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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-18 · 38 (18.9.1925) · p. Seite 628

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
38 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
Seite 628 (sequence 7)
Language
German
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628 tvelterneuerung / Seelenerneuerung. Eine Rausch-Haschono»®ettadjtung. Don Rabbiner Dr. S. Meitze (Berlin). Unser blLuscli Raoolrono, der ursprünglich mir ein bürgerliches Neujahrsfest war, entwickelte sich durch die Erkenntnis, daß alles Aeußeve nur eine .. einem trägt _ . inncrlichung, wie Israel: . , , vom Politischen zum Ethischen. Je dunkler dns Leben draußen wurde, desto herrlicher leuchtete es von innen, je trüber der Alltag, desto poetischer gestaltete sich das Fesch Je enger das Leben wurde, desto tiefer die Sehnsucht nach Erlösung, nacch Erweiterung des Lebenszieles. Mit dem Derluste des Staates entstand die freie Schicksalsgemeinschaft, mit der Zerstörung des Nationalheiligtums wurde jede Gemeinde, jede Familie in Israel zum Heiligtum. Gerade dadurch aber ist es dem Judentum möglich geworden, in allen Ländern, in denen es eine neue Heimat fand, zum staatsfördernden Element zu werden, denn aus der HeiliglwUnng der Familie baut sich ja entwicklnngsgeschichtlich der Staate-gedanke auf. Es ist wohl kein Zufall, das; zu den hervorragenden Staatslehrern aller Nationen, mW besonders der deutschen, Juden gehören. Indem aber das Judentum gleichzeitig auch seiner ethischen Zusammenhänge nicht vergaß, blieb es vor der Gefahr einer engherzigen- Ausdeutung der Staatsidee bewahrt! Zwei große Gedanken stehen im Mittelpunkt der Liturgie unseres Neujahrsfestes: W e l t e r n e u e r u n g und Seeleue r n e u e r u n g. Sie sind nach jüdischer Lebeusanschauung keine voneinander getrennten Reiche, sondern fließen ineinander. Das höchste Ziel ist die Welternencrung. die allgemeine Erkenntnis Gottes und die Einrichtung der Welt in seinem Geiste, in; Geiste der Wahrheit und Gerechtigkeit. Dieses Werk muß aber beim einzelnen, bei der Seeleureimgung beginnen. Ohne innere Erneuerung keine äußere, ohne gerechte Menschen kein Völkersricden und leine ethische Kultur. Nur wenn wir ehrlich an uns gearbeitet haben, wenn wir das höchste Opfer, das Opfer des Herzens, dargebracht haben, dürfen wir von Gott Glück und Frieden erflehen. Wenn der russische Prophet Tolstoi der Welt zürnst: „Werdet besser, und es wird um euch besser werden!" — so ist das das Echo dev jüdischen Seele, die Quintessenz der jüdischen Weltansfasiung. _ Darauf ist die ganze Psychologie desZud-entunrs eingestellt. Jeder trägt die Norm seines Könnens, das Ziel des sittlichen Strebens in pch, jeder soll nach Reinheit und Vollkommenheit ringen und sich der Verantwortung für seine Mitmenschen, für'die ganze Welt vewußt werden. Jeder soll sich innerhalb des Staatsganzcn, denr er dient, am Werke der sozialen Gerechtigkeit, der Menschlichkeit üben, mit dem leuchtenden Ideal der Vereinigung aller Menschen zur friedlichen Kulturarbeit im Auge. „Die Weltordnung inv'Reiche Gottes zu errichten" ist die höchste Sehnsucht des wahren Inden. Der W e g z u r W e l t e r n e u e r u n g geht vorder Seele nerneuerung aus. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart zeigt uns. daß dieser Weg, den das Judentum eingeschlagen hat, wohl nicht der leichteste, aber der richtige ist. Wir ringen heute, sieben Jahre nach dem Anshören des furchtbaren Völkermordens, noch vergebens um den wahren Frieden, lind alle Versuche nach Versöhnung find fruchtlos, solange die Völkerseele nicht entgiftet ist, solange Hag und Rache nicht gewichen sind. Solanae die Mackit und nicht das Reckst in den Mittelpunkt des individuellen und des Staalslebeu? gestellt sind, kann eine ehrliche Verständigung nicht ersolaen und die Selbstzerstörung der Menschheit nicht aufhören. Jede Macht wird von einer noch größeren zertrümmert, das ist die Nemens der Geschichte. Nur das Recht ist ewig, weil es göttlich ist. Ter Völkerbund bleibt trotz aller schönen Ideologie eine Fata Morgana, solange nicht die Völker und ihre Leiter von der Sehnsucht der Menschenliebe beseelt sind. Jede Bewegung, die Ethisches an strebt, muß von einer religiösen Idee getragen sein. Der Völkerbund ist eine prophetische Idee, und niemand hat sie herrlicher geschildert als Jesaia, aber dieser Gedanke ist rein ethisch gedacht, als die große Gemeinschaft, die reinen Herzeus Gott sucht. Anch wir beten am Neujahrs tage um einen Völkerbund, aber in anderer Gestalt als heute, ohne'jede Hinterhältigkeit, ohne Nebengedanken. „Und alle Völker werden sich versammeln, stun dir zu dienen und deinen heiligen Namen zu preisen!" — Das ist der höchste Ausdruck der Friedensliebe. Und immer wieder wird betont, daß die Grundlage allen Fortschrittes, die Gerechtigkeit, der Siegeszug aller Religionen und aller Ethik, mit der inneren Wahrhaftigkeit^ mit der Seelenlänterung beginnen muß. Und wie jeder Mensch bei sich anfangen muß, so muß auch jedes Volk das Wer! der Einkehr bei sich beginnen. Nicht die Schwächen anderer Völker zu geißeln, sind wir berufen, sondern in erster Reihe die eigenen. Wenn man die Ursache allen Uebels und allen Mißgeschicks bei Fremden sucht und alles auf andere abwälzt, so ist das kein Zeichen moralischen Mutes. Das ist es ja eben, was den Antisemitismus ethisch so niederdrückt, daß er alle Schuld und alte Schmach aus eine harmlose Minderheit des Volkes zu schieben sucht, uw. die Wahrheit zu verdunkeln. Es ist bequem, den Schwächen des Volkes zu schmeicheln, man erzieht es aber dadurch zur Lüge, zur ^ügheit und sperrt den Weg zur Einkehr. Da können uns nufere opheten als leuchtende Vorbilder dienen. Sic werde;, nicht müde. dem Volke seine Fehler vor Augen zu halten, und ste bekunden gerade dadurch ihre wahre Liebe zum Volke. Jeder. Fortschritt sängt mit der S e l b st e r k e n n t n t § , mit der Selbstkr iti'k an. Arbeiten wir als Juden und als Deutsche daran, daß diese Selbstkritik, die jeder ethisch Höherstrevende an sich zu üben Gelegenheit hat, auch immer mehr für. die ganze deutsche Volksgemeinschaft, als deren Glied wir uns freudig bekennen, zur Grundlage aller Staatsmoral wird. Tann wird nicht nur das Haßgebäude nationalistischer Unduldsamkeit wie ein Kartengehäuse Zusammenstürzen, sondern auch ein neues Blatt der Geschichte für das gereifte, politische Deutschtum aufgeschlagen werden können. Aber auch innerhalb des jüdischen Lagers tut eine seelische Lebenserneuerung not. Solange die verschiedenen Richtungen innerhalb der Judenhcit sich feindlich gegenübcrstehen und sich in erster Linie von Machtgelüsten leiten lassen, können wir zu einer großzügigen gemeinschaftlichen Arbeit im Dienste des jüdischen Ideals nicht gelangen. Niemals darf der religiös warm empyndende Jude sich soweit verirren, den Glanbensbrudcr anderer Richtung mit Haß zu befehden oder ihn persönlich anzugreisen und die Lauterkeit seiner Gesinnung anzuzweifeln. A u ch i m Kampfe bei* Richtu n g e n und W e l t a n s ch a u ungen m u ß die S e e l e n r e i it t g it n g vorangohe n. Wer den Massen den Weg zeigen will, muß selber das Ziel kennen, mutz ein Wahrheitsmensch, ein Gottsucher sein. Wenn wir uns mit Recht über die Verkennung unserer cbcL|tcu Absichten beklagen, dann dürfen wir den Glaubensgenossen nicht verdächtigen, weil er ans anderen Wegen die Verwirklichung seines religiösen Ideals siicht. Und aiich unsere gerechte Abwehr feindlicher Angriffe kann eine Lebenserneuerung vertragen. Walter R n 11) c n n u wurde in seiner Sturm- und Trangperivde dein Judentum nicht gerecht. Wenn er uns aber zurief: „Gründet Einkehr- und nicht Abwehrvcreiiie" - so liegt ein Körnchen Wahrheit in dieser Aufforderung. Chic Einkehr gibt es leine gesunde A b iv e h r. Wer das Judentum verteidigen will, muß es kennen und lieben. Erkenntnis des jüdischen Wesens bedeutet aber gerade für uns deutsche Juden durchaus nicht Antagouisnius gegen das Deutschtum, mit dessen vornehmstem Wollen linb Können uns zahlreiche Kultursadcu cug und dauernd verknüpsen. 'Wir nennen unser Neujahrsfest „Tag der Erinnerung", weil die Erimierung die Quelle des Fortschrittes ist. In der Vergangenheit sind Wahrheiten geborgen, von denen wir lernen selten, und die Geschichte ist der zuverlässigste Führer eines Volkes. Das Merkmal eines Kulturvolkes ist die'Liebe zu seiner Geschichte und seiner Vergaiigenyeit. Wir Juden haben es stets verstanden, die Zeit zu werten. — das war umere Stärke. Hüten wir uns. die Struktur unserer Geschichte, unsere Eigenart und unser religiöses Ideal nicht zu verlieren! Wir geraten dann in die Irre und werden von dcu Stürmen der Zeit verschlungen. Ohne Zusammenhang mit der Geschichte imd mit der jüdischen Gemeinschaft in der ganzen Welt sind wir ein schwaches Element, dem Schicksal Preisgegeben. N i ch t. a;; der V erblas s u n g , sondern an der Erstark it n g b e s g r o ß e n j ü d i s ch e n G e d a ii k e n s k ö n n cn mir gesunde u. Welterneuerung! Wer sieht heute nicht ein, wie bitter not sie uns tut? Wir.leben in einer Zeit, die von wilden Leidenschajren zerwühlt ist, in der die Menschheit in Roheit und Unreinheit zu versinken droht. Ta kann nur die Rückkehr zum alten jüdischen Ideal der Gerechtigkeit und der Versöhnung Helsen. Alle, in deren Brust die Menschlichkeit noch iiicht abgestorben ist. sehnen, sich glühend nach einer neuen Weltorduung, in der die Menschen und die Völker einander ergänzen und 'nicht blutig bekämpfen. Aber mit der Sehnsucht allein ist es nicht getan, die Erkenntnis des Göttlichen in uns muß zur lebendigen Tat werden. Tie outen Kräfte der Völker müssen erwachen und ihnen ihren wahren Berns zeigen. Nach jüdischer Anfsasstmg ist jeder Jude ein Priester am Werke Gottes, jeder hat die Pflichr. reinen Herzens an dieser gewaltigen Aufgabe mitzuarbeiten und feine Kräfte dem wahrer; Fortschritt zn weihen. Tie Ersüllnug dieser Pflicht ist für den deutschen Inder; gleichzeitig segensreiche Arbeit an dem Staatstum, mit dem er verwirrzelt ist. 1-1.200^0 l. Bessarabien. (Die schwarzen dicken Linien bedeuten die Grenzen). Zum Aufsatz Seite 629.

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