Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- Seite 631 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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631 zmnachen, zu erfüllen und zu betätigen die Entschließung auf unserer Kölner Rheinlandkundgebung vom 28. Juni d. I.: „Im heiligen D i e n st an d e u t s ch e m Volk u n d d e u L - schein Boden werden wir auch für alle Zukunft uns von niemand übertresfen lassen." Postdircktor Philipsohn (Köln 4). Oer Handwerker. Mit btt Beendigung der Schulzeit lastet die Frage „Was soll unser Kind werden?" sehr schwer auf der Verantwortlichkeit der Eltern, und gerade in der jetzigen Zeit der wirtschaftlichen Rotlage iß es notwendig, die Entscheidung über die Zukunft des lindes nach sorgfältigster Ueberlegung zu treffen. Vielfach muß man die Erfahrung 'machen, daß die Eltern sich zu sehr von dem Willen ihres lindes oder durch äußere Beeinflussung leiten lassen. Lei der Berufswahl muß vor allen Dingen einmal geprüft werden, ob der Junge in dem zu wühlenden B e r u f später einm a l A u s s i ch t hat, et u> a s Besondere s zu lei st e n. Und gerade wir Juden haben alle Ursache, hier mit gutem Beispiel voranzugcheu. Es soll hier einmal ganz kurz die Frage gestreift werden, welcher Berns für den j ü d i s ch e n K naben am a u s s i ch t s - r e i ch ft e n i st. Die akademischen Berufe sind in der jetzigen Zeit so überfüllt, daß für lange Jahre hinaus nur derjenige sein Brot verdienen wird, der besonders hervorragende Leistungen aufweisen kamt. Aber selbst bei unseren großen Atiloritäten auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft fittden wir leider vielfach hellte, daß sie nicht ihrem Können nach Bezahlung erhalten. Auch der kaufmännische Beruf leidet an derartig großem liebercmgebot von Arbeitskräften, daß die Zahl der Stellenlosen voll Tag zu' Tag wächst, auch die Tüchtigen nicht immer ihren Leistungen entsprechend entlohnt werden. Ferner ist hierbei zli berücksichtigen, daß die Aussichten für einen jungen. ilUnun, sich einmal selbständig zu machen, von Tag zu Tag geringer werden, delin es gehören heute hierzu große Geldmittel, die sich ein kaufmännischer Angestellter in der heutigen Zeit nur schwer erwerben kann. Anders liegt es jedoch bei dem Handwerk. Tie alte Weisheit „Das Handwerk hat goldenen Boden" bewahrheitet sich immer mehr. Leider ist die Erkenntnis dieser W a h r h e i l bei unseren j ü d i s ch e n F n m i I i c n n o ch nicht d u r ch g e d r u n g e n. Man hält seine Kinder für zu schade, um sie Handwerker werden zu laßen, nnd^erst daun, wenn die Versuche, in anderen Berufen festen Fuß zu sagen, fehlgeschlagen haben, greift man auf das Handwerk zurück. Dann wird man aber auch die Erfahrung machen, daß das Kind auch hier nicht mn richtigen Platze steht. Man soll sich daher bei der Berufswahl seines Kindes von dem Gedanken leiten lassen, daß jeder Beruf eine g u t e S ch u l b i i b it n g erfordert, wenn // man spater im Leben etlvas Tüchtiges werden will. > Die A u s s i ch t e n f ü r das Handwerk sind in uni?« i ~ c m heutigen Wirtschaftsle b e n besonders gute. | Die großen Jndustriekonzerne drohen ausoinanderzufallen, weil - die notwendigen Kapitalien fehlen, und deshalb kehrt man jetzt viel- : fach zu den Kleinbetrieben und zum Handwerk zurück. Ter Hand- . werter hat bewiesen, daß er durch Fleiß und Inj t c Hi g c n 3 erstklassige Erzeugnisse, die d e n Weltmarkt beherrschen, h e r v o r g eb r a ch t hat. Auch der jüdische Handwerker, der gute Qualitätsarbeit liefert, konnte sich in der Zeit, als alte kaufmännische Betriebe Not litten, gut ernähren. Für den jüdischen Knaben eröffnen sich gute Aussichten, wenn er eine richtige Ausbildung im Handwerk erhalt. Besonders günstig liegen die Verhältnisse"zurzeit u. a. im Baufach, das ja so viele verschiedene Handwerlsarten in sich vereinigt; mich in der Optik. -Feinmechanik, Kunst- 1 d) I o i \ c r e i wie in der gesamteii E l e k t r o i n b u st r i e werden junge Leute, die ihr Fach verstehen, guten Verdienst finden. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß der Handwerkslehrling nach beendeter Lehrzeit die Möglichkeit hat. seine Kenntnisse im Anslande zu erweitern, was ja dem Kaufmann oder deni Akademiker sehr erschwert wird. Hat einmal der Handwerker eine giite Ausbildung genossen und weist er einige Intelligenz unb Fleiß' aus, dann wird er es Nicht schwer haben, auch mit kleinen Mitteln sich eine (yriftoiu 3" gründen, die ihm stets ein ausköniniliches Leben sichern wird.' Haß rtlief) der jüdi s ch e H a ii d \v c r f c v hiervon nicht anszunehmen ist, beweist die große Anzahl der in Tcmtschland leb-mden " , Handwerksmeister, die sich bei ihren andersgläubigen j Kollegen und bei den vielen für das Handwerk geschaffenen behördkonnjen1:1 r 1 1111 ^en besondere Achlnua imb Ansehen verschaffen Ter Zentrakver'band jüdischer Handwerker Deutschlands E. B., ^ltz Berlin, denn die j«'idinhen Handwerksmeister angehörcn, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lehrlinge in ihrer Ausbildung zil überwachen, um so das Haud'.oerk unter den Juden zu fördern. Mit Genugtuung kann festgestellt werden, daß diese Bestrebungen von Erfolg begleitet sind. Leider findet mau aber unter den deutschen Inden nicht immer das hierfür noi» wendige. Verständnis., Tie in diesen Tagen von dem American Joint Distribution Cornitoo in Berlin veranstaltete Ausstellung von Arbeit^ jüdischer Handwerkslehrlinge aus den Ländern Europas, wie Tschechoslowakei, Lettland, Litauen, Oesterreich, Polen, R'uwänien, Ungarn und der Türkei, hat Zeugnis davon abgelegt, daß bei sachgemäßer Ausbildung, Geschicklichkeit und Fleiß hervorragende Arbeiten in jedem Fach des Handwerks geliefert werden können. Aus allen vorstehend angeführten Erwägungen heraus^ sollten sich die jüdischen Eltern die Frage ernstlich vorlegen, ob sie^ nicht ihrem Kinde den Weg für das spätere Leben und die Sicherstellung einer Existenz durch E r l e r n u n g e i n e s H a n d w e r k s ebnen follten. Das Kind wird sicher den Eltern später einmal dafür dankbar sein, denn im Handwerk werden seine Leistungen anerkannt werden, während er in einem kaufmännischen oder geistigen Berufe nur sehr selten Befriedigung seiner mühevollen Arbeit finden dürfte. Wilhelm Marcus, Gtasermeister (Berlin). Oie Gärtnerin. Der bevorstehende Schulabschluß stellt zahlreiche jüdische Ettern vor die schwerwiegende Frage: Was sollen nufere Töchter werden? Und der Kreis derer, die aus diese Frage eine positive Antwort zu geben gezwungen sind, hat in jüngster Zeit eine erhebliche Erweiterung gesunden. Tas altväterliche Ideal, die heranreisenden Mädchen als „Haustöchter" im Elternhanse zu behalten, bis sie von den auserkorenen Lebensgefährten heimgefnhrt würden, kann heutzutage nur von verhältnismäßig wenigen verwirklicht werden. Tie soziale und wirtschaftliche Entwicklung hat dazu geführt, daß die schnlentlaßenen jüdischen Mädchen sich einem bestimmten Berns znwendeu, der ihnen günstige Aussichten aus eine Erwerbsmöglichkeit eröffnet und der auch ihren Neigungen entspricht. Im Vordergrund des Interesses stehen wohl die kaufmännischen B e r u f e , die Berufe kaufmännischen H i l f s p e r s o n a l s , das sich b u r e a u m ä ß i g mit Registratur, Buchführung. Korrespondenz nsw. besaßt. Tie Aussichten dieser Berufe sind jedoch gegenwärtig nicht gerade günstig. Tic ökononmche Krisis hat bekanntlich namentlich ans diesen Gebieten zu nnis-Wendem „Abbau" des Personals geführt, und das Angebot an Bnreaulcästen übersteigt die Nachfrage um das Vielfache. In höhere kausinännische Stellungen rücken Frauen überhaupt selten enipor. W i s s e n s ch a s t l i ch e , k ü n st l e r i s ch p b zw. km n st - gewerbliche Berufe komnren nur für einzelne jüdische Mädchen in Frage — für verhältnismäßig wenige: sie erfordern teilweise ein langjähriges, kostspieliges Studium, teilweise besondere individuelle Begabung. E i n e Vernssgattniig, bei der sowohl günstige Erwerbsmöglichkeiten als auch persönliche Befriedigung vereint fein können, hat bisher in der jüdischen Welt riech nicht die gebührende Beachtung gefiiiiden: die Gärtnerei. Wohl sind gewisse Ansätze nach dieser Richtung hin gemacht worden; haben berufene jüdische Organisationen. 'wie der Bodenkulturvercin urrd andere Körperschaften, Anerkennenswertes hierbei geleistet, — doch und es bisweilen nur Anfänge. Nur wenige jüdische sNädchen haben sich bisher den gärtnerischen Berufen — Obstknliur, Gemüsebau, Blumenzucht usw. -- Ziigervandt. Und doch sind die gärtnerischen Benne, für die sich ihrem tiefften Wesen nach gerade Mädchen und Frauen besonders eignen, in' vielfacher Hinsicht vielversprechend. Eine gut ausgebildete jüdische Gärtnerin kann unbedingt ans eine gesicherte Eristenz rechnen. Ter Bedarf an brauchbaren Kräften ist ans diesem Gebiete ein andauernder. Die pratrischcn Aussichten des Berufes sind sehr vielseitig. Im eigenen Betrieb, in Handelsgärtnereien, als leitende Binderiii in Blumengeschäften, in privat gärtnerischen Betrieben der Güter und Willen, in Erziebungs- und Heilanstalten, in Sanatorien und sozialer Hilisarbeit. in stoißenichastlichen und kommunalen Instituten finden Gärtnerinnen ein fruchtbares Arbeitsfeld. Mannigfach sind die Ausgaben, die der Gärtnerin harren: in privatwirtschaftlichen Betrieben — gewissenhafte Kontrolle, organisatorische Arbeiw-verteilnng. Ueberbliek über das Ganze und Erkenntnis der jeweiligen Erfordernisse: in Schul- und Kindergärten — Erschließung des Lebens in der Natur vor der zarten Kinderseele; in wißenschastlichen Instituten — ernstes Eindringen in die Eigenart der Pflanzen. Der gärtnerische Berns wendet sich an den ganzen Menschen — gewährt'ihm aber dafür eine harmonische, geschlossene Entwicklung, körperliche Frische und seelisckw Elastizität. Auch entfremdet Pr die Frauen nicht ihrem Heimkind gibt ihnen die Möglichkeit, sich im Sinne des salomonischen Spruches zu betätigen: „Hie denkt nach einem Acker und kaust ihn rmd pflanzt einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände." Und dann die Freude a m Beruf! Gibt es für einen seekenvollen Menschen eine veglückendere Beschäftigung als die produktive Arbeit in der reinen, freien, erlösenden Natur? Gibt es etlvas Schöneres, als die Wunder des Werdens und Blühens ans dem Schoße der Mutter Erde mitznerleben — an diesem Werden und Blühen tätig mitzuwirlen?- Tie gärtnerische Ausbildung erfordert im allgemeinen eine z lv e i j ä h r i g e L c h r z e i t, fitr die cs manche Gelegenheiten und Möglichkeiten in Teiitsthland gibt. Schreiberiu dieses ist gerne bereit, nähere Auskünfte hierüber im Interesse der Sache zu erteilen. Tie Bestrebungen. die auf die Verbreitung der Bodenkultur in unserer Gemeinschaft hinziclen, dienen dem Wohle des gesamten Judentums. Aiw der Verknüpfung mit der Natur vermag unsere weibliche Jugend k ö r P e r l i ch e ' n n d seelische Kräfte zn schöpfen, die für die Zukunft des Judentums von größtent Werte sind. Gärtnererbcsitzerirr Hcnnh Lin (Deffow i. d. Mark). , i