Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 710 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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710 Gewalt, wie Lokokow wohl im Hinblick auf Jabotmskys Vorschläge ausfuhrt. Auch die Methode der Politischen Durchdringung (Penetration paeikic) hält Sokolow nicht für die richtige. Denn sie würde dazu führen, daß die Juden, wenn auch unbeabsichtigt, alle wichtigen Positionen im Lunde eroberten. Würden die Juden die arabische Presse, das arabische Theater und andere jür die arabische Kultur wichtigen Institutionen erobern und in ihrem Linne leiten, so wäre die Folge ein Antisemitismus. den inan, wenn auch nicht billigen, so boti) verstehen müsste. Sokolow lehnt, wie gesagt, diese Methode entschieden ab. Dabei weist er aber aus deutsche Verhältnisse hin, als ob hier in Deutschland diese Methode der „friedlichen Durchdringung" angewandt würde. Diese Ausführungen,- die, nebenbei bemerkt, von der Unkenntnis des Herrn Sokolow in deutschen Angelegenheiten und deutschen Dingen Zeugen, liefern nur Wasser ans die Mühle der Antisemiten, So beeilt sich auch die „Kreuzzeitung", dieses „Selbstzeugnis" sogleich zu registrieren. E i n e glückliche Lösung der Ar a b e r f r a g c i n P a l ä - st i n a ist nur d u r ch Kult ii x a r b c i t f ü r d a s Land, die allen E i n w o h n e r n, Inden iu i e A r a b e vn, z u gute r o IN m t, m ö g l i ch. Blumen selb polemisiert gegen die uichtzionisti'chen Kreise, die das bestehende Leben gut findein und bezeichnet die Zionisten als die legitimen Vertreter des Judentums, da-:' eine Aenderung herbeizusühreri wünscht, und schließt mit einem Appell zur Einheit und Geschlossenheit der Bewegung. * Tie „Crt", der Verband der Gesellschaften zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Inden, bat in letzter Zeit mehrfach Vorträge veranstaltet, uni die Oesfentlieisteit ans die erfolgreiche Arbeit hinznweisen, die der Uebersühruug der Inden im Osten zur Landwirtschaft und zum Handwerk dient. Besonderes Interesse eregten die Ausführungen von Tr. Henry Moskowitz ans Nerv Pork, dem Präsidenten des amerikanischen Iloccn- ^ki nekion-IAuick. Dr. Btoskoioitz hat soeben eine Reise durch Polen, Litauen, Beßarabien und Rußland gemacht und sich dorr persönlich von den Leistungen der „Ort" überzeugt. Er schilderte den überaus starken Drang zur produlliven Arbeit, der in diesen Ostjnden lebt. 45 Prozent der südrussischen Inden, 37 Prozent der gesamten russischen Inden sind Handwerker. Sie leiden ebenso wie die polnischen nnd litauischen Inden an Kreditnot, die sie hindert, ihr zerstörtes Handwerk wieder auszubauen. Die landwirtschaftlichen Kolonien haben in den letzten sechs Monaten an Ausdehnung gewaltig zugenommen, und die jüdischen Kolonisten leisten Musterarbeit. Ihre Ernte ist drei- bis fünfmal so gut wie die der russischen Bauern, da sie durch die Hilfe der „Ort" die modernsten Maschinen erhalten. Sie verstehen es, Technik und Wissenschaft gleichzeitig ausznnutzen, und haben sich damit auch das Vertrauen der nichtjüdischen russischen Lauern erworben. In der Aussprache führte unter anderem Justizrat Tr. Julius B r o d n i tz aus, daß die deutschen Juden gerade auch vom deutschen Standpunkt aus sich für die Stabilisierung der Juden im Osten einsetzen müssen. Wenn die Juden im Osten den Beweis erbringen, daß die Juden produktive Arbeit zu leisten nicht nur gewillt, sondern auch, wie Tr. Moskowitz ausgesührt hatte und auch anderer maßgebender Seite bestätigt wird, in hervorragendem Maße geeignet s i n b , so komme das auch den deutschen Inden zugute. Tie Massenamammlungen der Inden hart an der Grenze von Deutschland reizen zu Pogromen ans. Die Juden im Osten - seien erfüllt von Sehnsucht nach ful* tureller Betätigung. Stille man diese Sehnsucht nicht, dann seien sie auf Wanderung angewiesen; deshalb könne man, wolle man der Lösung der Ostjudenfrage wirklich nähertreten, sie nur nach einem alten Aussprüche Tr. Nathans im Osten selbst losen. Von den § roßen Summen, die dafür erforderlich sind, werden die deutschen luden, da sie selbst so verarmt sind, nur einen ganz geringen Bruchteil tragen können. Tie ideelle B e d e u t u n g des Eintretens der deutschen Juden für die Kultnrbewegung sei aber nicht zu unterschätzen. Es werde so oft von einer Einheitsfront der Inden gesprochen, und das Wort „Einheitsfront" werde so oft mißbraucht. Es sei falsch, weltanschauliche Gegensätze verschleiern zu wollen; hier aber gebe es einmal wirklich eine Einheitsfront. : Professor War bürg drückte im Lause der interessanten Anssprache im Namen seiner zionistischen Freunde der „Ort"-Bervegung volle Sympathie aus. * In der Nummer der „Jüdischen Runds ch a u" vom 23. Oktober 1925 Vermißt man allerdings die Sympathie, die aus den warmen Worten von Professor W a r b u r g herausklang. Das führende Zioniltenblatt ist erstaunt darüber, daß Führer des C. B., wie Justizrat B r o d n i tz lind Tr. Paul Nathan, sich für jüdische Angelegenheiten außerhalb Deutschlands einsetzen, während der C. B. früher gesagt habe, daß „jede jüdische Gruppe sich nur mit den internen Angelegenheiten ihres Landes zu befassen.habe". Auch heute stehen wir noch auf dem Standpunkt, daß wir deutschen Juden in Deutschland genug zu tun haben. Aber das braucht unseres Erachtens nicht auszuschließen, daß sich einzelne Persönlichkeiten aus der Reihe unserer Führer, die sich schon immer für kolonisatorische Tätigkeiten, die nicht vom jüdisch-nationalistischen Standpunkte aus durchgeführt werden, interessiert haben, nun auch snr die „Ort". Bewegung interessieren. Die „Ort" hat nichts mit den j ü d i s ch - n a t i o n a l c n T e n d e n z e n g e m c i n. Und wenn die „Jüdische Rundschau" behauptet, die Siedlungen der „Ort" „hätten stark nationale Aspirationen", und sich darüber wundert, daß die „E. B.-Zeitung" itod) nichts von einer Unterredung mit Tschit sch er in berichtet habe, so haben nur dazu nur zu bemerken, daß unsere Freunde sich bisher nicht für berechtigt gehalten haben, diese Unterredung in der Oesfentlichkeit zu erörtern, wenn auch von unserem Standpunkt keinerlei Anlaß vorliegt, diese Mitteilungen zu verneinen. Das eine aber könnet; wir sagen, daß diese Ansiedlungen in Rußland auch nach der Erklärung des Herrn Tschi i scher in . mit Nationalismus nichts zu tun haben, unb daß man diese zu- I sauuneuhängeiiden Kolonien nur deshalb schasst, weil es verwaltungsmäßig und auch in; Interesse der Juden klüger ist, Siedler I nebeneinander anzusiedeln, deren Ziele in gleicher Richtung liegen j und die die gleiche Sprache sprechen. Und weil diese Kolonisation! der „O-rt"-Bcwegnng rein w i r t s ch a s t l i ch e v, nnpoliti s ch e r Natur ist, deshalb können unsere Freunde die Bestrebungen der „Ort" unterstützen. Wir behalten uns vor, ans diese Dinge noch näher z u r ü c k z 11 f o m i 11 c n. „Tagesprobleme." Als zweites Heft seiner Schriftenreihe „K u l t n r s P i c g e I" veröffentlicht der Philo-Berlag die Rede, welche Jnstizrat Hugo S v n n e n f e l d am 12. April 1924 im Herrenhause anläßlich der letzten Hanptversan'.mlung unseres Ecntralvereius gehalten hat*'!. Daß hiermit weiteren Kreisen unserer Freunde und hoffentlich auch! der allgemeinen LeffenUichkeit eine crakte, straffe und harj m o ii i s eh e G liebe r u u g d c v L c b c n s -, V a t e r l a n d s - und j P t l i d) t a u f f oj s u n g d e s d e u t s ch e n I u d e n dargeboten! wird, verdient ^ank. Weit entfernt, den Abwehrkamps gegen die i Judenfeinde als ein unbequemes Muß zu empfinden, steht der Veri fasscr in ihm eine allgemeine Patriot! s ch e P f l i ch t, durch die die ansgczwuugeue Verteidigung sich in höchstes Recht umsetzt. Allaii wird mit bewiesenem Ueberzeugtsein Sonnenseld beipflichten, "wenn er unter Berusung aus die wirklichen Ergründer und Förderer unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse gerade von der Artenverbindnng eine gesteigerte Kultur erioartet und nicht an völkisches Bewußtsein glaubt, sondern den N a t i o n a l b c g r i f f i m g e m e i ii s a m c n Schick s a l erstarken sieht. Wir sehen den Vorzug des Sonnenseldschen Vortrags darin, daß er ganz frei von hohlem Pathos in bedachter Sachlichkeit nicht nach Essektcn hascht, und gerade darum den starken Eindruck lauterer Wahrhastigleit noch im Leser zurückläßt, ivie er einstmals den bedeutenden Kreis der Hörer begeistert hat. Gewiß kommt das auch daher, daß sonnenseld sich nicht scheut, vorhandene Schwächen unserer Glaubensgenossen zu markieren. Er haßt um unserer Würde willen alle Entgleisungen und wünscht, so sehr er im Deut s ch - t ii ui aus " eht. keine Forcierung einer Assimilation, die in der äußerlichen Angleichung kokettiert oder sich darauf etwas einbildct. Solange freilich die Ertremradikalen in Bausch und Bogen alles verwerfen, was die Religion und die Kultur und die Zivilisation ans uns und ihnen gemacht haben, solange verstärkt und verewigt sich der Haß und die Erniedrigung der Nation. Wer es darum mit Deutschland gut meint, den soll nicht Verzagtsein erfassen, sondern er kämpfe in Unbcngsamkeit, im Sinne der unter dem Eindruck der Sonnenseldschen Rede angenommenen Resolution: Für gleiches Recht aller Deutschen, für Einheit und Wiederaufbau des Vater! a n des! Möge die Arbeit „Tagesproblenie" den Freund zur aufopfernden Hingebung, den Feind zur besseren Erkenntnis führen. Dr. S a l o m v n s k i. * In feinet Broschüre „Tagesprvbleme" führte Justizrat Sonnenseld zur Fraqe Monarchie und Republik als Standpunkt des E. B. aus: „Tie Frage, ob Monarchie.'oder Republik, steht außerhalb dessen, was wir hier erörtern dürfen. Wir haben uns um diese politischen Fragen von Vereins wegen nicht zu kümmern. Wohl aber haben wir die Frage s o zu formulieren und dann zu ihr Stellung zu nehmen: „Verfassungstreue — oder Hochverrat?!" Wie nur zu dieser Frage stehen, ergibt sich wohl für uns alle von selbst. Auf die überzeugende Begründung, die Sonnenseld im Verlaus seiner Ausführungen noch gab. wollen wir hier nicht weiter eingehen, wohl aber wird es weiteste Kreise interessieren, daß dieser sonnenseldsche Gcdankengang getreu wiederkehrt in einer vor wenigen Tagen erfolgten Kundgebung der katholischen Geistlichkeit Lberfrankeus, gerichtet an die Landtagssraktion der Bayerischen Bolksvartei in Bckmchen. Diese Denkschrift hat um so größere Bedeutung, als an der spitze der Geistlichkeit von Sbcrsranken der Domkapitular Leicht steht, welcher Fraktivnsfuhrer der Daycrischen Bolkspartci im Reichstag ist. In dieser Denkschrift heißt cs wörtlich: „Das Zentrum darf sich nicht als eine republikanische Partei bezeichnen. aber auch die Bayerische Volkspartei nicht als monarchistische. Beide Parteien müssen den Standpunkt vertreten, daß die gegenwärtige Staatsform als die nach göttlichem und menschlichem Gesetz zu Recht bestehende Staatsform zu betrachten ist, deren ^abvtierung oder gewaltsame Beseitigung nicht erlaubt ist und mit den gesetzlichen Mitteln verhindert werden muß." *) „T a g e s p r o b l e m e". lung des C. D. am 13. April Connenfeld. Philo Verlag 19!#, Bede, gehalten anläßlich der Hauptverfamm- 1924 nn Herrenhause zu Berlin von Hugo Preis 0,90 Mark.