Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-08-21 · 34 (21.8.1925) · p. Seite 570

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
34 (21.8.1925)
Date
1925-08-21
Page
Seite 570 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277603--02366-3537301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

570 Rassenhaß zu hegen und zu pflegen. Es ist nichts weniger, als ein Rückfall in die Vielgötterei und in die S t o fs - u nd N a t u r v e r e h r u n g. Genus; werden wir Zuneigung und Abneigung den Angehörigen der verschiedenen Rassen entgegenbringen. Wir dürfen diese Gefühle aber nicht christlich verbrämen, sondern müssen sie christlich zügeln. Das Christentum hat in seiner Mission nicht nur die einzelnen Völker ersaht und zum Teil durchdrungen, sondern es ist auch als die einzige unter allen Religionen über die Grenzen der Raffen hinausgeschritten. Es gibt weiße und gelbe und rote und schwarze Christen. Immer hat es sich als die menschheitliche Religion dadurch bewiesen, daß es Antwort und Lösung auf tiefste menschliche Fragen und Nöte bot: Sünde und Schuld, Not und Tod. Rätsel des Lebens und der Welt. Immer hat es sein gleiches Erbgut in anderen Formen gestaltet, um das Göttliche den Menschen in ihrer Weise zugänglich und vertraut zu machen. Das Christentum aus einer Raffe hervorgegangen, hat die Raffe überwunden und geht in alte Raffen ein. Rabbiner Or. Eschetbacher (Düsseldorf) schreibt: Raffe ist eine mächtige Triebkraft in der menschlichen Geschichte. Das Band des Blickes verknüpft Väter und Söhne durch die Jahrtausende zu einer Einheit und hebt aus der ganzen Erde dw gleichzeitig lebende Generation der Enkel aus allen übrigen menschlichen Gruppen Heralls. Körperlich, geistig, seelisch bilden die durch die Kette der Zeugung miteinander Verknüpften eine Einheit, eine von der Natur selbst gerufene und erhaltene Schöpfung. Aber Rasse ist nicht nur ein Faktum. Lie ist Zllgleich ein geheimnisvolle § R ä L s e l und ein quälendes Problem. Wipenschaften bemühen sich, es^ aufzuhellen, Anthropologie, Ethnographie, Sprachwissenschaft und Geschichte haben manche Frage geklärt, andere aber liegen im Dunkeln und werden wohl ewig dort bleiben. Im Bewußtsein unserer Gegemvart wirkt die Idee der Rage als ein Element der Revolution, als ein Protest gegen die geheiligte Verkündigung von der Gleichheit aller Menschen, als eine drohende Frage an alles, was die Religion bis seht verkündet hat. Und bannt wird sie selbst zu einem Problem der religiösen Weltanschauung. In ihrer modernen Erscheinung ist sie ein Kind des 19. Jahrhunderts und den alten Luellen des Judentums in dieser Gestalt nicht bekannt. Und dennoch gestatten uns die ewigen Verkündigungen unserer Religion eine klare und gerechte Stellungnahme auch zu der Raffe und ihren Rätseln. Der Talmud spricht in einem Bilde eine große Erkenntnis vom Wesen der geschichtlichen Welt aus. Ein Müuzmeister' drückt jedem Stück den gleichen Stempel aus, und keine Münze. kann dann von der anderen unterschieden werden. Auch Gott prägt jedem Menfchenantlitz seinen Stempel aus, und dennoch ist keines dem anderen gleich. Gleichheit finden wir nur in der Technik, nichts in der Natur, und am wenigsten in der menschlichen Natur und der Geschichte. Hier ist alles Individualität, und Persönlichkeit ist der Eharakterzug des einzelnen Menschen und aller menschlichen Verbände, der Völker, die vom geschichtlichen Verlaufe, wie der Familien, der Stäuuue, der Raffen, die von der Natur selbst als Einheit geschaffen wurden. Wir bleiben auf dem Doden der siidischen Religion/wenn wir diesen Reichtum an Individualität bei allem Lebende;' anerkennen, mithin auch die leiblichen, die geistigen, die seelischen Verschiedenheiten der Raffen. ' Diese große Verschiedenheit der Menschengruppen beruht auf der Zeugung, der Geburt, der Abstammung. Und der ganze Sinn der jüdischen Religion acht darauf hinaus, Vermischungen zu verhüten, oie Reinheit der Abstammung zu schuhen. Das ist nicht im vollen Maße gelungen, und auch der jüdische S t a m m i st aus sehr vielen Quellen zusammen geflossen. Dennoch ist die Abwehr dagegen und die reine Erhaltung der eigenen Art dem Judentum ein hohes Anliegen seit jenem Tage, da unser Stammvater Abraham seinen treuen Knecht beries: „Ich beschwöre dich bei dem Ewigen, dem Gotte des Himmels und dem Gotte der Erde, daß du für meinen Sohn kein Weib nehmest ans den Töchtern des Kananiters, m dessen Mitte ich wohne. Sondern nach meinem Lande und nach meiner Heimat sollst du gehen und ein Weib für meinen Sohn, für Jizchak, holen." ' Aber mit dem Bewußtsein der leiblichen und geistigen Eigenart, der Sonderart der Väter und der Brüder, mit denen wir veröunden (ind, kann sich naturgemäß leicht die Geringschätzigkeit und Verachtung remder ererbter Art verbinden. Die Unterscheidung von Edelrasse und geringer Nasse ist deshalb den modernen Nasse'theorien samt und sonders eigen, und infolgedessen ein frevelhafter H o ch m u t der Kinder der angeblich erwählten Edelrasse. Hier ist der Punkt, an dem unsere jüdische Religion im entfch reden st en Gegeniah zu allen modernen Rassele h r e n steht. Wir haben immer unsere eigene Art als unser gottgewolltes Schicksal heilig gehalten, aber wir haben auch die fremde Art immer als das gottgewollte Schicksal der anderen geehrt. Das hat früher schon der Prophet Micha ausgesprochen: „Alle Völker sollen gehen, jedes im Namen seines Gottes, wir aber wollen im Namen unseres Gottes gehen immer und ewig." Diesen Standpunkt hat das biblische wie das tal- «indische Judentum imme; jestgehalten, und sein schönster Ausdruck ist das Wort unserer Weisen: „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der künftigen Welt." Es gibt viele Völker, und sie sind tief voneinander geschieden, aber ein jedes hat seine Frommen, und sic alle werden Gott schauen. In diesem Glauben an eine ewige W c l t, die allen Völkern offen steht, äußert sich der m e s s i a n i s ch e G l a u b e d e s I u d e ntums. Es ist ein Gott und darum wird eine Menschheit sein. Unser Glaube an die Geschichte hängt enge zusamrnen mit unserem Glauben an Gott. Tie eine Menschheit ist in der geschichtlichen Wirklichkeit nicht vorhanden, aber Gott lenkt die Geschichte zu ihr hin. Dieser Gedanke wird in vielen unserer Gebete ausgesprochen, am schönsten vielleicht in dem Olenu-Gebet. Die Verkündigung des Propheten Sacharjah krönt seinen Schluß: „Der Ewige wird König sein über die ganze Erde. An jenen: Tage )vird der Einige einzig sein und sein Name einzig." Dies ist lein Bild irgendeiner geschichtlichen Gegemvart, denn hier waren und sind die Menschen immer zerklüftet in Völker und Nagen. Wohl aber ist es eine Hoffnung der Zukunft. Die eine Menschheit ist nicht, aber sie wird sein. Tie Verheißung des Propheten ist das letzte Wort unseres täglichen Gottesdienstes. Sonnt ist sie an die hervorragendste Stelle gehoben, vor anderen Offenbarungen der Heiligen Schrift ausgezeichnet und einem jeden Juden bekannt. Sie faßt alles zusammen, was wir zu dem großen und lief beunruhigenden Problem der Rasse vom Standpunkte der jüdischen Religion sagen können. Unleugbar, mehr noch, überwältigend, ist die Verschiedenheit in der Menschheit. Nirgends Gleichheit, überall Charakter, Individualität und Trennung, und keine der kleinen und großen Gruppen, in die sie zerfällt, ist wie die andere. Aber über dieser zerrissenen Weltgeschichte waltet der ewige, einzige Gott, und alles, was sich jetzt feindlich gegenüberstcht, wird feinen Frieden finden in der Einheit des Gottesreiches. Schluß der ersten Nummer über die „Rassenfrage''. ÖHen m Erregung. Vor dem XIV. Z i o n i st e n k o n g r e ß. Auch die deutsche Presse hat von den Wogen der Erregung und Beunruhigung berichtet, die Wien kurz vor der Eröffnung des XIV. Z i o n i st e n k o n g r c s s e s durchlaufen. Warum die Ausregung einen so gefährlichen Grad angenommen hat, ist nicht klar. Tenn die Wiener Völkischen und ihre Freunde glauben doch wohl im Ernste selbst nicht, daß der Zionistenkongreß, wie sie aus ihren Plakaten schreiben, „eine Verdrängung des deutschen Volkes" bedecke. Tie Beunruhigung der Wiener Bevölkerung wurde, wie es heißt, von der zionistischen Leitung in London so schwer genonnnen, daß sie den Kongreß schon absagen wollte. Tie österreichische Negierung aber fürchtete nicht mit Unrecht, daß ein solcher Schritt Wien in den Ruf ausgesprochener „Fremdenseindlichkeit" bringen würde. Dagegen hat sie schließlich wohl oder übel für Montag eine große völkische Veranstaltung als „Deutschen Tag" boloilligen müssen. Hoffen wir, daß dadurch keinem Bürger Wiens oder einem Auswärtigen Schaden an Leib und Leven verursacht wird. Tie Wiener Presse nimmt zum Kongreß, veranlaßt besonders durch das nervenpeitschende Vorspiel, Stellung. In der christlich-sozialen „R e i ch s p o st", deren wenig judengerechter Charakter bekannt ist. vom 15. August findet sich ein bemerkenswerter Anssatz darüber, der anscheinend die Stimmung beachtlicher maßgebender Kreise wiedergibt. Der Anssah verspricht sich keinerlei Lösung der Judenfrage von dem Ausbau Palästinas, dessen Schwierigkeiten außerordentliche seien. Er jürchtct für die heiligen Stätten der Christenheit und glaubt, das.Höchstziel der zionistischen Bewegung sei die „Schaffung eines betonten jüdischen Rationalbewußtseins, einer international jüdischgesinnten Machtorganisation". Dafür sei die Schaffung einer jüdischen Heimstätte nur Fassade. Zum Schluß heißt es: Nicht der Zionismus sei der Feind, der immer mit offenem Visier kämpse, sondern das Judentum, das sein Volkstum verleugne, keinen Gott, keine Nation, lein Vaterland kenne. Daß es in Oesterreich und in Deutschland ein Judentum gibt, das sich aus kultureller und sprachlicher Verbundenheit, aus herzenstiefen Empfindungen letzter Aufrichtigkeit zum österreichischen oder zum deutschen Volke stolz zahlt und nicht zu einem, national jüdischen Volke, daß dieses Judentum seine Religion hochhalt und gemeinsam mit den christlichen Volksgenossen dem österreichischen, dem deutschen Vaterlande still und treu zu dienen sich müht, ist dem Versaffer des Aussatzes fremd, sonst würde auch sein Einteilungsgrundsatz in die Brüche gehen. Und dieses Judentum hat weit, weit die Mehrheit, was geflissentlich übersehen, dank auch übereifriger nationaljüdischer Propaganda von Christen oft verkannt wird. Das demokratische „Reue Wiener Tageblatt" schreibt (15. August): „. . . Der Zionistenkongreß ist für Oesterreich und unsere innere Politik nur darum zu einer „Frage" geworden, weil man von ihm so viel sprich t." Das heißt den Nagel aus den Kops treffen. Seine Bedeutung scheint uns aber nicht nur nach dieser Seite hin,, sondern nach jede i 'Richtung hin ü b c r s ch ä tz t zu werden^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.