Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 656 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Rleiligememöen, Lanöesvrebanö und Staatssubvrntlon. Don Moritz A. Locb. Weltkrieg, Inflation und in ihrem Gefolge die Zerrüttung fast der gesamten Produktionsverhältnisse haben in Deutschland gewaltige Störungen nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete heroorgernfen. Ohne befürchten zu müssen, sich eine Uebertreib'.mg zuschulden komkeinem Gebiete so verheerende Wirkungen, ausgelöst wurden als auf keinem Gebiete so verheerende Wirkungen ausgelöst wurden als an* einem scheinbar ganz abseits liegenden, nämlich innerhalb der kleinen und mittleren Gemeinden. Von der Not dieser Gemeinden wird ja heute viel geschrieben und gesprochen. Au ihrem Vorhandensein zweifelt wohl nienw.nd mehr, aber die wenigsten machen sich Umfang und Tiefe dieser Schädigung klar. Wir haben alle das ziffernmäßige Wachstum unserer j ü d i sch e n E r o ß st a d 1 g e m e i n d e n in der Zeit von 1890 bis 1914 als etwas Selbstverständliches hingenommen. Daß dieses Wachstum nicht aus sich heraus erfolgte, sondern in der Hauptsache dadurch daß wir jenen kleinen und Mittelgcmcindcn ihre jüngeren Mitglieder fast gänzlich, von ihren älteren Mitgliedern die steuerkräftigsten entzogen, kam uns nicht zum. Bewußtsein. Dieser Prozeß erschien uns um so natürlicher, als er Hand in Hand ging mit dem Anwachsen der Großstädte überhaupt. Wenn hierbei die Existenzkähigkeit jener Gemeinden mehr und mehr in Frage gestellt wurde, so schien das, soweit es überhaupt ins Bewußtsein trat, mwermeidlich. Tn kam der Weltkrieg. Zahlreiche Vorsteher, Lehrer, sonstige Gemeindebeamte wurden zu den Fahnen gerufen. Man half sich gut es ging. Vertretungen wurden eingerichtet, längst pensionierte Kräfte wieder voll beschäftigt nsw. lieber die bleibenden Lücken tröstete man sich in dem Gedanken, daß es sich nur um eine kurze Spanne Zeit handle. Ter Friedensschluß brachte eine leichte Bepernng, aber ehe sie sich auswirken konnte, trat die Inflation ein. Die ohnehin schmalen Gehälter der Beamten, insbesondere der Lehrer, wurden nur langsam und zögernd erhöht; gingen doch auch die Gemeindesteuern vielfach in entwertetem Golde ein. Was war die Folge? Es erfolgte eine wahre Flucht der Beamten und Lehrer aus dem G cm e i n d e d i e n st. Im Handel und in der Industrie waren Arbeitskräfte gesucht und gut bezahlt. Gerade die tüchtigsten und leistungsfähigsten Kräfte suchten dort unterzukommen. - So haben sich die Zustände herausgebildet, die nur heute beklagen. Von den in Preußen bestes)enden zirka 900 Gemeinden find nur noch 100, die über einen Rabbiner verfügen. In über 200 Gemeinden existieren weder Rabbiner noch Lehrer noch sonstige Beamte. Was das bedeutet, ist ohne weiteres klar. Fehlt in der Gemeinde eine Person, die von- Amts und Berufs wegen für den regelmäßigen Gottesdienst, den Religionsunterricht usw. sorgt, jo ist damit in den meisten Fällen der Quell des religiösen Lebens versiegt. Eine Fortdauer dieses Zustandes muß dem religiösen Nihilismus Tür und Tor öffnen. Aus der Erkenntnis der Unhaltbarkeit dieser Zustände und der Notwendigkeit heraus, hier sofort bessernde Hand aulegen zu müssen, ist der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden geboren worden. Auf seiner ersten Tagung, die vor wenigen Monaten stattsand, hat die Beratung des Etats zu dem Ergebnis geführt, daß bei äußerster Beschränkung für das Ausbau- Werk in 1925 mindestens eine Million erforderlich sein wird. Was die Gemeinden aus eigenen Mitteln ansbringen können, dürste im Höchstfälle den Betrag von 500 000 Mark nicht übersteigen; zur Ausbringung weiterer 500000 Mark sind wir also auf die Hilfe des Staates angewiesen. Seitdem hat sich die finanzielle Lage der jüdischen Gemeinden noch weiter verschlechtert, entsprechend dem Niedergang der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse. Alan verrät kein Geheimnis, wenn man mitteilt, daß z. B. bei unserer Berliner Gemeinde der Stenereingang des laufenden Quartals einen in die Hunderttausende gehenden Fehlbetrag gegen den Voranschlag answeist. Wie mag es da 'erst in den anderen, weniger steuerkräftigeu Gemeinden aussehcn? Bewilligt der preußische Staat den erbetenen Zuschuß, so werden auch die Gemeinden alles aufbicten, um den gleichen Betrag aufzubringen. Sollte wider Erwarten die Staatsbehörde versagen, so würde das eine Mutlosigkeit Hervorrufen, die das ganze Besserungswerk von vornherein als aussichtslos erscheinen läßt. . Durch die Tagespresse ging bereits die Notiz, daß der Haupt- 'aus schuß des Preußischen Landtags einen "Beschluß angenommen hat, zur Unterstützung leistungsschwacher Spnagogen- . gemeinden 510 000 Mark in den ordentlichen Etat für 1925 einzustellen. Der Antrag war nach langen Verhandlungen, auf die Initiative der Leiter des Preußischen Landesverbandes hin, von den Vertretern der Deutschen Votkspartei, des Zentrums, der Demokraten und der Sozialdemokraten gestellt worden. Harmlose Gemüter also müssen des festen Glaubens sein, daß ein von der Gesamtheit dieser Parteien eingebrachter und angenommener Antrag ohne weiteres auch Gesetz werden wird. Leider ist dem nicht so. Ta der bewilligte Betrag über den Nahmen des Etats hinausgeht, muß er noch einmal in einem sogenannten „Unterausschuß" beraten werden. Dieser Ausschuß führt in parlamentarischen Kreisen den schönen Namen „Köpfungsausschuß", weil er die Ausgabe hat, alle solche Posten, für die Deckung nicht vorhanden ist, zu streichen. Nimmt inan hinzu, daß der Landesverband auf diesem Gebiete rcchffschlechte Erfahrungen bereits gemacht hat, so ist eine gewisse Skepsis verständlich. War doch bereits 1923 als Kapitel 123b der Betrag von 6 800 000 Mark ebenfalls in den Etat eingestellt worden. Er gelangte nicht zur Auszahlung, weil die Geldentwertung eintrat, aller auch die zngesagte Entschädigung wurde nicht geleistet. 1924 wurde ebenfalls vom Hauptausschuß der Betrag von 510 000 Mark eingestellt. Infolge de/vorzeitigen Auslösung des Landtags kam er wieder nicht zur Auszahlung. Ter grundsätzliche Widerstand des preußischen F i n a n z m i n i st c r i n in s , im Gegensatz zur -Pallung des Kultusministeriums, zeigt sich darin, daß in dem Entwurf für 1925 die Position nicht vorgesehen war, sondern, wie oben dargelegt, durch einen Initiativantrag der Parteien geschaffen werden mußte. Bei diesem Widerstände des Finanzministeriums braucht man durchaus nicht etwa an judenfeindliche Regungen zu denken, sondern: die Position bestand früher nicht, ergo dag-ff sie auch jetzt nicht eingeführt werden! Es schließt st.ch das den Erfahrungen an, die man auf diesem Gebiete sonst schon gemach: hat. Für uns aber handelt cs sich um eine Lebensfrage. Zollen doch aus dem Etat des Landesverbandes nicht nur die Beihilfen für die Gemeinden kommen, sondern auch für die Rabbiner- und Lehrerseminare und sonstigen Anstalten, die sich heute nicht mehr selbst erhalten können. Wir brauchen blas; daraus hinzuwciscrr, das; an Lehrerseminartn die Vustalterr in Bcrliu, Kassel, .Hannover bereits cingcgangen sind, daß Köln und Münster fast auf dem Slnösterbectat stehe:;. Wie es unter diesen Umständen mit der Lehrerbildung und -beschafsnng^ des nächsten Jahrzehnts anssehen wird, bedarf keiner weiteren Ausführung. Aus Baden wird uns geschrieben: Wer die Nr. 35^der ,,E. B. - Z e i t n n g" aufmerksam gelesen hat, der wird zwei Sätze entdeckt haben, denen vor allem in Baden größte Beachtung zu wünschen ist. In dem Artikel „Unsere Aufgaben im neuen Jahre" von Tr. Felix Gold mann heißt cs: „Es gilt einen unabhängigen, innerlich gefestigten Rabbiner- und Lchrerstand zu schaffen, dessen Lcbensbedingnugen Lebensfreude und Arbeitskraft inehren. Diese Erstarkung wird fraglos den Kamps gegen den Antisemitismus erheblich erleichtern, und das so oft verlangte „positive Programm" des Eentratvereins besteht in Wahrheit nur in dem Willen, die Kraft der jüdischen Religion und damit die Verantwortung in den Seelen der Juden zu wecken." Mehr als einmal sind diese >^ätze ihrem Inhalt nach der badischen Jndenheit bzw. ihrer Vertretung ins Gedächtnis gerufen worden. G e n ü tz L haben sie f a st nicht s. Ter jüdische Beamte in Baden gehört heute noch zu den schlechte st bezahlten Beamten in ganz Dentschland. Manage Shnagogenräte betrachten die fortgesetzten Eingaben der Lehrerschaft als Qnängeleien, wollen es nicht wahrhaben, daß es sich hier um ein Rechet handelt, das in seiner Mißachtung zum llnxcd;t nicht nur an der Beamtenschaft, sondern an der ganzen Jndenheit Badens wird. Wo sollen „Lebensfreude und Arbeitskraft" werden oder bestehen können, wenn man den Beamten nicht einmal die Sorgen um den Lebensunterhalt nimnit, wenn man ihnen so Lebensfreude und Arbeitskraft shstematisch untergräbt. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn unter diesen Umständen kein Baker mehr in Zukunft seinen Sohn dein Berns eitles jüdischen Beamten zuführen wird, wenn so in kommenden Jahren die badische Jndenheit bar ist ihrer religiösen Führer? I he ring sagt in seiner, jetzt vom Philo- Verlag dankenswerterweise neu heransgebrachten, die'Zeiten überdauernden Broschüre „Ter Kampf ums Recht": „Ter Kampf ums Recht ist eine Pflicht des Berechtigten gegen sich selbst." Hier ist dieser Kampf m ehr: der sich seiner Verantwortung bewußte jüdische Beamte kämpft hier nicht nur für sich allein, sondern für den gefährdeten Bestand seiner tz c n: e i n s ch a f t. — Ter zweite Satz: In seiner Betrachtung der Entlarvung der „Trdensrilter vom feurigen Kreuz" schreibt A. S ch w e r i n e r : . was kann morgen seilt? Wir wissen, das; noch viel Feuer unter der Asche glimmt, und müssen deshalb doppelt wach'am sinn . . . Tiefe Arbeit gibt uns das Recht, nicht nur warnend unsere Stimme z:i erheben, wenn in unseren Kreisen das Morgenrot einer sorglosen Zeck bereits erträumt ist, sondern die sich täglich mehr breitmachende Sorglosigkeit in unseren Reihen als eine ernste Gefahr für unsere Arbeit und für das deutsche Judentum zu bezeichnen." Wir stehen in Baden vor den Landtags w a h l e n. Ta möchte man jeden: badischen Inden die Worte Schweriners eindringlichst vor