Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 39 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- Seite 644 (sequence 7)
- Language
- German
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644 setzung seiner Ideale durch die völkische Demagogie spricht. „Welchen Schaden der aus die Spitze getriebene Wahnwitz verantwortungsloser Phantasten schließlich dem Vaterlandes, dem Staate, der vaterländischen Bewegung selbst zusügte, laßt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Denn der Schaden war nicht nur ein materieller, sondern vielmehr und vor allem auch ein ideeller, moralischer." Leine aufrechte Kritik an der Nolle, die die bäuerische Justiz in den inneren Wirren spielte, gipfelt in der schmerzlichen Feststellung: „Tie wichtigste Säule der Ltaatsautorität. das Vertrauen in die Rechtspflege, das Ncchtsgefühl im Volke, ist in einem Maße erschüttert worden, daß es wohl sehr langer Zeit bedürfen wird, diese Wunde zur Heilung zu bringen." Wir haben den klaren Feststellungen eines Mannes. wie Schweyer nichts hinzuzusügen. Daß das, was er :nit Offenheit anklagend niedergelegt hat, von uns rechtzeitig erkannt und, damals leider ohne Erfolg, auch bayerischen maßgebenden Kreisen nahegebracht wurde, wissen unsere Freunde. Das Ergebnis Zes XlV. Zionist§nksn§rsjf8§. Die bedeutende, nicht im Lager der Weizmann-Eegner stehende, im Zionismus hervorragende Frau Anita M ü l l e v (Wien) schrieb nach Abschluß des Frauenkongresses, der neben dem allgemeinen Kongreß tagte: „Es muß wiederholtchoerden, der Wiener Kongreß hat ein wenig entmutigt." Das gilt, wenn man die zionistische Presse liest, auch für den Kongreß überhaupt. Die zionistischen Radikalen wenden sich in aller Scharfe gegen die Leitung der Bewegung: unter den gesetzestreuen Zionisten gärt es, weil der Kongreß der sogenannten Bibelkritik an der Universität Jerusalem Raum cinräiimeit will; man ist nirgends recht befriedigt. Tabei gerät die Frage, was der Kongreß an wirklichen Beschlüssen geleistet hat, stark in den Hintergrund. Und doch ist sie auch für unseren Standpunkt von großer Bedeutung. Tenn der Inhalt der Beschlüsse, ebenso wie die Bedeutung der sehr zahlreich gegefaßten „Resolutionen" ist ebenso wichtig wie der Eindruck der allgemeinen Erörterungen der Tagung. Grundsätzliches, Programmatisches wurde überhaupt nicht beschlossen. Anlaß genug war vorhanden, über die wichtige Forderung des Basler Programms „Stärkung des jüdischen Volksgefühles und Volksbewußtseius" zu sprechen. Tenn wie verschieden diese Forderung aufgesaßt wird, zeigt in einleuchtender Weise die Festnummer der jüdisch-nationalen „Wiener Morgenzeitung". .Während dort auf der einen Seite Redakteur Löwy nur denen ein Bestimmungsrecht eiuräumt, die Juden find und „gar nichts anderes" und verlangt, das europäische Eist müsse ferngehalten werden, erklärt anderseits der bekannte Schriftsteller Felir Salten, der sich auch als Zionist bezeichnet, in einem Brief au einen Freund: „Tu nennst mich einen Rationaljuden. Mein Freund, nichts bin ich weniger. Wir würden uns von den französischen Chauvinisten, von den Trägern der schwarzen Hemden in Italien, von den Hakenkreuzlern in Deutschland kaum unterscheiden, wenn wir in den öden Nationalismus verfielen, der nur eine Krankheit des Jahrhunderts ist. Ich fühle wohl, daß ich mich mit dieser Anschauung in einem Gegensatz 31t sehr vielen guten, lauteren und ehrlichen Juden befinde. Es tut mir leid, aber ich vermag daran nichts zu ändern. Alles, was an ihrem Tun national oder nationalistisch aussieht, scheint mir angenommene Fechtergebärde." Wäre allerdings das hierher ührte Kern Problem angeschnitten worden, dann hätte eine Sprengung des Kongresses nicht vermieden iperben Ion neu. Sind doch schon die wirklich zustandegekommenen Richtlinien dürftig genug. Dabei können all die in der Praxis wichtigen, aber für den Grundgedanken nicht bedeutsamen Beschlüffe über die organisatorische Gliederung der Bewegung außer acht gelassen werden. Die Bodenpolitik, deren Träger der Natioualfonds ist, soll zu einer großzügigen inneren Kolonisation auf dem Lande, in den Städten zur Siedlung an deren Peripherie führen unter Bekämpfung des Bodenwuchers, der in Palästina eine große Ausdehnung gefunden hat. Die Gründung einer I n d u st r i e b a n k wurde beschlossen, die kleinere und mittlere industrielle Anlagen in Palästina fördern soll. Die Handwerkerbank soll ausgebaut werden. England soll veranlaßt werden, die lästigen Einwanderungsbestimmungen zu erleichtern. Die vorhandenen. Stellen zur Beratung und Hilfeleistung an die Einwanderer werden verbessert, neue Gefdjaffen; ein eigenes Touristenbureau wird begründet, um den internationalen Reiseverkehr nach Palästina zu lenken und die Reisenden zufriedenzustellen. Man sieht, die Wünsche, die zu diesen Beschlüssen führten, bewegen sich auf durchaus gesundem Boden. Die Durchfuhr u it g s m ö g l i ch k e i t erscheint dem Kundigen mehr als fraglich. Kolonisation erfordert heut Riesensummen, die auszubringen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, wenn die geplante Siedlung and) nur in bescheidenem Umfange durchgesührt werden soll. Freiwillige Spenden werden dazu nie ausreichen, selbst wenn alle Inden in der Welt im größten Umfange sich an ihnen beteiligen sollten. Bleibt die Unterbringung der Bankanteile und der Anteile der Jndustriegesellschaften unter dem Kapitalisteupublikum der Welt- Das ist kühl zu rechnen gewohnt und nach dem Ertrage eines Unternehmens zu fragen verpflichtet- Je unsicherer dieser Ertrag, desto höher der verlangie Zinssatz. Und an diesem Zinssatz werden die Banken und Gesellschaften zugrunde gehen, wenn ihnen überhaupt die Mittel zufließen sollten. Darum werden die Beschlüsse auf dem Papier stehen bleiben. Daran wird auch die nunmehr beschlossene jüdische Vertretung, die sogenannte Jewish agency, nicht viel ändern. Früher wurde bereits darauf hiugelvie'en, welche Schwierigkeiten ihr im Lager der Zionisten entstanden sind und entstehen und welche Bedenken die Richtziouisteu haben müssen, die sich an ihr beteiligen. Würden aber alle Schwierigkeiten nicht vorhanden sein, so kann auch die agency nicht die Mittel schaffen, die für die notwendigen und" nützlichen Beschlüsse erforderlich sind. Hier könnte allein England und der Völkerbund Helsen. Jetzt wird es sich zeigen, ob es diesen Faktoren mit der Balfour-Dcklaralion wirklich ernst war oder ob diejenigen recht hatten, die in dieser Deklaration nichts anderes als eine billige Geste sehen. Wir möchten glauben, daß all die Ereignisse der letzten Monate, von der Ernennung Lord Plumers zum Sberkommissar bis zu den neuesten Einwanderungserschwerungeu, der p e s s i mi st i s ch e n A u f f a s s u 11 g r c ch t gebe n. Die Tragik der zionistischen Bewegung liegt in der Verkopplung der nun einmal nationalistischen Gedankengänge mit einer an sich gesunden, großzügigen Kolonisationsarbeit. Hier wird der Zionismus zum Opfer seiner Assimilation. Leute, die der oben wiedergegebeneu Auffassung Löwys „los von Europa" huldigen, vernichten jede Praktische Politik: Männer wie Salten werden von der „anonymen Masse" gesteinigt, die sich zum Unglück der Bewegung immer mehr als Herrin erwesten wird. Zum Segen für Judentum und Menschheit wäre der Zionismus, wenn er das Selbstbewusstsein' stärken, die jüdischen Menschen innerlich erhöhen würde, dadurch der Kolonisation im reichsten Maße Bllnscheu und Mittel zusnhren wollte, wenn, er aber auf der anderen Seite sich ans oeu Boden der geschichtlich gewordenen Tatsache zu stellen vermöchte, die eben die Durchführung seines sogenannten nationalen Programms ans jüdischen, aus vaterländischen, aus menschlichen, aus wirtschaftlichen, aus politischen und aus sozialen Erwägungen heraus unmöglich erscheinen lassen. Und ach diele Tinge ist der Kongreß nicht eingegangen, durch seine Stellung zu W ei z mann hat er zu erkennen gegeben, daß er in einem wesentlichen Teile weder hören noch sehen nult. Das wird die Bewegung fühlen, die lernen sollte, daß „Sich selbst bescheiden" Der erste Weg zur Erreichung des Möglichen ist. Und wenn ein in Deutschland wohnender „radikaler" Zionist in einer Wiener Versammlung ausgesührt hat, „die zionistische Bewegung werde seit vier Jahren entpolitisiert und demoralisiert und schuld daran der Leitung gibt, so sieht man allerdings, daß sich heute unter dem Namen „Zionismus" eine große Menge Juden sammeln, die innerlich nur noch ein Schemen verbindet. Al^ Satyrspiel hat der zur katholischen Kirche übergetreteue Lohn Theodor H e r z l s eine Art Mahnruf an „sein" Volk in der christtichsoziaten Wiener „Reichspost" verössentlicht und dort erklärt, der jüdische Rationalismus sei gar nicht an ein Territorium gebunden. Das Lebensblut der zionistischen Organisation sei nicht mehr das Ideal, sondern das geruchlose Geld. Ter Zionismus sei seines n a i i 0 it a l i ft i * s ch e n Gehaltes verlustig gegangen. Diese närrischen Anschauungen zeigen doch das eine: Wie die Menschen durch die nationale Phase in den Nebel und damit ins Unglück gelangen, Ludwig Holländer.