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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1925-10-23 · 2 (23.10.1925) · p. Seite IX

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
1 (1925)
Issue
2 (23.10.1925)
Date
1925-10-23
Page
Seite IX (sequence 2)
Language
German
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von Arthur Lilienthal (öerlinj unö Julie Meper lvürnberg). Wir haben in Durchführung unserer Absicht, jeweils ein die Jugend besonders stark bewegendes Problem behandeln zu lasten, als Thema für die vorliegende Nnrnmcr „Jugend und Politik" gewählt. Die Stellungnahme der SchriftleiLnng ergibt sich anS dem Leitaussatze dieser Nummer. Die Schristlcitnng. Iugenögeöcmkerr Zur Politik. Bon Arthur LrLicnthal ^Berlin). Noch immer erfahren wir es gerade bei jungen Menschen, die wir als geistig und religiös wertvoll schätzen, verhältnismässig häufig, daß sie jede B e s ch ä f t i g u n g mit Politik, ja sogar jedes Interesse für politische Tinge e nt* schieden ablehne n. Sie glauben, daß sie mit dem Kampf und dem Zank, den sie da sehen, nichts zu tun haben oder gar, daß sie sich sernhalten müssen von dieser niederen Sphäre menschlichen Lebens. Und doch wäre cs gerade die Pflicht des religiösen jungen Menschen, sich mit den Problernen, die man als die politischer! zu bezeichnen pflegt, auseinanderznsetzen. Was ist denn Politik? Nicht nur der Kampf mehr oder weniger einseitig durch materielle Interessen zusammengehaltener Gruppen um die Macht. Sondern die erste Erkenntnis, die nottnt, ist die-. Politik ist Gest a l t u n g des m cn f d} I i cf) c n 6c m e i n sch a ft s l eb c ns. Das ist sie nicht nur deshalb, weil so viele Beziehungen der Menschen untereinander durch die der Politik entspringenden Gesetze geregelt werden. Tabei ist schon die Bedeutung dieser Regelung kaum zu überschätzen; denn die gesetzliche Regelung des Familien-, des Wirnchasts-, des Strafrechts kann von gewaltiger Bedeutung keineswegs nur für unsere äußeren Verhältnisse. sondern auch unmittelbar für den geistigen und sittliche:! Zustand des Volkes sein. Und doch, noch viel tiefer reicht die mittelbare geistige und sittliche Wirkung der Politik. Wir sollten da eigentlich aus den Ereignissen des letzten Jahrzehnts gelernt haben. Wir haben erfahren, wie Krieg und politische Verhältnisse der Nachkriegszeit den seelischen Zustand großer Massen eines ganzen Volkes umgestalten konnten, wie die Politik und die von ihr geschassrncn Lebensverhältnisse alle schlechten Triebe: Haß, Rachsucht, Fanatismus, Habgier, rücksichtsloses Hinwegsetzen über andere, wachgerufen haben. Es bedarf aber gar nicht des Hinweises ans io außergewöhnliche Ereignisse. Ruch in anderen Zeiten ist der seelische Zustand und die geistige Einstellung unzähliger Menschen sehr wesentlich von der Politik der einflußreichsten Gruppen und der politischen Atmosphäre im Lande abhängig. Keine noch so große geistige Einzelleistung kann mit solcher Gewalt und Schnelligkeit wirken, wie unter modernen Verhältnisicn eine Kriegshetze die Geister zu erregen und für alles Schlechte empfänglich zu machen vermag. Keine Lehre und keine g e i st i g e M a ch t v e r m a g den Geist derNäch st e n - liebe bei der großen Mehrzahl der Menschen zu erwecken, wenn die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse derart gestaltet sind, daß sie in ganzen Bevölkern ngssch ich ten Klassen haß und fanatische Erbitterung gewaltsam großzüchten. Wirtschaftliche und soziale Unterdrückung unterdrücken die Nächstenliebe wie das gegenseitige Verständnis und wecken den Haß. Ebenso vergiften kulturelle, religiöse, nationale Unterdrückung die Beziehungen der Menschen zueinander. Es ist ganz deutlich: die Politik ist von entscheidendem Einfluß aus das Verhältnis von Mensch zu Mensch, also auf diejenige Frage, die das Zentralprobleni jüdischer Religiosität ist. Was bedeutet letzten Eudes die friedliche Gesinnung gegenüber dem Nebcnmenschen, wenn sie sich verbindet mit dem Haß gegen die Menschen des anderen Landes, was alle Treue und alle Nächstenliebe im eigenen Kreise, wenn sie verbunden ist mit der Verachtung des anderen, der an der Maschine steht. Das Entscheidende fehlt doch immer: Das Verhalten zum anderen als Mitmenschen, demgegenüber wir nur, Weil er Mensch ist, sittlich handeln. Es ist eine Gewöhnung daran, sich irn allgemeinen vernünftig, vielleicht auch wohltätig zu benehmen, aber nicht eine tief verankerte Gesinnung. Eine solche zu schassen, nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern bei vielen, ist nnr möglich, wenn das Gemeinschaftsleben in ihren! Sinne gestaltet wird. Nur wenn wir denen das Feld nicht überlassen, die an Haß und Machtgier appellieren, wenn dafür gesorgt wird, daß nicht Ungerechtigkeit und Härte im staatlichen und im Wirtschaftsleben Haß und Erbitterung schassen, daß die geistige Entwicklung der Menschheit nicht künstlich gehemmt wird, können wir vorwärts kommen. Und deshalb hängt alles davon ab, daß nicht nur die tüchtigen Fachmänner und die geschickten Taktiker und die wirksamen Dolksredner die Politik machen und die politische Atmosphäre schassen, sondern die religiösen Menschen. Und hier müßte auch eine b e s o n d e r e Auf g a b e f ü r d i e Jugend liegen; für die Jugend, die zwar nicht fertig ist und nicht für immer fertig sein soll mit allen ihren Ansichten, die aber, wenn sie wirklich Jugend ist, stets das Ganze will. Eine religiöse jüdische Jugend, die sich dessen bewußt ist, daß religiöse V e w ä h r u n g letzten Endes nur das Verhalten zum anderen Menschen ist, muß die Bannerträgerin sein iin Kampf für den Einfluß des religiösen Menschen a u f di e P v i 11 i f. Nicht kann und nicht muß jeder sich dauernd aktiv politisch betätigen. Aber ganz abgesehen von der elb st v e r st ä n d l i ch k e i t de r A u s ü b tt u g d e r st a a t s b ü r g e r l i ch e n W a h l - u n d Stimmrechte kann jeder dadurch, daß er nicht das politische Gespräch interessenlos meidet, sondern in seinen! Kreis in seinem Sinne wirkt, an der politischen Atmosphäre und dainit an der Politik und.der Auswahl der führenden Menschen Mitwirken. Voraussetzung ist natürlich, daß wir selbst unsere Ansichten klären und kräftigen. ES muß — so ungewohnt ist das den meisten von uns — gelernt kein, unsere religiösen und sittlichen lleberzengnugen auch ans Fragen dessen, was wir Politik nennen, anzuwendcn. Und deshalb sollten Nur uns vielleicht auch in unseren Organisationen mehr, als es bisher vielfach geschah, mit diesen Dingen beschäftigen. Tb im einzelnen die Meinungen auseinandergehen, darauf kommt es nicht an. Was im einzelnen im Interesse des Zieles zweckmäßig ist, darüber mögen die Meinungen auseinandergchen. Was wir aber von einen! religiöse n Ri e n s ch e n und besonders von einem jungen verlangen können und müssen, ist, daß er nicht hier verwirft, was er sonst anerkennt, und hier verleugnet, was ihm sonst hehr und heilig ist. Und damit ist schon sehr viel getan oder sogar das Entscheidende. Es sollte die Aufgabe der religiösen jüdischen Jugend sein, hier voranzngchen. Sie erfüllt damit eine hohe Ausgabe und nicht zuletzt eine Ausgabe unseres Judentums. politische JugenöbeWegung? Don Julie Meyer (N ü ruber g). Vor einiger Zeit brachte die „Berliner I l l i* ft r i c r f c Zeitung" eine Reihe von Photographien, welche Jugendliche bei politischen T e m o n st r a t i o n e n zeigten, lärmende, schreiende, fahnenschwingende Jugend. In den Gesichtern lag nur die Freude au der „Hetz'", und die Bilder sollten die Beschauer wohl darauf aufmerksam machen, wohin heute die deutsche Jugend verantwortungslos treibt, und wie sie ernste Tinge zum Kinderspiel verzerrt. Wer die politische Jugendbewegung kennt, wer je in ihr mitgearbcitet hat, wird diese Bilder mit tiefer Beschämung angesehen haben. Das ist es wahrlich nicht, was die politische Jugendbewegung — gleichviel welcher Richtung — wollte, als sie, nachdem der Jugend das Wahlrecht geworden, in die Schranken des politischen Kampfes trat. Ihr war dieser Schritt nicht leicht geworden. Die Jugendbewegung, wie sie vor dem Kriege in Deutschland erwuchs, stand jeder Politik fern. Es war ihr nur um die Seele des Menschen zu tun, um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Wohl suchte sie auch das Volk, belebte seine alten Spiele, Lieder und Tänze. Doch die Politik war ihr eine häßliche Sache, bei der es nur Bonzen und Taktik gab, und die den beschmutzte, der sie anfaßte. Es gibt heute noch deutsche Jugend, die das glaubt. Aber es gibt andere, die die große Not des Staates mahnt, nun die Not der eigenen Seele zu vergessen und helfend einzuspringen mit frischer fl rast, wo es gilt, das Reich wieder auszubancn. Allerdings sieht keine politische Jugendbewegung im Staat nur etwas R a t i o n a l e s , in der Politik nur Z w e ck m ä ß i g k e i t s s r a g c n. Doch es ist der deutschen Jugend heute klar geworden, daß das bloße Träumen vom Volk nie und nimmer zu seiner Festigung führt, daß das deutsche Volk ewig „die Rebe" bleibt, „die schwankend und wild den Boden mnirret", wenn ihr die starke Stütze des Staates fehlt. Deswegen gilt es. sich uni diesen Staat zu kümmern. Die deutsche Jugendbewegung darf sich nicht für das Ganze zwecklos in Wald und Feld verlieren, aber sie wird aus ihrer engen 'Naturverbundenheit, aus Wald und Feld, neue Kräfte in die deutsche Politik tragen. Sie muß sie vom g r ü n en T i s ch befreien und s o so ge-

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