Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 37 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- Seite 610 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 11. September 1925 (lnze!nummer 10 Holöxfenn'rg Mrutteavo-rrnement *0 SoldpfenniL X y& 2\llöemeine Zeiiund des Judentums tuzLgUch Destrllüeld verleg ru Schriftllitung: Berlin SW 6S, Lirideristr. 13. . . Fernsprecher: AuU DönhoffBöfM, 3393. BosUchslNonb): Berlin 304 T2. Dankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube O, Berlin SV* 6b, üindenstr. 7, und von woidschmiüt.RLthschUd L Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-L^redition Rudolf Moffe, Berlin 8W 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0.90für die Tgefpaliene Zeile nach NudolfMosses -^ormalzeilenmeiser Nr. I, gamüienanseißcn und oicüer.ßcfuqje (niüjt öicDcnangcboit) für Mitglieder d. ticittcaloereins 0,45 JtJL, i>ie 90 mm breite Reklamezeile 4,80 JUS*. profe))or IranZ Boas (Nom Zock) / && l JS*, ft' 1 » ü!i 1 ¥'/ t.i n ' V Hofrat §r!eörich Hertz (Wien) / l)r. rasä. Immerrvahr (München). Wir setzen in Dem größten Teil des Raumes dieser Nummer Die Reihe von Aufsätzen namhafter Gelehrter zur Rasscnfragc fort, die wir in Nr. 34 Der „C. V>- Zeiturrg" vom 21. »August begonnen haben. Die Schristlcitung. Rasse oder Vererbung? Don Franz Boas, Professor an der Columbia Unwerstty (New Jork). - Die Verfechter moderner Raffentheorien reden gern von den körperlichen und geistigen Eigenschaften der Menschenrassen und nehmen <m, daß das 33 esen d e s M e n s ch e n durchaus von seiner r a s f e n h a f t e n Abstammungbestimmt ist. Die Entwicklung dieser Anschauung hat eine lange Geschichte. Ihren ersten klaren Ausdruck fand sie wohl in dem Franzosen B o u l a i n v i ll i e r s , dopen Werk über die Geschichte Frankreichs 1727 erschien. Ihren stärksten Anstoß erhielt sie erst im 19 Jahrhundert. Eobin e a u , Klem m , E a r u s , 33 u i 1 f e und bk Amerikaner, deren Urteil über die Wertschätzung der Menschenrassen durch die Verteidigung der Sklaverei getrübt war, sind ein Ausdruck der wachsenden Tendenz, Volk s charakier durch R a s s e n - charaktere Zu erklären. Wohl hören wir auch gewichtige Stimmen, die sich gegen die. ganze biologische Auffassung der 3iassenbewegung auflehnen, zuerst Theodor Waih, später die ganze ethnologische Schule, deren Behandlung der Kultur von der Einheit des Menschengeschlechtes ansgeht. Von diesen seien nur E. B. Tylor und Adolf Bastian erwähnt, die in ihren Forschungen die rassenmäßige Abstammung der Völker grundsätzlich als irrelevant behandeln. - , Bei all den Rassentheoretikern finden wir kaum irgendeinen ausgesprochenen Versuch, durch Körpermerkmale, Körperfunktionen oder körperlich bedingte Geistes Merkmale .klar festzustellen, was eine Nasse ist. Ter N a s s e n b e g r i s f * ft u n b bleibt versch in o m nt c n. Einmal werden die großen Abteilungen der Menschheit, wie Weiße und Neger, gemeint, ein andermal die lokalen Spielarten, wie die Nord- Westeuropäer und die Mittelmeerbewohner. * Offenbar kann man von erblichen Nassencharakteren nur reden, wenn bei allen Mitgliedern der Raffe die betreffenden Merkmale gefunden werden. Man darf den Pigment- Mangel der weißen Raffe und ihr welliges Haar gegenüber der dunklen Farbe und dem krausen Haar der Neger als erbliche Nassencharaktere ansprechen, weil es keinen Weißen gibt, der in dieser Hinsicht dem Neger gleichkommt. Eine Kluft trennt die Nassen und man darf daher die Merkmale rassenmäßig bestimmt nennen. Es gibt aber im großen und ganzen nicht viele Merkmale, die Völkergruppen, besonders benachbarte Völker, so tiefgreifend voneinander abgrenzen. Haben wir aber mit Merkmalen Zu tun, an denen nicht alle Mitglieder der Raffe tcilhaben, so dürfen wir diese um io weniger als raffenmäßig bestimmt ansehen, je häufiger sie -in allen verglichenen Rassen Vorkommen. Beispielsweise sind Norditaliener und Süditaliener recht verschieden. Sie unter» scheiden sich in Körpergröße, Haarfarbe und^Kopfsorm. Dennoch gibt es viele Norditaliener, die man für Südttaliener hatten" könnte und die nach ihrer Körperform nicht ricx)tig raffenmüßig unterzubringen sind. Behaupten zu wollen, daz alle diese Individuen eben nicht Norditaliener oder Süditaliener, sondern aus der Fremde eingewandert seien, wäre ganz willkürlich, denn wir müssen die Erundeigenschaft aller Lebe* wettn in Betracht ziehen, daß es eben eine absolut stabile Form überhaupt nicht gibt, sondern, daß auch Individuen ganz gleicher Abstammung immer voneinander verschieden sind; in anderen Worten, daß jeder Typ variabel ist. Sind nun zwei Typen einander ähnlich, so muß infolge ihrer Variabilität ein Ilebergreisen stattfinden, das heißt: -es muffen in jedem der beiden Typen Individuen Vorkommen, deren Stellung als zu dem einen oder anderen gehörig nicht entschieden werden kann. Ganz andere Derhättniffe ergeben sich, wenn wir die Fam 111enIin ien in einer Dle n s che n g r u P p e untersuchen. Wir finden dann, daß nicht nur die Individuen verschieden sind, sondern aucb das verschiedenartige, erbliche Fa m il i e n li n i e n in demselben Volke Vorkommen. Wir dürfen in diesem Falle, ebenso wie bei Nassen, von „erblichen" Familienmerkmalen nur dann, sprechen, wenn die Merkmale einer Familicnlinie an s sch ließl i ch zukommen, bei einer anderen fehlen. Nun gibt es unzweifelhaft solche ganz verschiedene Famitienlinien in jedem Volke; in Europa etwa die einen groß, blond, blauäugig, die anderen in vielen äußern Zügen ähnlich, in anderen, wie etwa Form der Nase oder der Gliedmaßen, völlig verschieden. Bei ähnlichen Typen sind wieder die Familienlinien so verteilt, daß gewisse Linien bei allen Raffen Vorkommen können. Dann darf man also von erblicher Charakteristik der Familien- Linien, aber nicht von der der N a s s e n reden. Nun ist zu berücksichtigen, daß bei der Stabilität gewisser Bevölkerungsgruppen, die mit der Zeit der Seßhaftigkeit der europäischen Landbevölkerung beginnt, eine ganz außerordentliche Inzucht in kleinen lokalen Erupen eingesetzt hat. Tiefe hat dazu geführt, daß lokale Typen sich aussondern, die ein wenig von benachbarten Typen abweichen. Man kann dies beispielsweise an der Verteilung der Körpersormen in abgeschlossenen. Alpentälern erkennen. Es kann daher Vorkommen, daß eine stattliche Anzahl von Individuen in einem Dorfe an gewiffen Familienzügen erkannt werden