Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 567 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Endlich ist noch der populären Schrift von Felix v. L n s ch a n : „Völker, Nassen, Sprachen" zu gedenken, erschienen Berlin 1922. In dieser Schrift spricht der inzwischen verstorbene berühmte Anthropologe der Berliner Universität an zwei Stellen von Juden, und zwar behandelt er auf Seite 70 die sephardischen Juden und die aschkenasischen Juden in ihrem gegenseitigen Verhältnis und besonders in ihrem Zusammenwohnen im Orient. Die anderen vorderasiatischen Juden werden nur gestreift. Eingehend wird mir Seite 165 ff. die sogenannte jüdische Nasse besprochen. In seinen Ausführungen tzntsernt sich L u s ch a n weit von seinen früheren Anschauungen und nähert sich denen des schon genannten New Yorker Arztes Dr. Fi sh b erg. In einem Vortrag in der Berliner anthropologischen Gesellschaft hat er übrigens kurz vor seinem Tode nochmals mündlich betont, daß er es heute nicht mehr für möglich halte, die Entstehung und Zusammensetzung der jüdischen Rasse in so. einfacher Weise zu lösen, wie er es in seinen jüngeren Jahren verjucht habe. Auch der Schreiber dieser Zeilen wird demnächst ein Buch: „Zur Stammeskunde der Juden" bei der Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig erscheinen lassen, worin in zwei Kapiteln auch von der Rasse der alten Juden und den heutigen Juden als Raffe die Rede sein wird. Das Buch wird wohl im Herbst dieses Jahres fertig vorliegen. Man ersieht aus den vorstehenden Ausführungen und den in Auswahl angeführten Werken jüngeren Datums — ältere .Schriften wie Andree: „Zur Volkskunde der Inden" oder In dt: ,,Die Inden als Raffe" sowie zahlreiche andere sind hier übergangen worden —, daß das Problem der „jüdischen Rasse" ein äußerst verwickeltes ist und vielfach nach persönlicher. Voreingenommenheit beurteilt wird. Tie Ausführungen in den folgenden Aussätzen werden den Leser hoffentlich instand setzen, sich ein von diesem Nachteil nicht berührte? Urteil über die schwierige Frage zu bilden, soweit dies für einen allgemein Gebildeten ohne besondere anthropologische Fachkemünipe möglich ist. Wenn die vorstehenden Ausführungen dazu Helsen, so haben sie ihren Zweck vollauf erfüllt. Dr. Sigmund c:i\t+ Euschcms wrgsttschsMchZs vsrmächtms. Felix v. Lu sch an, der große Anthropologe der Berliner llnioer- S-f f'V/'if f ~ AV.Atl.-i Mir.M.nn »X CI fC 4- - fV - -I l schasniches 5)cnn ä chtni 3 bezeichnen kann; sie lauten: 1. Die gesamte Menschheit besieht nur aus einer einzigen Spezies: Homo sapiens. 2. G3 gibt leine „wilden" Völker, cs gibt nur Völler mit einer anderen Kultur als die unsere: aber cs gibt einzelne „weiße Wilde", rohe, ungebildete und an Tropenkoller leiernde Europäer, die sich keine Mühe geben, die Eingeborenen kennenzulernen, unter ihnen wie Wilde hausen und sie in der denkbar grausamsten Weise mißhandeln und alisbeuten. 3. Die trennenden Eigenschaften der sogenannten „Rasten" sind im wesentlichen durch klimatische, soziale und andere Faktoren der Um- Welt entstanden. 4. Es gibt keine an sich minderwertigen Rasten. 5. Es gibt in jeder Rasse einzelne minderwertige Individuen. 6. Die meisten Rassen sind der Umwelt in vollendeter Weise angepaßt. 7. Eine in ihren körperlichen Eigenschaften einheitliche menschliche Eruppe hatte ursprünglich auch eine einheitliche Sprache. Im Lause der Zeit ist aber durch Wanderungen, durch Vöikcrverschiebungen aller Art, durch mehr oder weniger friedliche oder gewaltsame Durchdringung, durch Handel und Verkehr das ursprüngliche Verhältnis fast überall verschwunden, so daß jetzt eine Deckung von Raste und .Sprache nur in ganz seltenen Ausnahmesälleu besteht. 8. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen ist, besonders was die moralischen Eigenschaften und die Intelligenz cmgeht, nicht entfernt so groß als der zwischen einzelnen Individuen ein und derselben Nasse. V. Mischlinge sind (genau wie etwa die unehelichen Kinder) niemals a priori minderwertig; sie werden es nur, wenn ihre Eltern individuell minderwertig sind. . 10. Die menschliche Gesellschaft hätte cs in der Hand, sich von minderwertigen, d. h. asozialen oder antisozialen Elementen dauernd Au schützen und zugleich ihre Anzahl wesentlich herabzusetzen." wie entstehen verschiedene Rasten? Bon Dr. jur. et mcd. v. Behv- Pinnow. Wir geben der folgenden Hypothese, die auf unsere Bitte geschrieben ist, Uber den Ursprung der Rassenverschiedenheitcn hier §crn Raum, möchten aber nicht unterlassen, darauf hinzuroeisen, dag diese Erörterungen die anthropologische Stellung der Juden nicht berührt, weil die Juden aus denselben anthropologischen Srundclementen zusammengesetzt sind wie die übrigen Europäer. $ if S ch r i f t l e i t u ir g. Die Beantwortung dieser Frage setzt eine Klärung des Begriffes Rasse voraus. Eine solche ist um so notwendiger, als die Rastenknnde letzthin lernte, für ihre Forschungen ganz neue Wege ein,Zuschlägen, über die die Allgemeinheit bisher nur sehr spärlich unterrichtet ist. Die Kenntnis von den vorgeschichtlichen Formen _ des Menschengeschlechts ist noch jung, und noch jünger der biologische Einschlag in Völkerkunde und -beschreibung. das anthropobiographische Verfahren. Dein berühmten Forscher B i r ch o w konnte noch der^Jrrtum Passieren, ein ausgefundenes Schädeldach der jetzt nach dem Fundorte Neanderthal benannten Prähistorischen Nasse für ein solches Zeines gichtischen Individuums der Jetztzeit anzusehen, und der angesehene Forscher Cuvier behauptete gegenüber den belgischen Funden des Dr. S ch m e r l i n g aus der paläolithischen Zeit, daß cs leine sossilen Menschen gäbe. Man stelle demgegenüber den Fund des Homo Mouslericnsis Ilauseri-Klaatsch aus dem Acheuläcn, dem sein Entdecker Hauser ein Alter von 140 000 Jahren zumißt. Aber selbst dieser und viele andere fossilen Funde, deren ältester der in Mauer bei Heidelberg ansgegrabene ^chädelteil ist, haben noch keine Feststellung der E n t st e h u n g der m e n s ch l i ch e n N a s s e oder Nassen gebracht, es sei denn, daß die Hypothese einer Abstammung der menschlichen Formen (Hominiden) von den sogenannten Menschennffcn (Anthropoiden) abgetan ist und statt dessen eine gemeinsame Wurzel für die Entstehung beider gesucht wird. Uebrigeus zeigen sich schon unter den fossilen Menscheustmdcn so große Unterschiede, daß die Paläontologen von verschiedenen Rasten sprechen, von der Neanderthal-, der Ero-Magnon- und vielen anderen. Hauser spricht, freilich unter starker "Anfechtung. voll einem gorilloiden, schnnpanfoiden und orangoiden Typ. Ungeklärt ist auch die örtliche Eni st e h u n g der M e n s ch - heit. Daß sie ehemals auf den Bäumen lebte und'bei Entstehung der Steppe und ihrer llebersiedelnng in diese sich der jetzigen Form genähert hat, wird wohl allgenaein angenommen. Aber wo ans der Erde vollzog sich dieser Vorgang? Lu sch an nimm! ihn in einer Linie zwischen dem heutigen Spanien und Australien an. Sind die Meuchen aber an einer Stelle entstanden, wie die Monogemsten annehmen, die sich mit einem „Urahn" begnügen, oder an mehreren Stellen, wie die Polngeniften mutmaßen? Hätten letztere recht, dann dürfte gegen die Annahme verschiedener Mem'chcnrafsen wohl gewiß nichts einznwenden sein. Auf dem in der Wistenfchaft überwiegend eingenommenen monogenistischen Standpunkte steht auch der irn vorstehenden erwähnte. hochangesehene Ethnologe Felix v. Lu sch an, der in dem kurz vor seinem Tode herausgegebenen populär-wissenschaftlichen Buche „Böller, Rasselt, Sprachen" an dessen Schlüsse in einigen Leitsätzen seinen Standpunkt zur Frage der Ranenverschiedenheit darlegt. Er nimmt nur eine Spezies des ..Homo sapiens*' an. lehnt das Vorhandensein von „wilden Völkern" ab und erklärt die trennenden Eigenschaften der sogenannten Rassen als im wesentlichen durch klimatische, soziale und andere Faktoren der Ilutwelt entstanden. Das Vorhandensein von a u s i ch in i n d e r - wertigen Rassen leugnet er. Dort Unterschied der Rassen, besonders in bezug ans moralische Eigenschaften lind Intelligenz, hält er für nicht entfernt so groß wie zwischen den Individuen ein und derselben Rasse. Er will auch Mischlinge, ebenso wie die unehelichen Kinder, niemals a priori für minderwertig halten: sie würden es nur. wenn ihre Eitern minderwertig seien. Ich möchte mir erlauben, dort Standpunkt zu vertreten, daß m an a u ch von der A u s f a s s u n g e i n h c i t l i ch e n U r - s p r u n g s ans sehr w o h l die (i n t st e h n n g verschiedener m e n s ch l i ch er Ra s s e n Verse ch t cn k a n n. Selbstverständlich muß man dabei auf die alten Schulbegrisse von Rasse und Rassceintcilnng Verzichtern Daß staatliche 'Abgrenzungen und Religionsbetenntuiffe mit Rasseneintcilnng nichts zu tun haben, i st s e l b si v e r st n n d l i ch; weniger klar ist den meisten schon, daß die Begriffe „Volk" und „Rasse" grundverschieden sind. Das deutsche, russische, französische Volk sind keine Raffen, sondern geschichtliche Gebilde mit g e m c i n [ a m e n , d i e einzelnen verbindenden K n l t u r s o r m e n. In ihnen sind verschiedene Raffen enthalten. Man kann sogar von verschiedenen europäischen Völkern, zum Beispiel von dem deutschen, schweizerischen, französischen, belgischen, sagen, daß sie ans denselben Rassen zusammengesetzt sind, nur in verschiedenen Mischungen, wobei es sich im wesentlichen um die nordische, mediterrane, alpine und dinarische Raste, als verschieden stark beteiligte Komponenten, handelt. Endlich kann man mit Hilfe der S P r a ch e allein keine Nassen voneinander abgrenzcn. Es gibt aber immer noch Leute, die zum Beispiel alle diejenigen, die indogermanische Sprachen haben, in eine „arische" Raste zusammenfasten wollen, die nie existiert hat! Aus den menschlichen Wanderungen misten wir auch, daß der erobernde und sich festsetzende Teil manchmal allmählich verschwand, ausgelesen wurde, daß sich aber seine Sprache in verschiedenem, unter Umständen dominierendem Maße in dem besiegten erhielt und entsprechend dessen Sprache verdrängte. Aus deck anderen Seite dürfen wir die h e r v o r r ag c uhc Bedeutun g b c r vergleichenden Sprachwissenschaft für die Rasscbestimmung nicht vergessen.