Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 705 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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'CJ, J<tih Serttn, 30. Oktober 1025 IV. Jahrgang ♦ Ne.. 44 Einzelnummer 10 Gol-pfenmz vT i WUsr WeKsssHMsM ^. j Monatsabonnement 40 Goldpfennlg \. \ zuzüglich Vestellgeld Verlag u. CchriftleiLung: Berlin 8Vi" 63, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Donhoff 3594,3595. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechselstube 0, Berlin SW 53, Lindenstr. 7, und von Coldschinidt-Rothschild L Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW i9, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90<-?.K für die 7gespaltene Zeile nach RudolfMosies Normalzeilenmester Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche <nid;t Stellenangebote) für Mitglieder d. Cenrralvereins 0,45 SM, die 90 :rin breite Reklamezeile 4,80 SM. 2Ul££emeine Zeiiun^ des üudentums Von A d a m R Montesguieu sagt irgendwo im „Geist der Gesetze": „Die politische Jugend fordert Selbstverleugnung und die fallt dem Menschen allemal sehr schwer." Wenn man die Parteien und ihre Kämpfe, richtiger gesagt: ihre Methoden und Kampsarten, überprüft, «fo findet man alles andere eher als Selbstverleugnung; die „politische Jugend" im Sinne Mvntesquieus ist bei ihnen wahrlich nicht zu Hause- Ter Parteikamps in unserem Vaterland hat nachgerade Formen angenommen, die nicht nur die Gebildeten und Verantwortungsvollen erschrecken; auch jene Volkskreise, die die Politik immer nur als eine Zufälligkeit im abgegrenzten Rahmen ihres bürgerlich-beruflichen Tuns betrachten, sind entsetzt über die Rohheit und Rücksichtslosigkeit der politischen Parteikämpfe, über die Hemmungslosigkeit einer Agitation, die vor keinem Mittel Zurückschreckt. Man hat schon immer gesagt: die Deutschen seien kein politisches Volk. Das ist gewiß insofern richtig, wenn man feststellt, daß das deutsche Volk, gemessen an seinen sonstigen Leistungen für die allgemeine Kultur, nun stärkere Jntensirät des Politischen bekunden müsse. Unter diesem Gesichtspunkt freilich, muß man sagen, daß der Deutsche nur ein getrübtes Verhältnis zu dein Koder dessen besitzt, was man eine wesens- und formsichere Haltung den politischen Forderungen gegenüber nennt. Um nur eines herauszunehmen: Es ist Tatsache, daß, seitdem die Forderung der Gleichheit und Freiheit aller vor dem Gesetz in der deutschen Republik durchgesührt ist, ein anmaßendes Wesen in allen Kreisen des Volkes Angenommen hat. Das rüpelhafte Verhalten der Jugend sei nur nebenher erwähnt; das setzte schon im alten Staat, lange vor dem Kriege, ein, da der 18jährige Leutnant und der sarbentragende Verbindungsstudent zu Exponenten der Gesellschaftskultur erhoben wurden. Von jenen Schichten aus wurde die Ueberheblichkeit in unser Volk getragen; das Gebaren jener Klassen färbt im Zeitalter der raschen Popularisierung aller Strömungen nach allen Seiten ab. Aber gewiß ist, daß in der Periode der demokratischen Republik eine Uebcrsteigerung aller Selbsteinschätzung stattgesunden hat. die vom national-kulturellen Standpunkt aus tief zu beklagen ist. Niemand will sich mehr etwas sagen lassen. Man hat vollkommen übersehen, daß jede Berussleistnng von brüderlichem Geist getragen sein soll, und daß jede Art beruflicher Tätigkeit Dienst am V a t e r l a n d e ist. Für die Beamten gilt das insbesondere. Aber gerade diese Kreise, die aus dem Untertänigkeitsverhättuis herausgehoben wurden, lassen es gar oft —glücklicherweise nicht überall— an diesem in höflicher Form zu leistenden Dienst am Vaterland sohlen. Und das gilt für das ganze Volk. Wenn es Vorkommen kann, daß ein Theaterorchester den Begum einer Vorstellung eine Stunde hinaus- Zögert — einfach nicht spielt —, weil irgendeine nebensächliche Forderung der Organisation nicht erfüllt wurde —, wenn ein Tenorist rn der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt der „Aida" im Kostüm zu dem im Theater anwesenden Minister- Vorgesetzten srürmt und erklärt, er werde 'in der Oper nicht weitersingen, wenn er nicht auch den Titel Kammersänger bekomme — und die Forderung wurde gewährt —, dann weiß man, daß hier Disziplinlosigkeiten und ein Mangel des Gefühls für solidarische Verbindlichkeit aller der Gesamtheit gegenüber vorliegen, die in einem auf Freiheit und Gleichheit gegründeten Gemeinwesen überwnmden sein müßten. Gerade der moderne Staat mit seiner Freiheit und Gleichheit für alle, der doch alle Bürger aus dem Untertänigkeitsverhältnis befreit und sie zu Glcichgewerteten erhoben hat, verlangt von seinen Angehörigen restlose Hingabe ans Ganze, vollkommenen Dienst am Vaterland. Diese Erscheinungen des Ueberheblichen — die zudem Praktisch wertlos sind, da sie mit anderen Überheblichkeiten beantwortet werden — weisen auf eine Verpöbelung der Gesinnung, die einer gesunden Fortentwicklung des demokratischen Staats'wesens entgegensteht. Die Demokratie mutz Aristokratisierung der sozial-bürgerlichen Umgangsformen für alle erzeugen, wenn sie Staat und Gemeinschaft kulturell zu höheren Formen führen soll. Tie „politische Jugend" erfordert Selbstverleugnung; das wurde geschrieben zu einer Zeit, da Politik und öffentliches Leben noch in den Windeln lagen und die Belvältignng der Staatsgeschäfte einem exklusiven Kreis übertragen war. Tie nämliche Verpöbelung zeigt sich auch im Kampf der Parteien. Wenn man auch „mildernd" in Rechnung stellen mutz, datz die Leichtigkeit, die modernen Verkehrsmittel auch im Geistigen mit Erfolg zu gebrauchen, der Gewissenlosigkeit des Parteien und Parleikämpfe. Seite 707. Seite 709. Die Funde am Sinai. Don Professor Hubert Grimme (Münster) und Dr. Bruno Weil (Berlin). Seite 711.