Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 45 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 721 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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721 geworden ist. Eonstantin Brunners. Im Munde Brunners klingt 1 dicic Tifferenziernng nur denjenigen Menschen anstößig, die ihn nicht I lennen. Wer aber kennt ihn? Wer weist von bicfem 3JMnnc, der am j Anfang und am.Ende unseres Buches steht als der erste und größte aller ^Pinvzisten? Wer ist Konstantin Br n imc r? Es ist - sicherlich im ^innc Altlirchs, wenn man bei einer Besprechung seines Buches auch voll <5onftantin Brunner spricht. 3 o 11 doch A l t - k i r ch s Buch sicherlich ebenso den Weg 3 u Brunner d u l) neu, m i c den W e g z u 8 pin 0 z a. Ten meisten Lesern dieser Zeitschrift ist Eonstantin Brunner wohl bekannt als Autor des Buches „Der Judenhaß llnd die Juden" (Verlag Oesterheld & Co.) und der fleinen Schrift' des Philo-Verlages . Ter Judenhaß und das Denken". In diesen iuib mideren Büchern ijat Brunner zur politischen Zu de ns rage Stellung genommen. Es stände vieles besser im deutschen Judentume, wenn man seine Ansichten kennen und seine Ratschläge besolgen würde. Aber dieser Teil der Wirksamkeit Eonstantin Brunners ist. bei seiner wirklich cnormeu Bedeutung. verschwnndend neben dem eigentlichen Werk Br u n n e r s. neben seiner philosophischen Leistung, neben seiner Leistung im Gebiete des Geistes. Wenn Männer und Frauen aller Nationen, aller Altersstufen, Menschen mit den verschiedenartigsten Begabungen diesem Manne in trcfftcr Verehrung anhüngen. so ist es, »veil er ihnen der Führer im Geistigen geworden ist. ' Sie bekennen es jeden Tag. daß sie unter jeincr Leitnng den W e g zur Wahrheit gesunden haben. Sie ' haben den modernen Skeptizismus überwunden und erkannt: Es < gibt Wahrheit und dort ist die Wahrheit! Es sind das vielfach Menschen, die im Praktischen Leben nüchtern und klar zu denken gelernt haben, fern alter Schwärmerei und allein dunkeln Mystizismus. Tie Wahrheit, die Brunner weist, ist klar rad terminologisch exakt faßbar. Sie ist mit menschlicher Logik begründet, ganz deutlich und in feinem Punkte geheimnisvoll und schwärmerisch. Brunner beherrscht das philosophische Nüstzeug wie lein Zweiter. Er schul cs sich um und erbaute damit in aller philosophischen und wissenschaftlichen Strenge die Lehre von der Welt, die er nennt: Relativität. So nahe die Verlockung liegt, hier von den Ergebnissen Brunners zu sprechen, so muß das doch unterbleiben, Man kann nicht ans dem zur Verfügung stehenden engen Raum die Ergebnisse einerinhaltlich und ebenso seinem Umfange nach gewaltigen Werkes geben. Blau kann und darf cs nicht, und sollte es doch tun: denn dieses Werk Brunners, „Tie Lehre von den Geistigen und vorn Volke" (Xiati Tchnabel Verlag», ist seit Jahren vergriffen. Seit Jahren ist dieses Buch nur noch von Bibliotheken zu leihen, und wer kann in der stets nur kurz bemessenen Leihjrist ein derartiges Werk durcharbeitcn. Blau sollte also davon sprechen, aber zu seiner Zeit, in gehöriger Form und gehöriger Breite. Es ist Gelegenheit geboten, in Form von Kursen in die Gedankenwelt Spinozas und Brunners cinzudringen. Man kann und muß über beide M iiiincr i in Zusa m m c n - bang sprechen; denn sie lehren dasselbe. T-as sei nicht so aufgefaßt, als ob Brunner nur die Lehre Spinozas wiederholt chabe. Brunners W c g Bst ein ganz anderer als der Spinozas. <reine Merhode ist ganz anders, moderner, zugänglicher. Brunner ist kein Schüler Spinozas in dem Sinne, als legte er dessen Lehre aus. Er baut sein System ganz selbständig und originell und findet sich schließlich in allen wesentlichen Punkten in voller Ilebereinstimmung mit Spinoza. Man kann von einer K 0 n g e n i a l-i t ä t dieser Männer sprechen. Ties ist es aber gerade, was Brunner befähigt, der bisher größte Ausleger der Lehre Spinozas zu sein. Wer die „Lehre von den Geistigen und vom Volke" gelesen hat. dem öffnet sich auf einmal Spinoza in wunderbarer Weise. Man findet dann alles so klar und selbstverständlich, das; man nicht mehr aus dem Staunen herauskonunt über die Jrrgänge der Kommentatoren zur „Ethik". Brunner hat die Lehre Spinozas neu geschaffen. uf jeder Seite seines Werkes bekennt er sich zu Spinoza. Einem Manne von der großen Originalität und Bed-eutung Brunners konnte es nie einfallen, den Borgänger durch sein eignes System vergessen machen zu wollen. Es gelingt ihm dabei etwas Wundervolles. Er erhebt sein System über das Niveau der zahlreichen philosophischen Systeme, die alle in sich geschlossen scheinen, und denen docl) keiner mehr recht glaubt. VOeeht neue TtUtgUedee fuv den C VA Will dock) jeder Philosoph seine Wahrheit gesimden haben, und hat also damit" d i e Wahrheit tiicfjt gesunden. Ter philosophische Subjektivismus, dieser letzte Ausweg einer mühe gewordenen Philosophie, lourde bei Brunner überwunden. Er zeigt sich in Ilebereinstimmung mit den alten griechischen Philosophen und vor altem mit Spinoza, und so gewinnt der Leser wieder den Mut, zu glauben, daß es mit all den sulstektivistischen Wahrheiten nichts aus sich hat, daß es daraus ankommt, die eine ewige Wahrheit 311 ergreifen. Die Lehre vom Nelativen muß ihre Ergänzung in der Lehre vom Absoluten finden. Ten beabsichtigten zweiten Teil der „Lehre von den Geistigen und vom Bolle" ist uns Brunner noch schuldig geblieben. Er gibt aber datz. Wesentliche der Lehre vom Absoluten oder (was identisch damit) der Lehre vorn Geist in einem anderen großen Buche „Unser Christus' oder das Wesen des Genies" (Verlag Oesterheld & (So.). Dieses Buch hat den Vorzug, noch nicht vergrijsen zu sein, Es ist auch nur in so wenigen Partien streng philosophisch und darum für den philosophischen Laien — tuenn^ man so sagen will — leichter. Es enthält, eine ganz neue Darstellung des E h r i st n s - P r 0 b l e m s , anfgebant aus der Lehre vom Geist. Zugleich ist das Buch eine wunderbare Glorifizierung des jüdischen Geistes. Bisher haben sich die Juden dafür übrigens nicht gerade dankbar gezeigt. Möge dieser kurze Abriß über das bisherige Werk Eonstantin Brunners gelingen. Wer Alrkirchs Buch zur Hand nimmt, findet ausführliche Bruchstücke aus Brunners Werken, was seine Stellung! zu Spinoza betrifft: bei weitem nicht alles, aber doch Wesentliches. Vielleicht nimmt ivirklich der eine oder andere Leier dieser Besprechung Altlirchs Buch zur Hand. Und vielleicht wird er dann auch an Eonstantin Brunner Herangehen. Dann wäre mit dieser Besprechung auch der Sache gedient, der Altlirchs Buch dient. Um cs noch einmal zu wiederholen: Altlirchs Buch ist ein Führer zu Spinoza und z u g l c i ch z u Bru 1111 e x. und durch beide hindurch zum Gemeinsamen, zur Wahrheit. Möge es seinen Zweck erfüllen. Wer das Buch flüchtig durchsieht, wird vielleicht nicht glauben, daß Altlirchs Methode glücklich ist, um diesen Ziveek zu erreichen. Schließlich findet mau iu dem Buche nicht viel Wichtiges über die Lehre Spinozas. Was man findet, ist fast immer nur Haß und Liebe, vor nUem aber Liebe. Niir scheint nun. als »ei Altkirch hiervon einem richtigen Instinkt geleitet uwrden. Liebe neckt an. wirtliche. von Herzen kommende, leidenschaftliche Liebe reißt mit net) fort. Schon zu sehen, wie dieser einsame Jude Spinopi von Haß und Liebe umflossen ist. muß jeden, besonders aber jeden Juden, darauf stoßen, daß hier ein Mann von einer seltenen Bedeutung vorhanden iß. mit dem inan sich miudestens auseinandcwemm muß. Wird der Leser aber nun noch selber von dem großen Liebesßrom ersaßt, den Spinoza auslöst, wie soll er sich da helfen, um nicht mitzuliebcn. Kann Alilirclrs Buch dies erreichen? Ich glaube, ja. Ties'Buch erstand ans großer Liebe zu Spinopu und Brunner, zu dein vor 2-V» Jahren gestorbenen und doch einig lebendigen Spinoza rmd zu dem noch unter uns fchaffeudeu. nicht minder lebcudigen Brunner. Tiefe Liebe muß Frucht tragen, wenn nur noch irgendwie in unseren trüben Zeiten Herzen da und. der Liebe oT”eii. Es mögen nicht allzu viele sein, aber es gibt ihrer sicherlich: sicherlich eine genügend große Zahl. iSrejflMfe 'GerSaOwerkervereinBeM Am 8. November kann die Ortsgruppe Berlin des Zentral» verbände s j ü d i s ch er Ha n dwerker Tontf chlands. der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens e. V., Berlin, die Feier feines dreißigjährigen Bestehens begehen. Kurz nach der G r ü n d u n g des C. B. schlossen sich auch die jüdischen Handwerker mit C. B.-Gcnnnuna zu einem Verein zusammen, der nach zwei Dichtungen wirken sollte: Einmal gal: es, den als Einzelveriönlichkeireu wirtschaftlich dem Untergang geweihten jüdischen Handwerkern das N ü d g r a t c i n er b c r u i s - ft 5 ndige n O r g a n i s a t i 0 n zu Verleiher,, dann aber auch das Vorurteil, das in jüdischen Kreisen selbst damals noch gegen den jüdischen Handwerker bestand, zu zerstreuen. Bon Berlin ans nahm dieie Bewegung dann ihren Weg, und wenn heute viele Tausende jüdischer Handwerker in dem Zeutralvecband organisiert und. und wenn 18 Ortsgruppen den äußeren Nahmen für ein reges jüdisches und berufliches Leben bilden, so verdanken dies die indischen Handwerker wie das deutsche Judentum den Männern. die vor dreißig Jahren ihr Schicksal allein in die Hand mchmen. „Tankbar erkennen wir die Verdienste jener Männer «des Eentralvereins deutiß.er Staatsbürger jüdischen Glaubens» an. die sich damals in dieser Organisation zusammenbauden. um den antisemitischen Verleumdungen ein Paroli zu bieten. In dickem Augenblick setzte auch die Tätigkeit des jüdischen Handwertervereins ein." So schreibt in seinein Fesrartitcl „Zum 8. November" der Bvrstüende der Ortsgruppe Berlin. Herr Tapezicrermeißer Louis Wolfs, in der Bereiuszeitschrift „Ter jüdische Haudwerlcr". Tantbar und mit Genugtuung verzeichnen auch wir diese Auertenuuug. denn auch aus ihr spricht »nieder die Tatsache von der persönlichl e i t s b i l d e n d e n K rast der E. B.- I d e e. „E s g i b t kein h a n d - 0 d e r k 0 p s a r b e i t e n d e s Judentum. sondern ein Indent u m ü b r x li a upt" — dies stellt Wolfs als das Ergebnis der Bereiusarbcil fest. Neben der selbstbewußten Standesvertretung nach außen lvurden innerhalb der Organisation Einrichtungen zur Behebung der sozialen Not unter den Handwerkern geschaffen. Tarlehns- und Krankenkassen crustaudeu. In Bernssvertretungen. iu Wohlfahrtsäuiteru. iu Gemeiudekörperschasten. überall kommen die Vertreter des jüdischem Handwerkerstandes zuul Wort und zur Betätigung ihrer Arbeit. Nicht nur die (>00 Mitglieder, die die Ortsgruppe Berlin des Handwerlerverbandes heute zählt, und neben ihnen ihre engeren Freunde im Reiche nehmen an der Jubelfeier am 8. November herzlichen Anteil. Das ganze jüdische Berlin darf sich dieses Ereignisses als eines Beweises freuen, wie zielbewußte Arbeit Zinn Erfolge führt und tute das Märchen vorn unproduktiven Juden immer mehr an Boden verliert. Besonders herzliche G l ü cf w ü nsche d a r s d c r E e n t v a (t> c x c i u a u s j p r c ch e n. Ist doch der Verein selbständiger Handiverker seit Jahren kvrpor a t i v M itglied des Eentratvereins. Und der derzeitige Vorsitzende, der Vierte tu der Reihe, ist unser Hauptvorstandsmitglied, Herr Tapezierermeister Louis Wolfs.