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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-18 · 38 (18.9.1925) · p. Seite 632

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
Seite 632 (sequence 15)
Language
German
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m Don Ernst Litauer. Mir Erlaubnis des Verfassers veröffentlichen wir dollftänbrs die Lebensstile des bekannten Dichters, die ursprünglich fiir die fjilge „Bekemrtnis", dir die Gesellschaft der Bücherfreunde in Chemnitz berausgibt, geschrieben, sodann, in den Blättern des Tcutfchen Schauspielhauses in Hamburg, „Tie Rampe", im 'Auszug erschienen ist. Die Schriftleitung. Cs ist ein seltsames Unterfangen, in rmgebnndcner Rede ohne den Abstand, den die dichterische Form ■fdjafit, von sich selbst Zn sprechen. Wenn ich es versuche, so kann die Absicht nicht sein, Daten mitzuteilen, sondern den Sinn des Weges a-nzudeuten, den ich gegangen bin, oder den zu gehen ich bemüht war. Ich bin am 10. Dezember 1592 als jüngster Sohn einer jüdischen Familie in Berlin geboren. Mein Vater besaß eines der ersten Seidenhäuser von Berliner war Handelsrichter, Stadtverordneter von Eharlottenburg und rührte den Titel eines Kommerzienrats. Er wirkte als Wrrtschastspolitiker und Freimaurer vielfältig. Seine wichtigste rmd für ihn besonders charakteristische Tat war, daß er ans eigenen Mitteln die erste Berliner Fortbildungsschule fiir Kaust lenke gründete. Ihm war ein Pausenloser Arbeitsdrang nnd eine ausdauernde Arbeitskraft eigentümlich, die ich von ihm überkommen zu haben glaube. Sein Vater hatte die Seidenhandlung gegründet: er war 1818 Mitglied der Berliner Bürgerwehr, ward später Stadtverordneter von Berlin nnd zählte zu den Gründern der Berliner Reformgemeinde, welche den jüdischen Gottesdienst modernisierte und in ihm die hebräische zugunsten der deutschen Sprache zurückdrangte. Tie Familie feiner Frau war eine der ältesten jüdischen Familien Berlins. Meine Großmutter mütterlicherseits gehörte zu den ersten Kämpferinnen der bürgerlichen Frauenbewegung: sie war die Tochter eines Rabbiners in der Provinz Posen. Sofern nicht die Familie meiner Großmutter von Vaters Seite zu den portugiesischen Inden zahlt, stamme ich also ans oft jüdischem Blut. Dennoch habe ich mich, ausschließlich als Deutscher ge fühlt und bin in diesem Sinne erzogen worden. Meine Eltern wollten, als ich schon 15 Jahre alt war, daß ich mich Lausen liest: ich habe es aber nicht getan, weil ich, als Berliner Junge, damals ein Atheist war, trotzdem, der Pastor, zu dem ich geschickt ward, es mir denkbar leicht machte. Ino ei Jahrzehnte später habe ich in demselben Predigcrhanse, fast in demselben Zimmer, mit seinem jüngeren Amtsgenosien lange religiöse Gespräche gehabt, ich hätte mich nun taufen lassen können, ich könnte es auch heut, weit links stehende protestantische Geistliche sind rnir Freund: ich Hab es nicht getan, weil dieser rlebertritt mit Borkenen belohnt ward. Vollends heute wäre es Verrat, das Judentum zw Verlagen. Es ist mir natürlich und selbstverständlich gewesen, als deutscher Schriftsteller oder — wenn man mir diesen Titel anerkennen will — als deutscher Dichter zu wirken, aber ich habe, ebenso natürlich und wlbstvcrständlich, mein Judentum niemals und nirgends verhehlt. Eben darum mußte ich es erleben, daß ich sowohl von Antisemiten als auch von Zionisten angegriffen nnd mannigfach verhöhnt ward. Wenn einer das Nichtige, das Natürliche, das Selbstverständliche tut, so kann es nicht ausbleiben, daß es vom Born rück der fanatisch Beschränkten mißdeutet wird. Nichts ist natürlicher, als daß ein Jude, dem dichterische, dem sprachliche Gabe, in welchem Ausmaß immer, zuteil geworden ist, die deutsche Sprache und in ihr die deutsche Kultur bis in die^innerste Substanz hinein erlebte. Knaben- und Jünglingserlebnisie wirkten sich aus, als ich „181:]", ,Scch", „Bruckner", „chvrck", als ich die Komödie „Gewalt" schrieb. Mit der gleichen bedenkenlosen Selbstverständlichkeit jedoch nannte ich d meine Gottgesänge mit dem Worte des Alten Testaments „Psalmen". Nach der Meinung mancher mit Recht, weil darin der Gott des Alten Testaments fortwirke; nach anderen zu Unrecht, weil sie vielnrehr im Sinne eines sich entwickelnden Protestantismus gedichtet seien. Mir bleckst nichts übrig, als in der Weise sortznfahren, wie ich begonnen habe: ich werde, unbekümmert, meine Prophetendramen schreiben,' und es wird ein Moses und ein Luther unter ihnen sein. Ich würde mich selbst aufgeben, wenn ich anders handelte, und könnte dann ebensogut körperlich meinem Leben ein Ende fetzen, weil es jeden Sinnes ermangelte. Kein Dichter, der Neues zu bringen meint und nicht irr bequemen Formen spricht, kann sich wundern, wenn die Breite dev Nation sich nur langsam mit ihm vertraut macht; vollends, wenn hentigentages ein Jude Goethe. Luther, Beethoven. Jakob Grimm, Friedrich den Großen dichterisch gestaltet oder schriftstellerisch darstellt. Weil mein bisheriges Leben fast ausschließlich dem deutschen Schrifttum und der deutschen Geschichte gedient hat. empfinde ich mit besonderer Gewalt die tiefe Schmach, welche uns deutschen, vielfach langeingesessenen Inden angetan ward, indem ein Antrag auf Entziehung der staatsbürgerlichen Rechte im Deutschen Reichstag überhaupt möglich war. Tiefem Gefühl mischt sich die trauervolle Erkenntnis, daß zu den kapitalistischen Mächten, die sich nach dem Zusammenbruch der staatlichen Autorität die Schwäche des Dolkskörvers zunutze machten, vielfältig Juden gehören; auf sie, als die Unterschiedenen, sammelt sich die Erbitterung. Wieder einmal sollen die Juden die Brunnen vergiftet haben. Um so stärker die Verpflichtung, aus zu har reu und. nach dem Maße der Kraft, an meinem Teil das- Beispiel, eines der deutschen Sache dienenden und zu tüefst verpflichteten Judeu zu geben. Im Jahre 1914 habe ich dem „Haßgesang gegen England" geschrieben, der, wie ja allgemein bekannt, in ganz Tentfchland und weithin bis in fremde Erdteile sich rasch verbreitete. Auch dieser Gesang ist nur aus der Sorge um Deutschland entstanden, nnd auch er ist nur vielfältig mißdeutet worden. Ich hatte ihn in dem guten Glauben geschrieben — der durch Aenßerungen englischer Politiker und Zeitungen genährt wurde —, daß England das deutsche Volk erdrosseln wollte. Seither ist bekannt geworden, daß England dem Deutschen Reich mehrmals vorgeschlagen hat, sich ihm zu verbünden, und daß es die Beschränkung der Flotte mit weitreichenden kolonialen Zugeständnissen erkaufen wollte. Auch sehe ich heute ein. daß ich meine Sorge statt in der verneinenden Form eines H-aßgesanges gegen England bester in der eines Liebesgesanges an Deutschland ausgesprochen hätte. Und es ist mir schmerzlich, daß mein Name nun mit den Begriffen von Töten und Zerstören verbunden ist, indessen doch schon die Ueberfchristen meiner Brüher bezeugen, daß ich von je um Aufbmr imd Frmhtbarkeit, um Schöpfung bemüht gewesen bin. Freilich glaube ich auch im Bereich der Völkergesamtheitcn au Werden und Bergeheu, an Wachsen und Schrumpfen, und ich könnte nicht um das tragische Drama bemüht sein, wenn ich nicht an den Kampf in der West als eines zeugenden Prinzips glaubte. Jedoch, es gibt noch andere Mittel des Kampfes, als den moderigen mechanisierten Krieg mittels Maschinen nnd Gasen. Ein neuer Krieg erschiene mir als endgültige Vernichtung der abendländischen Kultur, er schiene mir nur gerechtfertigt, wenn dem deutschen^ Volke der Untergang drohte. Dbmohl ich mich in ähnlichem minner 11)10 öffentlich ausgesprochen, obwohl ich in dem Jahrzehnt seit der Entstehung des „Haßgesnnges" in Hunderten von Gedichten, in Dramen, Aussätzen, Anrho'logieu meine Gesinnung bekundet habe, bewahren noch heute zahlreiche meiner Landsleute die Vorstellung, daß ich den Hastgcmng gewissermaßen so oft gedichtet habe, als er gedruckt nnd vorgetragen worden ist, daß ich seine Verbreitung bewirkt, daß ich ihn als ein Hetzgedicht geplant und propagiert habe. Auch heute, nachdem sich unter dem Eindruck des Krieges nnd des faulen Friedens meine Einstellung gewandelt hat — cs wäre arg, wenn all dies Erleben an mir wie ein Vog-elitug vorübergestricheu wäre —, erscheint es mir nicht schimpflich, die corge. die mrch lest vielen Jahren bedrückte, in der Not des Herzens gedichtet und damit unbewußt Millionen ans der Seele gesprochen zu haben. Aber ich Hobe den ungeheueren Erfolg des Gedichtes, wenn man mich reckst versteht, überhaupt niemals innerlich erlebt, denn der da berühnrt ward, war ein anderer als ich. allerhöckstens ein geringerer und nicht sehr wesentlicher Bruchteil der durchaus um zeitlose Probleme bemühten -straft, die ickin mir fühle. Man hur mich dann mit ähnlicher Intensität veriehmt. Für mich war dies Erlebms in ^hohem Maße lehrreich: die Nichtigkeit zeitlichen Ruhmes und die kiuduche Wandelbarkeit öffentlicher Meinung habe ich am eigeneu. Leibe erlebt. Es war mir als ungesund erschienen, daß die deutsche Dichtung vor dem Kriege an den Gefahren, die das deutsche Volk von auzen bedrohten, und an den politischen und sozialen Kämpfen im Innern fast gar keinen Anteil nahm. In diesem Sinne hatte ich in einigen Aussätzen, die 1912 und 1919 in der „Tat" erschienen, politische Dichtung gefordert. Diiein Zyklus „1813" entstand im Jahre 1912. Ich hätte-"die Freiheitskriege früher oder später in jedem Falle dichterisch ,zu gestalten versucht, aber der Gedanke an die hmrdertjährige Wiederkehr im Jahre 19k:; entzündete den Plan früher: ich wollte, angesichts der Gefahren, ein Beispiel großer Vergangenheit ansrichten, nnd gerade zu einer Zeit, wo feierndes Gedächtnis die Teilnahme ans jene hohe Zeit sammelte. „1813" war also, bis zu einem gewissen Grade, ein zeitliches Buch. Die zeitliche Sorge, die mich heute bedrückt, gilb nickt so sehr dem wirtschaütlicheu und politischen Schicksal des deutschen Volkes, an dessen letztlich unerschöpste Krnst ich glaube, sondern der steigenden Gefahr der Mechanisierung, welche dem abendländischen Menschen überhaupt, insbesondere dem deutschen und wiederum dem deutschen Gcoßstadtn'cnschen verhängt ist. Soweit sich meine schriflltollerischen Bemühungen zeitlichen Problemen zuwenden, werden sie dom Kampfe gegen das Mechanische, gegen das Neberwnchern der rein zivilisatorischen Elemente zu dienen haben. In diesem Sinne bin ich mit Bewußtsein ans dem mittleren Deutschland, insbesondere meiner Vaterstadt Berlin, fortgegangen: nachdem ich eine Zeitlang unweit des Rheins, in Wiesbaden, gewohnt habe, lebe ich jetzt in Wien, und zwar in einem Vorort, unweit des Kahlenbergs und der Donau, in einer Umgebung, die zwar des Komforts nach landläufigen Begriffen ermangelt, dafür aber Wesen und Erscheinung beseelterer Epoche mannigfach bewahrt hat. Da der Dramatiker in mir des Theaters, der geistige Mensch produktiver Geselligkeit, der historisch Bemühte und der Schriftsteller öffentlicher Büchereien nicht zu entrateu vermag, so kann ich nicht iin Gebirge leben, wie es an sich meinem Wunsch und Wesen entspräche. Aber zwischen diesen Döblinger Gassen unv Gärten wohne ich, soweit das in einer großen Stadt von 1924 möglich ist, im Zeitlosen.

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