Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 41 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- Seite 670 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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CTO Wir wollen nun nicht den Begriff der ..verschiedenen Wahrheit" in bezug auf ein und denselben Gegenstand, die Welt, untersuchen. Wir haben eine Prüfung dieses wunderbaren Begriffs — (die „Wahrheit" ist doch offenbar eine!) — gar nicht notig, wenn wir zeigen können, daß der behauptete'Unterschied zwischen den Völkern als ein wesensmäßiger gar nicht existiert. Wir geben nun rückhaltlos zu, daß das sozusagen aktuelle Weltbild des Europäers und des Ehinesen ein sehr verschiedenes ist. Gewiß sehen wir nicht überall das Wirken von Dämonen und Drachen, wie der durchschnittliche Chinese, auch der gebildete, es tut oder wenigstens lat. Und aus der anderen Seite hat, oder wenigstens hatte, der durchschnitt-iche Chinese von exakter Naturwissenschaft und von kritischer^ Philosophie'auch nicht eine Ahnung. Und was nur hier von Ehinesen sagten, gilt ebenso von Hindus und Mohammedanern und, wenn schon in geringerem Grade, von diesen Knlturkreiren im Vergleich zueinander. Sprechen wir ganz allgemein von dem Unterschiede der Weltanschauung zwischen Cft und West, so ist also dieser Unterschied bezüglich des Aktuellen ^rückhaltlos zuzugeben; ja er ist, oder war doch wenigstens, sehr ausgeprägt. Aber ist er ein Unterschied im eigentlichen Wesen, also ein nicht nur aktueller, sondern substantieller Unterschied? Die Japaner als ganzes Volk und eine ganze Reihe einzelner Inder haben wohl zuerst deutlich gemacht, daß das nicht der Fall sein kann. Doch ich will von dem Volke des Ostens reden, welches ich am besten kenne: den Ehinesen. Ich kenne sie wirklich ein wenig, troll nur neunmonatigen Aufenthaltes im „Reiche der Mitte". Denn ich kenne sie nicht nur als Tourist, sondern als ihr Gast, aho gleich'am intensiv. Ich habe nicht nur die größere Halste aller namhaften Gelehrten des Landes persönlich kennengelernt und eine sehr große Zahl von Studenten und jungen Lehrern, sondern Uh kenne auch zahlreiche Minister, Provinzgonverneure, Generäle und einen der früheren Präsidenten der Republik Alles in allem: Ich kenne den G e i st des r.cucn republikanischen China, trotz aller inneren Wirren ein sehr guter Geists Und was sagt mir nun dieser gute Geist? Er sagt mir, daß man sich der alten traditionellen Verschiedenheit zwischen Ost und West drüben zwar sehr wohl bewußt ist, daß man aber das „Andere" nicht nur versteht, sondern sich sogar in den Seiten, die sich als gute bewährt haben, an zu eignen wünscht! Nur zu diesem Zwecke sendet China seine Jugend an europäische und amerikanische Universitäten und technische Hochschulen; nur zu diesem Zwecke gibt es zwei große Reichs¬ und zahlose Provinzhochschulen. Und das alles hat Erfolg, sehr guten Erfolg. Worin bestand also die traditionelle aktuelle Verschiedenheit zwischen China und dem Westen, die ganz offenbar keine im „Wesen" gegründete Verschiedenheit gewesen ist? Sie bestand, wie ich meine, in zwei historisch gewordenen, also zufälligen Sachlagen. Der Osten und der Westen haben erstens jeweils eine andere Seite der Wirklichkeit vornehmlich in den Kreis intensiver Betrachtung gezogen; zweitens «aber unterscheiden sich Osten und Westen burcf) die S t u s e n h ö h e der intellektuellen Erfassung. Was das erste angeht, so hat sich der Westen mehr der Natur, der Osten mehr der Seele zugewendet gehabt. Eine ernsthafte Naturwissenschaft in unserem Sinne kannte in der Tat der Osten nicht, alles war hier höchstens auf dem Stadium der antik-griechischen Wiffenschaft. Aber der Osten hat viel mehr von psychologischen Gesetzlichkeiten gewußt als der Westen, vieles, was erst jetzt, zum Teil unter dem Einfluß des Ostens, Gemeingut westlicher Wissenschaft geworden ist: Hypnose und alles, was man heute Parapsychologie nennt, gehört hierher; und die Wahrheiten der Yogapraxis, und was mit ihnen' verwandt ist sind viel später erst als Christian Science in populärer, in den allerletzten Jahren durch Coue in Nancy auch in streng wissenschaftlicher Form im Westen bekannt geworden. Hier hat sachlich der Westen vom Osten geradezu gelernt und lernt noch immer. Als zweiten aktuellen geistigen Unterschied zwischen Ost und West nannten wir die St u s e n h ö h e der intellektuellen Erfassung. Der Osten wußte bisher nicht, was Kritik heißt, er hatte das nicht, was der Westler „Erkenntniskritik" nennt, obschon er, sowohl in Indien wie in China, Ansätze zu der formalen Logik besaß. Auch wir haben bewußte Erkenntniskritik ja erst seit etwa 800 Jahren. Aber der Osten will heute unsere Kritik sowohl in der allgemeinen philosophischen, wie in der besonderen naturwissenschaftlichen und historischen Bedeutung des Wortes. Da muß er sie doch wohl „verstehen". Also beruhte sein früherer Mangel nicht aus einer Wese n s Verschiedenheit der Anlagen. Man wird nun vielleicht sagen, auf ethischem Gebiet lägen die Dinge anders. Aber im tiefsten lagen sie hier nicht einmal anders: sind doch die Verwandtschaften der Ethiken Kung-fu-tses und Kants geradezu verblüffend. And wenn mau an die alte grausame chinesische Rechtspflege denkt, so kann man hier zwar nicht sagen, daß die Dinge im Osten und Westen nie verschieden ge io es e n wären in der Vergangenheit (seit wie langer Zeit übrigens erst?! Erst Friedrich der Große schasste in Preußen die Folter ab!) wohl aber, daß sie heute nicht mehr verschieden sind: China hat heute Gefängnisse nach amerikanischem Vorbild und hat Folter wie Körperstrafe rückhaltlos abgeschasst. Die Stellung der Frau ist wohl das, was noch am meisten „anders" ist. Aber auch hier mehren sich jedes Jahr die Ausnahmen von der Regel im Osten, und es gibt Chinesinnen, mit denen inan sich ganz wie mit einer gebildeten Europäerin oder Amerikanerin unterhält. Was weiter die Kunst angeht, so ist diese wohl stets „bodenständig", aber darum nicht dem Verständnis fremd: Kein Westlicher, der nicht von der Erhabenheit des Himmelsaltars. von der Weihe großer chinesischer Tempel und Klöster gefangen genommen wird, der nicht von edlen nordindischen Hindnbauten, etwa in Palitana oder Jodhvore. den tiefsten Eindruck erhält. Und wenn viele südindische Bauten uns „überladen" erscheinen, nun, so tun das viele Barockbauten im eigenen Lande auch. Ich bekenne hier ganz offen, daß mir das Parthenon, der Himmelsaltar. eine große Moschee Konstantinopels oder Indiens und ein großer chinesischer Tempel dasselbe sagen roste ein gotischer Dorn. Es handelt sich um ein Verstehen des Gleichen in anderer, als solcher aber durchaus verständlicher Form. Also mi't der W e s e n s Verschiedenheit, die ein Verstehen ausschlösse, ist es nichts. Ein Wesen in vielen „Personen", so möchte ich geradezu unter Verwendung eines theologischen Wortes sagen. lind das eine Wesen in allen tritt mit jedem Dezennium deutlicher hervor. — Wir kommen zur Nutzanwendung auf das jüdische Problem. Wo cs sogar zwischen Europäern und Chinesen „geht", da sollte es doch wohl zwischen Deutschen und Juden erst recht „gehen". Hub mit dem Verstehen in jeder Hinsicht geht es sicherlich. Ja, es liegt nicht nur Verstehen, sondern geradezu Beeinflussung vor, und zwar Leeinslupung allerstärkstcr Form. Ich will hier gar nicht einmal mit Jesus kommen, um unsere nordischen Fdelmenschen nicht in ihrem famosen Glauben zu stören, daß er ein Nordischer gewesen sei. Paulus war sicherlich Jude, und das gleiche gilt doch wohl, selbst nach Ansiehch der Völkischen, von der Mehrzahl der Versager de? Alten Testaments. Also sind wir Deutschen, Franzosen, Engländer usw. vom jüdischen Geist beeinflußt worden, und zwar steht dieser Geist an Beeinstussungsstärko unmittelbar neben der Antike. Was Kung-su-tse für China, das sind jüdischer und antiker Geist für uns gewesen. Da muß doch wohl Gleichheit des Wesens gevoesen sein. Doch das alles ist allbekannt; auch die Völkischen kennen es, ob sie es schon bedauern/oft in derbsten Worten. Weniger bekannt in weiten Kreisen ist der Einfluß des Juden Spinoza auf Goethe und S ch e l l i n g, auch später aus Haeckel. Dieser war so stark, daß man geradezu sagen kann, es wäre ohne Spinoza Schelling gar nicht „Schelling" geworden. Und das, was „uns" jo beeinflußt hat, das soll anders, sott wohl gar minderwertig sein? Ich meine, mit der Aussage der Minderwertigkeit sollten wir doch vorsichtig sein, selbst gegenüber den Negern; manche Neger der Vereinigten Staaten sind hier ganz deutlich Gegenbeispiele. Mit Recht ist einmal gesagt worden, die Abneigung gegen die Juden rühre letzthin daher, daß sie wegen ihrer religiösen Abgeschlossenheit und Intoleranz als „Andere" empfunden seien, daß aber jeder Mensch ans Bequemlichkeit das „Andere" nicht liebt. Hierin liegt Wahrheit, obschon nicht gerade zu Ehren der Bequemlichen. Es ist wahr: ohne die religiöse Abgeschlossenheit hätten wir wahrscheinlich keine Judenfrage. Und es kam feit den Kreuzzügen der jüdischen Abgeschlossenheit und Intoleranz diejenige der christlichen Kirche entgegen. In China, wo auch mehrere Konfessionen, aber ohne Abgeschlossenheit und Intoleranz gegeneinander, bestehen, ist nie von Anderssein und daher