Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 37 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- Seite 612 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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611 Das Nassengemenge der ^uöen. Von Hofrat Friedrich Hertz (Wien). Hofrat Frledci 6) Hertz stellt tmg diesen Abschnitt aus seinein soeben im Verlag von Krön er (Leipzig) in dritter Buslage erschienenen Buche „Rasse und Kultur" zum Adürutt zur Der» fügung. Eines der merkwürdigsten N issengemenge sind die Juden, und sie bieten dem Anthropologen besonderes Interesse, weil ihre weite geschichtliche und geographische Entwicklung relativ genau verfolgt werden kann und sorgsam studiert worden ist. Die populäre Auslastung sieht sie freilich als einheitliche Nasse an und identifiziert ne mit den „Semiten" schlechthin, wobei die bekannte Nase als besonders Prägnantes semitisches Merkmal angesehen wird. Felix v. Lu sch an hat aber nachgewiesersi), daß die nach allgemeinem Urteil reinsten Semiten, die Beduinen der arabischen Wüste, eine kleine, gerade Nase, dünne Lippen, fast seidenweiches lockiges oder gewelltes Haar besitzen und daß die charakteristische Nasenform vieler Juden von der Beimengung der Hethiter stammt, die einst in Vorderasien ein mächtiges Neich befallen und deren Sprache dem Indogermanischen nahe'stand. Besonders ausgeprägt findet sich diese hethitische Aase bei den Armeniern, die ja auch zum indogermanischen Sprachstamm gehören. Außer Semiten nnd Hethitern sollen dann noch (wahrscheinlich arische) Amoriter zu dem Nassengemenge beigetragen haben, das den Grundstock Der Juden bildete. Tie populäre Vorstellung, die Jndogerinanen und Semiten als extreme Gegenpole betrachtet, ist ganz unhaltbar. Die Anthropologie hat ihre nahe p h y s i s ch e V e r w a n d t s ch a f t l a n g st a u si e r jeden Zweifel gestellt und die Erforschung der alten Kulturen Vorderasiens zeigt immer deutlicher, daß viele Berührungen und Mischungen stattgesunden haben müssen. Die Inden haben dann im ganzen Verlanf ihrer Geschichte die größten Beimengungen erfahren, die teilweise die Vielzahl ihrer Lupen und die Airnäherung an das Aeußere der Völker, unter denen sie wohnen, erklären. Besonders in den letzten Zwei Jahrhunderten vor Christus traten zahllose Griechen, Nenner u. a. zum Judentum über, aber auch im Mittelalter und in der Neuzeit tarnen trotz aller Verbote immer wieder solche Konversionen vor, besonders stark bei den Slawen, wodurch wohl die östlichen Inden ihre häufig ausgeprägt slawischen Züge empfingen-). Fi sh b erg hat die Nasienzüge der heutigen Juden aus Grund eines sehr großen Materials untersucht^ und verneint entschieden die Existenz eines einzigen, einheitlichen SWus. Es gibt eine große Anzahl jüdischer Typen, die überall dem Sypus der Völker, unter denen sie wohnen, stark angenähert sind. Die Juden Deutschlands sind den übrigen Deutschen viel ähnlicher als ihren Glnubensgenossen in Palästina. Die Annäherung zeigt sich in der Schädelform, den Körverproportionen, der Pigmentierung, den Gesichtszügen. Aber auch in Jerusalem sind von jüdischen Kindern bei den Aschkenasim 40 Prozent blond und 30 Prozent blauäugig, bei den Sephardim etwa lO Prozent blond und noch weniger blauäugig, wobei nur die ausgesprochenen Färbungen berücksichtigt wurden"). Tie von Virchow geleitete Schulkinderuniersuchung ergab, daß von 75 000 jüdischen Kindern in Deutschland 32 Prozent Helles Haar und 46 Prozent helle Augen hatten. In Oesterreich waren es 28 Prozent bzw. 54 Prozent, in England 26 Prozent bzw. 41 Prozent usw. Den rein brünetten Typus hat nur etwa die Hälfte der europäischen Juden bewahrt, etwa 10 Prozent gehören zum rein blonden Typus (Helle Haare, Augen und Haut), der Nest sind Mischtypen. Was die Nase anbelangt, so hat Fishberg durch Untersuchungen an 4120 Juden sestgestellt, daß nur eine kleine Minorität mit einer krummen Nase begabt ist, die aber eben mehr auffällt als die Majorität mit geraden Nasen. Eine gerade (..griechische') Nase hatten 57 Prozent der Juden und 59 Prozent der Jüdinnen. Eine krumme Nase fand sich nur bei 14 Prozent bzw. 13 Prozent. Dieses Ergebnis zeigt, wie unvcrlätzlich populäre V o r st e l l u n g e n von N a j s e n t y p e n sind. Es gibt eben eine ganze Menge von Zügen, die wir als jüdisch anzusehen gewohnt sind, die aber sehr verschiedener Herkunft sind. Sie sind auch keineswegs auf die Juden beschränkt, sondern finden sich bei sehr vielen Bollern der Erde, was zu den bekannten Spekulationen üver den Verbleib der verlorenen zehn Stämme Israels Anlaß gegeben hat. Besonders ausfällig kommen jüdische Typen in den höheren Schichten Japans vor. Der Mikado hat ausgeprägte, feine jüdische Gesichtszüge, und eine der schönsten Frauen Tokios würde rn Europa unzweifelhaft für jüdischen Geblüts gehalten werden (Nanle). Ter jetzige König von Spanien erinnert stark an die Judenbilder antisemitischer Witzblätter, imb wenn man die Porträts der habsburgischen Ahnengalerie durchgeht, findet man häufig auffallende Anklänge an jüdische Gesichts- Züge. Selbst an den Hohenzollern konstatiert der bekannte Antisemit Th. Fritsch jüdischen Typus. Auch die Bilder der Inkas Perus, javanische Fürstengeschlechter, viele urdeutsche und ursranzösische Aristokraten, alte niederländische Patriziersamilien, ferner viele Naturvölker, so die Bakairis Südamerikas, die Kaffern Südafrikas, die Papuas, manche Polynesier und Mikronesier, nordamerikanische *) Luschan: „Völker, Rassen, Sprachen", S. 112, 1V ff. Luschen sagt, der vermeintliche jüdische Typus sei der allgemein orientalische, der auch bei vielen arisch sprechenden Böllern vorkammt. *) Dgl. Dr. Maurice Fishberg: „Die Nasscmnerkmale der Juden", mit 42 Tafeln, 1913; dort über die Rassennrischungen, <5. 23^—255; ferner E. Renan, ,,üs Iu6ni8mo comme racc et comine rcli^ion“, 1853. 3) So F. Schiff: „Anthropologische Untersuchungen an jüdischen Kindern in Jerusalem", AA, 1914, S. 348. Jndianerstümme usw. weisen solche Ähnlichkeiten auf. Strah, dem obige Angaben teilweise entnommen sind, erklärt daher jüdisches Aussehen für ein Produkt langer Inzucht, die ja in Herrschersamilien, in Kasten unch Aristokratengeschtechtern, aber auch bei Völkern, die örtlich abgesondert (z. B. auf kleinen Inseln, in Wäldern, in einem Ghetto) leben, tatsächlich wirksam ist. Die fortdauernde Fernst altung der Vermischung habe bei den Juden die Merkmale der weißen Nasse extrem ausgeprägt. (Strah: „Was sind Juden? Eine ethnographisch-anthropologische Studie", 1903). Wenn wir hüusig den Juden sofort heraussindeu, so beruht dies übrigens vielfach nicht auf den physischen, sondern auf den psychisch-sozialen Erkennungszeichen, wie Name, Haltung, Sprechweise, Blick und dergleichen. — Daß die Lebensweise aus das Aeußere einwirkt, zeigt folgende Mitteilung Luschans. Auf Rhodos monopolisieren die Juden feit 400^Jahren das Gewerbe von Lastträgern, so daß kein Dampfer Sonnabend Waren löschen kann. Dies hat dazu geführt, daß die rhodischen Juden zu den größte!'. Menschen gegoren; ihr von Luschan festgestelltes Durchschnittsmaß ist dem der Schotten fast gleich und übertrifft die Schweden. Luschan erklärt dies mit unbewußter Auslese. Tie Inden sind also zweifellos das Produkt vieler Mischungen. Daß sie nun eine so ungeheure Kulturrolle gespielt haben und noch spielen, ist sick>er ein starker Beweis gegen die Behauptung, daß Kreuzung schädlich wirke. (Alle Sperrungen im Text sind von uns ausgesührt. Die Schriftl.) Zur Geschichte öer wassentheorien. Von Di*, mcd. Jmmcrwähr (München). Die widersprechenden Ansichten, die heute auf dem Gebiete der Nassenforschung herrschen, zeigen sich auch schon in der Geschichte der Nassenforschung^). Tie biblische Einteilung der Menschheit nach den drei Söhnen Noahs entspricht durchaus den im Orient vorhandenen Anschauungen und ist noch heute der Ausgangspunkt für viele ähnliche Systeme. Sehr populär ist auch die Ausstellung Linnös von vier Nassen: „Amerikaner, Europäer, Asiaten und Afrikaners Ter nächste Versuch stammt von Blumenbach. der fünf menschliche Varietäten unterscheidet, die kaukasische, die mongolische, die äthiopische, die amerikanische und die malaiische. Dem Fortschreiten der ethnographischen und liuguistichen Kenntnisse entprechend, werden die späteren Schemata immer umfangreicher, und die Zahl der'Nassen steigt von^einem Autor zum anderen. Daraus folgt, daß der Begriff „Nasse" überhaupt nicht feststeht, und daß, wenn wir von Rasse reden oder hören, wir immer nur an eine mehr oder weniger scharf umgrenzte Gruppe denken dürfen, die eine Anzahl von anatomischen, Physiologischen und anderen Eigenschaften gemeinsam haF). Zu einer mächtigen Hilfe für die Fortschritte der Nassenforschung wurde die sich rasch vervollkommende Erblichkeitslehre, und zwar bildet das Dt e n d e l s ch e E r b l i ch k e i t s g e s e tz die Grundlage der modernen Anthropologie. Im Jahre 1855 erschien das aussehenerregende Werk Arthur Gobineaus, der als erster die Ungleichartigkeit der Nassen betont, die .arische" Raste als die geistig bedeutendste ansieht und ihre Mischung als kulturzerstörend ablehnt. Das Gegenstück der in seinen Angen wahrhaft ideellen arischen Näsle ist für ihn die „alles zersetzende jüdische". In Gobineaus Bezeichnung „arische Nasse" bricht zum ersten Male die durch die vergleichende Sprachforschung geschaffene Verwirrung hervor (Friedrich Müller), indem die Begriffe Sprachgemeinschaft und Nasse gleichgesetzt werden. Diese Verwirrung machte sich noch jahrzehntelang in der Anthropologie geltend, und erst heute sind Bearisse wie „arisch", „semitisch'" usw. aus der wissenschaftlichen Betrachtung verschwunden. In Teutschland gelangten drei Schulen zur Bedeutung, die folgende Anschauungen vertreten^): 1. Die Nasse ist lediglich ein Erzeugnis der Hin k> eit. 2. Ter Staat ist Bildner und Former von Nasse und Volkstum. 3. Die Nasse ist ein Urphünomen, ein sich selbst Dasein und Richtung gebendes Urelement. Diese letzte Anschauung ist heute vorherrschend, doch kommt der amerikanische Anthropologe Boas in seiner ^chrift „Changes in Bcdily Form of Desceridants of Immigranls“ wieder zur alten Anschauung von dem Einfluß der Umwelt auf die Nastenbildung zurück, nachdem er an zahlreichen Einwandererfamilien (Ostjuden) eine Veränderung des Rassentypus festgestellt haben will. Dieser Ansicht haben auch deutsche Nasjenforscher (unter anderen Fischer in jeinciu „Problem der Nasseukrenzung beim Menschen") eine gewiye Bedeutung beigelcgt. Die Vertreter der Anschauung, die Nasse sei ein Urphänomen, gliedern sich in zwei Richtungen, in solche, die sür die Reinheit der Nassen cintreten, und in Freunde der Blutmischung. In der Nachkriegszeit mit ihrer starken Betonung des nationalen Gefühls vermehrten sich die Anhänger der Theorie von der Nassen rein heit und weckten auch aus wissenschaftlichem, anthropologischen! Gebiete völkische Tendenzen. Inzwischen hatte sich die Rasseneinteilung bedeutend verändert. Schon Ludwig W i l s e r sprach in seiner Schrift „Tie Rassengliederuug des Menschengeschlechts" (1907) von einer Haupteinteilung in farbige und weiße Rasten und gliedert die farbigen in: i) t). Luschan: „Völker, Nassen, Sprachen". r) Hens F. K. Günther: „Nassenkunde des deutschen Dolles*. s) Ald recht W i r t h : „Nasse und Volk".