Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 711 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Professor Dr. Hubert Grimme (Münster) und Dr. Bruno Weil (Berlin). Me bereits in Nr. 43 berichtet, hat aus Anlaß der Hcrbsttggung des Hanptvvrstandes des Ecnttalvcreins Professor Tr. Hubert Grimme (MünsLeV vor einem Kreise von Oanvtvorstcrndsmitgliedern und Fachgelehrten auf Einladung unseres Handtvvrstandsmitgliedes Aechtsawoolt Tr. Brunn W c lA einen Vortrag über dm ältesten hebräischen Inschristen auf dem ^inai gehalten. Ta dieser Vortrag in der Tagespreise der ganzen Welt unerwarteten Widerhall gesunden hat, haben wir Herrn Professor Grimme gebeten, uns selbst über seine Forschungen zu berichten. Professor vr. Hubert Grimme scbreibt: Von den Tinnischristdenkmälern, die augenblicklich weiteste Kreise interessieren, ist schon einmal in dieser Zeitung die^irede gewesen, und zwar am 3. April 1924, wo Tr. Jacob (Saarbrücken) meinem Buche „Althebräische Inschriften vom Sinai" eine Besprechung widmete, die folgendermaßen schloß: „Vielleicht wirft die Zukunft noch mehr Acht auf den ^Sinai und verleiht den Behauptungen Krimmer größere Sicherheit." An einzelnen Stellen dieser Besprechung hatte Herr Tr. Jacob allerdings mich einiges mehr „behaupten" lassen, als ich tatsächlich gesagt habe: so, das; Mo s e S der Erfinder dcW ^inaialphabetS sei, oder das; der Mann mit dem Namen „Lohn (?) der Hjatschepschu" den Namen MoseS trage. Seither ist die Sinaischristsrage in ein neues Stadium eingetreten. Nachdem ich am 17. Oktober dieses Jahres einen Vortrag über sie gehalten, hat die Tagespresse in einer Weise, wie ich es nicht voraussehen und noch weniger wünschen konnte, die Sache an die Lesfentlichkeit gebracht, das; in der ganzen Welt das Wort Tinaischrist herumschwirrt, und damit verbunden anderes mehr, wie: „Auffindung von- Takeln Moses — Entdeckung der Zehngebotetafeln". Ich bin für den Augenblick machtlos, solchen Spuk zu bannen, und hoffe nur, daß die Zeit es Lun werde. Selbstverständlich fehlt es auch - nicht an Artikeln, die sachlich referieren; aber auch in solchen! finde ich z. B. meiner Lesung von Inschrift Nr. 349, Seite 5: „Tu hast mich aus dem Nil gezogen" den Zusatz angehängt: „und hast mich zu hohen Ehren gebracht", was höchstens dem Sinne, nicht aber den Worten nach meiner Auffassung der stark verstümmelten Zeilen 6 und 7 entspricht. Ich werde mir von allem, was ich nach den Zeitungen in meinem Vortrage gesagt hätte, nichts annehmen, als was mit meinem obengenannten Luche übereinstimmt. Um nun denen, deren Interesse an den Sinaischriftdenkmalern auf mehr als bloßer Neugier beruht, entgegenzukommen, möchte ich einmal auch über den aus ihnen entspringenden Problemen meine Meinung äußern. 1. Die Tinaischrist halte ich für restlos erschlossen. Sie ist ein Alphabet von 22 Konsonantbuchstaben, von denen fünf bezeichnende Formdubletten neben sich haben. Tas Sinaialphabet steht an der Spitze sämtlicher Alphabete der Welt. Es ist wohl um 1500 v. Ehr., und zwar beim Tempel der Hathor auf dem Sinai selbst, entstanden. 2. Die Sprache der Tinaischrifldcntmälcr ist ein semitischer Dialekt, Der allernächste Verwandtschaft mit dem Hebräisch der Bibel zeigt. 3. Die Lesung der sinaitischen Inschriften kann noch nicht als abgeschlossen gelten. Einzelne besser erhaltenen, wie diejenigen von der Fußplatte der Löwensphinr oder von den Seiten der Hockerstatuette können wohl nicht gut anders verstanden werden, als ich sie nehme; bei der Deutung der Tafelinschriften liegt noch manches im argen, teils weil die meisten Tafeln selbst' nicht unbeschädigt geblieben sind, teils weil wir sie bislang nur von Photographien und Handtopien her kennen. Daß Nr. 352 und Nr. 353 Tafeln für Gestorbene darstellen und Nr. 349 eine Danksagung enthält, dürste seststehen. Auch gegen die Lesung der Eigennamen Joseph, Menaschschä, Hjatschepschu, Thotmosche und Bjastemosche wird kaum etwas Triftiges einzuwenden sein. 4. Das bei diesen Lesungen Ermittelte in Vergleich in stellen mit gewissen biblischen Berichten darf nicht als unwissenschaftlich bezeichnet werden. Ans wieviel schwächerem Beweisgründe hat die moderne Bibelkritik seit Wetthausen manchmal das Gebäude ihrer Schlüsse erricht.t, ohne in den Geruch der Unwissenschaftlichkeit gekommen zu sein! Aber je Größeres auf dein Spiele steht, um io größer sollte die Vorsicht beim Behaupten sein. 5. Es ist die gebieterische Forderung der gegenwärtigen Stunde, daß die noch auf dem Sinai befindlichen Tasetmade F l i n d e r s P e t r i e s sicher geborgen und der gelehrten Welt zugänglich gemacht werden. Weiter ist das Terrain dieser Funde noch einmal genau daraufhin zn durchforschen, ob nicht noch anderes ihrer Art dort vorhanden ist. Or. Bruno Weil schreibt: Ter Vortrag, den Professor Grimme über die Funde am Sinai in meinem Hause gehalten hat, ist geeignet, nach mehr als einer Aichtung zu Betrachtungen anzuregen. Niemand von uns allen, die sich seit längerer Zeit mA diesen Dingen beschäftigten, hat auch nur im entferntesten die geradezu pbantasliich - ungeheuerlichen Wirkungen geahnt, die von Grimmes Mitteilungen auSgegangen und. Gelegentlich der FrülsiahrStagung dcS E. V.-Hauplvorstandes kam im engsten Kreise die Nede aus frühscmiti'che Ferühungen, die Funde von FliuderS Pccrie und Grimmes Lösungen. Tr. Jacob (Tortmund) griff die Anregung sofort aus: er erzählte, das; er seit längerer Zeit mit Pr Tenor Grimme in Verbindung stehe und denen Wirken genau verfolge. Am >olgenden Tage traten nch liniere Freunde Tr. Paul Nathan. Tr. Jacob (Torummd), Tr. Levy <Mainz)., Tr. ö o llände r und Tr. W i e n e r bei mir: wir fanden uns in der Uebcrzeugung zusammen, das; Grimmes Forschungen und sein Buch ans dem H a l b l i ch t wissenschaftlicher Verössentlicbgmgcn herausgezogen werden müsse, und ras; es somit vom wisseittchaf rächen w.ie vom Humanitären als auch vom christlichen wiejüdi'chen Standpunkt aus ungemein wertvoll sei. diese früh semitische Forschung altecn Bidclgeschehens auf eine solidere Basis zu stellen. In London hatte i.h dann Gelegenheit, die Meinung Alan Gardiners, unbestritten eines der ersten Aegyptologm der Welt, festzustellen. Er teilte mir. das; er zwar den kühnen Schlüssen Grimmes nicht in allen Teilen folgen könne, das; er aber die Funde von so großer Wichtigkeit erachte, daß er selbst eine Expedition geplant halv, um die Originale zu bergen; die Entdeckungen in Aegypten, seinem eigentlichen ArbeitSselde. hielten ihn aber auf absehbare Zeit seit. Er selbst tage aber den deutschen Gelehrten, die die Erforschung des Sinai sich zur Ausgabe machten, jede Unterstützung zu, und er sei sicher, daß einem deutschen Unternehmen kein nationales Vorurteil, wenigstens von englischer Teile, sich hindernd in den Weg stellen iverde. - Tie Herbstsitzung des Vorstandes gab dann Professor Grimme Gelegenheit. seine Losungen einem größeren Kreise unserer Freunde und hervorragender Fachgelehrter zu entwickeln. In langem, überaus fachlir^cm Vortrag teilte er ferne Forschungen und seine — Bedenken mit. Aber die zahlreich vertretene große deutsche Presse hatte ein viel feineres Ohr für das sensationelle in den Mitteilungen als für Herrn Grimmes „Wenn" und „Abers". Und zwei Tage nach dem Bortrag, dem im übrigen eine von Tr. Jacob eingeleitete, höchst interessante Diskussion gefolgt war, wußte man im letzten deutschen Orte, das; Moses und seine Steintafeln gesunden waren!! Herr Grimme, der stille Gelehrte, der mit unendlicher Scheu vor der Ccfientlicl)feit nach V.'rlin gttommen war. verließ uns sehr zn seineur Leidwesen nach dreitägigem Ausemch.ttt als neueste Weltberühmtheit. Bei mir, der ich von der Lesfentlichkeit als sein Sachwalter angesehen werde, stand das Telephon nicht mehr still. Montag mittag erschienen die ersten Artikel. Am Dienstag morgen meldeten sich drei photographische Anstalten, die G r i m in e s Bild mit dem des ncuentdectten Moses bringen wollten. Meine beiden Eremplare des Griunneschen Buches wurden mir geradezu aus den Händen gerissen mit dem Versprechen umgehender Rückgabe; ich habe sie bis heule nicht wiedergesehen. Am gleichen Tage nachmittags meldete sich schon der erste Vertreter einer Londoner Zeitung, der lim ein Original interview mit Grimme bat und mi t einer Ersatznnterredung mit mir vorlieb nehmen mußte. Am folgenden Tage war schon Amerika auf dem Plan; ein Kabel hatte den hiesigen Vertreter eines Nachrichtenkonzerns angeiviesen, ein fürstliches Honorar für Originalartikel Grimmes zu bieten. Tazivisehen rief eine findige Filmgesellschaft an, die Grimmes Vortrag am Bußtag nach Art der „Zehn Gebote" gehalten haben wollte. Photographen und Landmesser, Versicherungsgesellschaften und „uneigennützige Freunde der Sache" meldeten sich zur Teilnahme au der Erpeditwn. Und dazwischen immer wieder das Telephon, und wohlaemeirtte Pläne zur Finanzierung des Unternehmens. Tie Zeitungsausschnitte häuften sich von Tag zu Tag. Nach vier Tagen ein dankbarer Stöfs des Kabaretts, nach sechs das erste völkische Spottgedicht! Kurz, es war ein überwältigender Beleg des ungeheuren Tempos unserer Zeit. — Für die Freunde der Sach-e erwächst daraus eine weötgehende Verpflichtung. Tie Uebertreibungen müssen znrückgeivicsen, der Kern der Tinge, wie er sich für uns heransschält, erfasst werden.