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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-11 · 37 (11.9.1925) · p. Seite 616

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
37 (11.9.1925)
Date
1925-09-11
Page
Seite 616 (sequence 13)
Language
German
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615 man am Gymnasium in Merseburg bei einem offiziellen Fackelzug immer wieder das Ehrhardt-Lied hörte, daß an der Oberrealschule ia Weißenfels ausgesprochen deutschvölkische Organisationen, Adler und Fallen, Jungdeutscher Orden, Wehrwols in dem amtlichen Bericht der Schule stolz von ihrer Tätigkeit erzählen dursten. Man vergegenwärtige sich einmal die heutigen deutschen Zustände: das Organ des Reichsaußenministers schüttelt den selbsternannten Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Herrn Mahraun. ab als einen Mann, der jeden Couloirtratsch aus dem Reichstag weitergibt, und gleichzeitig stellt ihm eine öffentliche Schule ihren ^chrckbericht für seine wirre und verwirrende Arbeit an Unmündigen zur Verfügung? Gewiß! Das Wahlrecht ist heute so erweitert, daß Zwanzig, jährige mitwählen. Sie können beanspruchen, daß ihnen mit 18 Jahren Gelegenheit gegeben sein muß, sich bei Parteien umzuschen. Das Bereinsrecht des Reiches berücksichtigt ja auch die Achtzckmjährigen. Wer die Schule darf nach den wenigen Schülern in dieiem Alter nicht das Ganze einstellcn. Niemand wird den Minister oder unsere Lehrer in die Rolle bringen wollen, in die vor 100 Jahren Vormärzbeamte gegen FritzZReuter und Burschenschaft peil drängen ließen. Darum darf die Schule sich aber auch nicht selöer ausschalten. Ist es nicht ein grober Unfug, wenn unter dem Echntz der Bereinssreiheit an Schulen pensionierte Hauptleute sich mit ihren Erfolgen mit dem Jungsturm der Vierzehnjährigen nicht begnügen, sondern, wieder in der hallischen Gegend, einen „Iungstmgstnrm" der Zwölfjährigen auszichen? Man scheint heute im Ministerium zu begreifen, welche Gefahren in einer zu ängstlichen Rücksichtnahme aui den angeblichen politischen Drang unserer Jugend liegen. Jedenfalls schärst der letzte Erlaß des Ministers zu diesen Fragen den Leitern aller Lehranstalten ein, daß sie überall einzuschreiten haben, wo Mißstände sich einllellen, und daß das Ollen der Schulen wieder entpolitisiert werden, muß. Mißstände stad aber zweifellos vorhanden, sobald Vereine zu Gruppenbildungen und Entfremdung unter den Schülern führen. Indische Schüler in Deutschland wissen davon ein Lied zu singen, und nicht bloß jüdische. Der „Morgen" Professor Goldsterns wies kürzlich mit Recht daraus hin, daß die völkischen Lehren vom blonden Germanen ja bald jeden Deullchen verdächtig machen. Denn etwas „dinarnches" oder „alpines" Blut ist rasch vorgeworfen. Auch gute deutsche Namen, alle ans der Kuno-Sippe, finden keine Gnade mehr und sind kohnverdächtig. Die letzte Verantwortung in allen diesen Dingen liegt bei den Parteien. Sie müsien einsehen, wie sie sich vor dem deutschen Volk heraostnen, wenn 'sie ihre Politik mit Kindern betreiben wollen. Sie müssen die Kraft aufbringen, Rohlinge oder Schwärmer zur Ordnung zu rufen. Am besten, sie erkennen an, daß^bier heiliger Boden ist, und verzichten auf jede Propaganda unter Schülern. Tie ewig Unbelehrbaren wird inan nie solchen Erwägungen zugänglich machen können: ihnen gegenüber nmß der Staat mit Nachdruck sein Recht in den Schulen geltend machen. 3m Zeichen öes Sicherheitspaktes. Völkischer S t u r m l a u f gegen S t r e s e m a n n und Luther. Mit Recht beschäftigt die Frage des S i ch e r h e i t s P a k t s die gesamte deutsche Prene. lieber all ernste Ueberlegungen, ob der Pakt dem deutschen Volke zum Heile gereichen wird, oder ob er neues Unheil in sich birgt, lieber all klingt ein Ton starken Verantwortl'.chlcitsgesühls durch die Zeitungen. Nur den Völkischen ist es wieder Vorbehalten, statt sachlichen Vortragens ihrer Gründe, die. so sie wahrbast gemeint sind, ebensolche Beachtung verdienen wie die anderer Gruppen des deutschen Voltes, den Völkischen ist es Vorbehalten, das R e i ch s k a b i n e t t Luther, besonders aber den Minister des Auswärtigen, Dr. S t r e s e m a n n, des Vaterlandsverrats zu zeihen. Ter „Völkische Beobachter" vom 23. August (127. Ausgabe) trägt in schreienden Buchstaben die Ull-ellchrist: „Vor einen deutschen S t a a t s g e r i ch t s h o f mit 2 trc(emann!" Lnd der Leitaussatz fordert rundheraus: „Fort mit S t r e s e - Dann und Luther! Her mit einem deutschen Kabinett." Ein anderer Aussatz der gleichen Nummer enthält man traut seinen Augen nicht! — wörtlich die folgende Stelle: »Freilich den Frcimaurcrbrudcr Stresemann bewegen jetzt ganz andere Fragen, nämlich die des Sicherheitsrats: wie man rin kerndeutsches Land und dessen Bevölkerung mit möglichst großem politischen Gewinn dem Feinde prciSgcbcrr kann." (Bon uns fett gesetzt. Die ^chriftl.) Im Augenblick, wo das Reichslabinett in den schwierigen und str die Zukunft d-es Reiches hochbedeutenden Fragen des Sicherheit-Pakte? mit den auswärtigen Mächten verhandelt, scheut sich Hitlers Leibblatt nicht, dem Außenminister D a t e r l a n d s v e r r a t vnzuhänaen. Soll dadurch Stresemanns Stellung bei den Beratungen gestärkt werden? Ein jeder besonnene Deutsche wird sich im klaren darüber sein, wie er ein derartiges ungeheuerliches Vorgehen des führenden Blattes der Nationalsozialisten einzuschetzen hat. Zölle, Steuern unö — Ostjuöen. Dip Schuldigen an dev Teuerung. Durch die rechtsradikale Presse vom Schlage der „Deutschen Zeitung" macht ein Artikel die Runde „O st j u d e n o p t a n t e n", den Herr v. Hertzberg, dessen Berns es ist, ehemaliger königlicher. Landrat zu sein, verfaßt hat. Herr v. Hertzberg trifft die überraschende Feststellung, daß schuld an der dauernden Steigerung der Lebensmittelpreise der überflüssige Zwischenhandel mit seiner überreichen Zahl von Ostjuden ist. Bisher hat der normale Staatsbürger geglaubt, daß die neuen Zölle und Steuern die Erhöhung des Preisniveaus verursacht halten und in den Parteien, die diese Gesetze durchbrachten, haben unseres Wissens zwar einige besonders radikale Iudensiämmlrnge, aber kein ausgesprochener Oftjude gesessen. Aber der Zwischenhandel ist natürlich bedeutungsvoller als die gesetzgeberische Arbeit der gesamten deutfchnationalen Reichstagsfraktion, und die wirtschaftlicheMacht des Landbundes und der M o n t a n i n d u st r i e verblaßt vor der vereinigten Grenadier - und Mulackstraße. Gedanken sollen nach dem Sprichwort zollfrei sein, nur denen des Herrn v. Hertzberg wünschen wir einen recht hohen Schutzzoll, der ihre Einfuhr ein für allemal verhindert. Bittens. RhArÜLnökrmögbbungeN. Die Tagung des N. j. F. So mancher der alten Kämpfer, der nach der Bundestagung des Neichsbundes jüdischer Frontsoldaten im Rheinland wieder der Heimat zueilte, wird sroh-lächelnd das Lied vom „wunderschönen, stolzen Rhein" lecke gesungen haben. Es waren Tage der Erhebung, der Aunnumcrung. deG Kameradschaft, die die Frontsoldaten im uralten Worms, im heiligen Köln, getragen von der herzlichen Fürsorge ihrer Kameraden und der Gemeinden dort verleben durften. In der ehrwürdigen Wormser Synagoge ein Festgottesdienst mit einer zündenden, amrichtenden Festpredigt des Rabbiners Dr. Holer s. Führungen durch städtische und jüdische Altertümer.^ Am bc-nd im^ feierlichen Festhause eine stark besuchte Kundgebung: Kapellmeister Karl Sakomon ließ stimnmnggeöende Orgelmeisen ertönen. Ter erste Vorsitzende der Gemeinde, Sanitütsrat Nickelsbürg, rollte die wundersame Geschichte der Wormser Juden aus. Oberbürgermeister Rahn nahm die gefallenen jüdischen Helden gegen ihre Verleumder mutig in Schutz. Die Festansprache hielt Prof. Dr. Julius G o l d st e i n lTarmstadt). Er führte mit glücklich erhellenden Formeln das Thema der Zusammenhänge zwischen den deutschen Juden und der deutschen Geschichte bis zur Gegenwart, in der dem N. j. F. die Ausgabe zu- Gejchichte bis zur Gegenwart in der dem N. j. F. die Ausgabe zufaüt, das heilige Andenken der 12 000 Gefallenen im vaterländischen Geiste kwchzuhalten, im kommenden Geschlecht den Geist kameradch.cktlicher Hingabe zu wecken und den Körper krastformend zu tählen. Am Abend ein Festessen, dem, wie der Kundgebung, der hessische Staatspräsident beiwohnte. S täatsprasident Ullrich lehnte scharf die Iudenhetze wie jeden Chauvinismus und Fanatismus ab. Am Sonntag ging's den Rhein hinunter zu Schiff. Regen draußen, Sonne im Herzen. Ueberall, in Mainz, in Neuwied, in Bonn, ich K ö l n, srohjubelnder Empfang. In Köln sprachen am Sonntag abend Landtagsabgeordneter Justizrat Falk und Reichstagsabgeordneter Ludwig H a a s. Falk, kraftvoll und markige feierte der Juden Anhänglichkeit am deutschen Vaterlande. Ludwig Haas kündigte in launigen Worten den Rassetheorien den Krieg der Frontkämpfer an, inte seine treffende Kritik an Günthers Rasselehren Packte die Zuhörer bis zmn letzten seiner Worte, dir in einem Bekenntnis sür Einigkeit und Recht und Freiheit hell ausklangen. Hanptmann d. R. Dr. Leo Löwenstein, der Vorsitzende des Frontbundes, richtete die Blicke aus die 12 000 jüdischen Gefallenen. Minuten trauernden Schweigens ehrten die Unvergessenen. — Der ernsten Stunde folgte ein heiterer, echt rheinischer „Kölscher Ovend". Am Montag wurden in der B u n d e s t a g n n g die die Arbeit des Reichsbnndcs im wesentlichen umfassenden Fragen der Umschichtung in den L a n d w i r t s d e r u f. des Sports, der körperlichen Abwehr, der K r i e g s st a t i st i k, des Bundesorgans und -Verlags und andere eingehend besprochen. Am späten Nachmittag schloß der Vorsitzende die Tagung. Allgemein, lebhaft und herzlich war der Dank in Worms für die Ortsgruppe des Bundes uvrd deren Vorsitzende Dr. Fried und Vankdirektoc Karl Guggenheim, in Köln sür die Ortsgruppe unter Leitimg Tr/Speiers, Rudolf Marxs und Walter Kahns. Der schönste Dank geziemt auch der großartigen Gastfreundschaft in den zahlreichen jüdisthen Familien, die für die Teilnehmer Ouartiere und Verpflegung bercitstellten. Hell lind froh werden die rheinischen Tage noch Fange in den Herzen der alten Frontsoldaten nachllingen. Ter E. V. hat in Worms durch den Vorsitzenden

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