Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 706 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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706 Kampfes Vorschub leiste:, so darf doch nicht übersehen werden, daß alle Agitation eine Grenze hat und daß die sittliche Verantwortung auch dem Gegner gegenüber nicht außer acht gelassen werden darf. Was mau da im Wahlkampf erlebt, ist tief betrübend. Daß sich die Parteien gegenseitig Schufte und Landesverräter nennen, gehört schon zum gewöhnlichen Thema der Agitation. Es ist verbürgt' daß in einer deutschnalionalen Versammlung gesagt wurde: „Wir müssen hundsgemeine Flugblätter schreiben", und was man sonst aus anderen Parteien an Blöcken giftigsten Agitationsstils seststellen muß, steht hinter jenem Erguß nicht zurück. Aber nicht nur dies. Zu den Kvllcktivbeschimpsungei; der Parteien untereinander gesellt sich der persönliche Angriff —, der persönliche Angriff, der ins Privatleben eindringt, um dem Gegner persönlich zu schaden, ihn verächtlich zu machen, die Familie zn diskreditieren. Alle Gebote der Sittlichkeit werden außer Kraft gesellt, eine „Koalition mit denn achten Gebot" wird nirgends eingegangen. Er ist ein Gegner, also ist er vogelfrei? Diese persönliche Angrissswaise ist doch wohl in keinem anderen Lande so ausgebildet wie bei uns. Und wenn sich's nun gar nur Juden handelt, dann \\l nahezu alles erlaubt. Keine Schicht in unserem Volke hat so unterm persönlichen Angriff zu leiden, wie die jüdische. Das muß auch jenen gegenüber gesagt werde;?, die, ohne eigentlich Böies zu wollen, aus Leichtfertigkeit und Bierbankseligteit heraus, alles weitertragen, was persönlicher Klatsch erfunden hat, um dein Gegner-zu schaden. Es bedeutet einen Tiefstand des Sittlichen irr unserem Volke, wenn sein politischer uiO Verkehrston nicht davor zurückscheut, dem persönlichen Angriff gegen die Inden nur deshalb zu assistieren, weil gewissenloser Pvbetsinn die antisemitische Konjunktur ausnutzt, um sein Scherslein zur Verhetzung beizutragen. Wer solchen Angriffen nachgehl, ihnen sozusagen bis zum letzten Schlupfwinkel des Klatsches folgt und dann seststellt, wie sich all' das gehässige Geranne verflüchtigt und nur Klatsch und Gewissenlosigkeit übrigbleibt, muß sich betrübt eingestehen, daß das Verautwortlichkeitsgesühl in unserem Volke schwer gelitten, und daß eine Mentalität Platz gegriffen hat, die aus die Dauer die deutsche Vollsseele unheilvoll vergiften muß. Alles Böse, das man einem Menschen nachredet, wird leicht geglaubt, gehört aber der Mitbürger zur jüdischen Konfession, dann wird hemmungslos geschnüfselt und gelästert und mancher, der sich „sonst" gehütet hätte. Beschimpfendes in Umlauf zu bringen, „macht mit", und weiß seiner Zunge keinen Zügel anzulegen. Wie es früher in „liberalen" und „nationalen" Kreisen üblich war, unter allen Umständen „Schwarzwild auszuhauen", die Katholiken als Partei und Personen zu beschimpfen, zu beschnüffeln, zu verdächtigen und vor persönlicher Verunglimpfung nicht zurückznschrecken, so wird heute unter dem Beifall des Pöbels aller schichten und Bildungsgrade der jüdische Mitbürger zum „Freiwild" erklärt. Ich meine, da hätten die Gerechten und Vornehmen, deren es Gott sei dank doch in allen politischen und sozialen Lagern noch gibt, eine Aufgabe zu erfüllen, eine sozialmoralische Ausgabe: dem bequemen Manchestertum im Gesellschaftlichen beherzt und männlich entgegenzutreten, den Lässigen, Leichtfertigen, Argwöhnischen, Boshaften und Verantwortungslosen ins Gewissen zu reden und sie ans das Volksvergiftende ihres Tuns mit energischen Worten hinzuweisen. „Wer bei bürgerlichen Bewegungen parteilos bleibt, verliert allen Anspruch aus Ehre." So sagte schon Solon. Aber fo gewiß es Pflicht ist, Partei zu ergreifen, so sicher ist es geradezu ein kategorischer Imperativ der politischen Pflicht, diese „bürgerlichen Bewegungen" aus den Höhen aristokratischer Formen zu halten und diese entsetzliche Methode der persönlichen Verunglimpfung anszugeben. Schlüpft diese Methode der persönlichen Verleumdung ins antisemitische Gewand, dann haben alle Aufrechten zur Abwehr die doppelte Pflicht, weil sie hier durch die korrumpierte Sinnesart unserer Zeit ein Ressentiment vorfinden, das moralischen Wertungen die verbindliche Kraft nimmt und gebundene Seelen Einflüsterungen ausseht, die, vom Windhauch des Neides und tief eingebetteter niedriger Instinkte getragen, die Herzen verwirren und den Sinn der Gerechtigkeit abstumpfen. Dem Antisemitismus wird sein Operationsfeld abgewonnen. wenn es gelingt, die persönliche Verunglimpfung des jüdischen Mitbürgers aus dem Wafsenarsenal der politischer; Agitation auszuscheiden. Parteien müssen sein, Parteikampf ist notwendig, aber nicht notwendig ist die Verpöbelung dieser an sich klärenden und fruchtbaren Aktion mit den Mitteln persönlicher Verleumdung. Pogromhetze in Erfurt. Vorbildliche Stvwehrarvert unseres Landesverbandes Thüringen. Völkische Machenschaften, die an die blödesten antisemitischen Umtriebe der neunziger Jahre erinnern und sich wie damals ein wirtschaftliches Mäntelchen um hängen, beherrschten einige Wochen lang das Vereins- und Verfammlungsleben Erfurts. Slöolf Schmalix, ein Politischer Wirrkopf mit der üblichen Entwicklung von scharf links nach scharf recksts, mit Gefängläs vorbestraft, brachte allwöchentlich, am Sonntag zweimal, die radanlnstcgcn Elemente von Erfurt auf die Beine. Tie Gefahr der nngcherrerlichelr Hetzereien lag darin, dag Schnmlix Stadt klatsch voransschickw, um das Publikum auzulockcir, als „Führer" des na Normalen Erfurt mit Beschimpfungen der Reichs reg'er; mg, insbesondere res Rcichsanßenmückste-rs Stresemann und des preußischen Innenministers Seve r in g, ausnm.rteto, um d a nn in w ü steft er Weise P og r om st i m m u n g zu erzeugen. Als Schmatir jüngst vor überfüllter Versammlung die amvescnden Arbeiter mit dem Hiinr-eis darauf, daß die Juden daheim säßen und die Arbeiter die Sache der Juden verfechten müssten, als Jndenknechte beschimpfte, fügte cs ein glücklicher n f n f I, daß unser Freund Artur Schweriner bei dieser Massenversammlung anwesend war. Herr Schmal ch musste mm sein Versprechen halten, das; er einem Juden gern das Wort geben wolle, weil er Hochachtung vor diesem Juden haben würde. Zehn Minuten genügten, um die Stimmung vollständig Umschlägen zu lasten. Es ist vielleicht nützlich, wenn wir die Ausführungen Schweriners hier wiedergeben. „Sie werden vielleicht enttäuscht sein, wenn Sie aunehmeu. das; ich aus starker Empörung verletzende Worte brauchen werde, die irgendeiner Tanne oder einem Herrn in dieser lcidenuhaNlich ausgeregten Versammlung wehe t;m;;nd die Leidenschaft mehren könnten. Wer für Wahrheit und Reckst kämpft, brauch; nicht zu beleidigen. Ich weiß. daß vicle hier im Saale meine Weltanschauung als Vaterland s liebender jüdischer T e u t s ch e r (stürmisches Oho!) — ja va tevlck ndsl übend er jüdicher Deutscher rückst keilen werden. Vornehmste Aufgabe der önentiicheu Versammluu-gen ist. Wellan-schannitgen in sachlicher Form auszutaw'chen. Tesllalb verstehe ich rückst, daß fick; die hoirk'ge Versammlung mit Frenzen wie Wwreuhansrrkkaure besänftigt, aastalt sich darüber deu -Nr-ps zn .zerbrechen-, wie wir unser armes V a t c r l a n b i n G c m c i n; d; a\ t» n r b c 11 a n f w ärts f ü h reu t ö n u c n. Wird in Tentfchland die Erfurter Bersammlungstängkeit neueren Stils Schute machen, daun werden rvir bald nur noch .stlatsch und Tratsch in der Sessentlichkeit breiltreten und die Vereins- und Vcrsammtnngssreiheit schänden, lLebhafter Beifall.) Ihre Angriffe gegen die Leitung eines großen und angesehenen Warenhauses, das ich nicht kenne und nie betreten habe, find in ihrer Wirkung doch die sckwuste Reklame für diews Haus. Jetzt wird man erst recht die Luftballons verlangen. Ach meine Damen und Herren, diese Ballons, die man sieht, können doch nickst so imsittl-ch wirken, wie cs der Redner hier geschildert hat. Diel gefährlicher fuit> die Lügen und Verleumdungen, die unsichtbar in der Lust hernmschwirren, die man nicht greifen kann, und deshalb doppelt schädlich sind." tLebhafter Beifall.) S ch m a (i x unterbricht: ..Wie kommen^ Sie dazu, mir Lügen und Verleumdungen vorzuwersen. Wer sind ^ie, wie kommen Sie hierher?" (Laute Zurufe: ..Das geht -sie gar nichts an!") „Auf eine freundliche Anfrage kann ich die freundliche Antwort geben, daß ich heute zu einem Kollegen nach Erfurt gekommen bin. der mir geraten hat. ich sollte zn Schmalir gehen, wenn ich mein Wissen bereichern wollte. Ich bin bereit. Ihnen meine Nationale mitznteiten mit dom ergebenen Bemerken, daß ich bisher mit Gefängnis noch nicht vorbestraft bin. (stürmischer Beifall.) Wenn der Herr Referent immer nur von jüdischer Ausbeutung spricht, so muß ich, der ich Erfurt nicht kenne und deshalb persönlich niemanden meinen kann, die Damen und Herren hier im Saale doch selber bitten, diese kühnen Behauptungen ncrchzuprüfen. Sind in Erfurt wirklich nur alle Juden Ausbeuter und alle christlichen Mitbürger engelgteiche Wohltäter der Menschheit? (Stürmische Ruse: Nein, Nein!!) lind dann immer wieder das Märchen von der angeborenen Minderwertigkeit der Inden. Sehen ^ie sich in Ihrem Kreise um. Sind da alle Ihre christlichem Mitbürger gut und alle jüdischen schlecht? Gibt es nicht in allen Konfessionen und Ständen gute und schlechte Menschen und haben nicht Ehrisicrr van Juden Gutes empfangen und sind nicht Christen von Christen schlecht behandelt worden? (Wiederholte Zustimmung.) In zehn Minuten ein zweistündiges Referat zu widerlegen, ist nickst möglich. Ich schlage deshalb dem Herrn Referenten vor, in it mir einmal g e m e i n sch a j t l i ch in einer großen öffentliche n B e r s a m m k u n g zu sprechen und ganz Erfurt zu diesem Feste einzuladen. Und dann wollen wir wieder zurück an unsere srielstiche Beschäftigung gehe;;. Ich, der Journalist, an meinen Schreibtisch, und Herr r-chmalch. der Landwirt, zu seiner Landwirtschaft: denn Erfurt würde es auf die Tauer nicht ertragen können, daß Herr Schmalix hier seinen Kohl barst." (Lm;ganhalteu-dcr Bc-imlü) Herr ^ch'.'.mlch verzichtet ans des Schlußwort und die Versammelten gehen in Ruhe auZcüminder, so daß das .zahlr^cho Polizeiaui'gebok nicht mehr in Erschrstnmg zu treten braucht. . . .