Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 40 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 654 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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654 den Tatsachen, sondern aus dem Hasse ziehen. Es fehlt der Wille, sich unter die Wahrheit zu beugen. Wenn ich trotzdem diese Zeilen schreibe, sv geschieht das aus dem Bedürfnis nach Nein licht eit. Ter Sonderdruck ging uns ohne Absender als Drucksache zu. An den Absender kann ich mich also nicht wenden. Wer aber zu tiefgehenden Beleidigungen Andersgläubiger schweigt, der macht sich mitschuldig. Es ist nur ein (Sott, der Himmel und Erde Und alle Menschenrassen geschaffen hat. Nach meiner christlichen Neberzeugung der Vater unseres Herrn Jesu Christi. Nach jüdischer Neberzeugung der Gott Abrahams. Isaaks und Jakobs. Daß im Verlaus der Neligionsgeschichte sich jeder (üottesglanbe erst langsam zur vollen Klarheit durchgernngen hat. ist kein Grund gegen die Lauterkeit echter christlicher und echter jüdischer Frömmigkeit. Ter Gott, zu dem ich als Ehrist bete, ist auch der Gott des frommen Juden, verschieden ist nur die Art unterer Gotteserkenntnis. Christenglaube isi Liebe, Liebe and) Andersdenkenden und Andersblütigen gegenüber. Wenn Herr Fritsch seinein Aussatz den Untertitel gibt: „E i ne Existenzfrage für die Kirche", io kann ich allerdings bestätigen: Ja, es ist allerdings eine Existenzfrage für die Kirche, daß sie sich klar und eindeutig gegen derartige Entgleisungen wehrt. Klar und eindeutig sei es gesagt: Als Christ und als Deutscher schäme ich mich, daß ein Christ und ein Deutscher es über sich gebracht hat. Andersgläubige so in ticfftcm Kerzen, in ihrem Gottesglauben zu verletzen. Und das ist auch der Grund, warum ich dies in einem j ü d i s ch e n Blatte veröffentliche. F r i e d r i ch L ü h r? , P a st o r , Schriftführer der Deutschen Cvang.-Lutherischen Synode in Paarl (Südafrika). oöealismus. Betrachtung zum Hüttensestc. Die ehrsurchtgebietenden Tage suchten mit der überwältigenden Macht ihres reichen Gedankeninhalrs und ihren feierlichen Formen vor allem unser Seelenleben 311 beeinflussen. Sie suchten es aus seinem Schlummer zu wecken, ans seiner völligen Versunkenheit in die rein irdischen Interessen des Alltagslebens auf^urültetn und für die idealen Jnteresten eines höheren Lebens zu gewinnen. Bit werden darum für den Juden alljährlich zu einer großen, säst unerschöpflichen Kraftquelle des Idealismus, aus der ihm für das ganze Jahr sittliche Stärke quillt. Idealismus ist aber wertlos und schädlich, wenn er sich in bloßem Schwärmen für das Ideale, im bloßen Preisen und Rühmen der idealen Ziele erschöpft. Idealismus hat nur Wert, so er uns zur praktischen Tat sührt und zur Verwirklichung der idealen Forderungen im Leben anspornt und begeistert. Den Gedanken in uns symbolisch zu wecken, daß nicht die materiellen Genüsse des Daseins wahren Inhalt bilden, sondern die ewigen, unvergänglichen Güter des Geistes und der Seele, dazu dient das sich an den Versöhnungstag anschließende Hüttcnfest. Wir verlaßen unser festes Haus mit all seiner "Behaglichkeit rmd Bequemlichkeit und wohnen sieben Tage unter der Lanbdecke der Hütte. Allen Stürmen und der Macht der Elemente uns preisgebend, sind wir doch frei und froh und feiern ein Freudenfest. Wir weilen in der Hütte im Reiche des Geistes und blicken empor zum ewigen Sterncuhimmel. der uns die ewigen Gesetze verkörpert, welche die Herrschaft des Geistes begründen. Vierzig' Jahre wandert Israel durch die Wüste. Dort hieß Gott sie in Hütten wohnen. Sie konnten die Beschwerden der Wanderung nur ertragen, weil sic in -er Hütte des Geistes wohnten. Ihre Ideale hielten sie'aufrecht. Sie selbst wohnten in schlichten Hütten, aber das Zelt ihres Gottes war voll Pracht und Schönheit. Reichlich soraten sie für diese Stätte, wo das Ideal der göttlichen Herrlichkeit thront. Sie opferten ihr Gold und ihre Geschmeide, sie gaben ihr Bestes her, um ihre Ideale ausrechtzuerhalteu. Auch in unserer Zeit hörb^man viel die Ideale preise::. Tie materielle Macht, die unser Vaterland verloren hat, könne es nur durch Pflege seiner geistigen Güter ersetzen. Es häufen sich die hohem Festtage, an denen die Stätten des Geistes und ihre Führer und Leiter verherrlicht werden. Wenn es aber gilt, die Ideale in die Wirklichkeit umzusetzcn, dann ist man wohl'froh, wenn die Männer des Geistes in die Hütte des Ideals ziehen. Man verweist sie gern auf den hohen Sternenhimmel. Aber die große Menge -leibt in ihrer bequemen Wohnung und laßt die andern den Elementen trotzen. Ein jeder appelliert an den Idealismus der andern. DaZ Hüttensest aber ist und soll sein ein Fest des ganzen Volkes. Das Ideal kann nur aufrecht erhalten werden durch die ganze Gerneinde. H 0 f f m a n n. Zur Neubilöung öer Danziger Regierung. Der Kampf um die jüdischen Senatoren. Dis zu den Bolkstagswahlen im Fahre 1923 bestand in der Freien Stadt' Danzig eine Negierung ans Deutschnationalen, Zentrum und Liberalen, der als Senator für Hände! und ED'werbe das Mitglied der liberalen Fraktion Jewelowslr angehörte. Die Znsan'.menarveit unter den Mitgliedern der Negierung wurde durch die Zugehörigkeit Jewclowskis zum Judentum nicht beeinträchtigt; in Gegenteil fanden seine wirtschaftlichen und vor allen: seine diplomatischen Fähiglei-ten in den schwierigen Verhandlungen nnt Bolen allsettige Anerkennung. Dann kamen die Neuwahlen znmBolmtag im-perbst MD',, die im Zeichen der dentschvölkischen Bewegung standen, und eine siebenköpfige Gruppe deutschsozialer Abgeordneten ins Danziger Parlament brachten. Diese neue Konkurrenz ließ es den Dentschnationalen unmöglich erscheinen, weiter mir dem Inden Jewelowsti zusammenzuarveiten, und so zog sieh die liberale Fraktion, die in diesen: Punkte keine Konzessionen machen konnte, ans der Regiernngskoo.litiou zurück. Seit die'er Zeit hatte Danzig en:e Minderhei^regierung ans Dentschnaiionalen und Zentrum, die allen völli'chen Blmprüsimgm standhackeu konnte, weniger gtücllich dagegen in der Lösung der Wirtstpallc>proöleme und in der Behandlung Polens sich erwies, wo ihr die geschickte Hand Iewelowstis fehlte. Zudem hatte sic als Minderheitsregiernug. die nnt wecksielnden Mehr Hollen arbeiten mußte, einen rechr schweren Mand im Parlament. so daß Lausig seit der Bolkstagswahk von BEll eigentlich an einer ständigen MgstrungBri'e laborierte. Dieser latente Krisenzustand tarn bereits einmal im Frühjahr l'.hM zmn Anabrnch, doch scheiterte damals die Bildung einer Koalition vom Zentrum bis zur Sozialdemokratie au der tllechtsschwcttlttttg des Zentrums. Endgültig kan: die Nechtskoaliiion erst im Hochionuner dickes Jahres zu Fall, als der Ans nach einen: Abbau der nberorgan.isierten und die Wirt schall erdrückenden Bnreanlratie innner stürmischer ertönte und schließlich zur Ablehnung des Ecata des Innern durch den Bolkstag führte. Nunmehr begänne?: die Verhandlungen zwistM:: Denuchne.tiomcken. Zentrum und Liberalen um die Neubildung der Negierung durch Einbeziehung der Liberalen in den Senat, lieber die Bermin.dernng des Beauuenapparates und andere liberale Forderungen hätte sich eine Einigung wohl auch erzielen lassen. Der Punkt, an dein die Verhandlungen wieder zun: Scheitern!an:en. war die Perionensrage. Ter von den Liberalen unter anderen Herren als Senator präventierte Abgeordnete Rechtsanwalt Dr. V. e n m a 11 n gefiel den Dentjchnation.alen wegen seiner indischen Abstarnmung nicht, sie erklärten, ein Teil der Dcutschualionelen würde seine Stimme Herrn Dr. Nennmnn nicht geben können, und so verliefen die Verhandlungen ergebnislos. Da Danzig auf die Dauer nicht ohne eine aktwnssähige Regierung bleche:: konnte, so nahmen jetzt die Parteien der Mitte Fühlung mit der Sozialdemokratie, und es kam eine Negierung zustande, die nun: nach deutsche::: Vorbild als „Weimarer Koalition" bezeichnen könnte. Ihr gehören sechs Sozialdemokraten, vier Liberale und vier Zentrumsmitglieder an. Für Nichcienner der Danziger Verfassung sei daran crinnerr, daß der Danziger <ocuat außer diese:: vierzehn parlmneillarll'eheu (nebenamtlichen) Senatoren ach! beav.'.rete, auf vier Jahre gewählte umfaßt, die zwar politisch nicht abackic-mpelt, aber in: allgeiueineu als rechtsstehend bezeichnet werden können. Das Haupt der Negierung, Präsident Sahn:, vertritt Danzig insbesondere außenvolchisch. während der eigentliche Politische Ehe: der parlamentarische ^-enatsvizepräsident. zurzeit der Sozialdemokrat Gehl, ist. Die Ncgierungserklärung des neuen Senats, den: Zwei Juden, der liberale Rechtsanwalt Dr. Al e u m a n n und der sozialdenwlratisllje Landgerichts rat Dr. K a in n i tz e r. angehören, behandelte die brennenden wirtschaftlichen Probleme, betonte, daß die Regierung sich lohal aus den Bode:: der mit Polen geschlossenen Verträge stelle und den deutsch-kulturellen Besitz Danzigs schützen werde. Kein Bürger soll wegen seiner Gesinnung. Abstannnnng oder Religion benachteiligt oder bevorzugt werden. Gegen nationale Verhetzung, gleichviel von welcher Seite, sowie gegen Hcrckntrc.gnng der Politik m Schule und Hochschule wird eingoschritten werden. Es war zu erwarten, daß sich gegen derartige Negierungsgruudsätze eine jcharse deutschnationale Opposition regen würde, und diese ließ denn auch an Heftigkeit nichts z:: wünschen übrig. Bezeichnend noar, daß der Sprecher der Dentschnatioualen, der bisherige Senatsvizeprändent Dr. Z i e h in, in seiner Oppositionsrede die antisemitelnde Anspielung nickst unterdrücken konnte, ob null»! die Polen un: der schienen Augen der Herren Reumann und Kainnitzer nullen dem neuen Senat freundlicher gegenüberstehen würden als denn früheren. Ossenher.siger waren die Tentschsozialen, nnllche die neue Regierung kurzerhand als „IndenregierungF bezeichneten. die Danzig von de:: Cm juden überfluten lasstu würde! Sie brachten dann ein fiktives Vertrauensvotum (nach deutschen: Bst,her) gegen die Senatoren Tr. Reumann und Dr. Kannlitzcr ein, da sie zu einem Mißtrauensvotum die Unterstützung von einem Fünftel der Abgeordnete::zahl gebraucht hätten. Indessen fiel dieser völkisch? Antrag unter de:: Tisch, da ein allgeimines Verträum:? Votum der Regierungsparteien mit 05 gegen 30 Stimmen, also mit überraschender Mehrheit, augenonunen wurde. So sitzt denn die neue Danziger Regierung in: Satte!, und nun: wird alnvarteu müsse::, wie sie mit Lei: schwierigen außen- und innenpolitischcu Problemen Danzigs fertig rverden wird. Tie Teutschnativnaleu werden ihr das Leben nicht leicht rnachen, die „Balerländischen Verbände" haben sich zur „Abwehr" fester zusanrmengeschlossen, während alle besonnenen Kreise Danzigs hoffen, daß cs ihr gelingen möge, Danzigs schwere Lage ein wenig zn erleichtern. ' E. L.