Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 655 (sequence 5)
- Language
- German
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Abrechnung mit Hitler.—„Schurken und Verräter“.—Grundsätzliche Richtungsänderung. — Hitler los von Ludendorff. — „ Völkisches Preis» boxen.“ — Bie Nationalsozialistische Fraktion. Eine Dezirksgruppe des Nationalsozialen Volksbundes in München lud zu einer öffentlichen Versammlung mit dem Thema „Abrechnung gegen Hitler" ein. in der der ehemalige Leiter der völkischen Rednerschule. Herr Plümer, sprechen wollte. DieserVolksbund ist bekanntlich das von der völkischen Fraktion geschaffene Sammelbecken aller derjenigen Nationalsozialisten, die trotz der großen Veriohnungsgesten Hitlers nach seiner Entlassung aus der Festungshaft sich nicht entschließen konnten, seiner Leitung sich bedingungslos zu unterstellen. Trotzdem es also gekannt war, daß zwischen diesem Volksbund und Hitler mancherlei Spannungen bestehen, war es doch mehr als ausfallend, daß diese Meinungsverschiedenheiten durch die Ankündigung einer öffentlichen Abrechnung aller Welt offenkundig gemacht werden sollten. Hitler entsandte seine Getreuen, Esser undVuttmann. in die Versammlung, um dem kühnen David-Plünrer, der auszog, den Goliath-Hitler zu fällen, entgegenzutreten. Wie zu erwarten, verlief die Versammlung ä u ß e r st st ü r m i s ch. Tie feindlichen Brüder überschütteten sich mit Schmeicheleien, von denen die Zeitungsberichte nur einige Proben zur Auswahl geben, wie: „Schurken und Verräter, d r e ck i g e r Lausbub, Feigling. I u d e n k n e ch t, M a n d a t s s ch i n d e r". Allein in gewisicn Kreisen pflegt man sich ebenso wieder zu vertragen. wie man sich schlägt, und diese Blutenlese von gegenseitigen Kennzeichnungen würde es nicht rechtfertigen, sich an dieser stelle mit der Versammlung zu befassen. Ter Grund hierfür ist jedoch der, daß aus den Auseinandersetzungen in dieser stürmischen Versannnlung deutlich Anhaltspunkte dafür zu entnehmen sind, daß sich in der völkischen Bewegung und vor allem im Kreise der einstigen Freunde Hitlers eine grundsätzliche Nichtuugsanderung anbahnt; die Versammlung war nur das V o r p o st e n g e s e ch t, durch das die beiden Parteien das Gelände erkunden und vorsühlen wollten, wann und wie weit sie den Vorstoß Vorträgen könnten. Tiefe vorsichtige Taktik wurde vor allem dadurch beleuchtet, daß die Leitung des Nationalsozialen Volksbundes selbst von dem kühnen Unterfangen des jungen Herrn Plümer vorsichtig a b r ü d t e und ausdrücklich erklären ließ, sie lehne die Verantwortung für diese Versammlung ab. Nach dem die Versammlung mit einem offenkundigen Sieg der Hitler-Leute endete, wird es wohl bei dieser Zurückhaltung der völkischen Fraktion zunächst bleiben. Ware das Ziel Plümcrs, die Massen von Hitler zur völkischen Fraktion hinüberzusi'rhren, geglückt, so hätte die Leitung des Volksbundes wohl hinterher gern das Unternehmen gedeckt. Was dieses Dorpostengesecht für den Außenstehenden erkennen laßt, ist folgendes: Seit General Ludendorsf mit bewährtem politischen Geschick sich zwischen sämtliche mögliche Stühle gesetzt und nunmehr auch noch den Reichspräsidenten Hindenburg öffentlich angegriffen hat, scheint es auch Hitler vor diesem Freunde seiner Bewegung bange zu werden, und er sucht sich sanft von ihm zu lösen. Dem wollten die Freunde Lndendorsfs zuvorkommcn, deswegen der Vorstoß gegen Hitler, dem vor allem vorgeworien wird, daß er die völkische Bewegung an „Nom" verkaufen und verraten wolle. Daran scheint so viel richtig zu sein, daß Hitler, um endlich Rede- und Arbeitssreiheit in Bayern wiederzuerlangen, geneigt ist. der Bayern sä)en Volkspartei und der von ihr beherrschten bayerischen Negierung gewisse Zugeständnisse zu machen und V ü r g s ch a f t e n für k ü nötiges W o h l v e r h a l t e n zu stellen. In der Richtung solcher Annäherungsversuche lag notwendig ein Abrüclen von Ludendorsf, der sich durch seine Angriffe ans Nom in Bayern unmöglich gemacht hat. Wenn Esser in dieser Versannnlung Ludendorsf Kultnrkampsbestrebnugen vorwarf und damit sich fcitcn§ des Volksbundes den Dorwurs zuzieht, er und sein jetziger Freund Duttmann hätten den ersten Dolchstoß gegen Ludendorsf geführt und wolle aus dem Nationalsozialismus eine klerikale Bewegung machen, wenn andere Versanunlungsteilnehmer, besonders die Willve des in den Novcmbcrkämpseu gefallenen Herrn v. Scheubner-Richter, sich leidenschaftlich gegen den Versuch wenden, zwei Männer wie Hitler und Ludendorsf „auseinander- Zureden", so sagt das genug. Mit seinem Annäherungsversuch scheint Hitler allerdings bei der Bayerischen Volkspartei bisher kein Glück gehabt zu haben. Es ist ja wohl auch ein Gebot der Selbstachtung, daß diese Partei sich nicht durch ein paar mehr oder weniger unbestimmte Zusagen von Hitler einfangen läßt, demselben ' Hitler, der seit Jahren die Bayerische V 01 k s p a r t e i des Verrats a m Deutschtum bezichtigt hat. Das angesehenste Parteiblatt der Bayerischen Vouspartei, der „Bayerische Kurie r". berichtet über die Versammlung unter der Ueberschrift „Völkisches Preisb 0 xe 11' mit unverhüUter Befriedigung über die Selbstenthüllung der feindlichen Brüder und fällt über die Vorgänge in der Versammlung das vernichtende Urteil, daß sie „die besten Blüten der Nätezeit erreichte, wenn nicht übertraf". Die Hitler-Leute gehen nach diesem Anfangserfolg zur Gegenoffensive über und berufen in den historischen Bürgerbräukeller eine Massenversammlung zur „Abrechnung mit dem Derrüterkonzern". Die Versammlung fand statt. Sie beschäftigte sich nur sehr wenig mit den „P l ü m e r a n t e n", sondern^ hauptsächlich mit dem öl - kischen K u r i e r", dem im gröbsten S-auherdenton Tinge vorgeworsen werden, wie sie kaum einem „Judenblatt" nacl'^gesagt werden. Djes wirkt um so pikanter, als der „Völkische Kurier" gerade in diesen Tagen stolz ankündigte, daß er das offi stelle Drgan Ludcndoriss^ sei. ^Tie Versammlung gipfelte in der Gründung einer neuen sechsköpfigen „N a t i 0 n a l s v z i a l i st i s ch e n F r a l t i 0 n" des Bayerischen Landtags, die sich von der bisherigen deutsch-völkischen Fraktion gelöst hat und durch den Mund Tr.- Duttmanns verkünden ließ, daß sie jederzeit bereit sei, in die Negierung e i n z u t r e t e n. Bis jetzt scheint aber in Bayern weder bei Negierenden noch bei Negierten das^ Verlangen sehr stark zu sein, die Regierungsmehrheit durch solche nnsichre Kantonisten zu vermehren oder Tr. Buttmann einen Ministersessel anzubicten. schließlich möchten wir unseren Lestrn nicht vorenthallen, daß der „Völkische Kurier" wegen seiner Kennzeichnung in der erwähnten Versammlung eine gerichtliche Klage gegen die Abgeordneten Buttmann und Streicher enfünbigt. unter der reichlich optimisti'chen Voraussetzung, daß diese sich freiwillig des S cy u tz e s ihrer Abge - 0 r d n e t e n i in m u n i t ä t begeben sollen. Wenn^ diese Voraussetzung wider Erwarten zutren'en sollte, kann man pch ja noch auf heitere Enthüllungen geroßt machen. Bemerkenswert ist anoh, daß die Tcut'chvölt'uche Frecheitsbeweaung vom Norden her zugunsten der „Plümeranten", wie Euer chie Hirler- Gegner höhnisch nennt, eineu gleichzeitigen Euttastunasvorsioß in Nürnberg versuchte, der aber anscheinend an der leidenschaftlichen Gegenwehr der Streicher-Partei scheiterte. W. L. * Redeverbot gegen Hitler auch in Prsusssn. Nach einer Meldung des „Amtlichen Preußischen Pressedienstes" hat der preußische Minister des Innern mit sofortiger Wirkung das Auftreten Hitlers als Redner in öffentlichen Versa nrmlungen oder sonstigen öffentlichen B e r a n st a l t u n g e n für das Gebiet des Freistaates Preußen bis auf weiteres verboten. Diese Entichliesmng des Ministers bedeutet eine Aeuderung der bisherigen Stelluwgnähme des Ministers insoweit, als der Minister zunächst ab* warten wollte, wie nch Hitler bei seinem ersten öffentlichen Auftreten benehmen würde, bis dahin aber den Ob er Präsidenten freie Hand beließ, ob und wie sie zu bevorstehenden Hitler-Vorträgen Stellung nehmen wollten. In der Zwischenzeit seit der Ankündigung der Hitler-Vorträge bis zum Erlaß des Ministers hat sich der Minister davon überzeugt, daß Hitlers öffentliches Auftreten in jedem Falle eine s ch w e r e Belastung für die öffentliche Ordnung und Sicherheit bedeute, des weiteren haben ihm die Veröffentlichungen der Hitler nahestehenden Kreise, darunter die in großem Umfange in Königsberg verbreitete „D e u t s ch e Arbeiter-Zeitung", mit ihren maßlosen Angriffen und Beleidigungen gegen sämtliche Mitglieder der Reichsu n d S t a a t s r e g i e r n n g bewiesen, daß cs ein gefährliches Experiment bedeutet, Hitler reden zu lassen. Tie Folgen solchen Auftretens seien nicht abznseheu. Zu einem persönliche n Auftreten Hitlers ist es auch bis zu dem Erlaß des Ministers nicht gekommen. Ter aufmerksame Beobachter konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich bei der Ankündigung Hitlers als Redner um eine Irreführung der interessierten Kreise handelt. Tenn stets ist an Stelle Adolf Hitlers ein anderer Heros der Nationalsozialisten in erster Linie der Reichstagsabgevrdnete t r n s s e r, erschienen, ob es sich nun um Vorträge in O b e r s ch l e s i e n , irn kaum befreiten N u h r g e b i e t oder in Dl i t t e l d e u t f ch lanb handelte. M erkwürdige Beobachtungen konnte man rnit der Ankündigung Hitlers als „Reißer" machen. Ost handelt es sich um ein Mittel, durch Verkauf von Eintrittskarten Geld in die lokale Parteikasse zu bekommen. In einer mitteldeutschen Stadt wurden seit mehr als vier Wochen auf der strafte öffentlich Karten zum Preise von l Mark verlaust. Aber es fand nicht einmal, wie man vermuten sollte, eine Versammlung mit einem Ersatzredner statt, sondern man sagte die Veranstaltung v 0 l l k 0 m m e n ab und verlieh den Eintrittskarten Gültigkeit bis Ende Oktober. Ob man damit rechnet, daß bis dahin die Staatsregierung anderer Auffassung sein würde oder daß man wenigstens einen Stern zweiter Größe herbeischassen könne, ist von geringerer Wichtigkeit gegenüber der Tatsache, mit welchen Mitteln die nationalsozialistische Bewegung arbeiten muß, um neue Anhänger in ihre Netze zu locken.