Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 35 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- Seite 582 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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582 dl einem von NichtEeuischen verhältnismäßig gul gesprochenen' Deutsch. Deutsch überwiegt entschieden aus dein Kongreß der 'nus nichtdeutschen Ländern stark, ans Ländern deutscher Zunge verschwindend gering besucht ist. Müssen wir uns als Deutsche jedweden Glaubens dieser Tatsache nicht sreuen und sollten wir sie nicht ganz anders noch nutzen? Glänzend Dang die hebräische Ansprache Dellins. Die Rede Stephen Wises aus New Dort, eines der besten Sprecher Amerikas, wirkte auch auf den, der sie nicht verstand, wegen der Klarheit der Wortbildung und der edlen Sprechweise nachhaltig. Die bisherigen Verhandlungen verliefen im allgemeinen ruhig, Vorbereitungsausschuß und Verhandlungsleitung taten ihr Bestes, nur siel die maßlose Unduldsamkeit auf, mit der eine Minderheit des Kongresses Eine von der überwiegenden Mehrheit gewünschte Verlängerung der Redezeit für einen Redner der Opposition (Jabotinsky) zu verhindern suchte. Da gab es wüste Szenen. Eine Sprengung der Sitzung stand nahe bevor. Die etwa 300 Kongreßdelegierten, vielfach junge Leute, darunter auch Farbige, halten im allgemeinen gute Zucht. Das wird ihnen ja allerdings sehr erleichtert. Denn die sogenannten öffentlichen Verhandlungen des Kongresses sind im wesentlichen Paraden. Die eigentlichen Verhandlungen spielen sich in den Fraktions¬ und Ausschußsitzungen hinter verschlossenen Türen ab. Das soll kein Vorwurf sein. Es mag aber denen gesagt sein, die es immer so darstellen, als ob es beim Zionistenkongreß sehr demokratisch, sehr öffentlich zuginge. Wenig von. dem ist der Fall. Abstimmungen in der Oefsentlichwit sind in geschlossener Sitzung wohl vorbereitet und Verfassung und Geschäftsordnung sichern dem „als ob" alles demokratisch wäre volle Ungefährlichkeit. III. Der Inhalt der Verhandlungen der ersten vier Tage des Kongresses bietet Anlaß zur Würdigung nach folgenden Gesichtspunkten. Man wird fragen müssen, ob in der politisthen Grundlage eine Aendcrnng^des bisherigen Zustandes ru erkennen ist, man wird die Stellung zu England und die Frage des Erfolges und der Aussichten der Kolonisation nach dem Ergebnis der Erörterung darstellen müssen. Eine völlige Meinungsverschiedenheit innerhalb der Kongreßteilnehmer herrschte darüber, ob es Aufgabe des Zionismus sein soll, möglichst viel Juden in Palästina national zu siedeln oder auch nur unterzubringen, oder aber einen neuen Typus des Juden zu schassen, unbeschadet um das Schicksal der in ihren „Wohnländern" verbliebenen. Auch aus diesem Kongreß hat sich bisher schon gezeigt, daß es sich leider so »jubelt", wie es sich „christelt". Jeder Redner hatte das Bedürfnis, die nationale Siedlung, die nationale Erziehung in dem „Ealuch", kurz den Begriff „national" recht, recht häufig zu wiederholen. Vöas man sich aber darunter zu denken hat, das sagte eigentlich nur der Hauptredner der Eröffnungssitzung, der Wiener Oberrabbiner Prozessor Ehajes. Mit ihm werden wir uns ausführlicher um io mehr zu befassen haben, als der „radikale" Standpunkt in dieser Frage von der Mehrheit des Kongresses geteilt zu werden scheint. Professor Ehajes sucht in seinen Ausführungen einen ^archimedischen" Punkt für das Judentum. Das solle heißen, ein jedes Volk kenne sich, nur die Juden kannten sich nicht. Das deutsche Volk z. V. vermöge Shakespeare, einen Engländer, zu seinem Dichter zu machen. Wir Juden könnten das nicht. Die in Deutschland lebenden Juden seien dem größten Teil ihres Wesens nach unter dem Einfluß der deutschen Kultur. Sie könnten zu dieser Kultur keine Distanz gewinnen. Denn sie seien mitten darin. In Palästina sei der „archimedische" Punkt gefunden; dort könnten wir der . Welt neue . Wege weisen. Den Weg zu unserem Genius hätten wir durch die Neuschaffung der hebräischen Sprache gefunden. Jetzt könne die Welt auch die Juden durch das Medium: hebräisches Palästina verstehen. Liebe müsse darum dem blinden Hasse weichen. Dieser Standpunkt verrät allerdings, daß der Wiener 'Oberrabiner den geschichtlichen Standpunkt des Judentums völlig über Bord geworfen hat. Wir haben gelernt, daß unsere Aufgabe überall, wo wrr leben, ist, ein heiliges Volk und em Volk von Priestern Zu sein. Eine Berörtlichung auf Palästina hat die jüdische Religion nicht für die Ausgabe ihrer Bekenner angesehen. Aber auch abgesehen davon ist der Standpunkt des Professors Ehajes weder ganz klar noch ganz haltbar. Ich b i n k e i n T e i l d e u t s ch e r, der an der deutschen Kultur nur mitnascht: ich bin kein Fremder, der sich denkbar gut eingelebt hat, oder dem das vielleicht auch nicht ganz gelungen ist; ich lebe nicht als Gast in einem Wirtsland, wie es noch dieser Tage der Bund der jüdischen nationalen Verbindungen in Deutschland erklärt'); ich stehe voll in deutscher Kultur und kann einen Standpunkt außerhalb der Betrachtungsweise dieser Kultur nicht einnehmen. Tie Neubelebung der hebräischen Sprache in allen Ehren, sie aber wird die Liebe der Menschheit ebensowenig bringen wie eine noch so gelungene Siedlung in Palästina. Unb darum konnte ich auch den Jubel der deutschen Delegation bei der Erwähnung des Namens des Präsidenten Wilson nicht verstehen, er mag es gut gemeint haben, hat aber jede Starke ltnö alle jene Eigenschaften in der Praxis der Politik dem deutschen Volke gegenüber vermissen lassen, die schon Horaz als Eigenschaften eines domo jusüis et tenax, eines gerecht und an seinen Grundsätzen sesthaltenden Mannes gekennzeichnet hat. Und wenn bei den verschiedensten Rednern des Kongresses immer wieder der Begriff der A s U milation als eines Schreckgespenstes ^bezeichnet wurde, so mutz man sich wundern, daß man auf so wenig Begrisssi'larhoit stößt. Niemand wird sich klar, in welchem Maße sich das „nationale" Denken der Zionisten von einer völlig unkritischen Assimilation an sogenannte „nationale" Polisik hat beeinflussen lassen. Aber nicht nur aus diesem Gebiete, sondern auch in Fragen vollswirtschasllicher Erkenntnis vermißt man fast durchgängig wissenschaftliche Erkenntnis. Wer sich Z. B. mit den Lehren des vielleicht bedeutendsten Soziologen der Gegenwart Franz Oppenheimer besaßt hat, staunt, wie wenig Verständnis von den meisten Rednern für die Wirklichkeit der Kolonisation in Palästina ausgebracht wurde, weil immer wieder Wunschbetontes mit tatsächlich und unabänderlich Gegebenem verwechselt wurde. Der sehr unterrichtete wirtschaftliche Referent der Exekutive, Tr. H a l p e r u, prägte in einer bedeutenden Rede aus oenWwngreß den Satz: „Unendlich Vieles im Zionismus ist eine ^ache des Glaubens." Daraus ist es zu erklären, daß die von ihm und Tr. Ruppin vorgetragenen wirtschaftlichen Tatsachen eine völlig ungenügende Beruclnchtigung fanden. Die Notlage in Osteuropa, die große Filmpropaganda haben eine erhebliche Einwanderung nach Palästina bewirk:, deren Unterbringung um so mehr Schwierigkeiten macht, als England auch politisch keineswegs alle die Erwartungen erfüllt, die man auf die Balsour-Deklaration gesetzt hat. Auf dem Kongreß zeigt sich aber die ewige Wiederkehr *cuM Gleichen. Man glaubt sich in alte Zeiten der englischen nationalökonomischen Wissenschaften Zurückversetzt, die Physiokraten treten wieder auf. die allein in der Landwirtschaft eine Regeneration des Volkes erblicken, kluge Merkantilisten entwickeln das ganze System von Schutzmaßnahmen für eine Industrie, ein durchaus ernsthafter Redner wird von einem anderen als ein „Schulze-Delitzsch des Zionismus" höhnend gebucht. Im Hintergründe steht das Gespenst der Arabers rage. IV. So wird der Kongreß viele Tage bedien. Es wird darüber noch zu sprechen sein. Man kann seinen Erörterungen nur die besten Wünsche mit auf den Weg geben, alle jene Wünsche, die man für edel gesinnte Männer und Frauen hegen muß. Aber eines wird er einzusehen gezwungen sein: Der Nationalismus, dem er huldigt, ohne es zu wollen und zu be - m erken, schädigt notwendigerweise jede Arbeit in Palästina aufs schwerste. Neue Kulturen werden von selbst und Wirtschaftspolitik soll sich nicht nach Glaubenssätzen, sondern nach *) „Die neue D-rlt", Blatter txmt 17. $fu<rafl 1926, S. 28. Uebrigens von Iniercnr: Das deutsche p.srtell jüdischer Verbände glaubt nicht, „das; man über eine Nachahmung gemisier studentische: Sitten oder Unsitten unserer Dirtsländer zum Ziele gelangt^. Wenige Seiten später schreiben die jüdisch-nationalen Wehrhaften Verbindungen in Vien: „Immer wieder bekommt man zu hören, daß das Farbcntrogcn eine von den Deutschen übernommene, ver. altete Angelegenheit, dag die Ideologie der Strammheit und des Schlagens eine phrafe.'.haste sei. Wobei übersehen wird, daß alle diese am Formalen klebenden und in das Wesen der Sache nicht eindringenden, stereotyp sich Wiederholenden Angriffe selbst nicht» weniger t!« phrasenhaft sind."