Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 36 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- Seite 595 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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595 Marokko und Sprien. Die Tagespolitik als Lehrmeister. Wir haben hier nicht etwa die Absicht, über die Verhältnisse in Marokko und Syrien zu berichten. Das sind Angelegenheiten, die außerhalb der Ausgaben unserer Zeitung liegen. Aber cine_ andere Beobachtung im Zusammenhang mit der hohen Politik, die sich aus Uaroiko und Syrien erstreckt, können wir nicht unterdrücken. Als sich die Schwierigkeiten für Frankreich in Marokko täglich häuften, tauchte auf eimnal in der französischen Presse die Nachricht am, Abd-el-Krim werde eifrig von deutscher Seite unterstützt, ja, ein' Schiff mit mehreren hundert Deutschen habe ihm wesentliche Hilfe zugeführt. Die bcutfdjcn Zeitungen waren in der Lage, alcck-ald sestzusiellen, daß dieses gefährliche Schiff nichts weiter war, als ein harmloses Ausflüglerschiff deutscher Geistesarbeiter, die an den Gestaden des Mittclmecres Erholung suchten. In Syrien haben sich die Verhältnisse für Frankreich ebenfalls recht unangenehm entwickelt. Und schon taucht die Nachricht in der ,.(vre Nouvelle" aus, ein angeblicher deutscher Dizekonsu! Hermann in Jaffa leite die franzosenseindticye Propaganda des DrusensuUnns und stachle die einheimische Bevölkerung planmäßig gegen Frankreich ans. Vielleicht darf man in diesem Zusammenhang noch erwähnen, daß von polnischer Seite mit altem Nachdruck behauptet wurde, das Dinken des Zloty an bcn Weitbörstm sei auf heimtürrijche d e u t s ch e N-achenschaften zurückznführen. Es kann kein Zweifel fein, daß iu aßen den Fällen Deutschland und Deutsche zu Unrecht bezichtigt werden. Jeder Kenner der großen Politik kennt diese MäMyen, die zllr Entlastung eigenen iUnheils und eigener Unfähigkeit dienen sollen. Aber wie viele mögen sich die Frage verlegen, die wir sehr ernstlich hier stellen wollen: „Werden die deutschen Juden nicht genau |o von den Völkischen belumdeN?" Jnslakiou, Skabirisation, Lptantenelend, Fall Srinnes, Dmvcs-Gutachten juib was cs für „Fälle" mehr gibt — immer heißt es von völkischer ^eite: Die Jude m die Juden. Die Franzosen und Polen rufen in ähnlicher Lage: Die Deuts ch e n, die Deutsche n. Sollte uns ein solches Verfahren nicht zur Warnung dienen? Wenn in der „En/.oito mölliealo llo Paris" vom Juni 1015 allen Ernstes behauptet wird, französische Flieger nehmen schon, von weitem den Geruch wahr, den die d e u t s ch e n Schellnngen ausströmen, und deutsche Verwundete hätten einen ganz besondere üblen Geruch, der sich von anderer! unterscheidet, so wird jeder vernünftige Mensch über diesen Blödsinn nur überlegen lächelm Wc:m aber Ehamb-ertain und andere Autoritäten behaupten, ein unverbildetes Kind erkenne schon den Inden am Geruch, so findet solche A sternenhell unheimlich viel Gläubige im lieben Baterlande. Die Zsppslin-E6§ns§-Sprnö§» n nb will st b u nicht m ein V r u d er fein... Es ist ein altes, aber nicht minder berechtigtes Klagelied von der Zerrissenheit u n s e r e s d e n t s ch e n Volke s. Jeder Vaterlandsgremrd freut sich, wenn wieder eine Aufgabe anstavcht, an der weite Kreise möglichst aller Nichtungen, Parteien und -Hem fw-fuoiten des deutschen Volles Mitarbeiten zu Nutz und Frommen des Reiches. Solche Ausgabe ist zweifellos die Zeppeliu- E ck e n e r - S P e n d e, für die auch einige wenige hervorragende jüdische Persönlichkeiten durch ihre NamenZunterschrist sich eingesetzt haben. Herr Tr. Ecken er aber hat es einmal gelvagt, in München und anderswo völkischen Heißspornen die Wnrheit zu sagen. Was Wunder, wenn die Völkischen nunmehr die Zeppelin-Eckener- Spende in Grund und Boden verdonnern! Zwar wollen sie, so schreibt Herr Alfred Nosenberg int „V ölkischen B e o b achte r" vom 25. August d. I., die Zeppelin-Spende unterstützen, aber sie erklären die Art und Weise des Ausrufes als „eine Schmach und Schande angesichts des jüdischen amerckanischen Druckes an der deutschen. Gurgel. Wieder ist mit einer guten Sache schmählicher Mißbrauch getrieben worden". ' Herr Dr. Eckener, dessen ruhmvolle Amerikafahrt jeder Deutsche freudigen Herzens anerkennen wird, wird abgekanzelt wie ein kleiner Schulbnbe. Der „Völkische Beobachter" schreibt wörtlich: „Was Dr. Eckener betrifft, so werden wir seine Persönliche Tätigkeit mit keinem Worte anzweiseln. Seine politische Kindlichkeit würde uns auch weiter nicht stören, wenn er sich nicht von gewissen Kreisen politisch hätte mißbrauchen lassen. Es ist allen noch erinnerlich, daß er, ansgerechnet in München, glaubte, über die extremen Aöllischeu herziehen zu müssen, worauf ihm von den Studenten ganz richtig ein Fackelzug verweigert wurde. Jetzt wird Herr Eckener von der gesamten sogenannten deutschen Presse als ein „Führer" hochgelobt, und wir stehen wiederum vor der alten Tatsache, daß ein an sich biederer Mensch aufgeblasen wird, mn als Ablenkung und ungefährliches Spielzeug zu dienen. Die politische Unbedeutendheit des Herrn Tr. Eckener wird, selbst im?zatte er viel um sich scharen sollte, den Parteien der „Vossischen Zeitung" und des „Berliner Tageblattes" nicht gefährlich werden, Ut^dieser deutsche Ingenieur doch abhängig von jüdischem Golde, dessen Vertreter auch in der Zeppelin-Spende eine gewichtige Nolle spielen werden." Mit dürren Worten also, Herr Dr. Eckener ist ein Sklave des Mammons und wäre nicht in der Lage, unabhängig^ seine Entschlüsse zu fassen. Richard Wagner sagte bekanntlich: „Deutsch fein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun." Tie Völkischen sind nicht in der Lage, anderen etwas Derartiges, zuzutrnuen, hieße der andere auch Tr. Eckener! Es scheint, daß sie nur in der Beschimpfung ihrer eigenen Führer (man^denke an Hitler f]en Kahr, Wulle gegen Kunze, Müller v. Hausen gegen Graefe) agners Erklärung deutschen Wesens befolgen. „Ghika" und „Aalewki". Don Ludwig Holländer. C t a a t s r e f o r m , W i r t s ch a f t sr es o r m , Lebensr e s o r m. — Jcwish Agency und Kere n Hajessod. — SB a r u m wir f t e ablehuen. I. In einer großen, die Generaldebatte des heute abgeschlossenen 14. Z i o n t ft e n E o n g r c s s c s überblickenden Rede hat Präsident J5 c i 5 m a n n sich gegen einen Delegierten gewandt, der Weizmanns abfällige Aeußerung über „Ghika und Nalewli" ans- und angegrissen hatte. Was bedeutet Ghika und Nalewli? Namen Warschauer Ghetto ftr aßen ä lt ß e rl i ch. Bon innen gesehen: Starten ungeheuerlichen, je denkbar entsetzlichsten menschlichen und jüdischen Elends. Weizmann sagte: „Gewiß must ieh Ghika und Nalewli tadelnd erwähnen, denn der Zionismus ist die Verneinung dieser beiden Begriffe, er will das Glend und die Entsetzlichkeiten, die in diesen Worten liegen, täten." Tie Ausgabe ist groß, vielleicht sogar ungeheuer, und es wird sich fragen, ob der 14. Zionistenkongreß zu ihrer Lösung beigetrageu hat, wenn man die Tinge leideusehaftslos austcht. Dabei muß gleich eines vorausgeschickt werden. Es ist erstaunlich, was anläßlich der über zmölstägigen Tauer des Kongresses au ernster Arbeit geleistet worden ist, wie Hunderte von Delegierten Tag und Nacht im ureigensten Wortsiune gearbeiler und sich gemüht haben. Eine fast zu reiche Anzahl von Intelligenzen hatte sich eingefunden; wie ein geistvoller Führer mir gegenüber bemerkte, vielleicht ein "Verhängnis für die ganze Bewegung, in der an Kritik übergenug geleistet wird, und die starke, zügellose Temperamente auch innerhalb ihrer eigenen Reihen da erschüttern, wo es gar nicht unbedingt nötig wäre. SBeizmann hat den Anseinandersall der innerlich stark uneinigen Bewegung verhütet. Man mußte seine kluge Zurückhaltung bewundern, und ich war überzeugt, daß er im innersten seines Herzens Anhänger all der Vorbehalte ist, die wir' im Eeutralverein seit Jahren der zionistischen Bewegung cntgegenhatten. Das zeigte sieh rein äußerlich schon dadurch, daß auf dem.Kongreß, auf dem mau sich gar nicht genug an der Forderung des Gebrauchs der h e b r ä i f cf? c 11 Spra ch c tun Tonnte und auf dem auch eine ganze Reihe hebräischer Reden gehalten wurde, Weizmann nicht einen hebräischen Satz sprach, es sei denn ein Zitat. Er war der kühle Kopf, der°Mann, der au Kenntnis von Menschen und Tingen den Kongreß weit überragte. Und wenn er Ghika und Nalewli verneinen wollte, so hatte er dafür ein Programm. Das Leben ist ihm so sauer gemacht worden, weil leider die Phrase den Kongreß in hohem Maße beherrschte, so das; er mit seinen Freunden von der Erekutive die Leitung niederlegte. Nach vielstüudigeu Verhandlungen ließ er sieh dazu bewegen, au der Spitze der zionistischen Bewegung zu bleiben. Ein Mann, ostenbar von keiner eisernen Gesundheit, der gekränkt sein mußte von der starken Zügellosigkeit, die er in seinen Reihen sah. Es war köstlich, als er einem seiner Gegner, denen er nicht „zionistisch" genug ist, entgegcuhielt: „Ich weiß, was Zionismus bedeutet, und Sie sind ein assimilierter All e n s ch." Die ganze Unmöglichkeit eine? wesentlichen Teiles der zionistischen Lehre zeigt sich den Nachdenkliehen in diesem einen Satz. II. Was will 1)011 tc nach vielfältigem Wandel der Zeiten der Zionismus? Ctaatsresorm, Menschheitsreform, Lebensreform, Sstirtschastsreform. Die Stau tsre form soll nach Weizmanns Programm in der Bildung eines Nstztionalitätenstaates in Palästina liegen. Den jüdischen Nationalstaat hat er ausgegeben. Mir den Arabern soll ein friedlicher Ausgleich gesunden werden. Das eben soll das Neue sein, daß durch eine weise Politik die Araber, die heute immer noch vier Fünftel der Bevölkerung