Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 45 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 719 (sequence 5)
- Language
- German
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© tischen mars mf, 0 0 0 Was ein Parlamentarier schreibt: Die Arbeit der Deutschnationalen in der Neichsregierung erfüllte die Völkischen mit neuen Hoffnungen. Der Rückgang ihrer Stimmen bei den Dczemberwahlen vorigen Jahres lag in der starken Anziehungskraft der deutschnationalen Masienpartei. Auf diese Weise konnten die Deutschnationalen ihre Mandate im Dezember 1924 um einige vermehren, während die Völkischen Wullescher und Kunzescher Richtung von 36 Reichstagsmandaten auf 14 zusammenschrumpften, und nur dadurch, daß der deutschnationale Austvertungsmann B e st sich ihnen nachträglich anschloß, haben sie erneut Fraktionsstärke zu erlangen vermocht. Nach der Beteiligung der Dcutschnatioualen an der Stresemannschen Erfüllungspolitik hoffen die Völkischen auf eine rückläufige Bewegung in dem Aufsanguugsprvzeß. der sich bisher an ihnen vollzog. Sie sind freilich in ihrem bayerischen Stammlande durch eine starke Zersplitterung gehemmt. Von jeher zeigte die antisemitische Bewegung alle Eigenschaften des Spaltpilzes. In Bayern ist man glücklich so weit, jetzt m indesten s vier R i ch - t u n g e n unterscheiden zu können. Da ist erstens einmal die N a - t i o n 6 l s o z i a t i st i s ch e Arbeiterpartei, geführt von Herrn Hitler, blamiert durch ihn und Streicher. L u d e n d o r f f steht jetzt im N a t i o n a l s o z i a l i st ische u V o l k s b u n d, der tm Bayerischen Landtage von Dörfler geführt wird. Aus diesem Nationalsozialistischen Bolksbund hat sich die G r u P P e E s s e r - Butt m a n n herausgefchält. die zwar auch gern mit Hitlers Rainen krebsen geht, auf der anderen Seite jedoch mit dem Partiknlarismus liebäugelt und beim Bayerischen Heimat- und Köuigsbnnd Anschluss sucht. Schließlich besitzt die sogenannte D e rr t s ch v ö l k i j ch e Freiheit s b e lv e g u u g . das heisst die Richtung G r a e s e - W u l l e, auch in Bayern noch allerlei Anhang. Sie besitzt ihn besonders in Frauken, uw der Reichstagsabgeorduete R u ck d ä s eh e l ihr Führer ist. Während sich aber nun in Bayern die Bewegung im Bruderkampf zerreibt, streben die völkischen Führer ganz offenkundig nach einer verstärkten politischen Agitation außerhalb Bayerns. In Bayern lählnt nicht nur die Zersplitterung jede ernsthafte Parteiarbeit, sondern die Erinnerung an den 9. November 1923 hat sich auch so unauslöschlich in das Volksbewusst sein eingegraben, das; man getrost behaupten kann, trotz der nationalistischen und antisemitischen Grundstimmung weiter Bevölkeruugskreise in Bayern ist die völkische Bewegung dort auf dein toten Punkt augelaugt. Diese Einsicht kommt immer wieder in den Auslassungen der völkischen Führer und ihrer Presse zum Ausdruck. Darum die Sehnsucht nach Expeditionen außerhalb L a y c r n §! Zunächst bietet die deutschuatiouale Politik für die Völkischen dankbare Angriffsflächen. Die völkischen Führer gehen jetzt in deutschuatiouale V e r s a m m lange n und scheuen sich nicht, dort selbst mit S p c e n g k o l o n n e n zu erscheinen. Längst sind die deutschnationalen Führer wegen ihrer Außenpolitik von den Völkischen zu „Landesverräter!:" gestempelt geworden. Herr H e r g t. der sich einst über die a n t i s e in i t i s ch e W e l l e s r en te und feststellen konnte, daß sie ihm denischnatiouale Mandate zuschwemmt, muß es sich jetzt gefallen lassen, daß er in öffentlichen Versammlungen von seinem völkischen Reichstagskollegen Henning am sprechen verhindert wird. In dieser Hinsicht ist es auch interessant, daß eine völkische Expedition nach Königsberg in Ost- P r e n ß e n entsandt wurde. Tort sprach Dr. B u t t m a n n (München), der in dieser deutschnationalen Domäne durch besonders wilden Antisemitismus zu wirken suchte. Mit ihm gemeinsam trat der Dauziger Abgeordnete H o h n f e l d auf. Ter Ritt nach Ostpreußen erwies sich jedoch als reine Douquixoterie. Ursprünglich sollte in der Versammlung Hitler sprechen, aber das generelle Redeverbot des Preußischen I n n e n m i n i st e r s hinderte ihn am Erscheinen. Er war auch als stummer Zeuge in der Versammlung nicht geduldet worden. Die Tiraden seiner Vertreter, die Hitler zum Märtyrer machen wollten, blieben ohne besonderen Eindruck. Eine weitere völkische Expedition ging nach Sachsen. Hitler selbst hat im ehemals roten Königreich gesprochen. Das amtliche Organ der „R e i ch s f l a g g e" begrüßte die Sachsensahrt mit dem klassischen Satz: „Dort fehlt das Bleigewicht jenes N o v e m v e r - E r l e b n i s s e s , dort können und dort wollen und dort müssen wir lernen: dort wollen nur wenigsie ns für uns wieder neues Leben ent suchen, um es in unseren: Herzen mit nach Hause zu tragen, um daun hier tätig zu werden, bis wieder lebt, was gestorben scheint, bis wieder blüht, was zu v e r d o r r e n droht, bis es auch iu Bayern aus der Stagnation wieder auswärts führt zu neuem Kampf und Sieg im Zeichen der schwarzweißroteu und der blamoeißen Flagge." — Ganz offenkundig: Man rechnet mit einer völkischen Blüte außerhalb Bayerns, «nd nur in der Rückwirkung vom übrigen Reiche her auf eine Wiederbelebung der bayerischen Bewegung. Die Berliner S t a d t v e r o r d n e t e n lv a h l e n sowie die badischen L ar u d t o g s w a h l e n vom 25. Oktober, deren Resultate wir bereits in der vorigen Nummer wiedergegeben haben, können in beschränktem Umfange als Grad rne sse r für die völkische Hofs nun gen gelten. Es ist nur natürlich, daß die deutschnationale Negierungspolitik den Völkischen neue Angriffsflächen geschassen hat. Aber Kenner der Verhältnisse glauben nicht so sehr an ein Zurückjluten deutschnationaler Wähler zu der völkischen Bewegung. Eher spalten sich die D e u t s ch n a t i o n a l e n von innen her. Bereits bei den Berliner Stadtvcrordnetemoahlen tauchte ein Deutschnationaler Hausbesitzerb und ans, der von der eigenen Mutterpartei als der „d e u t s ch n a t i v n a! e n B e t r ü g e r p a r t e i" spricht. Auch im völkischen Flügel der deutschnationaleu Reichstagssraktion besteht keine Sehnsucht, zu den völkischen Parteien zu stoßen. Zerbricht die D e u t s ch n a t i o n a l e Partei über ihrer R c g i e r u n g § p o l i t i k, wie es nach dem R ü ck t r i t t der d e u t s ch n a 11 o n a l e n 9t e i ch s m i u i st e r den A u f cf) c i n hat, d a u u dürste sich h ö ch st c ns eine neue Gruppe bilden und die völkische Zersplitterung sich d a - d u r ch v e r st ä r k t zeige n. Es ist nicht zu leugnen, daß nur vor einem Wilcker stehen, der die Antisemiten aller Richtungen aufs eisrigstc an der Arbeit sehen wird. Uno so wenig die Gefahr der neuen Hetze verkannt werden soll, so hoffen wir gleichwohl nicht, daß dem völkischen Winter ein völkischer Frühling folgen wird. Um ihn, der dem Vaterlande erneut schwere Erschütterungen bringen würde, feruzuhaltcn, werden alle wahren Vaterlandssreuude auf der Hut sein niüssen. Die jüdischen Deutschen aber und ihr Central* verein soll bedeuten, :vas ans dem Spiele steht, und mit Festigkeit und Ausdauer die vor nichts zurückschreckenden Gegner abwehren. Ein christlicher Landtagsabgeordneter. Auch Severing warnt! In den letzten Tagen fand eine Unterredung des preußischen Innenministers Severing mit einem Wertreler des ..Berliner Tageblattes" in der gesamten deutsch.'!: Prene lebhaften Widerhall. Der preußische Innenminister wies auf die Tatsache hin. daß iu S ch l e s i e u u n d L st p r e u ß e n eine stärkere Bewegung der R e i ch s r e g i e r u n g f c i n M i d) ej und judeug e g n e r : \ ch er Verbände zu spüren sei. Er sagte am Schlüsse seiner Unterredung: „Mit einer gewissen Sorge erfüllt rnrch der Gedanke, das; das Werk von Locarno, das doch von allen Parteien nur unter außenpolitischen und staatspoLitrschcn Gcsichtoprnrkterr gewürdigt werden dürste, agitatorisch;n einer Hetze benutzt und irn Sinne der von jenen Kreisen angeregten völkischen Diktatur ansgcbentet werden tonnte. Ich glaube fest, daß die politische Entwicklung solche Plaue vereiteln wird. Daß polizeilich eventuell die notwendigen Machtmittel zur Verfügung gestellt werden, dafür siehe ich ein." Tie vorsichtig vorgetragenen Befürchtungen des preußischen Innenministers verdienen um so größere Aufmerksamkeit, als in weiten Kreisen des deutschen Volkes die Anschauung verbreitet ist, die radikale völkische Be re egn n g s e i z n r Bedeutungslosigkeit h e r a b g c } u n f c n. Daß dies nicht der Fall ist. daß im Gegenteil in verschiedenen Landesteilen lebhafte Agitation in der O e s s e n t l i ch k e i t und i m geheimen bet rieten wird, können auch wir bezeugen. Außer beui Auftreten Hitler s in W e i m a r und in B r a u n \ ch weig haben in den letzten Wochen H i t! e r s Fecunde, straffer in D ü fiel* dorf, Streicher in E s s e n , K u b e in Elberfeld, gesprock)en. Ueberall regt sich die nationalsozialistische Agitation, und von Mund zu Mund wird gegen den Bicherheitspakt strupelloe gearbeitet. unter der böswilligen Angabe, das internationale j ü d i s ch e Kapital haken diesen Vertrag zu seinen Gunsten als Kuckucksei den Mächten ins Nest gelegt. Wir fordern alle unsere Freunde im Lande ans. den Vorgängen dieser und ähnlicher Art ihre Aufmerksamkeit zu schenken, damit wir nicht eines Tages unliebsame Ueberraschungen erleben. Die große Rot in den Reihen der entlassenen Arbeiter und Angestellten und des ins Elend versinkenden Mittelstandes macht sie für die Jdeengäuge der völkischen Agitatoren aufnahmefähiger. Daß die deutschen Inden unter den schweren Wirtschaftl i ch e n Erschütterungen genau so zu leiden haben w i e dge anderen, davon ist nie die Rede. Daß wir täglich 'Selbstmorde ans Nahrungssorgen und ans Verzweiflung im jüdischen Mittelstände crlelum, wird geflissentlich totgeschwiegen. Jedenfalls erfordert die Enlwi Nung" der Tinge schärfste Beobachtung und gegebenenfalls energische" Gegenmaßnahmen. ii Esser über den „geruhsamen Reichspräsidenten. Wir haben in der vorigen Nummer über eine Versammlung des von Hitler ans München entsandten Esser in Berlin am 26. Bktvber berichtet. Um einem dringenden Bedürfnis nachznkouuneu. fand am nächsten Abend eine Versammlung im „vornehmen Berlin", im „Tiergartenhos", statt. Thema: „B ö r s e n k o l o n i e v d c r deutscher F r e i st a a t?" Aufmachung wir tags zuvor: Rednerpult geschmückt mit der Halenkreuzsakpae. umringt von Jünglingen in Hitler-Uniform. Ungefähr 400 Zuhörer, zum großen Teil zu Ehren des großen Abends hakenlrenzgeschmückt. Uns interessierte besonders, was Herr Esser über feit greisen Reichs p r ä s i d e n t c n sagte: