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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-11 · 37 (11.9.1925) · p. Seite 611

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
37 (11.9.1925)
Date
1925-09-11
Page
Seite 611 (sequence 3)
Language
German
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610 - kann. Aehnliches findet sich beim hohen Adel, so sei an die bekannten Familienzüge der Habsburger erinnert. Wir haben hier angenommen, daß die Körperform, nur von der Erblichkeit bestimmt sei, und daß äußere^ Bedingungen gar keinen Einfluß ausüben. Das ist aber gewiß nicht richtig. Diejenigen Körpermerkmale, die wahrend der WachstumZperiode starken Äenderungen ansgesetzt find, wie die Große des Körpers und die Entwicklung vieler innerer Organe, sind auss stärkste von Umwelteinflüssen abhängig und ändern sich bei jeder Aeuderung äußerer Verhältnisse. So k-aben die Kriegshungerjahre einen entsclzeidenden Einfluß auf die Körpersorm der heranwachser^- den Jugend ausgeübt, wahrend man in den Jahrzehnten vor dem Krieg eine Zunahme der Körpergröße in ganz Europa beobachten konnte. Aber es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Umwelt L i e f e r g r e i f e u d e Einflüsse auf die Körperform hat. Dw Unterschiede zwischen der Stadt- und Landbevölkerung in Brrden und Italien, sowie der zwischen den in Amerika geborenen Nachkommen von Einwanderern und ihren in Europa geborenen Eltern, sowie die Körpersorm der westindischen Spanier weifen auf solche Einflüsse hin. Inwieweit Körpermerkmale veränderlich sind, müssen erst weitere eingehende Untersuchungen ergeben. Jedenfalls muß man annrhmen. daß die Plastizität der Form beschränkt ist, daß das wesentlich bestimmende Element die Erblichkeit ist. Wir haben soweit nur die körperlichen Eigenschaften des Menschen besprochen. Viel verwickelter liegen die Dinge bei den Funktionen des Körpers, zu denen wir die physiologischen sowie die geistigen Betätigungen rechnen müssen. Wir wissen aus wissenschaftlichen Beobachtungen sowohl wie aus der täglichen Erfahrung, daß unser Organismus nicht immer aus gleiche Weise funktioniert. Der Herzschlag, die Atembewegung, die Verdauung variieren von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, und ihre Tätigkeit hängt nicht nur von innern körperlichen Umständen, sondern von den äußeren Bedingungen, die dem Körper gewisse Arbeit auf* erlegen, ab. Wenn wir an der Meeresküste, in kühlein Klima, einer seßhaften Beschäftigung obliegen und reichliche Fleischnahrung genießen, reagiert der Körper in anderer Weise, als wenn wir in dünner Berglust, in den Tropen, schwer arbeiten müssen und gezwungen sind, wesentlich von Pflanzenkost zu leben. Und dennoch kann, der gesunde Körper sich befriodigend den verschiedenen Verhältnissen anpassen. Auch in anderer Weise macht sich diese Anpassungsfähigkeit geltend. Die Mund- und Zungenformen der Individuen in einer geschlossenen Volkseinheit variieren sehr stark. Trotzdem weist die Sprache bei allen die gleiche lautliche Grundform auf, die eben nicht wesentlich von der Form der Organe, sondern von dem Einfluß der Gesellschaft abhängt. Je komplizierter die Funktion, um so größerer Variation ist sie fähig, so daß bei gleicher Umgebung die verschiedenartigsten Formen die gleichen Reaktionen entwickeln können. Nun bleibt bei alledem die Tatsache bestehen, daß auch in dem funktionellen Verhalten die verschiedenen Individuen eines Volkes, besser gesagt Individuen gleicher Abstammung, sich recht verschieden verhalten können. Die physiologische sowie die psychologische Untersuchung Zeigt, daß es konstitutionelle Verschiedenheiten der Individuen gibt. Da wir aber mit einem starken Einflüsse äußerer Verhältnisse auf die Funktion rechnen müssen, vergangener Verhältnisse sowohl wie gegenwärtiger, ist es nicht leicht, wirkliche gleiche Umstände zu schassen, unter denen der Körper funktioniert, und wir bleiben im Zweifel, inwieweit Unterschiede auf äußere Verhältnisse, inwieweit sie auf organische Verschiedenheiten zurückzuführen sind. Immerhin bleibt das Vorhandensein organisch bestimmter Verschiedenheiten bei Individuen zweifellos bestehen. Vergleichen wir nun aber Volksaruppen oder sogar Rassen, so Zeigt sich, daß bei allen Funktionen die rassenhaste Variabilität so groß ist, daß es faum je gelingt, eine Physiologische oder psychologische Funktion zu finden, die a u s s chli e ß l i ch bei einer Nasse vorkommt; mit anderen Worten, daß wir hier -durchaus nicht von rassenhafter Erblichkeit reden dürfen. Wohl gibt es auch hier Erblichkeit in Familienlinien, die in manchen Fällen stark ausgesprochen sein kann. Am klarsten liegt dies bei pathologischen Fällen, wie bei Taubstummheit oder geistiger Minderwertigkeit. Auch hier bilden Familienlinien viel schärfere Gegensätze als Rassen, und während wir mit einiger Sicherheit von erblicher Familie na n läge sprechen dürfen, können wir faum je von erblichen R a s s e n a n l a g e n reden, '.veil diese viel stärker variabel sind und daher viele Individuen nicht nach diesen Merkmalen richtig klasüsiziert werden können. Wegen der starken Variabilität und der großen Anpassungsfähigkeit der Funktionen zeigt sich auch, daß unter gleichem sozialen Drucke die v c r s ch i e d e n a r t i g st -e n Rassen auf g l e i ch e W e i s e reagieren. Die nationale Assimilation der verschiedensten E l e m e n t e, aus denen die europäischen Völker bestehen, ist der beste Beweis für diese Anschauung. Als Beispiel sei der Charakter des Parisers erwähnt. Die Bevölkerung von Paris seht sich wesentlich ans den drei, gewöhnlich als europäische Hanpttypen nugesprocheueu Bevölkerungsgruppen Zusammen, der nordischen, alpinen und mediterranen. Es dürfte aber ein unmögliches Unterfangen sein, den Charakter des einzelnen Parisers aus seiner Abstammung abzuleiten und Zu beweisen, daß der nordische Pariser einer sozialen Schicht nn Verhalten verschieden sei von einem alpinen oder mediterranen Pariser derselben sozialen» Schicht. Wir dürfen also sagen, daß der Begriff der a n a t o rn i s ch e n R a s s e n e r b l i ch k e i t nur bei grundverschiedenen Nassen anwendbar i st, d a ß bei nahe v e r w a u d t e n Gruppen^ n u r von Erblichkeit im Familienleben gesp r v - ch e n werden darf; daß f e r n e r d i e F u n t i i o n c tt stark variieren und wegen i h r e r Beeinflußbarkeit durch die Umgebung a l s N a s s e n - m c v t m a l c gar keinen Wert haben; daß wohl aber erkennbare erbliche Unterschiede auch auf diesem Gebiete in Familienl i n i e n bestehen. „Vergiß öa§ Seste nicht!" Friedrich L i e n h a r d über die R a s s e u t h e o r i e n. Der feinsinnige Dichter F r i e d r i ch L i e n h a r d, der noch in völkischen Schriften oft angeführt wird, äußert siel) im zweitcn Bande der von ihm herausgegebenen „Wege nach Weimar" zu den Nassenthcorien. ... Tie Gebildeten der Nationen untereinander haben durch ihre gemeinsame Liebe zu geistigen Dingen etwas, was sie verbindet; ebenso sind die Be raste et ums, was über die Na rionen und Nassen hiu verbindet. Rane und Nation sind dabei nicht verwischt, aber es sind wichtigere Orientierungspunkte in den Vordergrund getreten. Wer aber nun seine eigentliche Heinrat „im Licht" sucht, irn Göttlichen, Schönen. Edlen, der har einen noch viel stärkeren, weil rein religiösen Gesichtspunkt, an dem er sich unter der Menschhcit orientiert. Selbstverständlich wird auch hier die Nasse und bis zu gewissen! Grade sogar die Nation Schranken auslegen; aber Raste und Nation schaffen nicht den Gesichtspunkt der Auswahl. Steht zum Beispiel der Deutsche Hanslick oder der Franzose Gobinean dem Dayrenther Meister naher? „Tie Ernsten müssen deshalb eine stille, säst gedrückte Kirche bilden" — sagt Goethe, von Weltliteratur sprechend. Er sagt „die Ernsten"', nicht die Deutschem und er stellt ihnen gegenüber nicht die Undentschen, sondern die „Lebemenschen"'. Damit schmäht er seine Nation nicht; er wählt nur die Leitworte, die oben der Sache entsprechen . . . Man hat vor einigen. Jahrzehnten (Gobinean) den Unterschied der Rassemcrtmale wissenschaftlich entdcekt; die Entdeckung schlug ein unb erzeugte rasch eine umfangreiche Literatur mit den gewagtesten Hypothesen, in denen wir noch mitten drin stehen. Es ist damit wie' mit der Bibetkritik, die van der Tübinger Theologenschule bis zu der Verwertung der assyrischen Ausgrabungen (Delitzsch) nicht zur Ruhe kommt. Und in der Literatur (Taine, Zola) haben wir dieselbe Erscheinung: aus dem „Milieu"' wird erklärt. Und so hantieren wir denn in unserer (sritbccfcrfrcube reichlich mit den neuen Gesichtspnulten „Milien" und „Nasse", ein unnahbare? Ideal unserer geheimsten Seele an den Horizont projiziert, nur erreichbar in der tiefen Verinnerlichung des Gebetes. Jetzt „erklärt'" man if)ii aus Milieu und galiläischcr Raste. Es tauche ans, was da wolle: mechanisch nimmt unser Denkapparat die Richtung ein, die Erscheinung nach Milien und Nasse abzusuchcn oder den Bazillus zu entdecken. Darum sag' ich: Laßt mich mit zu viel „Arier tum" in Ruhe! Beweist eure edlere Rasse in edleren Worten und Werten, in wohldurchdachteu und wohldurclpvärmten Arbeiten.! Hui): — „V ergeht das A e st e n i ch t 1" Dem Hirten der Sage erschloß eine Zauberblmne den Berg: er warf die Dünne beiseite, stopfte sich die Taschen voll Gold und machte sich davon. Vergebens warnte die Jungfrau: „Vergiß das Beste nicht!" Er entwich mit seinen Paar Goldbrocken, und hinter ihm schloß sich der Berg donnernd und für immer. Da stand er nun, hatte zwar etliches Gold, aber der seine-Sch-üsstl zu goldhaltigen Bergen war verloren, vergessen. Uns droht über den äußeren Gesichtspunkten der Schlüssel zu goldhaltigem Menschentum verloren zn gehen/

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