Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 2 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- Seite XI (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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VHI Aas heißt national? Gin altes unv doch ein neues Buch. Man zucke nicht verachtungsvoll die Achseln. auch wenn e? sich um ein sogenanntes Abwehr buch handelt. Man lasse die Bücher nicht entgelten, das; man sie aus äußeren Gründen unter emen Sammelbegriff bringt, der unschön ist und das Streben nach Positivem Wirken nicht sofort erkennen läßt. Alan verkenne doch nicht, daß jedes Buch, das über Wesen und Inhalt des Judentums etwas aussagt, sofern es nur Wesentliches anssagt, eine positive Leistung für das Judentum ist. Und man unterschätze auch nicht den Wert der zahllosen, unter dem Gebot der Stunde oft leider hastig herausgegebenen Schriften, die Kritik an Politischen und soziologischen Erscheinungen des Deutschtums üben. Denn niemals ist diese Kritik negativ, immer steht hinter ihr ein klarer Vorschlag zur V e r b e s s e r u n q , ein ehrlicher u n d starker Wille zur Mitarbeit i rn V a t e r l a n d e. Also lasten wir uns durch Rubrik „Abwchrfchristen" in unserem Urteil nicht behindern,^ noch weniger aber in unserem Willen zur Arbeit in den Schriften dieser „unschönen" Rubrik. Die neue „Abwehr"schrift, über die hier einiges und soviel gesagt werden soll, daß in den Kreisen der Leser dieser Beilage der Wunsch erwacht, das Buch selbst zu besitzen und seinen Inhalt erarbeitend zu erfassen, ist ein — vor fast 50 Jahren gehaltener Vortrag*) Moritz Lazarus', besten hundertsten Geburtstag vor kaum Jahresfrist die „E. V.-Zeitung" mit einer Gedenknummer ehrte. Dieser große deutsche Gelehrte, dieser Jude „t reu u n d f r e i", war in jenen Zeitläuften, in denen der Vortrag sich abspielt, auf dem Posten, der Sturmflut der Stöckerschn Bewegung entgegenzutreten. Noch gab cs damals keinen C. V. In Petitionen erschöpfte sich die Fähigkeit der jüdischen Bevölkerung zur Abwehr. Noch war Raphael Löwenfelds unsterbliche Prägung „Glicht Schntzjude — Staatsbürger!" und Eugen Fuchs' Forderung von der S e l b st v e r! e i d i g u n g i m L i ch t e der Öffentlichkeit nicht erklungen. Einsam, aber überragend in feiner Bedeutung stand damals Moritz Lazarus da und formte in geradezu klassisch anmntender Form die Leitgedanken der Idee, aus der unser E. V. beruht. „Was man wieder einmal die Judensrage nennt, ist lediglich eine deutsche Frage", leitet Lazarus seinen Vortrag ein, von den; er wünscht, daß ihn alle Menschen hören mögen, „lleberall und immer ist die Frage-der Gerechtigkeit und der Humanität wichtiger für den. der sie Zu gewahren, als für den, der sie Zu empfangen hat" . . . „Nicht die Zornesröte des Juden, sondern die Schamröte des Deutschen ist es, die aus unseren Wangen brennt. . . . Aber lasten wir uns nicht verbittern!" Wer möchte ein Buch nicht lesen, besten Derfaster eine solch schöpserische Gestaltungskraft auszeichnet, daß wir noch heute im Grundgedanken eine treffendere und schönere Form für unsere eigene Einstellung nicht finden können? Doch abgesehen vom sprachlich und gedanklich Schönen. Der tiefere Wert des Buches liegt in seiner Wissenschaftlichkeit, in der Uebersichtlichleit des Stoffes, in der Entschlossenheit der Lösungen, die Lazarus zur Frage „Was heißt national?" vortragt. Lazarus findet als Ergebnis des ersten Teiles seiner Untersuchungen, die sich auf Loekh und Rümelin stützen, Sprache und Willen zum Volte als dem Kriterium der nationaler: Zugehörigkeit und beantwortet die Frage, welcher Nation wir deutsche Juden angehören, rückhaltlos mit ,W ir sind Deutsche, nichts als Deutsche. Wenn vom Begriff der Nationalität die Rede ist, gehören wir nur einer Nation an, der deutschen." f Lazarus' Bestrebungen berühren dann die Frage, ob stammesmäßige Zugehörigkeit Voraussetzung der nationalen Zugehörigkeit bildet, und erhärtet an Beispielen die Dürftigkeit einer solchen Forderung. Er begründet dann die zum Angris so oft Anlaß bietende soziologische Gliederung des deutschen Judentums und läßt den Willen erkennen, hier Wandel zu schassen. Die Verdienste jüdischer Forscher mn die deutsche Wisienschaft werden angeführt, das Verhältnis von Judentum und Christentum erörtert — kurz: ein Handbuch der Judenfrage, aus der Perspektive einer vergangenen Generation gesehen, ist der Vortrag, aber ausgezeichnet durch seine die Zeit überdauernde Größe und Starke der Konzeption. Doch könnten wir Lazarus einen A o r a u s a h n e r des Central' Vereins nennen, ohne daß wir seine Stellung zum Judentum kennten? „Wir dürfen nicht bloß," sagt Lazarus bei einer Prüfung vom höchsten Wert der Nation, „wir müsten, um vollkommene, im höchsten Maße leistungsfähige Deutsche zu sein, Inden sein und bleiben." Keine Phrase ans Lazarus' Munde. 'Sorgfältige Untersuchungen gingen voran und folgen. Das Wesen des Judentums wird erfaßt und entwickelt, im Urteil der Wissenschaft aufaezeigt. ... r Mr^ brechen das Referat ab. Es sollte nur Andeutungen geben für den Inhalt des Buches und versuchen, dem jungen Leser die Einstellung zu verschossen, von der aus er dieses Auch nur Gewinn lesen könne. Daß Dr. I. Levh ein Vorwort dazu verfaßt hat, das die Entwicklung von Stöcker bis Hitler kurz skizziert, dabei auch das Zeilkolorit herzustellcn versucht, in dem Lazarus' Vortrag gedacht werden muß, bleibe nicht unerwähnt. g. *) ,,Was heißt national?" Gin Vortraq von Professor M. Lazarus. Mit einem Vorwort von Dr. I. L e v y. Berlin 1925. Philo Verlag und Buch. Handlung <2. m. b. H. Preis 2,25 Mark. Iakoh Waffernrsnns Rat. Jakob Wassermann beschließt sein Werl „M e i n W c g a l § Deutscher unb Jude" (3. Fischer Verlag. Berlin) mit nachstehenden AuLfülirungeu, die wir mit steundUcV'c Geiidnmaiina des Verlages zum Abdruck bringen. Die S ch r i s t l e i t u n g. Was sollen aber die Inden tun? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Das Thema in seiner Uncrschöpslichkeit spottet jeder Bemühung. Opfer sind nicht zurenchmd. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Ueberläufertum verbietet sich dein, der sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem Ergebnis nur für die, die zur Anpassung aegeignet sind, also für die schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung. Was bleibt? Selbstvernichtnug? Ein Leben in Dämmerung Beklommenheit und Unsreude, zu schleppen nur für jene, die es anf pure Existenz und deren äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, nn faßt ich für die Erleuchteten oder Seelenhafteil, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser Einsamkeit und aussichtslosem Kampf —? Es ift bester, nicht daran zu denken. Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit 311 hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder Geist', hüben oder drüben, oder aus der Brücke dazwischen. Vielleicht hat er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich in ich als einen von ihnen betrachten. Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts -meine? Leben?, in einem Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie das rudere, keines ift vom anderen zu lösen. Ich spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene Bevoußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahuenhaster 'und wahlhasler, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb, wei-t ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, w<eiL beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu lvehren, Stimmen zu rufen, zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung. Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, nwzu es mich treibt. Und £2 ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es mit trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingclehrt. In denn Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die Mensichen eröffnen, -ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst ans einer Höhe stünde, um nach GöLLerweije die Verlorenen heraufzuziehen. So ist cs nicht. Ter Eröffner und Ergreifer wird mit erhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich daß im Abstand von den niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer de? Hasses und Unrechts ohmnächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne finden. Eerbstfahrt, Märkische Heide — sonnenbeschicnen. Ten Tag durchwandert. Müde konunen nur ins Ouartier. „Du, sieh' mal, was sind denn das für welche —?" „Schwarzes Kreuz aus weißem Grunde?" „Vallenorden!" „Na, das ist ja lieblich! Was sollen wir gegen die 2b Mann?" Und der A. W. V. ist andj da. Aber nichts — desto — trotz. Klampfe raus. Ehe wir uns versehen, sind wir mitten drin. Singen und spielen mit den andern Volkslieder um die Töette bis in die sinkende Nacht. Kein Mißtvn (Dissonanzen schon eher!) stört die Harnwnie. Nacht! Ter Mond wacht über der schlafenden Schar. Draußen röhren die Hirsche. Andern Tags weiter. Durch Löald und Feld. Kein Mensch den ganzen Tag lang. Nur Nudel Wild kreuzen unseren Weg. Abkochen. Aber es hat wirklich geschmeckt. Diesen Abend sind wir in ernsterer Gesellschaft. Wir unterhalten uns beim Lawpenschm, bis die müden Glieder den einen und andern mahnen, das Lager zu suchen. Wieder weiter. Wir müssm noch so viel sehen. Hans Rosenberger.