Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 658 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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i M 65$ bis 1925 der Zionismus der ganzen Welt nicht imstande ge° wesen ist, die Ostjudensrage ihrer Lösung auch nur um einen Schritt näherzubringen, so ist zu folgern, daß auch die Zukunft diese Erfahrung nur bestätigen kann. Hier liegt kein Verschulden des Zionismus vor. Die Macht der natürlichen Verhältnisse ist erklärlicherweise stärker als die glühendste Hingabe an das zionistische Ideal, die niemand dieser Bewegung absprechen wird. Palästina ist eben nicht in der Lage, in schnellem Tempo oder auch überhaupt g r o ß e I u d e n m a s s e n zu absorbieren. Solche Tatsache ist jeder verständigen politischen Kontroverse entrückt. Auf diese Tatsache habe uch immer hingewiesen, und sie wird seht durch die Entwicklung seit Beendigung des Weltkrieges, also seit dem nicht allzu'kurzen Zeitraum von sieben Jahren, bestätigt. Diese Bestätigung bedeutet aber keineswegs, daß nunmehr mit der Palästinaauswanderung Schluß gemacht werden sollte. Durchaus nicht. Eine Fortsetzung der vorsichtigen Auswanderung nach Palästina ist nicht nur unbedenklich, sondern nnrf) durchaus erwünscht. Wenn auf diese Weise auch das Ostjudenproblem niemals gelöst, nicht einmal in einigem Umfang gemildert werden kann, so wird doch hierdurch wenigstens individuell Gutes geschafft. Juden, die ans den l Elendsdistrikten des Ostens nach Palästina gelangen, kommen zwar nicht in das Land, wo tatsächlich Milch und Honig fließt; sie müssen arbeiten, sie müssen hart arbeiten, wenn sie arme Teufel sind, aber sie gehen hier iuunerhin einer menschlich erträglichen Zukunft entgegen. Für Einzelpersonen, für kleine Gruppen, bleibt Palästina eine Zukunstshossnung, ein Land, das zugleich mnftraf^It ist von den mythischen und goldenen Erinnerungen einer großen jüdischen Vergangenheit. Also die p a l ä st i n e n s i s ch e n Pläne in unüberbrückbarem Gegensatz zu den Plänen einer Binnen wand e - rung in Rußland zu bringen, ist Kurzsichtigkeit, ist bedauerliche parteiPolitische^Voreingenommenheit. Ernster ist ein anderer Einwand zu nehmen. In den Kreisen russischer Emigranten hofft man erklärlicherweise, daß die Sowjetherrschaft in kürzerer oder längerer 'di . y|'i |j WWM'?.:4 "4 Herausgeber tmd Scbriftleitimg: Professor Dr. Julius Goldstein, Darmstadt, Beckstrasse 87. Verlag: Philo-Verlag, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, III / Postscheckkonto: Philo-Verlag, Berlin 83512. / Druck: Roetherdruck G. m. b. PL, Darmstadt, Bleichstxassc 24. Heft 4 erschien am 25. September Inhalt des vierten Heftes: Hans Schmidt: Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus. Bruno Italiener: Das Numinose der Hohen Feiertage. Julius Goldstein: Festansprache. Gehalten bei der Wormser Tagung des Feeichsbundes jüdischer Frontsoldaten (5. September 1925). Franz Rosenzweig: Das Neue Denken. Friedrich Niebergall: Staat und Erziehung. B. Jacob: IV. Uebermenschen und Sintflut. Völkertafel und Turmbau. Fritz Heinemann: Philo von Alexandrien. Selma Stern: Der Frauentypus der Romantik. Bücherbesprechungen. Einzelheft 2,25 M. Jahresabonnement 12 M. Zu beziehen durch jede Buchhandlung und durch den Philo-Verlag, Berlin SW 68. Zeit zusammenbrechen wird. Und was wäre alsdann die Folge? Juden, die ans den Ländereien des Großgrundbesitzes durch die Sowjetrepublik angefiedelt worden sind, würden nunmehr von neuem vertrieben Werden, und weil sie Juden sind, den furchtbarsten Repressalien ansgeliefert sein. Daß eine solche Entwicklung ganz unmöglich ist, wird man nicht behaupten können: daß sie eintreten muß, ist unbeweisbar, und wie die Wahrscheinlichkeit sich stellt, wäre vorsichtigerweise näher zu untersuchen. Es ist klar, daß solche Ueberlegnngen, bevor auch nur die ersten Schritte unternommen wurden von jenen, die für eine russische Binnenwanderung sich ein(ct^cn, in Ansatz gebracht worden sind. Zunächst ist eines hervorzuheben. Ich Pflege immer erneut zu betonen, daß es völlig verfehlt sein würde, im Gegenstoß gegen die bisherige Entwicklung, nunmehr soviel Inden wie nur irgend möglich, Hnnderttausende und Ounderttansende zu Bauern, zu Landwirten zu machen. Solche Einseitigkeit wäre nach meiner Ansicht ein schwerer Fehler, schon aus dem Grunde, weil die körperliche und geistige Veranlagung vieler Inden sich für die Landwirtschaft durchaus nicht eignet. Sie in einen Beruf zu stoßen, für den sie ungeeignet sind, wäre unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt der Allgemeinheit ein schwerer Fehlgriff und im Hinblick ans die einzelnen Individuen eine Untat, die den einzelnen aus falscher, vorgefaßter Meinung für ein falsches Ideal der Gesamtheit zu opfern bereit wäre. Also, es kann keine Rede davon sein, daß bei einer Umsiedlung alle Umgesiedelten dann der Landwirtschaft zngeführt werden. Die Geeigneten natürlich; die für die Landwirtschaft nicht Geeigneten anderen Berufen, in denen sie sich und Rußland nützlichere Dienste zu leisten imstande sind. Also eine kluge, unterscheidende Auswahl. Ein Teil der Juden sollte also der Landwirtschaft Angeführt werden; ein anderer Teil städtischen Handwerken und Bernsen, je nach ihrer Individualität, Solche Verteilung, die den natürlichen Anlagen entspricht, brächte überdies noch einen außerordentlich hoch zu bewertenden Vorteil. Das Schicksal der russischen Inden würde nichts auf eine einzige Karte gesetzt; es wäre verknüpft einerseits mit dem Schicksal des Bauernstandes in Rußland, anderseits mit dem Schicksal des russischen Städtertums, und damit wären in gesunder Weise die russischen Inden ans ihrer Isolierung und aus ihrer Zusammenballung in den Städten eines bestimmten Rayons — wie in der Vergangenheit - erlöst. Und gerade die Zusammenballung der Juden an bestimmten Stellen des Landes hat sie ganz besonderen Gefahren ausgesetzt; hat die Möglichkeit einer gesunden Entwicklung aufs höchste beeinträchtigt und bei Pogromen die Gefahren von Massenabschlachtungen außerordentlich gesteigert. Endlich bleibt zu beachten, daß der russische Bauer das ihm .zugewiesene Land gewiß nicht wieder hergeben wird, wie der französische Bauer, trotz allen Wechselfällen der Politik seines Landes, die Aecker, die ihm die große französische Revolution zugewiesen hat, niemals wieder auslieserte. Gelingt es, die heute noch zusammengeballten Mafien der Juden in Rußland aus ihrer ungesunden, unmöglichen Lage zu erlösen, die einen durch zweckmäßige Neberführnng nach großen und kleinen Städten in die Berufe des Arbeiters, des Handwerkers, des Angestellten über das riesige russische Gebiet hin; die anderen durch Ansiedlung als Bauern überall dortz wo die russische Regierung geeignetes Land der Bewirtschaftung zugänglich macht — und ihr stehen in den dünnbesetzten Gebieten des Reiches noch unabsehbare geeignete Ländereien zur Verfügung —, dann wird das russische Judentum einer Entwicklung entgegeugeführt, die nach der Lage der Verhältnisse im Sowjetstaat als aussichtsvoll, als sehr anssichtsvoll bezeichnet werden kann. Die Errichtung der Sowjetrepubliken ist das größte staatspolitische Experiment der neueren Zeit. .Das; solche vollzogene Umwälzung Gefahren in der Zukunft bringen kann, ist zweifellos; daß diese Gefahren auch auf die russischen Juden znrüctwirken können, ist ebenso unbestreitbar. Dieses Schicksal hat der russische Jude mit allen russischen Staatsbürgern zu teilen, und bei der Unmöglichkeit, Millionen Juden nach Westen hin umzusiedeln, gibt'es in dieser Richtung kein denkbares Vorbeugnngsmitlel. Diese unvermeidbare Gefahrenquelle zugegeben, die aber über Rußland nicht unter allen Umständen sich verheerend ergießen muß, bleibt als eine unb als die letzte Möglichkeit für i