Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- Seite III (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9221535-9548911-9548904--005-3537374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
111 Hilft wir glauben, mit stolzer Freude sagen zu dürfen: wir sind schon ein Stück unseres Weges gegangen. Ter BundZ, der heute in seinen zwölf Gauen und ('»5 Ortsgruppen wohl 1500 Jungen und MÜdel umfaßt, hat schon eine Art junger Menschen geschaffen, die man heraustennt unter den jungen Juden: lebensfroh und ausrecht stehen sie ganz drinnen in ihren Gruppen, gewinnen ans ihnen ihre Freude und Streift. Und sind bereit, sie cinznsetzen für deutsche und jüdische Zukunft, Die Deutfch-jüöische Iugenö» Don Wilhelm L e w i n s k i (Berlin). Tie T e n t s eh -jüdische Jugend Berlin ist am 17. Juni 1024 durch Absplitterung von einer anderen Jugendvereinigung infolge grundsätzlich verschiedener Auffassung in Organisationsfragen entstanden. Im Verlause ihres Bestehens ist sie ihre eigenen Wege gegangen, und ist heute mit ihren vier Untergruppen und einem Bestände von etwa 250 Mitgliedern in die Aeihen der grossen jüdischen Jugendorganisationen getreten. Tie deutsch-jüdische Jugend will die dentschgesinnte jüdische Jugend im Alter von 14 bis 21 Jahren unter Ausschaltung aller parteipolitischen Tendenzen und religiösen Strömungen sammeln. Es heißt im - § 2 der Satzungen: „Ter Verein will aus der Erkenntnis der Unlösbarkeitvonder d e u t - s ch e n Kultur deutsche G e s i n n u n g pflege n u n d seine At itglieder zu guten Staat s bürgern erziehe n. Der B e r e i n will stolze und selb st bewußte Juden d u r ch B e r t i e f u n g der N e l i g i o n und Pflege jüdischen Wesens und Wissens heranbilden." Tiefen Zwecken dienen die zahlreichen Veranstaltungen der Bezirke und des Gesamtvereins. In Kindergrnppen werden die Kinder in Spiel und Ernst für die Jugendgruppen herangcbildet. Ter Verein bekämpft den Zionismus ans das entschiedenste und tritt der zionistischen Propaganda in den Schulen entschieden entgegen. Häufig finden Veranstaltungen statt, zu denen Zionisten geladen werden und erscheinen, um in freier Aussprache die Probleme zu lösen. Tie Leitung des Gesamtvereins liegt in den Händen eines von der Generalversammlung allgemein und direkt gewählten Hauptvorstandes, der ans fünf Köpfen besteht. Zurzeit gehört dem Hanptvorstand ein Mädchen an; zwei Jugendfreunde in dieser Körperschaft sind unter 18 Jahren. Mädchen und Jungen haben gleiches aktives und passives Wahlrecht. Die deutsch-jüdische Jugend lehnt es ab, lediglich Zwecko r g a n i s a t i o n zu sein. In starker Betonung der Zugehörigkeit zur deutschen Jugendbewegung macht sich unsere Organisation auch deren l e b e n s r e s o r m e r i f dj c n Bestrebunge n zu eigen. Enthaltung von Nikotin und Alkohol, Kampf gegen Schmutz und Schund in Theater, Film und Literatur machen wir nicht nur unseren Mitgliedern zur Vorschrift, sondern aus belehrenden Vorträgen und gegenseitigen Aussprachen sollen diese Gifte am Vollskörper auch von unseren Freunden klar erkannt werden. Der Hohlheit und Plattheit weiter Gesellschaftsschichten null die Bewegung ein inniges Gemeinschaftsleben entgegcnstellen, das nicht nur auf den engen Kreis der Mitglieder beschränkt bleiben sott. Deshalb bringt die Bewegung allen auf Jugendpflege und Ältershilse zielenden Bestrebungen der Behörden volles Verständnis entgegen, und unsere Mitglieder haben sich diesen Ausgaben des österen zur Verfügung gestellt. Nach außen waren wir erfolgreich in den städtischen Ausschüssen für Jugendpflege tätig. Wir haben Vertreter in den Ausschüssen der Bezirksämter Mitte, Schöneberg, Prenzlauer Berg und Weißensee. Von diesen Behörden sind unsere Bezirke, vom Hauptjugendamt unser Gesamtverein als Jugendpflege treibende Organisation anerkannt. Durch unsere in den A n s s ch u ß f ü r Jugendpflege der jüdischen Gemeinde und in den Verband märkischer Wandervereine gesandten Vertrauensleuie wird uns auch ein enges Zusammenarbeiten mit diesen Organisationen gewährleistet. Dem Bund s ü r Jugendherbergen gehören wir korporativ an. An sportlichen Veranstaltungen der Bezirksämter Friedrichshain und Mitte haben wir uns mit Erfolg beteiligt. Unser Verein gibt als Zeitschrift „Die Tat" sowie ein monatlich erscheinendes Mitteilungsblatt heraus. Gemäß unseren Satzungen machen wir es uns zur Pflicht, mit gleichgesinnten Vereinen znsammenznarbciten. Wir hoffen, daß es möglich ist, eine Annäherung z w i \ rfj c n ft c u ft c m (ventral verein na h e st eh e n de n Jugendorganisationen her - b e i z u s ü h r e n, und begrüßen in diesem Sinne diese d er st ä n i s v o t l e Neuerung der „E. B.-Zcitnng". Anfragen und Propagandamateriak: Wilhelm Lewinski, Derlin- Weißensee, Streustraße 11. 2) Die Anschrift des Vundcslciters: Jakob Nohnstcmim, München, (Zophienftta&e 5a, die der Berliner Ortsgruppe: Günter Ballin, Berlin VV 15, «onstanzer Straße 58. Die jüöisch-liberalen Iugsnövereine (Ms). Von Ernst Heinrich S e l i g s o h n (Berlin). Das Wesen unserer Bewegung hat sein Bestimmtes und sein Unbestimmtes. Wir bekennen uns zum religiösen Liberalismus, insofern als wir auch in der Neligion eine Knlturerscheinung erblicken, die den Gesetzen der Entwicklung unterworfen ist. Wir glauben daher, daß auch für unsere Zeit dasselbe Recht besteht, das frühere jüdische Generationen bewußt oder unbewußt für sich in Anspruch nahmen-, den ererbten Glauben lebendig zu erhalten durch seine Durchdringung mit zeitgenössischem Geist. Und doch ist unsere Anschauung noch unbestimmt — das glückliche Borrecht eines Jugendbundes —ob der Tradition oder dem Zeitgeist für die Gestaltung unseres jüdischen Lebens ein Vorrecht einzuräumeu ist. So mögen sich in unseren Neihen „radikalere" und „allzu gemäßigte" Anschauungen finden. Aber wir haben hier mit Erfolg den Grundsatz der Toleranz in unseren Neihen verwirklicht. Selbstverständlich ist uns allen die Verbundenheit mit deutscher Kultur. Unser Bestimmtes haben wir in dem Ziele unserer Arbeit. Es handelt sich für uns nicht darum, Juden von mehr oder weniger „liberaler" Anschauung um uns zu sammeln, sondern wir sind bestrebt, junge Menschen zu religiösen Juden zu erziehen. Tie Erziehungsfrage ist heute eine W i s s e n s - und Bildungsfrage. Bei der erschreckenden Unwissenheit aus jüdischem Gebiete erscheint uns als unsere Hauptaufgabe, jungen Menschen wieder Kenntnis von der Bibel und von jüdischer Geschichte zu vermitteln. Wir werden dabei sicher manches anders auffassen als unsere Voreltern oder die heute herrschende „offizielle" Meinung. Woraus cs uns ankommt, ist: Alles, was wir auch treiben, uns möglichst nahe zu bringen, denn nur die unmittelbare Beziehung des biblischen oder historischen Stoffes zu uns heutigen kann uns zu religiösen Juden machen. Entsprechend dieser rein sachlichen Arbeit u n t e r s ch e i d e n wir uns in der Form unserer Bewegung von der jüdischen Jugendbewegung gleichgültig welcher Nichtung. Gewiß befinden wir uns in einer Entwicklung zur Form der Jugendbewegung — Gruppenleben, Heimabende, Wanderfahrten. Aber ist dort das einigende Band der Typus und die Haltung der jungen Menschen, so hier die gemeinsame sachliche Arbeit, die freilich dann auch wieder eine bestimmte Haltung schafft. Tie ältesten Jlis bestehen schon bald eineinhalb Jahrzehnte. Im Jahre 1917 schlossen sie sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die dann monatlich erscheinende Mitteilungen heransgab. Nach einer Unterbrechung ist cs uns jetzt wieder gelungen, ein kleines monatlich erscheinendes Heft herauszugeben, in dem gerade die Jüngsten zu Worte kommen und so dem Hin und Wider der Meinungen einen lebendigen, wenn auch anspruchslosen Ausdruck verleihen. Berbandsvereine bestehen in Berlin, Breslau, Liegnitz, Frankfurt a. M., Hamburg, Münster i. W., Magdeburg, Potsdam, Lüdenscheid und Sobernhcim a. ft. Nahe. Alle Anfragen sind an die Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jngendvercnw Deutschlands, Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147, zu richten. Ihr Knaben und Mädchen aber, die ihr aus eurer Kinderzeit manche Gehrissigkeit christlicher Genossen als tief schmerzende seelische Wunden empfindet, lasst Euch von Eurem grosse« Freunde sagen, was ihr zu tun habt, damit nicht durch die von einer leider oft sehr weitgehenden knabenhaften Bosheit erlittenen Misshandlungen Keime des Trübsinns und der Schwache oder der Gehässigkeit in eure Gemüter gelegt werden. Uebfc die körperliche Kraft und Gewandtheit, stärkt den moralischen Mut, und das Bewusstsein physischer und moralischer Stärke wird euch sicher, heiler und gutmütig machen; während das der Schwäche befangen, trübe und reizbar werden lässt. Ihr werdet dann später, wenn ihr das richtige Selbstgefühl und eine reiche Lebensansicht euch erworben habt, dem ehrenhaften Gegner mit den Grundsätzen der Ehre, dem ehrlosen mit dem Schild des Gesetzes eilt gegen treten können. Gabriel Riesser. Gabriel Blosser (1S0C—1SC.3) war 6er erste grosse Vorkämpfer der deutsch-jüdischen Idee. Als Schriftsteller, Kednktcur, später Abgeordneter der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirchc (ISIS) und Bürgerschaftspriisidcnt seiner Vaterstadt, trat Cr mit Wort und Schrift für dio Gleichberechtigung der Juden ein. Vor allein aber war er der erste, der mit glühender Begeisterung Stolz und Selbstbewusstsein unter den Juden zu wecken versuchte. Wer über diesen wunderbaren Menschen mehr wissen wNl, der lese das kleine Büchlein von Joseph Feiner, „Gabriel Biesser“, Leipzig 11)11. Verlag Gustav Engel.