Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 36 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- Seite 596 (sequence 7)
- Language
- German
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596 bilden, denen die gesteigerte Zuwanderung aber die Mehrheit nehmen soll, von der Brüderlichkeit der Juden überzeugt, zusammen den neuen Nationalitätenstaat bilden. Da eine neue hebräische Kultur in Palästina geschaffen werden soll, die arabische aber trotz ihrer Primitivität nun einmal vorhanden ist, wird e^ auch zu einem Kulturausgleich zu konunen haben. Andere sind imperialistischer. Sie wünschen die jüdische Legion und scheinen eine militärische Ueberwindung der Araber für den Fall zu wollen, das; diese sich einem friedlichen Ausgleich entgegenseüen. 6s wird jedenfalls, soweit es nach Weizmann und der Mehrheit des Kongresses geht, ein völlig Neues in das Staatsleben eingeführt. Mit dieser Staatsresorm will der Kongreh in seiner Mehrheit eine W i r. t s ch a f t s r e f o r m durchführen. Tie Landwirtschaft soll die jüdischen Menschen gesund machen. Boden und abermals Boden muß erworben werden, um Landwirte anzusiedeln. Die Ansiedlung ist unendlich teuer. Tie Tehekeleingänge sind erstaunlich' niedrig. Der Kercn-Kajemeth (Nationalfonds) kann unmöglich die Gelder zu einer wirklich großen Ansiedlung bringen. Also was machen? Eine Anleihe aufnehmen? Wird aber auch die Landwirtschaft rentieren? Wäre nicht doch etwas Industrie notwendig? Und wie stehen nur zu beu Arbeitern? Diese Arbeiter sind zum Teil sozialistisch, zum Teil kommunistisch— Kapital und Arbeit' Man will ein neues Wirtschaftssystem. Aber welches? Alles dies ist nicht entschieden worden und konnte auch nicht entschieden werden. Tenn der kluge, nüchterne Wirtschaftler einer neuzugründenden Kolonie fragt nur nach den ersten Möglichkeiten unb nicht nach den letzten Wünschen. Hier ist es umgekehrt. Staats- und Wirtschastsreform sollen getragen werden von einer Lebe u s r. e f o r m. Ghika und Nalewki werden verneint, wenn man die alte Ghettokultur abwirft und eine neue hebräische Kultur schasst. So meint es der Kongreß. Tie ganze jüdische Welt muß hebraisiert werden. Ich fragte mich oft, als die Redner versicherten, nur hundertprozentiger Zionismus könne geduldet werden, und als sie sich gegenseitig des Mangels an dieser Summe ziehen: Was verstehen eigentlich die Leute unter diesem hundertprozentigen Zionismus? Offenbar völlige Hebraisierung des Lebens auch in der Zerstreuung. Die nationaljüdische „Wiener Morgenzeitung" gibt eine Erklärung für die Unstimmigkeiten des Kongresses: Tie Unterschiedlichkeit der Telegierten nach ihren „Wohnländern", die eben durch die völlige Hebraisierung auch in den Wohrrländern ausgeglichen werden soll. Nun ist das Neuhebraische wirklich entstanden. Aber es stößt auf große Schwierigkeiicn. Im Galuth sind hebräische Zeitungen eingegangen, statt zu blühen, und das Jiddische ist stärker denn je. Und ein Delegierter macht darauf aufmerksam: „Was nutzt die ..formale" Sprache. Wir brauchen hebräischen Geist/ Was kann das aber sein? Bibel und Talmud." Betretenes Schweigen bei den Nicht-Misrachisten. Mit der Hebraisierung allein geht es also nicht- Darum trat ganz deutlich auch hier wieder die Forderung auf: Ziel der Lebeusresorm muß die Entwurzelung der älteren und die Erziehung der jungen Menschen sinn. Der jetzige Boden ist krank. Ein neuer Boden, dessen Bestandteile man mit einem geistigen Auge sieht, anders als der gegenwärtige palästinensische, wird geschaffen werden müssen. Wie er gemischt sein soll, darüber sind allerdings die Meinungen sehr verschieden. Ich würde antworten: Erziehung lebenstüchtiger, int Geiste der jüdischen Religion lebender Menschen. Aber ich bin ein Assimitant, der größte Schrecken in den Augen der Kougreßteilnehiuer, von denen Gäste aus dem Kreise der Zuhörer meinten: Man müsse sie lotschtagen. Gerade bei dem Verlangen nach Lebensreform zeigte sich der Einfluß der „anonymen Straße", vor dessen Gefahr der kluge Weizmann gewarnt hat. Aber er wird gesehen haben, daß sein Wiener Gegner, man kann fast sagen Feind, Stricker recht hat, wenn er ihn fragte, was'er denn geworden wäre ohne die „anonyme Straße"/ die dem Zionismus Palästina gegeben hat. Dieser Radikalismus mit seiner absoluten Verneinung alles dessen was Religion und Vaterland (Verzeihung: Wohnland) dem Juden geben, ist allen Teilen des Kongresses mit A u s - nähme des Mi s rach i eigen gewesen. Darum ist auch das Verlangen nach Lebensreform über das Negative eigentlich nicht hinausgekommen. Man pries die Gründung der Universität als eine Großtat. Aber sie ist, und das habe ich aus dem Munde zahlreicher Delegierter bestätigt gesunden, doch nur bis zur Grundsteinlegung im geistigen Sinne gekommen. Mau kann heute ernstlich noch nicht von einer Universität sprechen, nur von Anfängen, von 'denen man hoffen kann, daß sie sich entwickeln- Mit der Universität erscheinen aber wieder neue Kulturvroblcme, deren Lösung durch den Kongreß auch nicht versucht werde:; sollte. Man war sich darüber einig, daß alle diese Fragen üterhaupr müßig sind, solange man sich in so starker Geldknappheit befindet, und man schluckt die Jewisli Agency unter Teilnahme von Nichtzionislen. III. Was hat es mit dieser Agency für eine Bewandtnis? Sie bedeutet eine vorn Völkerbund geforderte (Gesellschaft zur Vertretung der jüdischen Interessen bei der Durchführung der Balsour-Erklärung. Man will und muß denjenigen Inden, die sich auf den Standpunkt dieser Balsour-Erklärung stellen, d. h. die eine nationale Hei in st d 11 e s ü r d a s jüdische Volk in Pal ä st i n a schassen wollen und sich finanziell an der Arbeit beteiligen, die Möglichkeit einer. Mitberatung geben. Dieie Agency soll so ausgestaltet werden, daß sie aus fünfzig Zionisten und fünfzig Richlziouisteu besieht. So wurde auch beschlossen; allein man merkte das Peiullehe in dem Empfinden der meisten derer, die dafür stimmten. So sehr hat die „anonyme Gasse" die Menschen radikalisiert, daß sie jede Berührung mit den Assimilanten schon als einen Pesthauch empfinden, der sie verderben könnte. Weizmann nahm auch hier wieder einen ruhigen und vernünftigen Standpunkt ein. Vielleicht mag den innerlichen Gegnern des ganzen Projektes der stark amerikanische Einschlag der g e s a m t e n Agency besonders peinlich gewesen sein. Es ist zweifellos, daß die a m e - rikani s ch e n Zionisten in ihrer Auffassung von Volk und Vaterland unserer Auffassung im Eentralvercin näherstehen, als etwa der Anschauung der polnischen Zionisten. Aber man biß um des Mammons willen in fccit sauren Apfel. Besonderer, ja entscheidender Wert wurde auf den Ausbau des sogenannten Xeren-IInzessoll, des Palästinaausbaufonds, gelegt. Auch hier muß wieder betont werden, daß zwar die Ta m in luug neutral i st, die B e r - w e n d u n g a b e r n i ch t n c u t r a l s ein k a u n. Tenn die sogenannte Staats- und Kultursordcrnng ist nun einmal ein zionistischer Proarammpnnkt, und die uns allen am Herzen liegende großzügige Siedlung in Palästina ohne diew Nmbildungsteudenzeu liegt außerhalb zionistischer Arbeit. Wir sind überzeugt, daß der geschilderte Radikallsmus sich entweder selbst verzehrt — und das wäre ein Glück für das ganze Jndentmn — oder aber das ganze Werk in Palästina zuschanden macht. Daran hat niemand ein Interesse, der es mit den Juden gut meint. Tie in Not und Elend lebenden Massen müssen kolonisiert und Nalewki und Ghika muß verschwinden. Wer mit warmem Herzen, aber mit kühlem Kopfe, einzig getragen von den Realitäten dieses Lebens, an diesem Ziele arbeitet, wird den Erfolg für sich haben. Die „Einheit" des jüdischen Volkes im politischen Sinne ist niemals vorhanden gewesen und wird niemals vorhanden sein. Tenn immer gab cs Juden, die nicht in Palästina wohnten, unb stets wird cs solche geben. Aber das warme Herz und die tätige Beihilfe für die Mühseligen und Beladenen wird niemals schwinden. Als Sokolow äm heutigen Morgen den Kongreß schloß, erwähnte er die Tatsache, daß große Blätter, die früher vom Zionismus nichts bringen wollten, heute spaktenlange Aufsätze über dcu Kongreß brachten mtb bringen. Ganz zweifellos hat er darin recht. Auf der einen Seite hat die Balsour- Teklaration, wenigstens scheinbar, die Palästinaarüeit sehr erleichtert, andererseits hat der Zionismus, in vielen seiner Telle etwas entradikalisiert, in der ganzen Welt eine außerordentliche Propaganda entfallet. Die Zahl der Anhänger ist dabei immer verhältnismäßig sehr klein geblieben. Tie Gründe dafür sind entwickelt. T i e M affe der Jude n verneint den politischen Begriff des j ü d i s ch e n Volkes, f i e sieht mit bem Zion: s nt u s biß Notwendigkeit einer Klärung und Vertiefung des j ü d i s ch e n Lebens ein, will u n d wird sie aber erreichen unter gleichzeitiger B e t o n u n g ihrer inneren und herzlichen, durch jahrhundertelange Arbeit getragenen Verbindung mit den: V o lks t u nt, zu dem f te gehört, nicht mit einem politisch-jüdischeu. Auch so kann „Ghika und Nalewki" erlöst werden, und nur so wird es seine Verneinung finden.