Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1925-10-23 · 2 (23.10.1925) · p. Seite X

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
1 (1925)
Issue
2 (23.10.1925)
Date
1925-10-23
Page
Seite X (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9221535-9548911-9548913--010-3537454
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— VII selten, daß sie des jtfjüucn Landes, in dein wir leben, würdig ist. vielleicht wäre es wirklich besser, die deutsche Jugend könnte wieder, wie bercinft in geruhsamen Tagen, T,rer eigenen Bildung und Entwicklung leben, nur lernen u u d s eh a u c n , bis sie zu harmonischen Männern und Frauen gereist ist. Es ist ihr dieses Schicksal jedoch nicht beschieden, denn nur haben Notzeiten, und die verlangen jede Kraft, die im Balte vorhanden. Noch nie in der Eeschichte hat die Jugend da setzweigend und abwartend zur Seite gestanden, wo Gefahr war. Tie Römer nannten den jungen Mann, „vir", und sic leiteten davon das Wort „vir t ns", d. h. die Tugend, ab. Tugend war ihnen treuer und tatkräftiger Dienst am Staat. Jung ist auch heute in Deutschland nicht nur eine Altersbezeichnung, das Wort ineint darüber hinaus all die Menschen, die ihre Zeit Verstehen und uiitwir-.-n an der Entwicklung der Zukunftstrafte. Alt sind heute alle die Jugendlichen, die noch so leben, wie die Generation vor dem Kriege es in ihrer Mehrzahl getan hat, die wieder meinen, Jugend gäbe das Recht, nur zu tanzen und sich zu vergnügen. Jung sein heißt heute eine c r 11 ft e B e rantworL u n g für das Schicksal Deutschlands tragen. Kann cs denn unsere Generation je vergessen, das; unsere Reihen gelichtet sind, das; viele derer, die mit uns als vstnder spielten, tot draußen liegen? Sie brachten Vaterland und Staat das Opfer ihres Lebens, und dieses Opfer verpflichtet uns, für dieses Vaterland und diesen Staat zu leben. Es mag sein, das; unsere Generation, die seht im Kampfe steh-, nie die Harmonie früherer Geschlechter erreichen wird. Man wird es ihr immer anmcrken, das; es in ihre Blüten geregnet hat. Doch wer einmal alte Sturmtanncu gesehen hat, mit geknickten Aesten und narbiger Rinde, der weiß, das; sie fester in; Erdreich wurzeln als die wohlgepflcgten Bäume schöner Gärten. Unser Schicksal ist das Schicksal dieser Wettertannen. und hart und zäh wie diese wird deutsche Jugend die deutsche Erde umklammern. Politische Jugendarbeit liegt nicht i m D e m onftricre n. Arbeiten ist lernen, sehe;;, was heute in Deutschland vorgeht, und darauf sinnen, wie es zu bessern sei, sich damit entscheiden. Denn politisches Wollen wird nur dann wirksam, wenn aus dem Wollen vieler sich ein E i n h e i t § w i l l e gestaltet, ans mannigfachen Schattierungen des Meinens sich eine große Linie ergibt. Träger dieses Einheitswillens sind im heutigen Staat die politischen Parteien. Deswegen kann eine Jugend, die bewußt arn Ltaat Mitarbeiten will, sich diesen Parteien, wenn sic auch in ihrer heutigen Form ihr nicht gefallen, nicht ferm halten. Aber sie kann ihren Geist, den erdverbundenen Geist der deutschen Jugendbewegung, in diese alten Parteien hincintragen und diese — und d a m i t den Staat — verjüngen. In allen Parteien gibt cs neben den „Bonzen" wahrhafte Führer. Dafür hat die Jugend ein feines Empfinden. Sie darf aber diejenigen, die ne als Führer erkannt hat, nicht isoliert stehen lassen, sondern ne hat die edle Pflicht, ihnen Stufe zu sein. Jeder Führer braucht G e f o l g s ch a f t. Unter der deutschen Jugend hat heute die j ü d i s ch e wohl d i e größten Hemmungen de^r Politik gegenüber. Bei ihr kommt zu den allgemeinen Schwierigkeiten noch die große Enttäuschung und dauernde seelische Behinderung durch den Ärttisemttismus. Das hat dazu geführt, daß ein Teil dieser Jugend heute im zionistischen Lager steht. Wir brauchen nicht mit Völkischen oder Zionisten über Nasscnfragen zu diskutieren und zu rechten. Haben wir nicht alle, ans Bcrgcshöhe stehend, schon im Innersten jenes große Gefühl gehabt, das Eichendorff einmal schlicht in die Worte faßte: „Grüß d i ch , D e u t s ch l a n d, a u s Herzensgrund!" Dieses Fühlen ist stärker in uns. als aller Haß, den Menschen uns zusügen konnten. Wer in sich weiß, ein Deutscher zu sein, dem kann niemand sein Deutschtum ab sprechen und damit nicht nur das Recht, sondern auch die Verpflichtung zur Arbeit am Staat. Hierbei muß aber jeder deutsche Jude heute wissen, daß es in der Politik für ihn weder Ehrenstellen noch sonst etwas zu holen gibt. Die Ursachen sind tief bedrückend, aber doch liegt darin für die politische Jugend unserer Kreise eine große Kraft. Jeder einzelne hat die Gewißheit und die Sicherheit, daß er nicht „von dcr Politik lebt", sondern „für die Politik". Wohl wird aber der deutsche Jude in der Politik das finden, was jeder Mensch empfängt, der ernsthaft für eine Idee eintritt: Halt und Geschlossenheit und eine Heimat seiner G e d a n k e n. Dazu kommt noch ein anderes. Jeder deutsche Mensch hat es seit dem Frieden von Versailles gespürt, was es heißt, Unrecht zu leider;. Der Judenhaß läßt den deutschen Inden das in anderer Weife im eigenen Lande fühlen. Nie wird aber das Leiden dem freien Men sehen' zum geprügelten Hund machen; er wird an ihm zum Streiter f ü r das Recht werden. Heute ist das die geschichtliche Aufgabe Deutschlands in der Welt, und an ihr wird die deutsche jüdische Jugend ans ihrem eigenen Erleben heraus mithclfen können. Welchen Parteien soll sich nun die d e n t f ch e jüdische Jugend a n s ch l i e ß e u? Es gibt für sie hier k e i n e z w a n g s - mäßige Gebundenheit. Wir haben junge Menschen jeder politischen Züchtung in unseren Reihen, auch solche, die politisch rechts stehen. Für diese Jugend ergibt sich die tragische Lage, daß sie nicht für ihre Ideen arbeiten kann, weil die Rechtsparteien vielfach unter antisemitischem Einfluß stehen. Sic mm; still zur —eite stehen; denn Parteizugehörigkeit aus bloßen Inter essengrün den — und seien es die berechtigtsten — ist für jeden wahrhaft jugendlichen Menschen unmöglich. Diejenigen aber, die ihre Weltanschauung zu den Parteien führt, welche das deutsche Volk in dcr Gesamtheit seiner Bürger sehen, die mögen arbeiten und kämpfen in ernster Verantwortung und in frohem Vertrauen zu Land und Menschen. „G r ü ß dich, Deutschland, a u s H e r 3 c n s - g r u n d!"' „blau-weiß" und „Rameraüen". Zwei offene Briese. Bor einiger Zeit diente die „I ü d i s ch e Z e i t u n g f ü r O stdeutfchland", das Organ der schlesischen Zionisten, zu einer grundsätzlichen Anssprache zwischen dem „Blau-Weiß" und den .'.Kameraden". Beide Bünde, getrennt durch ihre gegensätzliche Aufsagung von der Bedeutung des Judentums, geeint durch ihre gemeinsame Zuge h ö rmgkeit zj ü d i - s ch cti Inge 11 dbewcg u n g. wählten die Form des „O f t c n c n Briefe s", um sich über ihre Grundlagen und ihre Ziele auseinandcrzusetzen. Wie aus den historischen Tatsachen ohne weiteres crsichllich ist. tritt dieie Diskussion mit dem Anspruch am, jahrelang Erlebtes und Durchdachtes in abschließende Worte zu fassen und damit die zurzeit e 11 b g ü t t1 g c Idee des Bundes zu oüenbnrcn. Wenn bisher von beiden Parteien u n t c r schic d s l 0 s gesprochen ionrde, so erfordert Thon das zuletzt Genagte eine gewisse Einschränkung: Der „Blau-Weiß" nämlich, der seine Rolle des F r a g e st e l le r s mehrfach zu derjenigen eines öffentlichen Anklägers steigert, empfindet seine eigene Posttion als so stark, das; er eine Darlegung ihrer eigentlichen Inhalte übergehen zu dürfen meint. Das ändert jedoch nichts an dem, was über die arnndsätztiche Bedeutung dcr Ausführungen weben gesagt wurde: Auch der „Blau-Weiß" zieht in seinem offenen Brief die Resultate jahrelanger Beobachtungen und setzt hinter sie den Schlußpnnkt — oder vielmehr das Fragezeichen. Wir haben cs alw hier nicht mit T e i l s r a g e n zu tun und nicht mit Einzelmeiunngen, sondern hinter dem, was zwischen den Breslauer Ortsgruppen ausgetragen wurde, stand die ganze Autorität der Bünde. Dieser Umstand gibt uns die Berechtigung, uns an dieser Stelle damit zu besauen. Tie Fragestellung, mit der der „Blau-Weiß" über Sinn und Haltung der „KameradciG-Bewegung Ausschluß begehrt, umfaßt zwei Gesichtspunkte, die sich etwa folgendermaßen darftellen lassen: 1. Die gegenwärtige Situation des Judentums ist außerordentlich gefährlich und kann verhängnisvoll iverdeu. 2. Was wollen die „Kameraden" tun, um sie zu ändern? Ter erste Punkt, die Grundthese des „Blau-Weiß", wird an Tatsachen wie Taufe, Mischehe, Jndiüercnz. Antisemitismus u. a. erhärtet. Wir hören dabei nicht viel Neues, aber vieles, dem wir ohne weiteres zustinuncn können. Die Kritik, die an dem Kampf gegen den Judenhaß geübt wird, und die hauptsächlich mit dem Eimvand operiert, daß die Hochflut des Nachkriegsantisemitisnnrs die Nutzlosigkeit der bisher angewandten Methoden erwiesen habe, liegt zu sehr an der Oberfläche der Erscheinungen, als daß wir anis neue zu ihrer Widerlegung zu schreiten brauchten. Den „Blan-Weiß"-Fragestellern bedeutet sie sozusagen noch den letztem Tropfen, der das Faß der Verzweiflung zum Uebcrlausen bringt. Ans der Unmöglichkeit zu fruchtbarer Arbeit im „Galnih" ergibt sich ihnen die Pflicht der Abkehr — Palä st i n a. Und es bleibt für sie nur noch die Frage an die Jugendbewegung der anderen Richtung, w a r u m sie hie r n i cht m i 11 u e und welche andere Entschließungen sie aus der Situation der Gegenwart herzuleiten das Recht habe. Tie „Kameraden" beantworteten zunächst die Frage nach dem Ziel ihrer Bewegung. „Unser Ziel klingt genau wie das eure: E r - Haltung des Indent u m s." Aber es klingt nur w: denn die „Kameraden" lehnen es ab, Judentum mit jüdischem Boik ateiihznsttzen. Auch die Zeit der Zerstreuung hat es nicht vermocht, die „jüdische Wirklichkeit" zu zerstören, sondern sie hat erwiesen, das; diese Wirklichkeit nicht mit der E r i st e n z des B 0 l k s t u m s znsammenhängt. Bejahung dcr kuttnrell und seelisch fruchtbaren Situation der Diaspora und Znrücksührnng der Zcrfallserscheinnngeu ans die vorübergehenden Zeitnmstände bringen schließlich den Wortführer dcr „Kameraden" zu demjenigen Punkt, wo der eigentliche Gegensatz zur zionistischen Jugendbewegung liegt: In einfacher, phrast'i'.loser Beweisführung baut er seine Üebcrzcngnng ans von der Verbundenheit der deutschen Inden mit dem deutschen Volk. Es steht viel Bemerlensivertes in den beiden Briefen dieser jungen Menschen. Es ist ein tapferes Suchen in den Worten der „Kameraden" und eine ernste Entschlossenheit, den als richtig erkannten Weg zu gehen. Wir konnten hier leider nur Andeutungen geben. Wenn sie mit dazu beigetragen haben, den Eifer, immer aufs neue die Frage nach Sinn und Zweck zu stellen und zu beantivortcn, nicht müde iverdeu zu lassen, dann ivird am besten der Gefahr vorgebengt iverdeu, daß die Jugendbünde sich vorzeitig bei einem Gngjam in Erstarrung übergehenden W ort - Ideal beruhigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.