Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 659 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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659 die Vorbereitung einer besseren Zukunft der Juden in Nussland nur eine zweckentsprechende U m [ i e ö I u n q in ihrem heutigen Vaterland, wie sie jetzt mit Klugheit durch die Hochherzigkeit der Amerikaner und durch russische Hilfsorganisationen in Angriff genommen ist. 'Entwickelt sich diese Bewegung, wie zu hoffen ist, günstig, dann eröffnet sich danrit auch ein Ausweg für die rumänischen, für die polnischen I u b e n, £>ie ihrerseits beständig unter Pogromdrohungen stehen. Einer Bewegung' der 'russischen Juden gen Westen, vor allem in die Bereinigten Staaten von Amerika, die rund ein halbes Jahrhundert angehalten hat, entspricht alsdann eine Bewegung gen Osten, die sich bis an den Stillen Ozean erstrecken kann; womit schliesslich eine gesunde Verteilung der Ostjuden erreidjt ist. Nicht vorher sind die Sünden des Mittelalters getilgt. Das Mittelalter hat das ungesunde Ghetto geschaffen- In Stadtteilen, in ganzen Länderstrecken pferchte es die Juden zusammen; zu ihrem Unglück und zum Unglück derer, unter denen die Juden lebten. Bei einer naturgemäßen Verteilung der Juden über die Erde werden auch die letzten Reste jener unerfreulichen Erscheinungen verschwinden, die entstehen mussten, solange die Juden unter widernatürlichen Verhältnissen zu leben gezwungen waren. Diese grosse und wohltätige Bewegung sollte jeder Jude und jeder aufgeklärte Mensch fördern. Mit dem Sturze des Zarentums in Rußland ist das einzig übriggebliebene Ghetto derWelt verschwunden — der sogenannte Judenrayon. Auch die letzten Wirkungen, die diese widernatürliche Zmammenpferchung verelendeter und zur Verelendung bestimmter jüdischer Mcnschenmapen gezeitigt hatte, muss zum Besten von Juden und von Nichtjuden beseitigt werden. Eine besonnene, wohlgeleitete russische Binnenwanderung nach Osten ist heute das Heilmittel, wie es ein halbes Jahrhundert hindurch die Wanderung nach Amerika gewesen ist. Moritz l-eimann. Worte -er Erinnerung. -„Dem superklugen Moritz Hermann"' nannten wir ihn wohl im Scherz. Dabei war er gar nicht in seiner Klugheit verknöchert, und wenn er cs auch liebte, sein Gehirn zu Gummi zu zerd-ehnen und dein geistigen Lieblingssport seiner Vorfahren, der Rabulistik, zu frönen, immer wieder tarn doch durch alle seine Klugrederei mit einem feinen Lächeln sein schönes Gemüt zutage. Am stärksten siel mir das bei einem Gespräch auf, das wir einmal selbviert im Verlag von S. Fischer führten, dessen bester Lektor und Berater er jahrelang gewesen ist. Es war während der ganzen Unterhaltung eigentlich nur von Geschäften die Rede. Aber irgendwie sprang das Gespräch einmal auf Rußland ab und Heimann vergast, wie ein Füllen auf dieser neuen Tisknssionsweide sich hermntummetnd, geschwind alle Zahlen und kaufmännischen Dinge, um die es sich drehte, und sprach sich in einen Feuereifer über dies Neuland ans, daß wir anderen ihn nur mit Mühe wieder ans unseren Gegenstand zurückbringen konnten. Heimann war, obwohl er lange mitten im literarischen und theatralischen Geschäft Berlins stand, im Grunde seiner Seele so wenig Kaufmann wie Moses Mendelssohn, der mehr über die Unsterblichkeit der Seele als über seinen Seidenhandel nachgrübelte. Und noch eines hatte Moritz Heimann mit diesem Urbild von Nathan dem Weisen gemeinsam: Eine gewisse ehrfürchtige Liebe zu Preußen. Bei Heimann kommt sie am schönsten in seinem für mich geglücktesten Stück „Joachim von Brandt"" zum Vorschein, das man seine „Ouitzows" nennen könnte. In diesem Werk, das auch von der Bühne aus am wirksamsten von allen seinen in italienischer oder sranzösischerTracht steckenden Dramen bleiben wird, hat er, neben gelegentlicher Nachzeichnung von Figuren seines Schwagers und Freundes Gerhart Hauptmann, in der Hauptgestalt eines unvüchsigen kauzigen märkischen Junkers seine Vorliebe für seine heimische Scholle und die tollen Kerle, die ans ihr hausen, prächtig ausgetobt. Tuppelt erstaunlich bei seiner jüdischen Herkunft, die ihm sicherlich das Eindringen in die adlige Gesellschaft Brandenburgs und den Verkehr mit ihr nicht leicht gemacht haben wird. Aber Heimann hat es dieser uckermärkischen „Aristokratenbande" nicht nachgetragen, ebensowenig wie es Fontane getan hat, sondern sie im Gegenteil in einem ihr freundlich zugeneigten Stück geschildert, das sich in einem gewissen Abstand neben dein „Stechlin" sehen lassen kann. Guter Moritz Heimann, vor mir liegt, während ich dies niederschreibe, ein Brief von Ihnen ans dein Jahre 1905, jn dem Sie meine Verwendung als Dramaturg in Düsseldorf für eines Ihrer Dramen angingen. Und au3 Ihren Feder- Zügen sieht ncich Ihr vornehmes, glattes, gescheites Gesicht eines Schriftgelehrten an. Wie freuten Sie sich über jedes fjute Wort, das ich Ihnen von der hiesigen Aufführung Ihres Joachim von Brandt" überbringen konnte! Denn Ihr Hauptehrgeiz stand nicht darauf, Bücher richtig abzuschätzen, sondern Lorbeern aus der Bühne zu ernten. Doch das Schönste an Ihnen neben Ihrer Geinütseite, die Sie geschmackvoller Weise nur den Ihnen Vertranten sehen liefen, war dies, wenn Sie einen in eine Erörterung über irgendwelche Fragen einspinnen konnten. Tann schlugen Sie ein Garn, dem ich stets verwundert und ergötzt zuhören mußte. Nun ist auch Ihre Stimme erloschen, auch Ihr alles abwügender Verstand lahm geworden an der Torheit und Nnbelehrsamkeit unseres Geschlechtes. Wie gern möchte ich ihr wieder lauschen, wenn ich nach Berlin komme. Dann werde ich mich einsam in die Ecke bauen, i'n der Sie mir zuletzr etwas vorplauderten. Und werde leise ins Dunkel fragen: „Was halten Sie, Moritz Heimann, eigentlich von Pirandello?" Und wenn ich dann die Augen schließe, soll mir sein, als vernähme ich Sie wieder, wie Sie mir den scharfsinnigsten, treffendsten Aussatz über diesen Schautenkönig vorerzählen. Herbert Erckeuöerg. Ein königlicher Rü-rfmann. Dom Kleirrlaven zur Weltsirma. Am 2G. September d. I. feierte die Firma Hermann Tietz in Berlin das 2 s jährige Be st eh c n ihres Berliner H anse s. Tie Tietzschen Unternehmungen, die jetzt von den Söhnen unseres ssochgeschötzLen. leider auch uns zu früh entrissenen Oscar Tietz. Georg Tietz und Martin Tieh sowie dem Schwiegersöhne, Tr. Hugo Zwillenberg, geleitet werden, haben eine wirtschaftliche Bedeutung weit über den Rahmen Berlins, ja über die Grenzen des Reiches überhaupt. An dem Ehrentage der Zirma, der im Hinblick auf den Tod des Begründers, Oscar Tietz, still begangen wurde, fanden sich Glückwünschende ans allen Kreisen des deutschen Volkes ein. Und wenn auch wir in diesen Blättern dieses Tages gedenken, so nicht nur, weil wir Oscar Tietz' emsige Arbeit für unseren Central v e r e i n , als die deutsche Wirtschaft znsammenzubrechen schien, nie vergessen werden, sondern weil diese, der höchsten Achtung werte Persönlichkeit glänzend zeigt, welch wundervollen Ausstieg ein genial begabter Kausiuanu aus kleinen Verhältnissen heraus zurücklegen kann. Darüber hinaus aber, weit Oscar Tietz der lebendige Beweis dafür ist, daß dem wahrhast großen und königlichen Kaufmann niemals der Blick für die A l l g e - mernheit abgeht, daß er nie nur für sich sorgt, sondern sich bemüht, in genialen Wegen der Oeisentlichkeit zu dienen, und als letzte Krönung seiner Arbeit, ans dem Gipfel seines Schaffens für seine Religionsgemeinde, für seine Berufsgenossen, für Stadt und Vaterland sich führend opferfreudig cinsetzt. Was Oscar Tietz vor sich gebracht hat, erweist blitzartig erleuchtend die umstehende Abbildung seines ersten Ladchens in Gera. Acht Dicker breit und sechzehn Dieter tief war dec Laden. Garne, Posamentier-, Weißwaren, Knüpfe wurden darin gehandelt. D<w Flächenumfaug des Lodens ging bequem in jede bessere Wohnstube hinein. An Personal besaß das junge Geschäft eine Verkäuferin. Auch besaß es ein Schaufenster. Scharr bei der Etablierung suchte Oscar Dich als richtig erkannte neue Gedanken durchzuführen'. Gleicher, fester Preis für alle, deutlich für jedermann sichtlich ausgezeichnet. Das Bestreben war: Möglichst wenig Zwischenhände, also möglichst Kauf vom Produzenten, lein Verkauf gegen Kredit. Heute sind diese Ideen Gemeingut des Einzelhandels geworden. Damals galten sie als etwas Revolutionäres. Tie Kalkulation war die denkbar schärfste, die Preise also möglich niedrig gehalten. Alles war ans die Befriedigung des ernsten, wirklichen Verbrauchers eingestellt. Oscar Tietz und sein Bruder Hermann Tietz standen selbst hinter dein Ladentisch. Ihre erste Einnahme betrug 34,50 Mark. Dem