Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 572 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277603--02368-3537303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
572 hät durch Mischehe und Lause stark gelichtet wurden, wenn der Jndifserentismus auch heute noch das Merkmal weitester greife deutscher Juden bildet, so gibt es doch heute bedeutende Kreise im Liberalismus, die den Drang zu einer positiven Gestaltung jüdischen Lebens verspüren. Die Not der Brüder im Osten hat das jüdische Gewissen auch bei den Liberalen wach gerufen. Zuerst betätigten sie ihren jüdischen Wohltätigkeitssinn, indem sie den notleidenden Brüdern maierielle Hilfe zu bringen suchten. Durch gemeinsame Arbeit erkannten sie' aber auch den Wert der ideellen Bestrebungen der Ostjudenheit. In ihrer eigenen Mitte wandelten sich durch die Wirkung politischer Schicksale in manchen Kreisen die Anschauungen über jüdische Gegenwart und jüdische Zukunft. Stärkeres religiöses Suchen in den eigenen Reihen ries auch Verständnis hervor sür jüdische Sehnsucht außerhalb der eigenen Landesgrenze. Worte tieseren jüdischen Empfindens, wie sie ein Führer des deutschen Liberalismus, Heinrich Stern, fand,^als er über die jüdische Schule, von dem Werte der hebräischen Sprache, wie von der Bedeutung des Palästiuaaufbaues sprach, sind die allerersrculichsten Symptome einer neuen Zeit. Nicht die völlige Uebernahme unserer Anschauungen, wohl aber Verständnis für diese und tätige Mithilfe an unserer Arbeit, wenn die Motive auch andere find, haben wir auch von dieser Seite zu erwarten. Außerordentlich schwierig ist es aber, die deutsche Orthodoxie t gewinnen. Zwar hat auch diese die Notwendigkeit des Anusies an die jüdische Orthodoxie des Ostens erkannt. In dieser r wirkt sie dahin, den Gedanken eines wirklichen „Klal-Jsroel" zu ertöten. Durch die d e u t s ch e O r t h o d o x i e w i r d d a s Gift der Separation in die Reihen der östlichen Orthodoxie getragen, Haß gegen eigene Brüder wird gepredigt und Zerklüftung wird zur ideellen Forderung gemacht. Die deutsche Orthodoxie, die selbst alle Früchte anderer Kulturen genießt, bestärkt die Gesetzestreueu des Ostens in der Abneigung uub in der Feindseligkeit gegen eine jede fremde Kultur. Da in den Reihen dieser deutschen Orthodoxie das Gefühl sür die Vergangenheit verblaßt und die Hoffnung auf eine große jüdische Zukunft in weiten Kreisen fast zum leeren Worte geworden ist, so konnten sich die Führer dieser Orthodoxie nur sehr unwillig und gezwungen den Forderungen der östlichen Orthodoxie fügen und nehmen an dem Aufbau Palästinas nur in sehr geringem Maße teil. Durch ihre Einwirkung wird aber die Arbeit der östlichen Orthodoxie auf diesem Gebiete stark gehemmt und nimmt manchmal Formen au, die den ganzen Ausbau gefährden könnten. Diese Gefahr muß erkannt werden. Die Erkenntnis soll aber den Misrachi n i ch! zum K a rn p f e, sondern zur friedliches! E i n w i r - kung über die Führer der deutschen Orthodoxie hinweg auf die gesetzestreuen Massen im Osten führen. Moritz A. Loeb schreibt: Zu dem Angriss, den Herr Tr. Rabin in vorstehenden Ausführungen in völlig unmotivierter Weise gegen die Orthodoxie richtet, sei folgendes beinerkt: In seiner Darstellung der historischen Entwicklung des Zionismus wirbeln Zeiten, Zonen und Motive bunt durcheinander. In ihr erscheinen die Führer der östlichen Massen als einsiedlerische Stubengelehrte, die von dem Leben der Außenwelt keinen blassen Schimmer haben und hatten. In Wirklichkeit waren Männer wie Rabbi I i z ch a k E l ch a - non Spector. Israel Galanter, der Brisker R a w s. A., um nur einige von ihnen zu nennen, durch die ummterbrocheue Folge von Anfragen, Entscheidungen usw., die aus der täglichen Praxis heraus an sie kamen, mit de m L eben in ft e t c x inniger Ber ü h r u n g. Das gleiche gilt für ihre Nachfolger. Wem Gelegenheit gegeben ist, einen dieser Führer aus dem Osten zu sprechen, der ist immer wieder erstaunt, wie gut diese Männer m den allgemeinen Fragen Bescheid wissen. Wenn dufte Führer dem Zionismus ablehnend gegenüberstanden., so geschah es keineswegs, weil sie „jeder Neuerung feindselig gegeuübertraten" oder „jeder organisatorischen Bindung abhold" waren, sondern aus ganz anderen Gründen. Für diese Männer war und ist Palästina das Land ihrer religiösen Sehnsucht; Zion nicht die Hauptstadt eines „Judenstaates", sondern der Standort des Zentralheiligtums, die Stätte, von der die Lehre ausgeht. Wie hätten sie anders als mißtrauisch aus eine Bewegung schauen sollen, die das jüdische Volk zu vertreten erklärte, die aber in ihren vielfachen Kundgebungen jede Erwähnung des jüdischen Gesetzes unterließ und deren Führer in ihrem Privatleben die Derpflichtungskrast jenes Gesetzes verlcugneten? Es kam hinzu, daß viele der Anhänger ocs Zionismus im Osten diesen als eine Art R e l i g i o n s e r s a tz betrachteten und ihr eigenes religiöses Leben einer entsprechenden Revision unterzogen. Was Herr Dr. Rabin von den dem Misrachi geneigten großen religiösen Führern des Ostens und ihren Zielen spricht, ftimuit mit der historischen Wirklichkeit nicht überein. Es dürste ihm schwer werden, außer Rabbiner Reines s. A. noch einen wirklich Großen zu nennen, der sich neben ihm damals zu den Zielen des Misrachi bekannte. Was Reines selbst anlangt, so erinnert sich Schreiber dieser Zeilen noch sehr genau des Tages, als dieser wirklich bedeutende Mann in Frankfurt a. M. den Versuch machte, für den in der Entstehung begriffenen Misrachi die dortigen gesetzestreuen Kreise zu gewinnen. Es war eine Besprechung im engeren Kreise. Von der Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums war dort keine Rede, um so mehr von der Rettung vor den Pogromen fe 11 d g m öligen zaristischen Rußlands, und voll der Möglichkeit, die Zionistische Gesamtbewegung auf eine religiöse Basis zu-stellen. Rabbiner Reines trat mit aller Wurme bojuv cm, dreien Versuch zu machen; die Mehrzahl der (Sr]djii'iu'iu'tt teilte seine Honnung nickst und verhielt sich ablehnend. Die Bemerkungen, dre Herr Dr. Rabin rm werteren Verlauf seiner Darstellung der deutschen Orthodoxie widmet, sind nichts als eine Kette von Schiesheiten und Jrrtümeru. Wann hat die Orthodorie Deutschlands sich dem Glauben hingegeben, sie könne sür sich "als kleines Häuflein den Bestand des Judentums gewährleisten? Wann hat sie die Verbindung mit dem Osten aufgegeben? War es, als sie im vorigen Jahrhundert Samson Raphael Hirsch aus Nikolsburg (Mähren), E s r i e l Hildesheimer und David Hosfmann aus Ungarn holte, um sie als Führer an ihre Spitze zu stellen? Oder spricht Rabin von der Gegenwart? Tann genügt es wohl, die Namen Breuer, Ehrentreu, Spitzer zu nennen, au die noch eine stattliche Reihe anzuknüpfeu wäre. Wie mit dieser Gefahr der angeblichen Isolierung der Orthodoxie verhält es sich auch mit den anderen, von Rabin geschauten, der mangelnden und mangelhaften Synthese jüdischer und a u ß e r j ü d i s ch e r K u l t u r. Für uns deutsche Juden gesetzestreuer Richtung seien, immer nach Rabin, Homer und Goethe „mindestens ebenso Exponenten unseres kulturellen Bewußtseins", wie uns die „Träger unserer religiösen Lehren zu Vorbildern unseres religiösen Lebens" geworden sind. Und wenn dem so wäre, wäre das — von dem überflüssigen „mindestens" sehe ich ab — ein Unglück? Wenn ich mir den „Faust" zu eigen mache, weil er mir als der gelungenste dichterische Versuch erscheint, das Welträtsel dem Menschen näherzubringen, bin ich damit außerstande, „Koheleth" in seinem Tiessiuu zu würdigen? Aber, meint Herr Tr. Rabin, es fehlt die wahre Synthese. Ich muß eingesteheu, daß ich nicht rocht weiß, was Herr Dr. Rabin unter wahrer Synthese versteht. Meint Herr Rabin denn, daß innerhalb der deutschen Kultur, die sich doch aus tausend Ouelleu entwickelte, eine völlige Ausgeglichenheit vorhanden sei? Man braucht nur au den einen Hauptt'äger der deutschen Kultur, au die deutsche Philosophie zu erinnern, um sich des Widersinns der Rabin scheu Forderung bewußt zu werden. Was und wer hat nicht alles zur Gestaltung unserer Gegcuwartsphilosophie beigetrageu: Kaut, Fichte, Hegel und Schopenhauer; aber auch Spinoza, Descartes und Hume: Thomas a Kempis und Swedenborg haben ihre Spuren hinterlassen. Für welche der zurzeit herrschenden Richtungen muß man sich enticheideu, um des Prädikates der „wahren" Synthese'teilhaftig zu werden? Noch eine^audere Frage wirft sich auf: Wenn schon die Orthodorie dieser wahren Synthese nicht teilhaftig zu werden vermag, warum wird diele Fähigkeit plötzlich erlangt, wenn ihre Anhänger sich zum Eintritt in die'Föderation des Misrachi bereitsindeu lassen und ihren Obulus an die zionistische Parteikasse entrichten? Sollte es nicht richtiger sein, an- G e p r ä g e t r a g e n , s 0 l i e g t k c i n A n l a ß zu r K l a g e v 0 r. Den schwersten Vorwurf hat sich Rabin bis zum Schluß aufbewahrt. Die deutsche Orthodorie sei es, die das Gift der Separation in die Massen des Ostens trage. Hier macht sich Rabin einer Verallgemeiner .. f. und Svndergemcinden in Deutschland, nur von einem n u m c r t ] ch kleinen Häuflein gehegt und gepflegt wird, während die überwältigende Mehrheit der g e s c tz e s t r e u e n Juden mlhode Herr Rabin ist ans salscljor Fährte, wenn er sür die vielfach vergeblichen Versuche des Misrachi, unter den Blassen des Ostens Anhänger zu werben, die deutsche Orthodoxie verautioortlich macht. Die Gründe liegen ganz woanders, und sie dürfen m. E. das Interesse weiterer Kreise beanspruchen. Der Misrachi nennt sich „eine Vereinigung von Zionisten, die die Verwirklichung des Baseler Programms aus der Grundlage und im Sinne des traditionellen Gesetzes erstreben". Er will also der unnatürlichen Trennung von Judentum und Inden- 'heit. die dem Zionismus zugrunde'liegt, entgegenarbeiten. Darf man fragen, was der Misrachi in 15 oder 20 Jahren seines Bestehens getan hat, um dieses hohe Ziel zu erreichen? Gewiß, er hat sich in seinen'Verjammtungen und Veranstaltungen stets zu jenem Grundsatz bekannt, der die Basis seiner Erislenz bildet, aber immer, wenn es daraus ankam. innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation für diesen Grundsatz einzutreten, ist der Misrachi mutig zurückgewichen. Das war der Falk, als der Baseler Kongreß jene berühmte K n l t u r r e s 0! u t i 0 n beschloß. von der der Führer des Misrachi vorher feierlich erklärt hatte, daß sie nicht ertragbar sei: cs war das der gleiche Fall, als es sich um die Leitung des U n t e r r i ch t s w c s e n s in Palästina handelte. Man braucht nur einen Blick in die misrachistischen Blätter zu werfen, um zu sehen, daß es dem Misrachi l e i de r nicht gelungen ist, dem G e s a m t z i 0 u i 8 m u s die fehlende religiöse Basis zu verschaffen. Hallen doch die Blätter des Misrachi ständig wider von den Klagen über mangelnde Parität seitens der zionistisck)en Führung bei Verteilung der Unterstützung an Schulen. Ghaluzim usw.: sogar bei Zuteilung der Einwandernngszertifikate soll sich dieke Znrücksetmng zeigen. Einen lehrreichen Einblick in die Wertschätzung, die man seitens der ' zionistischen Führung dem Misrachi entgegen'b ringt. gelvährt ein Aus-