Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 571 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Vortrag von vr. % Radin löreelau). — Eine Entgegnung von Moritz Loeb lSerlin). In einer BriefLastenbemerkung unseres Blattes Nr. 23 vom 10. Juli Ist davon gesprochen worden, dag der Dozent am Nabdinerseminar in Breslau, Herr Dr. R a b i n, in einer Versammlung Uber bas Thema „Misrachi und das deutsche Judentum" die vermeintliche Fremdheit der Juden in Deutschland dadurch begründet hatte, „daß man sich auf fremdem Boden innerhalb einer fremden Kultur befinde . Unserem .Berichterstatter muß bei der Wiedergabe des Referats des Herrn . Dr. Rabln offenbar ein Irrtum unterlaufen sein, denn der wesentliche ^Inhalt des Vortrages des Herrn Dr. Rabin, den wir hier wrcdergeben, .widerspricht unserem Bericht. Der interessante Vortrag wird sicherlich allen unseren Lesern, die die misrachisch-zionisiischen Radinschen Ge- Lankengänge durchaus ablehnen, Belehrung bringen. Vei der Wichtigkeit des Gegenstandes haben wir Herrn Moritz A. L o e b, einen der Führer der deutschen gesetzestrcuen Judenheit, um seine Stellungnahme gebeten, die wir gleichzeitig veröffentlichen« Or. 3. Rabin schreibt: In meinem Vortrag unternahm ich es zuerst, die Situation zu schildern, in der sich das Judentlun in Ost und West bei der Entstehung der zionistischen Bewegung befand. Die Judenheit in den Indern des Ostens, so führte ich aus, lebte in der Mitte von Völkern, deren Kultur nur von einer sehr dünnen Oberschicht getragen war. Die Juden lebten Jahrhunderte hindurch ihr eigenes, abgeschlossenes Leben, ihrer Umgebung fremd, und von dieser als Fremde empfunden. In ihrer Absonderung entsernten sich die Juden des Ostens immer mehr von allen Errungenschaften allgemeiner Kultur. Ihr Gesichtskreis wurde immer enger, und sie verlernten es, aus der Enge ihres schweren Daseins zu einem neuen freien Leben zu streben. Daher, so erklärte ich, konnte der Ruf nach einer Produktivierung der Judenheit, der von den Haskalakreisen au-ging, nur bei wenigen Vertretern der treu-traditionellen jüdischen Massen einen Widerhall finden. Die „E h i b a t - Z i 0 iU' wurde zwar von bedeutenden religiösen Führern des Ostjudentums propagiert und fand and) hier und da in streng religiösen Kreiwn Anklcmg, soweit es sich um eine bloße Unterstützung der in Palästina ansässigen Juden handelte. Sofern aber diese Bestrebungen über den engen Nahmen hinausgingen und von Männern wie Äco Hille wer und Reines die Notwendigkeit aller geistigen imd wirtschaftlichen Umstellung erkannt und die Aufforderung zu einer großzügigen Besiedelung des Heiligen Landes aus ging, versagten die traditionellen Massen die Gefolgschaft. Erngespannt in die „vier Ellen der HalachaF erblicken sie in jeder neuen Gestaltung des Lebens einen Abfall v 0 m I u d e n t u m. Gegen jede fremde Kultur mißtrauisch, einer jeden Neuerung feindselig aegenüberstehend, allen organisatorischen Bindungen abyold, sagten diese Massen der ueucrstandenen zionistischen Bewegung erst recht den Kampf an. Der Zionismus in seiner neuen Herzlichen Gestaltung blieb alss auch im Osten die Domäne der .„fortschrittlichen" Kreife der Judenheit. Entsprechend dem Kreise seiner Träger, wurde der Zionismus im Osten zu Euer rein nationalen B e w e g u n g, aus der alle religiösen Momente entfernt wurden. Tie Gefahr einer solchen Entwicklung wurde von den ersten Trägern der misrachistischen Idee erkannt, und schon ein halbes Jahrzehnt nach Entstehung des politischen Zionismus haben große religiöse Führer des Ostjudentums den Misrachi ins Leben gerufen. „Misrachi" — Merkas- Ruchni — wurde die Losung. Ein Kulturzentrum für große Teile der Judenheit und für das Judentum sollte das Heilige Land wieder werden. Entsprechend der religiösen Lebensallsfassung dieser Führer konnte ein jüdisches Kulturzentrum in Palästina nur auf den Grundlagen der Thora allsgebaut werden. Die Religion, so argumentieren die Gründer des Misrachi, habe dnn jüdischen Leben, dem Leben des jüdischen Volkes, sein eigentliches Gepräge zu verleihen. Ans der Erstarrung des geistigen ilnd aus § der Enge des wirtschaftlichen Lebens sollte'die Erlösung durch Eri Neuerung und Ertüchtigung herbeigcsührt werden. In aller Treue unb in aller Festigkeit des Glaubens an die lebten mesjianischeu Verheißungen schien es dem Misrachi Gebot und Wille der Vorsehung, daß die Judelcheit sich mit e i g e n e r ä r n f t im Vertrauen auf d i e göttliche Hilfe nach dem Schriftwort „Du wirst gesegnet fein in allem deinem Tun" den Weg ins Heilige Land bahnt. Es war nicht 51t verkennen, daß die Träger solcher Ideen nicht nur aus der Beobachtung der wirtschaftlichen Not und des politischen Elends heraus zu ihren Forderungen kamen. Vielmehr lvar es die Erkenntnis, daß fcem Judentum eine Vertiefung und Verinuerlichnng not tue. Es lvar ferner die klare Erkenutliis voirksam, daß bei fester Treue jüdischer Ueberlieseruug uud bei unbedingter Hochachtung cherheiligen Lehre eine wehrhaft jüdische Kultur die Einflüsse a n d e r e r K u l t u r e n n i ch t z u f ü r ch t e n Hab e. Man erkannte, daß der Ausspruch „Ter Schöllheit Jafets in den Zelten Sems eine Stätte zu geben", nicht nur eine Konzession an Forderungen der Zeit darstellt, sondern das Wesell eines voll inhaltlichen Judentums ausmacht. Starkes religiöses Leben verträgt nicht nur, fonberu erfordert sogar eine innere Deil - nahme an allen Ideen der Menschheit und eine Mitnrbeit an allen Bestrebungen menschlicher Kultur und Zivilisation. Auch der Misrachi wurde von vielen orthodoxen Kreiselt im Osten als ketzerisch verschrien; aber die Vorgänge eines Vierteljahrhunderts haben einem großen Teil stiller Förderungen allgelneiue Geltung verschafft. Große Massen der t r a d i t i 0 n s t r e n c n Juden i m O st e n s i n b misra ch i ft t f ch 0 rgauisie r t. Wer auch dort, wo eine Einordnung in den misrachistischen Reihen nicht erfolgt ist, haben ihre Forderungen, soweit sie sich auf den Aufbau Palästinas beziehen, allgemeine Anerkennung gefunden, und auch ihre Anschaungen vom Judentum dringen immer mehr durch. Im Osten gibt es kaum eine»: orthodoxen Juden, sei er organisiert (Ägudah) oder nicht organisiert, wie es große chassidische Massen noch Jirtb, der nicht tätigen Anteil an dem Aufbau Palästinas nähme. Die Liebe zu Zion und die Zugehörigkeit zum „Klal-Jsroel" finden auch in den strengsten orthodoren Greifen der Ostjudenheit in den Formen, die zuerst vom Misrachi gewiesen wurden, ihren Ausdruck. Die Gefahr einer Zersetzung des Judentums droht jetzt im Osten von feiten derer, die aus sozialistischen Lehren heraus den Abfall vom Judentum und dre Entfremdung von einer einheitlichen Judenheit als ihre Lösungen ausgeben. Gegen diese habe sich der gemeinsame Kampf von Orthodoren, Misrachisten und allgemeinen Zionisten zu richten.^ In Palästina habe aber mit besonderer Energie der Kampf gegen das reinnationale Judentum gewisser zionistischer Schichten geführt zu werden. In diesem Kampfe darf der Misrachi nicht allein stehen. Je stärker die Reihen des Misrachi werden, desto aussichtsreicher ist der Kampf in Palästina. Tie Orthodoren des Ostens, denen in weltesten Schichten doch noch das Verständnis für die Ideenwelt des Mcsrachl fehlt, kommen für eine solche Regeuerationsarbeit im Heiligen Lande nur cu geringem Maße in Betracht. Hingegen konnte uns die Orthodorw in den westlichen Ländern, besonders in Deutschland, hervorragende Dienste leisten. Leider aber sind die Wege dieser Orthodorw von denen des Misrachi grundverschieden. Hier versuchte ich, die Nicht u u g e n des Iudentu nt § t n Deut i cg l cmi d zu Anfang der zionistischen Bewegungen zu fchiloern. ^n Deutschlands waren große Teile der Judenheit durch Emanzipation und Reform dem Jlideutum und feinen religiösen Traditionen entfremdet. Der j ü d i s ch e L i b e r a l i s m u s äußerte Nch N jeder Zeit in besonders starkem Maße in Assimilation'und xmdifserentismus. Nur e i 11 c f I c i n e S chicht d e s deutschen Jude n t u m s , die^ allerdings in stetem Erstarken begriffen war, beharrte in voller ^.reue zu den jüdischen religiösen Traditionen ^ie bewahrten einen großen Teil jüdischer kultureller Werte die von ihnen aber in Verkennung des eigentlichen Wesens jüdischer Kultur nur rein religiös ersaßt wurden. Der ticTc Sinn des für linier geschichtliches Dasein so bezeichnenden Ausspruches: „Lehre, Gott und Israel sind eins" ging bei vielen verloren. Ohne d^ie Erkenntnis der Einheit von Lehre und Volk ist aber cm M itwirkenan j ü d i s ch e r G e s ch i ch t e schlechterdings u u m ö g l i ch. Auch bei den Orthodoren Deutschlands wie bei den Liberalen lockerte sich das Band, das^alle Glieder der jüdischen Gemeinschaft umfaßt. Wenn zwar für sie die Vergangenheit ihres Volkes noch eine ganz andere Bedeutung als für die liberalen Juden Deutschlands hatte, so fehlte doch auch ihnen der lebendige Zusammenhang mit früheren Generationen und der starke Zusammenhalt mit den Teilen der jüdischen Gemeinschaft außerhalb Deutschlands. Der Zugehörigkeit zu dem „KlaG war sich auch die Orthodoxie nur in den seltensten Fällen bewußt. Am wenigsten lvar sich die Orthodorie in Deutschland darüber klar, wie groß die Abhängigkeit ihres religiösen Daseins von dem Vorhandensein großer traditionstreuer Massen im Osten lvar. Die Orthodoxen Deutschlands wähnten irrtümlich, daß sie als kleines Häuslein in der Lage wären, den Bestand des Judentums zu gewährleisten. Wenn mm in dieser Verkennung eigentlichen jüdischen Wesens, das nur in. einer großen religiösen Volksgemeinschaft sich offenbaren kann, schon eine große Gefahr enthalten war, so wurde diese Gefahr durch einen weiteren Eharakterzug der deutschen Orthodoxie noch vergrößert. Die Entwicklung eines Jahrhunderts brachte es mit sich, daß die orthodoxen Inden, ivie ihre anderen Brüder in Deutschland, sich die .Kultur des Landes, die Kultur ihrer Umgebung, zu eigen machten. Für den Orthodoxen in Deutschland waren Homer und Goethe mindestens ebenso Exponenten seines kulturellen Bewußtseins, wie die Träger seiner religiösen jüdischen Lehren zu Vorbildern seines religiösen Lebens geworden sind. Woran es aber überall mangelte iind auch jetzt noch fehlt, das ist die wahre Synthese zwischen jüdischer und außerjüdischer Kultur. Aber gerade diese Synthese war es, die dem Judentum zu allen Zeiten, i n s b e s 0 u d e r e a b e r in d e n P e x i 0 b c n s c iues h ö ch st e n G l au z e s . Stärke und Größe verlieh. Bei der Orthodoxie in Deutschland bestand aber eine tiefe Ktust zwischen jüdischer und allgemeiner .Kultur. Es drohte die Gefahr, daß alles, ivas mit jüdischer Religion zusammenhängt, in bloßes Formelwesen, in seelenlose „Gesetzlichkeit" sich auslöst. Es sah fast aus, als ob man es mit einer dem Judentum sonst unbekannten Kirchengemeinschaft zu Um hätte. Aus dieser decrtschen Orthodoxie entstand dem Zionismus, als dem Träger der Idee einer großen Bollsgemeinschast, und spater dem Misrachi, als dem Verkünder einer alljeitigeu Regeneration des Judentums, die schärfste Gegnerschaft. Während des letzten Vierteljahrhunderts hat sich aber die Situation auch im deutschen Judentum geändert. Der Liberalismus der deutschen Inden hat während dieser Zeit die größte Wandlung durchgemacht. Wenn auch die Reihen der deutlcheu Juden-