Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-09-25 · 39 (25.9.1925) · p. Seite 642

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
39 (25.9.1925)
Date
1925-09-25
Page
Seite 642 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277608--02443-3537387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

642 Fürsorge AHL die Schaffung von Zufluchtsheimen nach Art des vom Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlin bereits eingerichteten. Zentralwohlfahrtsstelle und Frauenbund haben neuerdings ihr Augenmerk aut eine Ordnung des Adoptionswesens gerichtet, um diese vor allem für uneheliche Kinder auszuwertende Dersorguugswrm im Verein mit den jüdischen S a m m e l v o r m n n d s ch a f t e n in Berlin, Frankfurt a. M. und München (in Breslau und Köln sind solche geplant) weiter auszubauen. Aus dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge ist als Gemeinschaftsaufgabe die Bekämpfung der Tuberkulose $u nennen. Ist neben der öffentlichen Fürsorge der Städte und Versicherungsanstalten durch Einrichtung von Fürsorgestellen und Lungenheilstätten noch Raum und Notwendigkeit für eine eigene jüdische Einrichtung? Ja! Nicht nur wegen der in einer solchen durchzuführenden rituellen Verpflegung, sondern auch, weil ein jüdisches Heim als solches den Patienten vor unliebsamen Erlebnissen bewahrt, die anderwärts. auf sein Gemüt und damit die Gesundung schädigend eimvirken können. Daß die intensiven Bemühungen der Zentralwohlfahrtsstelle in absehbarer Zeit von Erfolg gekrönt sein werden, steht stark zu hoffen. Planmäßigkeit ist gerade in hygienischen Dingen unerläßlich. Die Kur in Davos oder Arosa läßt sich nur ausnahmsweise durchführen. Keinesfalls darf damit gerechnet werden, daß, wenn sie etwa mit privaten Mitteln begonnen werden, die, ach, so bald zu Ende zu gehen pflegen, nun unbedingt die Fürsorge der jüdischen Gemeinde oder von Vereinen eintreten müßte. Es erscheint unverantwortlich, Kranke in die Ferne ziehen zu lassen, ohne daß die Durchführung der Heilbehandlung gesichert ist- Das gilt auch von den gewöhnlichen sonunerlichen Verschickungen. Sie dürfen in erster Reihe nur solchen Personen bewilligt werden, -die noch im Erwerb stehen und die durch Wiederherstellung ihrer Gesundheit dem Wirtschaftsleben erhalten bleiben. Das mag manchmal alten Kranken gegenüber als Härte erscheinen, ist aber heute zur zweckmäßigen und sparsamen Ausnutzung der Mittel unerläßlich. Die materiellen Mittel, wo sollen sie herckommen für die fast unbegrenzten Ausgaben unserer Wohlfahrtspflege? Gerade in den Vortagen des Neujahrsfestes sind jedem wieder Aufrufe der verschiedensten Anstalten und Vereine zugegangon, in denen um Spenden .gebeten wird, und die jüdischen Zeitungen und Gemeindeblätter sind solcher Ausrufe voll. Wem geben? In Amerika hat man vorbildliche Einrichtungen getroffen, daß jeder an eine Zentralstelle gibt,-die die Verteilung an die Anstalten vornimmt, z. B. in Chicago an die Jewish Charities. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat versucht, durch die Sammlung „Jüdische Not" eine ähnliche Zentralisierung herbeizuführen, und es ist ihr gelungen, den geschlossenen Anstalten -dadurch weiterznhelfen. Doch muß es diesen möglich bleiben, neue Mitglieder zu werben. Denn die Zahl derer, die größere, nennenswerte Beträge an eine Vertei-lungsstelte zahlen können, wird in Deutschland auf lange Zeit beschränkt bleiben. Auswertung s- und Anleiheablösungsgesetz werden vielleicht dazu beitragen, die finanzielle Lage unserer Anstalten zu verbessern, die eine oder andere Stiftung wird, wenn auch im begrenzten Umfang, darangehen können, ihre Ziele wieder aufzunehmen. In jedem Falle müssen aber die Möglichkeiten öffentlicher Fürsorge auf Grund der Verordnung über die Fürsorgepflicht erschöpft, Kleinrentner-, - Sozialrentner-, Kriegsbeschädigtensürsorge herangezogen werden, aus deren Leistungen gesetzliche Ansprüche bestehen und im Verhältnis zu denen jüdische Hilfe nur ergänzend sein soll. Das wird mit Erfolg aber nur dort geschehen können, wo sich die jüdischen Wohlfahrtsstellen örtlich und darüber hinaus in den Provinzen und Ländern zusammengeschlossen haben. Hier fehlt noch manches. Während z. B. in Hannover mit Braun- -schweig und Oldenburg, in Westfalen, -in Brandenburg solche Provinzialverbände geschaffen worden sind, fehlen sie noch in Schlesien, das ihrer als Grenzland gerade am meisten bedarf! Ueber allen Fragen der Organisation und der Mittelbeschafsung steht aber der Ruf nach persönlicher Mitarbeit. Gewiß ist die Zahl der Frauen und Männer, die sich für die Fürsorge zur Verfügung stellen, groß, aber doch klein, gemessen an der Fülle des täglich sichtbar werdenden Leides und-der Not. Leicht ist die Arbeit nicht und nicht dazu angetan, ein Zeitvertreib müßiger Stunden zu sein. Sie verlangt den ganzen Menschen. Verantwortungsgefühl, Erfahrung, Takt und Kenntnisse, die erst gewonnen werden müssen. Wie dein auch sei, eins muß jeder Jude nach seinem Können beisteuern, materielle Mittel oder persönliche Mitarbeit, am besten beides, um der wachsenden Not zu steuern. Das nehme sich jeder vor, und in freiem Gedanken rüste er sich zum VersöhuungStag! Versöhnung. Don Stadtrabbiner Dr. Paul Riegev (Stuttgart). Der Sinn uiib das Ziel aller echten Religion ist Versöhnung, Ausgleich der Gegensätze, Friede mit Gott und den Menschen. Darum ist der Versöhnungstag der heiligste Tag der Religion. Das Pessach ist das Fest der Freiheit, das Wechensest die Feier der Offenbarung, das Laubhüttenfest die Erinnerung an die göttliche Fürsorge und Vorsehung. Das Neujahrssest oder, wie es wörtlich heißt, „der Anfang der Wandlung" ist die Vorbereitung auf den Versöhnungstag. Der Versöhnungstag aber ist der klassische Tag der Idee der Religion selbst. Was Versöhnung ist? Tie Herstellung der gestörten inneren Harmonie, des Friedens mit Gott. Alles Unrecht, jede ^ünde ist eine Störung dieser Harmonie, ein Widerspruch mit dem Göttlichen, ein Kamps gegen Gott. Versöhnung ist Umkehr, Heimkehr zu ihm, der Sieg über die Sünde, der Triumph Gottes im Menschen. Darum muß Versöhnung eine Ganzheit sein. Halbe Umkehr v: noch keine Hei in kehr, halbe "Versöhnung noch kein Triumph Goueeim Menschen. Tie Flammen der Rene und das Blitzlicht der Telbw erkenntnis müssen in alle Falten und Fugen der Seele hineinleuchten. Kasteiung und Sündenbekenntnis müssen unaufhörlich an das Ziel: Versöhnung mit Gott, erinnern, bis der ganze Mensch von ihr ergriffen ist. Versöhnung ist also das innerliche W i e d e r e i r. werden mit Gott, die Abwehr alles dessen, was diese Einheit mit Gott tniot und stört. Sie ist der Siegespreis im Kamps für das Gute und Göttliche. Solche Versöhnung mit Gott darf aber nicht mit sittlicher Lässigkeit, mit GleichgiUngkeit in Fragen des Gewissens ltnb der lieberzrugnng verwechselt werden. Tenn solche Versöhnlichkeit ist Lockerung und Zerreißung Zugehörigkeit zu Gott, keine Ausnahme Gottes in das Leben, sondern Entfremdung von ihm. In den Fragen dos Gewipens und der Ueber.zengung ist W i l l e n s s ch w ä ch e Set b st a u s g a b e. Eine Gemeinschaft, die ihre Grundsätze preisgibt, hat ihr Lebensrecht verloren. Eine diplomatische Religion ist das Gegenteil einer wahren Religion. Eine Religion des Vielleicht und des Wenn ist ein Zerrbild. Die Losung echter Religion ist: trotzdem und dennoch. Ter Name Israel, d. h. Streiter für Gott, findet in diesem Zusammenhang seine tiefste Ausdeutung. In der zweiten Hülste des August hat die Menschheit in i.r Stockholmer Weltkonferenz der christliche 11 K i r ch e n eine der stärksten Demonstrationen der Gegenwarll-- religion erlebt. Jeden Freund der Religion mußte es beglücken, c .-; hier nach Jahrhunderten feindseliger Spaltung die sührendeu Vertreter aller großen christlichen Kirchen der Erde mit Ausnahme der katholischen versammelt waren. Es war in Wahrheit ein Vcrsöhnungsfest der christlichen^Kirchen. Wer aber die Entschliche der Stockholmer Beratungen durchmustert, erlebt eine schmerzliche Enttäuschung. Die ernste Kritik, die der badische Staatspräsident Tr. Hellpach an ihnen in einen: Aussatz in der „Frankfurter Zeitung" vom 9. Srptember übt, erscheint fast zu milde. Es ist ein unersrenliches Zeugnis mangelnden Verständnisses für das deutsche Empfinden gewelen, daß man den deutschen Vertretern die Anerkennung der angelsächsischen These znmntete^ die im Völker' buiib, d. h. in der Vorherrschaft der Fcindstaaten, das Gottesreich ans Erden erblickt. Viel bedenklicher aber war die Kapitulation der Friede ns freunde vor der Kriegst h e s e der K o n f e r e n z. Allerdings-erklärte sie am 25. August den Krieg für einen Mißbrauch der Gewalt. Tiefe Entschließung hob aber die Erklärung des Generalsuperintendenten der Nheiuprovinz, Klingemann, völlig ans, oder besser: sie verkehrte sie in das Gegenteil durch die angenommene These: „Tie großen Fragen des Krieges und des Friedens werden sich nach eigenen irdischen Gesetzen gestalten, welche sich nicht ändern." Tie Stockholmer Formel, daß der Krieg, das politische und wirtschaftliche Leben eigenen „irdischen" Gesetzei: folgen, auf die das Christentum als eine innerliche Gesinnungsangelegenheit keinen Einfluß hat, muß als Anerkenntnis einer VTeltanschanuug bezeichnet werden, welche die Moral des Staates über die Moral der Religion stellt. Damit ist die Religion tatsächlich entrechtet und ein blutleerer Begriff geworden. Die dürftigen Gemeinplätze der Stockholmer Botschaft über das öffentliche Leben sind, das muß gerade in: Jntereße der Würde der Religion rückhaltlos ausgesprochen werden, bittere Enttäuschungen. Tie ängstliche Fassung: „Wir bitten die Kirche, ein Gest'thl Ztl haben für die Schrecken des Krieges wie auch für seine Unzulänglichkeit für die Losung internationaler Streitfragen" wirkt mitleiderregend. Allerdings erklärt die Botschaft: „Wir haben das Rassenprvblem . . . untersucht", aber sie verheimlicht wohlweise das Ergebnis dieser Untersuchung. Tie Stockholmer Weltkonserenz bietet so ein Dild der falschen Versöhnung, der schwächlichen Kompromisse, der religiösen llncnt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.