Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- Seite 695 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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695 WsHes tommt die Tenemng? Gründe und TcheingrL'nrde. Die Frist, die die Regierung Luther sich für ihre Preisabbaua-ttan selbst gestellt hat, ist abgelanfen. Der 1, Oktober ist verstrichen, ohne daß eine spürbare Erleichterung bisher eiugetreten ist. Der Brotpreis ist trotz der ungewöhnlich guten Ernte nur minimal gesunken. Die Erhöhung der Mieten im Lause der nächsten Monate ist beschlossene Sache, und die Winterlleidung ist wesentlich teurer als iui vorigen Jahre. Gegenüber diesen wichtigsten Faktoren der Lebenshaltung spielt die Preisermäßigung einiger hochwertiger Jndustrieerzeug-üsse keine Nolle. In weiten Kr eist n Per Bevölkerung wird daher die Preissenknngsaktion der Negierung als mißlungen betrachtet. Tie Teuerung ist da. Das Volk, das sie täglich am eigenen Leibe Zu spüren bekouunt, ist aber nicht gewillt, sie als eine Schicksalsfügung fatalistisch hinznnehnwn. sondern fragt nach den Gründen. Auch dem politisch und nürtschaftlich Ungeschickten kann es nicht entgehen, daß die Teuerungswelle eingesetzt'hat, nachdem die Annahme des neuen Zolltarifs und der neuen, die Wirtschaft schwer belastenden Stenergesetze durch den Reichstag gesichert war. Aber da man die wichtigste Ursache, die neuen Zölle, die zum Teil noch fünfura> zehnmal so hoch sind wie die hohen Zölle vor dem Kriege, nicht beim Namen nennen darf, so wird nach Scheingründen aller Ärt gesucht. Völlig unschuldig ist selbstverständlich die Landwirtschaf t. Sie hat zwar bei der Zollvorlage mit am besten abgeschnitten und durch das Prämieusystem der Getreideeinsuhrscheine sich eine jährliche Subvention von mindestens 100 Millionen Marl und zugleich, bei Tnrchsthnittsericken, die volle Ausnutzung der Zölle gesichert; aber das alles kommt nicht zur Sache. Unschuldig ist auch die G r o ß i n d u st r to, die ihren hohen Eisenzoll dnrch-gesitzt hat und durch Kartelle und Syndikate sich dem Preisabbau enlgegenslemmt, wenn auch der „Neichsverbaud der deutschen Industrie" der Negierung in der Bekämpfung der sogenannten Valutaklausel, das heisst der Verkaufsabschiüsse aus der Grundlage ausländischer Währungen, eine kleine Konzession gemacht hat. Umstritten ist die Frage, welcher Anteil den Banken an der Teuerung zukommt. Die Ansichten der Theoretiker und der nichtinteressierten Praktiker darüber, ob hohe oder niedrige Zinsen den Preisabbau befördern, gehen auseinander. Niedrige Zinsen verbilligen die Produktion, aber verleiten auch zur Haltung größerer Vorratslager nn) verteuern dadurch indirekt die Spesen. Wie man sich auch zu diesem Problem stellen mag — cs ist dock) ein Problem, und mit so schwierigcn Fragen operiert sich nicht gut in der öffentlichen Stinunungsmache. Biel bequemer ist es jedenfalls, die ganze Schuld an der Teuerung dem Handel in die Schuhe zu schieben. Das Publikum kaust ja nicht vom Fabrikanten oder vom Großhändler, sondern es kaust in einem Ladengeschäft, und setzt dieses Geschäft die Preise herauf, so muß notwendig der Inhaber ein Wucherer sein. Das ist die zwingende Logik der Straße, mit der die Demagogen noch immer ihren Ersolg bestritten haben. Wenn man nun noch gar darauf Hinweisen kann, daß der Einzelhandel sich zum erheblichen Teil in der Hand jüdischer Kauflente befindet, so ist der Beweis komplett "erbracht. Das bequeme Mittel, den jüdischen Kaufmann als ,,Wucherer" und den „Wucherer" als den wahrhaft schuldigen zu brandmarken, tut in den wirtschaftsnnknudigen und deshalb der Demagogie am leichtesten zugänglichen Kreisen der Bevölkerung immer noch seine Wirkung, lind womöglich hat noch gerade eine Verhandlung vor dem Schöffengericht stattgestmden, bei der irgendein oft jüdischer Händler wegen eines Delikts zu einer Geld- oder gar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt ist, und man hat alles, was man braucht. Der jüdische Zuzug ans dem Osten ist der wahre Schuldige an der Teuerung: das ist das A und O nicht nur in der völkischen Presse, sondern sogar der Führer der Teutschnativnalen im Berliner Nathause, der Pfarrer Julius Koch hat es sertiggcbracht, derlei „Argumente" öffentlich zu verkünden. Daß auch im E i n z e t h a n d e t seit dem Kriege und der Inflation eine starke Uebersetzung vorhanden ist, daß noch immer von zu vielen und zuviel hin und her gehandelt wird, soll gewiß nicht bestritten werden. Aber es heisst allen Wirtschaftsgesetzen und allen wirtschaftlichen Erfahrungen ins Gesicht schlagen, wenn man mit diesen Argumenten darüber hinwegtänschen will, daß die wichtigste und am leichtesten abstellbare Ursache der Teuerung die Zölle sind. Indirekt ist das neuerdings sogar von dein Alaune zugegeben worden, der die Berantwortung für die neue Zollgesetzgebung trägt, von denn Nstichsloirtschaftsminister Neu ha ns. Bor dem Neichswirtschastsrat hat Minister Neuhaus kürzlich erklärt, es besieht die Gefahr, daß das Preisniveau der deutschen Wirtschaft sich auf die autonomen Zoll siche cinstellt, bevor die niedrigeren Witze des Vertragstariss in Geltung getreten sind. „Tie Rücksicht auf unsere eigene Wirtschaft könnte die Negierung zwingen, die Sätze des autonomen Tarifs ans Grund der ihr erteilten Ermächtigung 511 senken." Damit ist von autoritativer Seite der wirtschaststechnische. mindestens aber der wirtschasisvsychologische Zusammenhang von Zöllen und Teuerung anerkannt. Wenn die Deutschnationalen und Bölkischsn, die jetzt 'in dem jüdischen Kaufmann den Sündenbock suchen, ernstlich bestrebt sind, die Preise zu senken, so sollen sie sich au die richtige Adresse wenden und den Neichswirtschaftsminister ausfordern, seine Worte in Taten nmzusetzen und ton preistreibenden Zolltarif zu ermäßigen. R. L.— n. Selbst öle LAchsn . . . Das Ende einer völkischen Verleumdung. Adolf Hitlers „Völkischer Beobachter" brachte in seiner Nummer vom 2,/3. August ein abstoßendes Bild: Drei Ostjuden. die in einem Leichenkeller zw-ei Tote plündern und ihnen die Zähne cmsbrechcn. Unter dem Bilde stand in dicken Let-erm Jur D r e s d e n 0 r K r e m a t 0 r i 11 m sind die Leichen s y st e - m a t i s ch der a n b t w 0 r d e n auf A n st i s t c n j ü bischer Hehler! Wochenlang hatten antisemitische Winkel- und Skandalblätter gute Geschäfte mit einer gemeinen Judenhetze zu machen verstanden und Dresden in Erregung gehalten. Nun sind zugleich mit Hitler auch diese Blätter gerichtet: der Dreschener „K r e m a t 0 r i n m - 1 kanda l" fand vor dem Dresdener Schöffengericht seinen Abschluß. Es kann ans Grund der Gerichtsverhandlung einwandfrei feftarfteilt werden, daß das Judentum, ja selbst der mit der Sache in Verbindung gebrachte einzige Jude überhaupt nichts mit dem Skandal als solchen 31t tun haben. Zwei christliche Krematorinmsheizer hatten cinznäschernde Leichen ihrer Wäsche beraubt und aus den Aschenrcsten Gold- und Platinreste ausgesiebt und verkauft. Unter falschem Namen und als angebliche Händler hatte der eine Dieb kleine Mengen an einen jüdischen, gutbeleumdeten Metallhändler verkauft. Dieser erkannte anläßlich einer Einäscherung bei zufälligem Besuch der Heizkammer in einem dort hantierenden Oberheizer den angeblichen Händler, stellte ihn und brachte ihn zur Anzeige. Dafür wurde er infolge völkischen Hetze vorübergehend verhaftet, aber im Gerichtsverfahren. wie nicht anders erwartet werden durste, freigesprochen, während ein vermutlich ebenso unschuldiger christlicher Goldausküufer sich infolge der schamlosen Preßhetze erhängte. Neben diese Tatsachen halte man das oben geschilderte Bild des Hitler-Organs. Eine derartig skrupellose Ausnutzung jener traurigen Leichenfledderei zugunsten der völkischen Geschäftskasse, die sich doch wohl selbst als eine Art geistiger Leichenfledderei dartut, müßte bei n 0 r m a l a n st ä n d i g e n M c n s ch e n zu einer Massenslucht ans der völkischen Bewegung führen, und man lernt plötzlich das Grauen verstehen, das einzelne ehemalige Völkische zu ihren Veröffentlichungen über die Fememorde treibt. Zur Judenhetze eignet sich das Dresdener Vorkommnis keinesfalls. Man kann nur hoffen, daß es zurr Selbstbesinnung weiterer i i j 1 Ü H ü Vi [{ V \ P 0 01's/ V v~ \/1 oJ y y\ \v Entschetdungskag über die Verwaltung der Relchshauptstadt! Die Kunze und Wulle dürfen nicht ms Rathaus! WWA «MMNSSt MAE NS LEN SM L§QA