Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- Seite IV (sequence 4)
- Language
- German
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IV Wir und die anderen. Charlotte Lüt! en § : „D i e deutsche I u g e n d - b e w e g u n g". Wir sind nicht etwa vermessen genug, zu behaupten, Ideal des deutsch-jüdischen Menschen, auf dessen Boden sich alle hier zu Worte kommenden Bünde einigen, sei eine Schöpfung der Jugend. Mit Dankbarkeit und Ehrerbietung gedenken wir derjenigen, die uns damit beschenkten und es pflegten auf ihre Art. Tie Jugend hat es nur ausgenommen und in ihrem Sinne umgestaltet zum Inhalt ihrer Bewegung. Inhalt der Jugendbewegung? Bedarf die Jugendbewegung überhaupt einer außerhalb ihrer gelegenen Zielsetzung? Tie erste zufammenfassende soziologische Betrachtung von Vergangenheit und Gegenwart der deutschen I u g e n d b e w e g u n g : ,.D i e deutsche I u g e n db e w e g u n 9', E i n soziologischer Versuch von Dr. Charlotte LütkensH gibt hieraus die Antwort. Die Verfasserin, die selbst der Jugendbewegung entstammt und sich im Vorwort gegen den Verdacht erlebnisferner Theoretisiererei zur Wehr seht, erweist im Verlauf der Darstellung ihr Recht auf ihren Deutungs- Versuch zur Genüge. Ohne dem vielfarbig schillernden Bild der selbstfrohen, nach einem neuen Sehnsuchtslande ausbrechenden Jugend durch irgendwelche Retouche Gewalt anzutun, zeigt sie die gesellschaftlicl^n. wirtschaftlichen und politischen Züge der Zeit, aus dem sich mit naturhafter Plötzlichkeit d e r K r a f t st r 0 m der Jugendbewegung l 0 s! öste. Besondere Aufmerksamkeit wird der Frage zuteil, warum die Bewegung a u s Deutschland beschränkt blieb, welche Umstände ihrer Entstehung in anderen Ländern entgegenstanden. Ter Höhepunkt des Freideutschen Jungtag? ans dem Hoben Meißner, 1913, die Krise, die Krieg und Kriegsausgang bedeuteten, und schließlich ein neuer Aufschwung, den die Verfasserin in der j n n p 0 l i t i s ch e n Beivegung sehen möchte, — dies alles wird uns mit so viel Blicksichorheit und mit so viel liebevoller Frische nahegebracht, daß nur die Gabe nur begrüßen können. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern können, daß die Verfasserin, trotz ihrer jüdischen Abstammung, über die Inden frage säst absichtlich hinweasieht und ihrer nur an einer Stelle mit einer säst unfreundlich anmutenden Objektivität Erwähnung tut. Uns kann nichts daran liegen, uns hier gegen den Vorwurf 'geringerer Abhärtung und Leistungsfähigkeit zur Wehr zu setzen — das tun bester und beweiskräftiger unsere jüdischen Jungens und Mädels, die sich^an Fahrtcntüchtigkcit mit jedem noch so völkischen Bunde wohl inepen können! Ein G r u n d s ä tz l i ch e s ist zu diesem Buch zu sagen: Um ihren Optimismus in bezug ans Fortdauer und Entwicklungsmöglichkeit der Jugendbewegung zu rechisertigen, benötigt die Versaperin eines Gedankenganges, dessen Schlüssigkeit nicht unbedingt anzuerkennen ist. Ter Wunsch, in den heutigen Jugendgruppen ein folgerichtiges FortleWn der im ersten revolutionären Anlauf wirksamen Kräfte zu sehen, erfüllt sich ihr in-einer etwas gewaltsam herausgearbeiteten Kontinuität der „Politik". Politik — im weitesten 'einne — war Sinn und Stofs der ersten Bünde, es ist darum nur naturgemäße Fortentwicklung, so wird geschloffen, wenn die Nachkriegsjngend bewußt in die "Sphäre der Staatsgestaltung hineingeht.' Hier aber erhebt sich uns die große Frage, die den Ausgangspunkt unseres Gedankenganges bildete, die Frage nach der inhaltlich erfüllten Jugendbewegung. Jugendberoegung, wie sie sich uns als einheitliche Erscheinungsart einer fast unabsehbaren Mannigfaltigkeit von Gruppen und Bünden darstellt, und wie sie auch von Tr.L ü t k e n § begrifflich gefaßt wird, ist eine Lebens s 0 r m, aber kein Lebensinhalt. Es sei denn, das; die Form, in ihrem formalen Charakter verkannt, selbst zum Inhalt erhoben wird. Dies war der Zustand, in dem sich weite Kreise der allgemtiuen Jugendbewegung befanden, bevor der eigentliche Politisierungsprozeß ■ einsetzte, in dem sich andere Gruppen noch heute befinden.' Fahrt. Gesang und Spiel — das sollen Ausdrucksformen sein einer neu* ' artigen Stellung zur Umwelt, Formen, die dazu beitragen sollten, ein Menschlichkeitsideal mit dem ganzen Pathos dieses Wortes zur Reife'zu bringen. Aber Fahrt, Gesang und Spiel, das ist nicht das Menschlichkeitsideal! Die Krise der Jugendbewegung, die von Tr. Lütkens mit dem ihr eigenen scharfen Blick für Wesentliches gesehen wird, diese Krise, deren Ausbruch durch den Krieg nicht hervorgerufen, .sondern bloß beschleunigt wurde, war eine' Krise d er ' leer gelaufenen Form. Don allen Seiten her wurde diese Form gesprengt. Die einstmals revolutionäre Lebensart der Jnngwanderer wurde von einem großen Teil der deutschen Jugend zu ihrer eigenen 'gemacht und verlor dadurch an Sonderheit und Auszeichnung. Tie .Frage der „Aelteren", die allen Bünden lange Zeit viel zu schaffen , machte, erwächst aus der gleichen Wurzel.' Tie über die Form 'Hinausgewachsenen. die hinter Spiel und Freudigkeit tätige Verantwortung zu sehen wünschten, fanden keinen Weg hinüber. Älles was man davon erträumt hatte, hielt nicht stand vor den Tatsachen der ärmer und härter gewordenen Welt, vor Wirtschaft. iBeruf und Arbeit. So kam die große Enttäuschung, die Abkehr, der iB^rzicht. Und die heutigen politischen Jugendbünde können uns Zucht als Fortsetzer gelten; denn zwischen der „Politik" der Vorkriegszugendbewegung. die gleichbedeutend war mit weitherziger Staats¬ und Menschenbejalmng, ohne einseitige Festlegung, und die mcht die Engstirnigkeit besaß, den Ausschluß gleichstrebender, gleich, begeisterter Weggenossen zu ihrem Pseudoideal zu mißbrauchen — zwischen dieser' „Politik" und dem heutigen Fanatismus vieler Jugeudkreise besteht keine Gleichheit. Damals fehlte in Wirklichkeit der Inhalt, heute sucht man ihn dort, wo man ihn nicht finden kann. D i e j ü d i s ch e I u g c n d a b e r i st b c s s e r d a r a n. Geworden ans freiem Entschluß oder ans Zwang — w a s liegt daran? Das Ideal des deutsch-jüdischen Menschen, diese immer wieder gestellte Aufgabe, zwei stets sich erneuernde KräftequeUen zum Strome umzuschassen, sic hebt die deutsch-jüdische Jugendbewegung hinaus über das nur Formale imd seine Gefahren. SinrlcrfiUiie Jugendbewegung, die über sich hinausweist in Gestaltmig und Tauer, sie soll von s h m b 0 lis ch e r Bedeutung sein für das deutsche Judentum, damit sich auch ihm aus seinem Schicksal glückhaste Zukunstshojsnung erschließe. Neander. Eine Schnitzeljagö und anderes. Heinmachmittag in der Jungengruppe. „Wohin geht's denn Sonntag auf Fahrt?" Sechzehn Aiigenpaare, so recht fahrtensrohe Augenpaare, hängen an meinen Lippen. „Ja, das weiß ich diesmal selber nicht!" Darob fassungsloses Erstaunen. „Was ist denn mit dir los? Tu hast wohl W ficinen Rappel?" Ich beruhige die aufgeregte Gesellschaft über meinen Gesnndheitszristand und erkläre darauf, aber mir ganz notdürftig, ^iun und Zweck einer Schnitzeljagd. „Au, fein! Tie roerdeu wir schon finden! Aber wehe ihnen, wenn wir sie erst haben!" Rur mit Blühe kann ich die helle^Begeisrernug der Jungen zügeln. „Also ans Wiedersehen am Sonntag um 7 Uhr! Und Pünktlich, bitte ich mir aus." Am Somitagmorgen finde ich am Bahnhof, au der gewohnten Stelle „unter der Normaluhr", schon die ganze Gruppe versammelt. All ich der lange E r u st m i t d e m W i m P e! s P e e r ist schon da. unser S P a ß m a ch e r , de r G c r h ard , fehlt natürlich auch nickt, und, zum Donnerwetter. -- was ist denn das? Haben die Bengels doch dem Kleinsten den Hordenpott anfgehalst. Putzig macht sich der kleine Kerl mit dem riesigen Topf auf dem Tornister. „Kochen wollt ihr heule auch? Das kann ja schön werden." J:n Innern graut mir schon, muß ich doch mich mithalten. Na, schadet nichts. Los! Nach einer knappen halben Stunde setzt uns der Zug ab. Wir sind im Grnuewald, dem Ausgangspunkt unserer Jagd. Was aber nun? Jetzt heißt's eben suchen. Hurra! Ein vierstimmiges Jndianergedrüll ruft mich an die Stätte, wo Gerhard eben ein kleines Papierschnitzel mit dem vereinbarten Zeichen daraus entdeckt hat. Wie eine Mente Jagdhunde stürzt sich die ganze Schar nun auf die Fährte. Rein in der; Wald, mitten durch die Kiesernschonung (wenn das der Förster sähest über den Fahrweg hinweg geht die wilde Jagd. Halt! Fort ist die ^pnr, wie weggeweht/ Ta hilft nichts als: „Kette bilden! Vorwärts!" J.uhn, wir haben sie wieder! lind weiter geht die Jagd bis dicht an den Teufelssee. Nun ist guter Rat teuer. Die Fährte endet am See. Die Hasen haben uns Jäger wieder einmal schön überliste t. Doch nein. Einer bekommt den schlauen Einfall und läuft zurück. Nichtig, die Kerle haben eine Strecke hinter uns ihren Weg fortgesetzt. Und so suchen wir noch eine geschlagene Stunde und nähern uns dabei immer mehr der Havel. Plötzlich, am Nande einer Schonung, ans einer kleinen Anhöhe, empfängt uns ein furchtbares Gebrüll, gar nicht wie von Hasen ausgestoßen. Heil D. I. I. G.! Und wir haben uns wieder. Einträchtig lagern sich Jäger und Hasen auf der Höhe. Vor uns fließt ruhig die breite Havel, zur Linken erhebt sich der Kaiser-Wilhelm-Turm trotzig, echt märkisch ans denn dichten Walde, weit unten aus den Havelwellen, einem Riesenspielzeng vergleichbar, tummeln sich ein Paar weiße Segel. Indessen haben die Jungen trockenes Holz herbeigeschteppt, bald ist das Fe'.'.er angefacht, und noch eine Heine Weile, so steigt mir der angenehme Tust einer anscheinend doch geratenen Suppe'in die Nase. Alle Mann zum Esseusassen! Ein Aelterer sagt noch einen kernigen Vorspruch, daun klappern die Lössel. Es scheint zu schmecken, eine heilige Ruhe lagert über der schmausenden Schar. Nach der Mahlzeit legt sich ein Teil in die Pralle Sonne und läßt sich den braunen Pelz noch brauner brennen, einige Unermüdliche gehen zn ihren geliebten Bvlkerballspielen. Tort unter der hohen Kiesor haben sich ein Paar Aeltero zusammcngetam Einer liest vor: „Und der Ewige sprach zu Mose: /ceiibe Kundschafter aus, die das Land Kanaan, das ich euch geben will, auskiiudschasten sollen'." Er liest, und alle hören still zn. Tenn es ist unsere Geschichte. Auch wir suchen ein neues Land, ein Land, in dem der Mensch wahr ist und hilfreich seinem Nächsten gegenüber. Aber unser Land liegt in uns selbst, nur in i:ns töuneu wir es sin den. Es ist Spätnachmittag geworden, wir müssen nusbrechen. Aber bevor wir wieder in unsere Stadt znrückkehren, klingt es noch einmai klar durch die Luft über das Wasser; „Daß wir'gesieget haben, weiß ich, Viktoria!" *) Frankfurter Sozietäts-Druckerei G. nt. d. H., 1925. K. H. D. I. I. <55., Ortsgruppe Berlin.