniralvercins 0,45 J2M, die 90 mm breite Rcklamezeile 4,80 JiM* Von Dr. Kurt Zielenziger. gs G® <V ® p ff * <?*? ff W* x<&Jj Ix) u | w o*s/ \>u | v>lx> Graf Condenhove-Kalergi, der Schöpfer der paneuropaifchen Bewegung, hat einmal geäußert, daß der Antisemitismus des deutschen Volkes nur psychoanalytisch Zu erklären sei. Wie schon den kleinen Kindern der Jude als der schwarze Mann schlechthin dargestellt wird, der an allem Widrigen schuld ist, so ist derselbe I i: d e stets der reiche Mann, der das arme Ehristenvolk ausrällbert. Tie antisemitische B e w e g u n g , die in Zeiten Politischer und wirtschaftlicher Umwälzung mehr als sonst in die Erscheinung tritt, findet bei einem Volke, das politisch so wenig geschult ist wie das deutsche, besonders leicht Anklang, wenn sie es versteht, ihren Bestrebungen ein soziales Mäntelchen umzuhängen. In der Zeit des Sozialistengesetzes hatten Stöcker und die Seinen ganz richtig erkannt, daß sie die Bekämpfung des Judentums mit sozialethischen Motiven begründen mußten. Unsere National soziali st en, Deutsch sozialen. Völkischen, und wie sie alle heißen mögen, haben zwar kein logisch aufgebautes wirtschaftliches Programm, das irgendwelchen wissenschaftlichen Anforderungen standhielte, operieren aber in ihrem fanatischen Haß gegen alles Jüdische mit Argumenten, die sie wahllos bei den Kommunisten wie auch bei den Konservativen entlehnen. In dem Wahlaufruf zur Stadtverordnetenwahl in Groß-Berlin proklamierten die Völkischen die Befreiung Deutschlands von den Ketten der jüdischen Geld Herrschaft, sie treten aus gegen Großbanken und Warenhäuser, aber für den deutschen Mittelstand und den deutschen Unternehmergeist. Bei ihrem Feldzug gegen den jüdischen Reichtum können sich die Antisemiten auf Sombart stützen, der bekanntlich in seinem vielbesprochenen Buche: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" behauptet hat, daß eine Prüfung des Einkommens jüdischer und christlicher Steuerzahler in Deutschland „die ganz ungeheuer große Ucberlegeuheit der jüdischen Bevölkerung über die nichtjüdische im Vernrögensstand mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit erkennen" laste. eombart glaubte damals den Einwand, „man lasse sich durch einzelne reiche Juden täuschen, die große Masse der Juden sei gar nicht reicher als die übrige Bevölkerung", sofort zu widerlegen durch den Hinweis au? die Statistik, die das Gegenteil ergäbe. Wir wollen gar nicht untersuchen, wieweit die A n g a b e n Sombarts in der Vorkriegszeit zu Recht bestanden — es ist auf die „Exaktheit" Sombartscher Zitate und Zahlen von berufener Seite oft genug hingewiesen worden —, beute treffen sie in keinem Falle das Nichtige, denn wir wagen, ohne statistische Unterlagen m geben, die Behauptung, daß der j ü d i s ch e M i t t e l st a n d durch den Krieg und die Nachkriegscrscheinungen dem Untergänge geweiht zu sein scheint. Durch die Arbeit und den Fleiß mehrerer Generationen hatten es die I u d e n in Deutschland zu einer gew i s s e n W o h l h a b e n h e i L g e b r a ch t, der jüdische Kaufmannsstand trug zu dem Aufblühen Deutschlands bei und spielte in vielen Zweigen bei der starken Anteilnahme der Juden am Handel eine hervorragende Nolle. Es soll gar nicht geleugnet werden, daß die Juden verstanden hatten, eine dominierende Stellung im Metall-, Getreide-, Textilhandel usw. einzunehmen. Der Krieg und die Zwangswirtschaft förderten zwar die Industrie, legten aber den Handel lahm. Tie wirtlichen Kriegslieferanten und " Kriegsverdiener finden wir in der Schwerindustrie und der Großlandwirtschaft. Die Inflation schien neue Vedienftmöglichkeiten für alle Kreise zu eröffnen, aber sie brachte den Untergang derjenigenSchichten des jüdischen Mittelstandes — und nicht -der schlechtesten —, die nicht die Flucht in die Sachwerte unternehmen konnten, nämlich der freien Berufe. Die Stabilisierung und die Deflation beendeten die K a t a st r o p h e. Tie Vermögen, sorgsam in Patriotischem Sinne in den Anleihen des Reiches und" der Länder oder in den Obligationen und Pfandbriefen angelegt, waren mit einem Schlage verschwunden, die Kaufleute saßen auf ihren Warenvorräten und konnten ihre Jlliquidität durch den Verlust ihres Vermögens nicht beheben. Gewiß sind dies Erscheinungen, die alle V rv'N <oyuu O Der Mergcmg des jüdischen Mittelstandes. Von Or. Kurt Zielenziger. Kabaretts, Wihdücher, heitere Wochenblätter und die -jüdische Witwen Gin ernstes Wort von Or. Alfred Wiener. Seite 731. Lieblosigkeit lsi die Wurzel alles Llebels." Don llniversttätsprofessor Schröer (Köln). Seite 732.