Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 35 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- Seite 586 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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;öü Verlangt, von allem nicht unbedingt Notwendigen in Genußmitteln, zumal wenn es Einfuhrware ist, abzuschcn. Dies zu beachten und von diesem höheren Gesichtspunkte aus sein Leben einzurichten, das ist ein g u t S t ü cf echter Vaterlandsliebe und entspricht wahrem Nationalgefühl! _ .; Luxus hingegen soll unsere Jugend treiben nnt allen geistigen Gütern, nachholen muß sie durch Lernen und Studieren, im Handwerk, in der Landwirtschaft, als Kaufmann und Akademiker, was während der Kriegsjahre so vielfach versäumt werden mußte, auffüllen die geistige Rüstkammer für den Lebenskampf, sür den Kampf um unsere deutsche Kultur. Aber auch da nur gute Kost! Fort mit Schund und Schmutz aus bcn Bücherschränken! Ein offenes Auge und ein offenes Ohr aber für alles Wertvolle und Edle, ohne daß dabei irgendein engherziger Maßstab die Auswahl vorfchreibt. ... r . » - Mit Recht wird mar: einwenden, das hier sklzzenhast Grorurce seien keine ausschließlich jüdischen „Belangs. Gewif^ nicht Rur schien es aber am Platze, in unfercr „G. V. - Zeitung auch diese Fragen einmal herzhaft anznschneiden die tüttcln für a IF c aber dartuu wollen, dag ecn giit ^.eil Er^icchllig^- unserer einer ausbau mifcreS geliebten dclitscheii Vaterlandes! Eöuarö Mnholö. - Einer von der alten Garde ist heimgegangen: Eduard A r n - hold, der große Berliner Kaufmann. Einer der ganz wenigen, deren Änfänae noch in die erste Blütezeit der neuen deutschen 'Wirtschaft hineinragen/ Vkan nennt diese Periode die Gründerzeit und empfindet dabei einen bitteren Beigeschmack, aber — U]\ ^sgenfatz zu dem Taumel der letzten Jahre, mit denen man die Konjunktur nach 1870 oft verglichen hat — war es eine Zeit der Kraftsülle und des gesunden Austriebes, in der, auch ohne zweifelhafte Manipulationen, junge Talente rasch ihren Weg machen konnten. ^>uard Arnhold, der Sohn eines jüdischen Arztes mrs Dessau, kam in den seckfziger Jahren noch, als blutjunges Bür ich lein, zu Caesar Wollheim, einer angesehenen Berliner Kohlenfirma, in die Lehre. Ein paar Jahre später schon ist er Prokurist, dann Mitinhaber, nach dem Tode Wollheims schließlich Chef eines Handelshauses, das eine Wirtschastsmacht in Deutschland darstellt. Denn die Firma Caesar Wollheim kontrolliert, zusammen mit Friedländer -Fnld, fast den gesamten ob er schlesischen^ Kohlenhandel, und vom Handel ans hat sie sich eine respektierte Stellung in der Industrie erworben. Das verdankt sie al>er, neben der robusten Tatkraft des alten Wollheim, der großen organisatorischen und diplomatischen Begabung Arnholds. Wenn man auch in der Wirtschaft zwischen einem romantischen und einem klassischen Typus des homo oeconomicus unterscheiden darf, so gehört Arnhold entschieden zu den klassischen Kauflenten. Seine Laufbahn ist geradlinig, ohne verwegene Ziele, ohne gefährliche Seitensprüngc, aber dafür auch ohne große Rückschläge gewesen. Er hat sein Werk entwickelt und zur Größe geführt, aber den Lockungen des Uebergroßen widerstanden. Intensität, nickt Extensität, gibt seiner Arbeit das Gepräge. Und wenn er auch den allgemeinen Tendenzen der Zeit, so der Angliederung eigener Derkaussorganisationen an die oberschlesischen Kohlenzechen, seinen Tribut hat zahlen müssen, so hat er doch, über den Wirbel der Inflation und der Deflation hinweg. seinem Hause den Platz in Ehren erhalten. Kein Wunder, daß man solch einen Mann auch außerhalb seines Geschäftszweiges suchte, too wichtige wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen waren. Eine Reihe erster deutscher Gesellschaften hat ihn in.den Aufsichtsrat berufen, die Große Berliner Straßenbahn hatte lange Jahre hindurch in ihm ihren Führer, und rruch staatliche Stellen nahmen gern seinen Rat in Anspruch. Im wilhelminischen Preußen wurde er ins Herrenhaus l>erufen, und im neuen Deutschland entsandte man ihn in den Reichswirtschaftsrat. Daneben stand er der Reichsbahn als Berater zur Seite. Eine besondere Mission wurde ihm zuteil, als die politische Entscheidung über Qöerschlesien bevocstan). Als hoher Siebziger scholl gg er nach London, um im Aufträge des Reiches für die Ertung O'berschlesiens 31t wirken. Eine Fülle tanfmännischcr cenämter rundete sein Tätigkeitsfeld. l-'.Aber diese sehr dicht besetzte Arbeitstasel ließ ihm doch noch Zeit, au dem kulturellen und humanitären Leben regsten Anteil zu nehmen. Arnhold war ein Kunstsammler ans Passion, und die wundervolle Galerie deutscher und französischer Meister des! 19. Jahrhunderts, die er zusammengebrecht hatte, entsprang weder .dem Bestreben, Sachiverte anznhänfcn, noch dem modischen 'Snobismus des reickf-err Mannes, sondern einer echten und ehrlichen Freude an der Kunst. Er betätigte sich als Mäzen großen Stiles, und der Ankauf der Billa Boecklins in Fiosole bei Florenz, die Gründung erner deutschen Künstlerstätte in Ruin zeigten, daß es ihm nicht auf di« Befriedigung persönlicher Luxusneigungen ankam. Daneben grng eine weite und stille Wohltätigkeit. ' Es war ein volles, reiches und schönes Leben. Nach 76 Jahren hat chm )eht ein milder Tod ein Ziel gesetzt. Dr. Richard Lcwin/ohn. . rär j Bon Börrico Freiherr v. Miinchhairscrr. * Wir danken SB ö r t t c 5 Freiherrn v. Münchhausen, daß er uns den Abdruck dieser im Jahre 1905 im „Generalanzeiger für die Interessen des Judentums" erschienenen Skizze freundlichst gestattet hat, um von uns aus das Andenken des _ vor welligen Wochen verstorbenen Zeichners Ephraim Mose Lilien 50 ehren. Die Schriftleitung. . Die Redaktion dieser Zeitung hat mich gebeten, ein wenig über meinen Freund E p h r a i m Bl 0 seLilien und unser „B u ch I n b a" zu plaudern. Run habe ich zwar wiederholt schon össentlich erzählt/ wie unser Buch entstanden ist, aber man redet doch so gern von seinen Kindern, und „Juda" ist nun doch einmal unser geistiges Kind. Und was für ein artiger und gut eingeschlagener Junge, nicht wahr, Esra?! Ach so, du willst, ich soll ihn nicht zu sehr vor den Leuten loben, aber siehst du, das ist das Rette bei einer gemeinsamen Arbeit: Jeder von uns kann sie nach Kräften schön finden und braucht sich gar nicht damit' zu schämen. Wenn dir einer sagt: „Aber Herr Lilien, loben Sie doch' Ihr eigenes Buch nicht so!", dann wirst du antworten: „Warum darf ich Münchhausens Berge nicht schön findend Halv ich etwa meine Zeichnungen gepriesen?" Und wenn jemand diesen Anssatz liest und sagt: „Da redet der Münchhausen schon wieder von seinem Buche Inda" — dann sott er zur Antwort haben: „Verehrtester, ich lobe nicht meine Gedichte, sondern Liliens Buchausstattung!" Im Ernste, Esra: Sollen wir uns nicht an einem Buche freuen, das uns beiden so unendlich viel Freude gemacht hat? Und so viel Mühe!. Zunächst ging ja alles ganz glatt. Wir bummelten Arm in Arm durchs Berlin, und du setztest mir auseinander, daß ich meine jüdischen Balladen' nicht in einer Gesamtausgabe meiner Gedichte herausgelxm sollte. Du selbst, der du damals nichts zu essen hattest, wenn du ein Paar Wochen nichts arbeitetest, du selbst wolltest sie ausstatten. wie noch nie ein Bullst ausgestattet sei, du wolltest all dein Können, all deine Zeit an dieses i Buch setzen, du wolltest diesen Gedichten ein Kleid geben, das eines, königlichen Buches wert gewesen wäre. Damals fand ich den Namen' „Buch Inda" für unser Werk, und :::tn stellten wir, bald in deinem' Atelier, bald in meinem netten Balkonzimmer, all die Einzelheiten wie' Format, Papier, Einband n. dgl. fest. .? Esra, eigentlich waren wir zwei Tollkühne! Wir bestimmten das Papier eines Buches, das seinem Verleger 30 000 Mark kosten konnte," ohne einen Verleger zu Hellen! Wir arbeiteten Tage und Wochen auft die ungewisse Hoffnung hin, eines Tages jemanden zu finden, der uns? diese 'Arbeit ^abnehmen würde. Und wir waren ganz beneidenswert sicher, eines ^.ages diesen Verleger zu finden, obwohl nur wußten, das/ es Gedichte, richtige gereimte deutsche Gedichte waren, die wir heraus-' geben wollten! Nebenbei mußtest du mit Plakaten und derlei Tagest arbeit fronen, und ich Referendar und Doktor bauen, — deine Plakate! und mein Diplom werden gleich verstaubt und gleich gut weggelegt inirgendeiner Ecke modern. Sei still, daß wir das Zeug nicht aufwecken!. Und der Verleger kam, ein Verleger, den man als das Vorbilds eines vortrefflichen Verlegers anführen soll, ein Verleger, von dem wir! schon damals sagten, daß man Stecklinge von ihm nehmen müßte, damit\ seine Art niemals ausstürbe*). Er ist uns beiden und unserem Buche, immer ein vornehmer und treuer Freund gewesen und hat nie nein^ gesagt, wenn seine Künstler etwas im Buche anders wollten. Und nun^ ging die Arbeit mit doppelter Krast weiter. Die Ferien waren gekommen, und ans meinem Thüringer Schlosse Windischleuba hausten! wir beiden. Oben war dir ein Helles Giebelzimmer als Werkstatt her-- gerichtet abgelegen und still, wie du es wolltest. Und dort vergingen! unsere Vormittage, — während ich den Simson, die einzige noch un-ft fertige Ballade des Buches, fertig schrieb, zeichnetest du an den Rahmen,' und Vollbildern. Weit standen die Fenster offen, über die Wiesen zog, der Rauch ferner Kartoffelfeuer, und ganz fern ans den Feldern klang' bisweilen ein Peitschenknall und ein gedämpftes Hü-ott! Und dann nndchvann fuhren wir auf, wenn ein Turmfalke kurz vor unserem Fenster mit scharfem Schrei im Fluge abbog, und sahen uns an, und, freuten^uns der Stille. Dann wieder krochen wir durch all die vielen' engen Treppen und Treppchen und Gänge des alten Schlosses, und bu; skizziertest mit oft erstaunten Augen die dir fremde Uuuoelt, die Kreuz-' gange und den Pallas, oben im großen Saal die Rüstungen und! Waffen, Wallgraben und Park, Mauern und Türme. Und nach den/ Essen ging's zu Fuß oder auf dem Rade hinaus ins köstliche Thüringer' Land. Esra, weist du noch, wie wir durch Felder, Wälder und Stein-' bräche strichen, wie wir an den Seen standen und den Möwen zusahen/' oder wie du, zum ersten Male in deinem Leben, im deutschen Walde Rehe und Eichkatzen sähest? So haben wir zusammen gelebt und allmählich, ganz allmählich, den anderen v e r st anbc n. Und bei diesem Verstehen ist unser Buch erwachsen inib unsere Freunds ch a f t. Wie vieles war nicht in uns, das so verschieden war ivie Tag und Nacht! Deine finstere, freudlose Jugend, deine ferne galizische Heimat in dem elenden kleinen Trvhobyc,'..' den: Kämpfen, Ringen und Leiden, deine innere Heimatlosigkeit. Ich musste mid) immer schämen vor dir, Esra. Bei mir war alles so festgegründcst und selbstverständlich. Blei ne niedersächsische Heimat, die hannoverschen Güter, meine große, fröhliche Familie, meine glückliche Jugend, in der mir bis ans den helltigen Tag kaum ein Wunsch unerfüllt geblieben ist. Wo du gekämpft hast, haben mir die Leute alles von selbst zugetragen, das hat mich oft gewurmt. Wir haben wohl beide viel voneinander gelernt. *) F. A. La tt mann in Scslar.