Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- Seite 626 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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626 obwohl fraglos oft die Grenze schwer zu ziehen sein wird, bei der ein Auseinandergehen wünschenswert und notwendig ist — die Mitarbeit der Inden auf allen Gebieten des Kulturlebens unerläßlich. Und diese Feststellung erweist die Gefahr, die aus dem anderen Extrem erwächst. So unsinnig es ist, zu glauben, daß der Judenhaß ausgehört habe, weil man ihn weniger in seinen Auswüchsen spürt, so verderblich wäre es, aus seiner unbestreitbaren Tiefe und Verbreitung die Folgerung zu ziehen, daß Trennung von der andersgläubigen Bevölkerung im Prinzip das Richtige sei. Die Folgen solcher Resignation wären unübersehbar. Sie zeigen sich heute schon auf manchen Gebieten in besorgniserregender Weise. Allgemein hört man, daß seit der Revolution die Juden sich am allgemeinen öffentlichen Leben in Staat, Kommune und Politik immer weniger beteiligen. Gewiß spielen hier verschiedene Ursachen mit. Teilweise hat die Revolution, die allen Einfluß nach dem demokratischen Prinzip der Zahl berechnet, die Juden tatsächlich um fast alle Stadtratssitze und Stadtverordnetenmandate gebracht. Es ist eben in Wirklichkeit ganz anders, als unsere Gegner schreien, und die Revolution hat die „Macht" der Juden nicht gemehrt, sondern vernichtet. Teilweise wirkt auch in manchen Gemütern die Sombartsche Irrlehre, daß der Jude zwar gleiche Rechte haben, daß er es aber „taktvoll" vermeiden müsse, von ihnen Gebrauch zu machen. In der Hauptsache aber hat die Resignation derer, die reinliche Scheidung für den Inbegriff aller Politik halten, solches verschuldet. Und eine wichtige Aufgabe des neuen Jahres wird es sein, diesen Sinn für die Mitarbeit an den a llg eni ci ncn Ausg a ben der Wohlfahrt, der Verwaltung, der Politik auch dort zu wecken, wo er freute geschwunden ist. Fraglos bietet solche Arbeit nicht immer reine Freuden, und in manchem harten Strauß hat der Jude seine Gemeinschaft und ihre Ehre zu verteidigen. Mau kann aber den Judenhaß nur dann bekämpfen, wenn mau ihm ins Auge schaut und ihn zu packen vermag. Freilich muß man stark sein, und es ist eine alte, freilich längst noch nicht genügend erkannte und beherzigte Wahrheit, daß der wesentliche Teil des Kampfes gegen den Antisemitismus in der K r ä f t i g tt n q des I n denLums und der I u d e n h e i t besteht. Auch hier weist das vergangene Jahr Ansätze auf, die das kommende zu Taten ausgestalten soll. In vielen deutschen Ländern haben Die Juden sich neu organisiert, und diese -Organisationen weisen meist — das einzige Beispiel reaktionären Rückschritts dürfte wohl der Freistaat Sachsen bieten — den frischen Geist der Demokratie aus, der alle jüdischen Kräfte mobilisiert und allen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit vermittelt. Insbesondere hat der Preußische V e r b a n d s t a g einen starken Eindruck gemacht, und das kommende Jahr wird in ernster Arbeit alle jene Versprechungen verwirklichen müssen, die die Welt vernommen hat. Die Ausgaben sind ebenso dringend wie gewaltig! Vornehmlich gilt es, die kleinen Gemeinden lebensfähig zu erhalten, und es muß, indem Unterricht und Lehre ihren Weg bis in die geringfügigsten Gruppen hinein finden, die preußische jüdische Gemeinde wieder durchweg zu einer N e l i g i o n s g e m e i n d e werden. Es gilt, einen unabhängigen, innerlich gefestigten Rabbiner- und Lehrerstand zu schassen, dessen Lebensbedingungen Lebensfreude und Arbeitskraft mehren. Diese Erstarkung wird fraglos den Kampf gegen den Antisemitismus erheblich erleichtern, und das so oft verlangte „positive Programm" des Eentralvereins besteht in Wahrheit nur in dem Willen, die Kraft der jüdischen Religion und danrit dieVerantwortung in den Seelen der Juden zu wecken. Unsere Blicke gehen aber auch weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus zu allen Glanbensbrüdern, die um ihres Judentums willen leiden. Und die Zustände in den Massensiedlungen des Ostens erregen die ernsteste Besorgnis für die kommenden Tage. Weniger bange ist uns ob des Kampfes, den das angebliche „Judenparadies" des russischen Sowjetreiches gegen die jüdische Religion, gegen Beschneidung, Sabbat, Tatmndlernen und alles sonstige religiöse Gut entfesselt hat, und den es durch oft blutige Verfolgung von Rabbinern und Gläubigen, durch Raub an heiligen Geräten, durch Zerstörung von Synagogen kraftvoll mhrt. Schon seit den Zeiten Pharaos weiß man, daß das JrüienLum davon nicht zugrunde geht, und die Größen des Sowjetreiches, selbst wenn einige von ihnen jüdischen Stammes sein sollten, werden keinen größeren Erfolg haben als Oer Morgen Herausgeber and Schriftleitung: Professor Dr. Julius Goldstein, Darmstadt, Beckstr. 87. Verlag: Philo-Verlag, Berlin S\V 68, Lindcnstr. 13. III. / Postscheckkonto: Pliilo-Verlag. Berlin S3512. / Druck: Roetherdruck G. m. b. H.# Darmstadt, Bleichstr. 24. Heft 4 erscheint am 25. Seplember Inhalt des vierten Heftes: Hans Schmidt: Das Alte Testament als kanonische Urkunde des Protestantismus. Bruno Italiener: Das Nnminose der Hohen Feiertage. Julius Goldstein: Festansprache. Gehalten Ihm der Wormser Tagung des Reiehsbundes jüdischer Frontsoldaten (5. September 1925). Franz Rosen zweig: Das Neue Denken. Friedrich Nieberg all: Staat und Erziehung. B. Jacob: IV. Uebermcnschen und Sintflut. Völkertafel und Turmbau. Fritz Heinemann: Philo von Alexandrien. Selma Stern: Der Frauentypus der Romantik. B ii c he rb espr e c hungen. Einzelheft 2,25 M. Jahresabonnement 12 31. Zu beziehen durch Philo-Verlag, Berlin SW 68. Haman, Antiochn? oder die Helden unserer Zeit. Ernst ist aber das wirtschaftliche Problem! Die versuchte U m g e st a l t n n g der Wirts ch a f t s f o r m c n in. Rußland, die gegen die handeltreibenden Inden gerichtete M i t t e l st a n d s b e w e g u n g Polens, deren Boylottbestrebungcn durch Gesetzgebung und Verwaltung gefördert werden, hat unendliche Massen brotlos gemacht. Ihre Lage durch Auswanderung ändern zu wollen, klingt fast wie herber Spott. Kein Land — außer Palästina — nimmt sie außmmd diese Heimstätte kann nur einer leider sehr geringen Schar Zuflucht und neues Leben bringen. Kein Reichtum der Welt reicht ans, um Millionen von Menschen über das Meer zu führen und auf anderem Boden anzusiedeln. Die Rettung m u ß im Riederlasiungslande vor sich gehen, und ihre erste Voraussetzung ist die Ueberführnng der brotlosen Manen in produktivere Berufe! Alles ans eine Karte zu setzen, die gesamte jüdische Arbeit auf Palästina oder auf die Auswanderung einzustellen, ist ein Verkennen des Sinns der jüdischen Geschichte und der Seinsmöglichkeit einer jüdischen Zukunft. Wohl lassen sich Einwendungen gegen manche Projekte machen, und das der K r i m f o I o n i) a t i o n ist gewiß noch umstritten, aber der einmal betretene Weg der inneren Kolonisation ist der einer gesunden Ostjudenpolitik, die von allen Kreisen und Parteien des deutschen Judentums betreten werden muß. Tenn selbst jene, die n a t i o n a l d e u t s ch e n Ideen huldigen, müssen sich im Interesse ihrer eigenen Forderungen daran beteiligen. Jede Gesundung der Judenmassen des Ostens muß ja zu einer Rückwanderung aus dem Westen und damit zu eine Minderung des unzweifelhaft vorhandenen Druckes führen, den heute die Ostjudenfrage ans die politische Einstellung fast aller Parteien ansübt. Das neue Jahr wird jüdische Aufgaben innerhalb und außerhalb unseres Vaterlandes in einer unendlichen Fülle bringen. Und das; jeder einzelne von uns. wohin ihn auch das Lebensschicksal gestellt hat, die Last dieser Aufgaben e m p s i n d e, d a ß jeden das Bewußtsein der Ve r a n t w o r t u n g treibe, und daß jeder sein Opfer an Zeit, Kraft und Mitteln für die große Sache d a r b r i n g e, i st der herzliche Wunsch, den der E e n t r a l v e r e i n in der Stunde des Jahresbeginns allen Gliedern der I u d e n h e i t d a r b r i n g t. Im Judentum freilich bedingen sich Subjekt und Objekt in ihrem Wirken, in ihrem Empfinden, und es gibt leine Größe und kein Glück der Gesamtheit, das nicht von starken, freien und frohen Menschen getragen würde. 'Kraft, Freiheit und Lebensfreude sind freilich Güter, die wir durch Arbeit an uns selber gewinnen. Und das kommende Jahr beschere uns als schönste Gabe insbesondere in unserem Vaterlande ein Geschlecht von Juden, das m Lebensfreude und innerlicher Freiheit mit sicherem Sinn für jüdische Ehre die ewigen Ausgaben, die jüdisches Schicksal gebiert, ihrer Lösung einen sichtbaren Schritt entgegenführt. Dr. Felix Goldmarrn (Leipzig).