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Central-Verein-Zeitung · 1925-09-04 · 36 (4.9.1925) · p. Seite 594

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
36 (4.9.1925)
Date
1925-09-04
Page
Seite 594 (sequence 3)
Language
German
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Zur Charakterisierung der Mentalität de-:- deutschen Journnlistentums will ich folgendes Erlcl'U's erzählen: Als ich Ende der neunziger Jahre die Leitung des „Rheinischen Kurier" übernahm, sagte mir der Doyen des verbliebenen Redaktionsstabes: Sie dürfen aus dem Blatt alles machen, nur werden sic nicht streng konservativ und nicht antisemitisch. Der Mann hatte eine Jüdin zur Frau. Ich konnte ihn beruhigen. Heute sitzt der nämliche Herr in einer großen rechts- WnfwiTiN*** Ortifiti-tfvrvtM iSVit-vtvnrtfinnnftlfiirf'f» tnif h(MTT Noch ein Beispiel: Im Jahre 1909 übernahm ich die „Deutsche Neichspost", Zentralorgan der süddeutschen Konservativen. Im Feuilleton arbeitete ein jüngerer Herr, der aus der liberalen Theologie gekornmen war. Er versuchte in seiner Sparte allerhand billigen Antisemitismus anzubringen, den ich mir verbat. Als er eines Tages gegen Paul Lindau, den er fälschlicherweise für einen Juden hielt, eine antisemitische Metapher baute, kam es zu einem Zusammenstoß. Heute sitzt der Herr als spiriius rector in einer großen demokratische n Zeitung. „Wie's trefft!" Warum ich dies erzähle? Um darzutun, daß es nicht zu verwundern ist, wenn die Skrupellosigkeit und moralische Henunrulgslosiakeit nric ein vergiftender Strom in die Lefsentlichkeit dringen, sobald öffentliche Personen und Stellen, die von einer besonderen Eewissenhastigkeit inspiriert sein sollen, verwirrenden Instinkten und massiven Triebhaitigkeiten dcr undisziplinierten Massen zum. Opfer fallen. Die ganze nnliicnütiidic Agitarion stammt aus dem Bannkreis dieser undisziplinierten Intelligenz und des unkontrollierten persönlichen Gewissens. Man denke sich, daß Hugo Stinnes ein Jude und daß die führende Preise nicht irgendwie ihm und seiner Einflußsphäre unterworfen gewesen wäre. Im ganzen Blätterwald, in der großen Sessentlichkcit, wäre der Anti sinn in.s-uuch. ausgerauscht wie ein vulkanischer Ausbrilch. Ein Mann, der alle Werte und Besitztitel znsammrnraüt, in einem Ungeheuern Konzern bisher selbständige Betriebe zusarnmenhänft, Fabriken, Schisse, Hotels, Llnzciaenagentnren, Zeitungen erwirbt und sich und seinem Kapital untertänig macht, Werte konzentriert, die bei seinem Tode auf 3000 Millionen veranschlagt werden! sämtliche antisemitischen Finger Deutschlands hätten auf diesen beispiellosen Fall einer rücksichtslosen, jüdischen Geschäftsgebarung hingewiesen. In den Parlarneuteu hätten sich's Teutschnanonale und Völkische nicht entgehen lassen, diese Erscheinung jüdischer Auspowerung gebührend ^"glossieren. Statt dessen. Schneeigen, ans der ganzen Linie. Die Pressekulis der deutschnationalen Blatter mucksen nicht, ihr schimpfwortreiches Lcrikou bleibt zuaeklappt, auch nicht die Spur von einem journalistischen Elan, um den „Ausbeuter" an den Pranger zu bekommen. Tann gibt's in dem Riesenunternehmen Schwierigkeiten. Zahlungsstockungen treten ein, der Wan er köpf funktioniert nicht, die Organe sind überhitzt —, die Arbeiter will man mit Aktien bezahlen. Welche Orgien des Judenhasses hätte man e tz t erlebt bei diesem mehr oder weniger verschleierten Zu- : aiumenbiud}, durch den Tausende von Eristenzen einer wirt- 'chastlichen Problematik überliefert wurden. Dem „jüdischen" Stinnes hätte man genau nachgercchuet und nachgewiesen, daß seine Erben die wertvollsten Stücke des Besitzes ins Ausland verschachert hätten und daß das deutsche Volk das Opfer eines Ungeheuern „jüdischen Betruges" geworden wäre. Auch jetzt wieder Schweigen aus der ganzen Linie. Ja, man ist nicht weit davon, die Banken für alles verantwortlich zu machen, denn in den Banken sind es die „Juden", die alles „dirigieren". Ich sitze im Kaffeehanse bei Bekannten. Nicht weit von uns eine Dame, die in etwas herausfordernder Position mit übereinandergcschlagenen Deinen Zigaretten raucht. Ara Nebentisch hören wir, wie jemand, auf die Dame weisend, sagt: „Da, sehn Cie, das freche Judenweib." Es war aber in Wirklichkeit die echt deutsche Frau eines streng arischen Großhändlers, der schon mehr als einmal seine antisemitische Gesinnung offenbarte. So ist es überall. Ter Mangel an Gerechtigkeit und Sachlichkeit und persönlichem Verantwortungsgefühl hat eine Benommenheit der intellektuellen SotitclIimQcn erzeugt, die schließlich auch die sittlichen Werturteile präoktupiert und die Linien normaler Betrachtungsweise verschiebt. Das öffentliche Urteil kommt, wenn das Wort Jude ertönr oder sein Begriff aus der Latenz ins Erlebnis erhoben wird, in den Zustand der systematisch erzeugten gesellschaftspolitischen Hypnose. Man denke sich den Fall in dem Drama „Hugo Stinnes Glück und Ende" sei der Held ein emporgekonnnener Jude. Ter Fall ist gar nicht auszudenken. Immerhin wird man aber die Hoffnung nicht ansgeben dürfen, daß Gerechtigkeit, Einsicht, Sachlichkeit doch noch die Oberhand bekommen und das deutsche Volk von einer wüsten Seuche befreien, die durch das Medium der Ungerechtigkeit und Leichtfertigkeit in den geistigen und seelischen Organismus der Dolksgeuossen eingedrungen ist. Die „Germania" gegen öie „Mörsch-Liberale Zeitung". Tie „Jüdisch-Liberale Zeitung" vom 21. August d. I. <Nr. 34) hat einen Anssatz ihre? Wiener Korrespondenten. Tr. Hugo SPiegler, veröffentlicht, der in katholischen Kreisen, wie ein Artikel der „<$ e v 111 a 111 a" bei0eist, ein gewisses unliebstunes Aufsehen erregt hat. Herr Tr. Spiegter hat iir dem Aussatz von „unheilvollen Traditionen der katholischen Politik" gesprochen, vom (katholischen) „Kapitulieren vor dem Geiste des Fortschritts der Kultur und der Sittlichkeit", hat gesagt, das; „der römi'che Klerikalismus nicht ans die Vernichtung, sondern bloß ans die Demütigung des Judentums bedacht sei", und dergleichen unfreund liehe Aeußerungeu mehr. Nachdem die C h r i st l i ch - S 0 z i a l e Partei Deuts ch - ö st e r reich s anläßlich des Wiener Zionistenkongresses in ihrer Presse wie in einer ockiziellen Partcitnndgebung scharf in das j n d e n s e i n d l i ch e H v r n gestoßen hat, mag die Erregung Tr. Spieglers bis zu einem gewissen Grade in bezug aus dentschösterreichllche Verhältnisse verständlich sein. Sie ist aber für deuische Verhältnisse im wesentlichen nnbcrochiigt. Wir freuen uns, daß weite katholische Kreise Deutschlands mU uns der Meinung sind, daß der völkische zügellose Judenhaß die Gebote der Nächstenliebe mit Füßen tritt, daß er Neligion und Nt oral als Grundlage aller Kultur schwer bedroht. Kein Geringerer als der frühere R e i ch § k a u z l e r W i l h e l m All a r r , der Jührer der deutschen Zentrumspartci. hat seinerzeit in dem bekannten Brief an den E e n t r a l v e r e i n diesen Standpunkt eingenommen. Es besteht daher für die jüdische Presse jeder Aichtung keinerlei Anlaß. Note uns scheinen will, dem oben angeführten, wenig gerechten Urteil Baum zn geben. Dieser Anlaß besteht für die nichtzionisii'che „I ü d i s ch - L i b e r a l e Z e i t n n g" um so weniger, als es sich hier um Angelegenheiten handelt, die höchstens die Zionisten an.gchen. Mögen sich diese mit dem Vatikan auseinandersetzcn, wenn dieser dnrch eine voll ihm gefürchtete zionistischchauvinistische Politik die heiligen Stätten der Ehristenheit in Palästina gefährdet sieht. Auch wir sind mit der „G e r m a n i a", dem sührenden Organ der deutschen Zentrnmspartei, der Meinung, daß die Angriffe des Wiener Korrespondenten ans die katholische Miilderheit, „die unter den Parteigängern der Antisemiten genau so zu leiden habe wie die jüdische Minderheit", durchaus unnötig waren, und daß „das Judentum nützlichere Arbeit zu leisten habe, als sich in die Reihen der .Anker gegen Vom* zu stellcll". Es wäre aber falsch, wenn die „Germania" meinte, daß die Auslassungen eines einzelnen, noch dazu nicht r c i ch s d e n t s ch e n Berichterstatters, die Stimmung im deutschen Judentum gegenüber dem .Katholizismus Wiedergaben. Wir glauben nicht, daß im Deutschen Reiche viele gleich Tr. Spiegter denken, sondern wir sind gewiß, daß der erdrückende Teil des delllschen Judentums und auch der erdrückende Teil der Leser der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" mit denl deutschen Katholizismus in Friede und Freundschaft zu leben wünscht, unbeschadet der parteipolitischen Einstellung jedes einzelnen. ArrS der Deutschen Drrrrrerschaft. Tie Geschäftsstelle der „Teutichen Turnerschnst" gibt folgende Meldung au§: An der H e r - m a u n s s e i c r der Deuts ch e n Turners ch a s t in Tetmold nahmeil aucl) die Herren Hof rat K n p f a ans Wien und Professor Fischer aus Teplitz-Schönan teil. Herrn Kupka wurde Gelegenheit gegeben, den Standpunkt des Deutschen Turnerbundcs 1919 vor den Mitgliedern des Hcmptausschnsscs der D. T. darzulegen. Der Hauptaussch.lß hatte in seiner daranssvlgenden Sitzung zu diesen Anssührungen Stellung genomn'.on, sieht sich aber nicht veranlaßt, eine Acnderung des bisherigen Standpunktes der D. T. herbeizusühren. — Tie SDlittciIunQ gewinnt an Bedeutung, wenn man weiß, daß der Deutsche Turnerbund 1919 den sogenannten Arierparagraphen in seinen Satzungen enthält. Es hat sich also ersichtlich um einen Versuch gehandelt, ähnlichem in der Denychen Turnerschnst den Weg zu bereiten. Daß dieser Versuch nach dem Sinn der Meldung nicht gelungen ist, ist erfreulich.

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