Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-11-06 · 45 (6.11.1925) · p. Seite 720

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
45 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
Seite 720 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277614--02527-3537481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

720 ..Bedauerlich ist es, daß unser Hindenburg nicht die notwendige Energie ausbrmgt. Er will in seinem hohen Alter wohl Ruhe haben und würde am liebsten sehen, wenn alle sich zur Versöhnung d i e H a n d reichten. Unter dem jetzt bestehenden geruhsamen Regiment eines Hindenburg geht es natürlich den Juden besonders gut, die sich einen besseren Zustand gar nicht wünschen." (Zuruf: „Nachfolger des Landesverräters!") In lieblicher Folge ist der nächste Teil der Esserschen Rede mit Angriffen auf die Abgeordneten auSgesüllt, die, statt au arbeiten, im Restaurant säßen und als „liebe Kollegen" sich darüber einig seien, alles zu tun, um eine NcichstagSauflösung zu vermeiden, weil sie fürchten, sonst von der Bildslache zu verschwinden. Tie letzte Berliner S t a d t v e r o r d n e t e u w a h l sei nur daher so schlecht ausgefallen, weil die Judenpresse mit Hochdruck gearbeitet habe. Alle Mittel stellten die Juden in den Wahlkampf, um die össcntliche Meinung und dadurch die Parteien und die Gegner zu beeinflussen. Daß aus die Amvürse gegen Hindenburg und den empörenden Zwischenruf sich lein Laut des Widerspruchs in der zahlreichen Zuhörerschaft löste, ist bezeichnend für den Geist der Esserschen Gefolgschaft. A r m es Vaterland, wenn ein Esser einmal einen Hindenburg ablösen sollte! Sch — r. Im Emu Mamres. / Wochenbetrachtung. Von Prüfung zu Prüfung schritt das Leben des Patriarchen. Er bestand sie alle tu der F u r ch t l o s i g k e i t f e i n e s s e st e n , u n - e r s ch ü t t e r l i ch e n Glau b e n s. Tie Seligleit, die sein eigenes Herz erfüllte, suchte er auch anderen mitzuteilen, und so führte Abraham die Männer, Sara die Frauen zur Höhe der Gotteserkenntnis. Aber noch plagte ein nnruhevolles Sehnen ihn int Wachen und im Trätnnon. „Herr, mein Gott/ rief er vckümntcrt aus, „was kannst du mir geben, muß ich doch kinderlos dahingeheu." Ter Ewige beruhigt" ihn: Tritt eigen Fleisch und Blut nur kann dir würdiger Nachfolger sein. Aber noch mußte er harren und^ warten. Ter Glaube allein, so heilig und treu er auch in der ^eele ruht, genügt nicht. Ter Glaube muß auch sein festes und untrügliches Zeichen haben. Mit Der Mahnung: „Wandle vor mir und werde vollkommen", empfängt er das Zeichen des Bundes. Indes auch Glaulw und Zeichen vereint reichen nicht aus. Beide müssen erst lebendig werden durch die Tat. Toch welches ist die Tat des glaubenstreuen Mannes? Jttt Haine Mamres sitzt der Greis, noch siech und matt. In heißer Sonnenglut späht er von der Pforte seines Zeltes nach müden Wanderern aus. Drei Männer erscheinen vor ihm. Er fragt sie nicht nach Stand, Rasse und Glaube n. Das Beste seines Zeltes bietet er ihnen und gönnt sich und seinem Weibe feilte Roch bis er sie besricdigt. Selbst ein Fremder, ein Gast im fremden Haute, übt er die hohe Pflicht der Gastlichkeit, übt sie als Meuschenpjiicht, weiß er doch, wie es dem Fremden, dem Gaste zumute ist. Er hat die Probe bestanden. Tie c r jt c T a t des e r st e n Juden ist ein Werk der Liebe. In einer Umgebung, die Gottesfurcht nicht kennt, zeigt er die köstlichste Frucht der Gottesfurcht. die Menschenliebe. So darf sich jetzt an ihm die Verheißung erfüllen: „Tein Lohn wird sehr groß sein." Ihm wird die Zeit stets lebendig sein. Ein solcher Mann und sein Hans können nicht sterben. Ein Sohtt wird ihm geboren, und stets wird der wechselnde Strom der Zeiten belebt sein von seinen würdigen Nachkommen, die gleich ihm den Segen wahrer Meuschenlteb'e durch die Tat verkünden. Wahrlich, diese erste Tat des ersten Juden ist ein fruchtbarer, segensreicher Keim geworden. Aus ihr sproßte ein mächtiger und erhabener Baum, immer frisch und grün, immer reich an Frttcht. Tic Stürme haben an ihrn gerüttelt, haben ihn entlaubt, seiner Acste beraubt und verkrüppelt. Aber schaut nur! Irnuter wieder erhebt er sich zürn lallen Sonnenschein. Es leuchten und glitzern im hehren Schimmer des Lichtes seine goldenen Früchte. Hoffmarirr. Die „Weisheit" -cs Jesus Sirach. Kaplan F a h s c l hält stine diesjährigen Vorträge in zwei Reihen, einer plsileseplsischeu und einer theologischen, die in gegenseitiger Ergänzung ihrer getrennt behandelten Gebiete des Wissens und des Glaubens das Gesamtbild seiner Weltanschauung ergeben. So folgte auf eilten philosophischen Vortrag über Plato itttb den Ursprung der Ideen, über Ergebnisse erkennenden Wissens also, ein religiöser, dessen Grundlage das Blich des jüdisch-alexandrinischen Apologeten Jesus Sir all) bildete. Tiefes Buch hat in der katholischen Kirche eine solche Bedeutung gewonnen, daß man eS kurz „das Kirchenbnch" genannt hat. Tas Haupt- und Kernstück deS sich im übrigen als ein vvlkstüntlicher Sittcnkvdex darstellenden Buches, das 24. Kapitel, ist ein einziger Hymnus auf die unendliche göttliche Weisheit. Fahsel beschäftigte sich ausschließlich mit der Erläuterttug dieses Kapitels. Tie göttliche Weisheit ist ewig und unerschasscn, vor altem Geschaffenen gewesen, über allem und in allem seiend. Gleichwohl ist sie erzeugt von Gott als der Gedanke, den er seit Ewigkeit denkt, das einzige Zeugnis seines Seins, ihm ähnlich wie der Sohn dem Dater. Wie Vernunft und Gedanke durch das Tenken ist sie in einem unendlichen Lebens- Prozeß mit ihm verbunden zu einer unlöslichen Dreieinigkeit. Wie alles Geschaffene nur der Ausfluß der überstrvmenden Gnade Gottes aber ihnt nicht nötig ist als Beweis seiner Größe, so braucht auch die Weisheit das Lob der Menschen nicht, sie lobt sich durch sich selbst. Gott offenbart sich allem durch die Weisheit. Ihre Wohnung ist bei Gott, er aber fefrenft sie den Menschen, die ihn liebelt, vor allem seinem auserwählten Volke Israel, darüber hinaus aber soll sie sich wie ein Strom über die ganze Erde ergießen. So entstellen ans der bildhaften Darstellung dos jüdischen Erzählers in der christlichen Theologie die Begriffe des Gottessohnes, der Dreieinigkeit und des MessiaSgedankens. Fahsel wandte sich bewußt von der Methode moderner Exegese ab, um in der Art der alten klassischen Schriftcrklärcr auch den heutigen Menschen religiöse Erkenntnis zu übermitteln, und so wurde atich sein Vortrag zu einer von der Liebe zum Glauben getragenen Verherrlichung der göttlichen Weisheit und Gltadc. G. A. MalsdUirrs mö Bsm§KiMs. Ein neues Spinoza-Vuch. / Von Ernst pinrier. Ernst Altkirch hat ein neues Spinoza-Puch veröffentlicht unter dom Titel: „M a l e d i c t u s und B e n e d i c t u s. Spinoza i m Urteil der Geistigen und des Volkes bis ans Eonst an t i n Br u ntt e r"l). Das Buch kommt uns recht, gerade jetzt. Sind wir doch im Jahre nach den K a n t-I ubi l ä cjt. Zahllose Männer beleuchten den dmtklen Kaitt von dieser oder jener ^eite. Legton wie die Reden und Bücher sind ja auch die Aussasjungen von dem, was Kant wollte uttd bedeutet. Für Menschen, die int B a tt n f r c t [ e Spinozas leben, ist das von sehr geriugeut Jitteresse. Sb die Zahl die'er Menschen groß ist, weiß wohl keiner 31t sagen. Man hat das Gefühl, sie könnte und müßte größer sein, als sie ist. Es Hai auch wohl nur sehr wenig Menschen gegebett, die für Spinoza geworben haben. Gerade bei deit glühendsten Anhängern der Lehre dieses Nlanu.es handelte es sich meist mn Menschen, die der Sphäre der Propaganda entrückt tvarcn. Man kann seinen (geistig) Nächsten davott Kunde geben: das ist aber atkch alles. Zu andern davon sprechen ist schwer. Ter Spinozismns ist dabei keine Geheimlehre. Tie „Ethik" ist ein ostenes Buch nur daß sehr wenige sie lesett können. Wer aber von Spinoza sprechen will, muß dabet von dert tiefsten Geheimnissen des eigenen Lebens sprechen. So schweigt man meist davon. Und doch möchte man davon Kunde geben, weil man von dem Besten, das turnt haß ab geben muß. Ta kommt uns jetzt A l 1 k i r ch s Buch als ein guter Hetier. Man famt dieses Luch verschieden werten, z. B. als eine Philologenarbeit. Es ist sicherlich wichtig, im Zusantmenhange zn lesen, wie sich die Zeitgenossen nttd die s p ä t e r e n Generationen zu rhren bedeutendett Köpfen zu einen Phänomen wie Spinoza gestellt haben. Mancher wird mit Erstaunen feststellen, daß ein großer Mann, von dem er es bisher noch nickst wußte, Spinozist war, und mancher wird ebenso Peinlich berührt sein, wenrt er z. D. liest, in wie oberflächlicher Weise der berühmte N i e tz s ch e den Spinoza „erledigte". Nun ja, eine solche Arbeit ist interessant, vor allein für den Anhänger Spinozas, der so im Zusammenhänge findet, wer in der Gegenwart und Vergangenheit ähnlich wie er selbst dachte. Tas ist gewiß intereinim, aber von so geringer Bedeutung, daß es sich kaum lohnte, ein solches Buch anders als in einer philosophischen Fachzeitschrift kurz zu erwähnen. Es geht hier aber noch um Ernsteres: Uw. Entscheidungen der Seele, um Packen nnd nicht mehr Loslassen. Wer im Namen Spinozas zn euch spricht, ist entweder ein Stümper, dcr nichts verstandet! hat, oder er ist ein Leidenschaftlicher. Glühender, Ergriffener. Solch einer ist auch Alttirch. Ein Buch solcher Art ist auch dieses Buch. Es ist ein leidens ch a f 11i rfj c § Buch, das den Ztveck hat, zu Spinoza zu führen. Tie Methode des Buches scheint wenig leidenschaftlich. Ta schreiten wir von einem znm anderen und lesen, wie jeder über Spinoza. gedacht hat, Spinozas Zeitgenossen, Oldenburg, Leibniz, dann die vielen Späteren. Ta findet man Lessing. Iac 0 bi, Herder, nnd vor allem Goethe. Man sinder Deutsche, Franzosen, I t a l i e n e r , D ä n e n , auch einige Jude tt darunter. Das geht von dem einen znm anderen, beinahe etwas langweilig. Tie eilten sind Pro, die anderen kontra, wie cs überall in der Welt ist. Also ein Buch, das jemand, der nicht am Stoff selbst interessiert ist, häufig langweilig anmuten mag: Und doch aus einem leidenschaftlichen Herzen geboren. Das zeigt schon der Titel: „Maledictns und Benedictus", der Verfluchte u n d d e r Gesegnete. Ja, so ist es mit Spinoza, die eirten müssen ihm fluchen und die anderen müssen ihn segnen. Vom ersten furchtbaren Bannfluch der jüdischen Gemeinde bis zum heutigen Tage ward er verflucht, und zugleich wieder unsagbar geliebt und gesegnet. In seiner eigenen leidenschaftlichen Liebe zu Spinoza bezeichnet Altkirch alle die. die wie er den Spinoza lieben, als die „Geistigen" und alle anderen als „das Volk". So nur ist der Untertitel „Spinoza im Urteil der Geistigen und des Volkes" zu verstehen. Man kann ihn mißverstehen, und sollte ihn dock) nicht mißverstehen, diesen Terminus C 0 n st a n t i n A r u n n e r s. Es kann hier nicht dargelegt werden, was diese Unterscheidung bedeutet. Es tst jedenfalls nicht so, daß a l l e g e i st i a e n Bll e n s ch e n d e n Spinoza lieben: denn zahllose kennen ihn gar nicht. Aber man wird doch wohl mit Altkirch sagen dürfen: Jeder geistige Mensch, dem einmal der Weg zu Spinoza geöffnet worden ist, kann ihn nicht mehr lassen und muß ihn lieben, sotveit wirklich der Geist in ihm lebendig ist. Und doch schiene mir die Differenzierung der Menschen in „Geistige" und ,Äol(" im Munde des Autors bedenklich, spräche cr nicht als treuer Schüler des Lehrers, dessen Wort in ihm lebendig *) Verlag Felix Meiner.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.