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Central-Verein-Zeitung · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · p. Seite 552

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
Seite 552 (sequence 7)
Language
German
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552 parästinakolonisation / GstjuöenhUft. Von Dr. Paul Nathan. Es gibt bei uns Juden einen eingewurzelten Irrtum, der verhängnisvolle Folgen zeitigen könnte. Die Ansicht ist verbreitet, daß durch eine jüdische Kolonisation Palästinas die Ostjudenfrage ihre Lösung finden wird. Diese Ansicht ist falsch, ist bodenlos saljch, und diese Behauptung, die ich ausstelle, ist nicht eine einseitige Parieiansicht, die damit dem Irrtum unterworfen fciit^ könnte, sondern sie ist begründet in nackten, zahlenmäßigen Tatsachen, ^ie seststehen, und die jeder Parteivoreingenonunenheit entzückt sind. Die nackte Tatsache, um die es sich handelt, ist die folgende; .ich habe aus sie schon oft hiugcwiesen: Palästina ist ein Land von winziger Kleinheit. Man muß sich einprägen und immer wieder cinprägen, daß man vom Russenturm in Jerusalem auf der einen Leite das Meer erblickt und auf der anderen Leite die transjordanischen Berge, die arabische Wüste. Und wenn man ans dem Berge Tabor steht, der auch nur ein etwas ausgewachsener Hügel ist, ein Berglein, wie es im lieblichen Thüringerland viele gibt, so überschaut man auch die schmale Landzunge, die sich zwischen Meer und Wüste hinstreckt und Palästina heißt. Ein kleines Volk hat als Bauern auf diesem engen Gebiet gewohnt, das keine natürlichen, guten Häfen hat, das von der Natur nicht besonders gesegnet ist trotz der verschönenden Worte der Bibel, und dessen große, welthistorische Bedeutung darin liegt, daß es die Landbrücke, die einzige Drücke zwischen Aegypten einerseits und Syrien und Kleinasien und den Euphrat- und Tigrisländern anderseits war; daß die Kultur der Zeit über diese schmale Brücke von den Zentren des damaligen Weltgeschehens herüber und hinüber strömte, damit' geistig das kleine Bauernland aus das reichste befruchtend, seine politische Selbständigkeit freilich immer wieder erschütternd und vernichtend, und seine intellektuelle, seine innere Entwicklung zu den Höhen einer Weltreligion emporführend; ein Land ohne günstige, n a t ü rliche Häfen, ohne besonderen, natürlichen Reichtum, doch die Geburt s st ä t t e des Judentums wie des C h r i ft e n t u m s, jener Anstöße, von so gewaltiger, fortwirkender Kraft bis auf den heutigen Tag, daß sie aus der Entwicklung des Menschengeschlechts unmöglich fortzcrdenkcn sind. Die gesamte Bibel hat die Juden, die über die Welt verstreut wurden, und die Christen unter allen Breitengraden, immer an Palästina erinnert; aus Palästina wurde das Land der religiösen Sehnsucht für Juden wie Christen, und die jüdischen Zionisten sind späte Nachfahren der christlichen Kreuzfahrer des Mittelalters, denen auch Jerusalem, die Hochgebaute, als herrlichste Stadt der Welt erschien. Wenn alle Teile der Bibel einen Hymnus auf Palästina anstinunen, dann ist es nicht wunderbar, daß die Sehnsucht von Millionen und Millionen für dieses Land erglühte und erglüht. Diese Stimmungen., die die Jahrhunderte überdauert haben, mußten auch die Segel des modernen Zionismus schwellen. Wo das Leben für die Juden außerhalb Palästinas unerträglich war, wo sie blutig verfolgt, wo sie geistig malträtiert und wirtschaftlich verelendet wurden, dort vor allem blühte die Sehnsucht nach Palästina auf, und so begann die jüdische Neubesiedlung dieses Landes, so daß heute etwa 110 000 Juden dort wieder leben, vielleicht etwas mehr, voraussichtlich etwas weniger. Ist das ein Unglück, oder auch nur ein Mißgriff? Da ich für die Entwicklung Palästinas mit meinen Freunden vom „Hilssverein der Deutschen Juden" nicht gerade wenig getan habe, da wir dort vom Kindergarten bis zum jüdischen Lehrerseminar und bis zmn Polytechnikum ein ganzes, wohtgegliedertes Schulsystem ' ausgebant haben, so stände gerade mir eine solche Behauptung schlecht an: ich müßte dann durch ein paar Jahrzehnte angestrengter Tätigkeit m^ meinem Leben einen vernichtenden Strich'zu machen bereit sein. Dazu liegt keine Veranlassung vor. so _ unentbehrlich Enthusia s m u s für die Löjllng weitausschauender Aufgaben ist, so absolut notwendig rst ern kühler Tat fache nf in n, der chieht, was ist" und ferner vorausschaut, was möglich sein könnte. Nun ist es erreichbar, daß die Zahl der jüdischen Einwanderer nach Palästina noch erheblich in entsprechenden Zeuabständen gesteigert werden kann. Aber unmöglich ist es,?urch die Kolonisation von Palästina die O sti u d e n fr a g e zu einer Lösung zu bringen ist. Es Ist ausgeschlossen, daß die heute m einer Reihe von Ländern zerrissenen Ostjuden zum überwiegenden Teil in Palästina eine neue wirtschaftliche Existenz finden könnten, oder daß etwa das Ideal der Zionisten in der u r f p r ü n glichen Gestalt seiner Verwirklichung entgegengehen wird. Palästina, das heute in der Hand Englands ist,, macht soeben eine neue politische Evolution durch. Der jüdische Gouverneur des Landes tritt ab, und ein christlicher^ Gouverneur ist von England eingesetzt worden. Das braucht ganz gewiß nicht zu bedeuten/daß damit eine antijüdische Politik im Laude eingeleitet werden soll; aber daß gerade dieser christliche Gouverneur berufen wäre, stärker die jüdischen Tendenzen englischer Politik in Palästina hervorzulehren, ist schwer zu denken. Er wird englische 28 e l t p o l i t i k zu machen haben, eine kluge, verständige, vorurteilslose Politik, die in einem Lande, das Christen, Mohammedaner, Juden besiedeln, den Ausgleich' zwischen den Bewohnern, nicht die Bevorzugung einer e i n z e l u e n B e v ö l k e r u n g s s ch i ch t anstrebt.' Nur solches Programm entspricht englischer erfolgreicher Kolonialpolitik rund um den Erdball. Damit bleibt immerhin bestehen, daß Palästina für die Juden ein Land ist, in den: sie als Gleiche unter Gleichen leben können, wie in Australien, wie in Kanada, wie in Südafrika, um kurz zu sein, wie in irgendeinem Laude moderner, zivilisierter Negierungsgewalt; und das ist gewiß nicht wenig, wenngleich es von den: u r f p r ü n g l i ch e n zionistischen Ideal sehr weit abliegt.; Also nach der räumlichen Fassungskraft des Landes und die ist nicht sehr erheblich — und nach den wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten — und die sind nicht sehr umfassend wird Palästina auch in Zukunft aufnahmefähig für jene östlichen Juden bleiben, die aus idealistischen oder ans idiologischen Gründen im alten Heiligen Lande sich niederlassen wollen. Das ist ausführbar für eine erhebliche, nicht allzu große Anzahl, aber nicht für die vielen Millionen Juden des Ostens. i- . , Tie zaristische Gesetzgebung hat diese Millionen in Litauen, in. Polen, in den Ostgebieten des heutigen Sowjetrußland menschenunwürdig, ohne Luft und Licht und ohne wirtschaftlichen Raum zur Betätigung zusannnengedrängt. Diese ungesunde, verderbliche Zusammenballung besteht noch heute, und da die Abwanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika zurzeit durch die beschränkende Ouotengesetzgebung, die sich gegen alle Einwanderer richtet, nicht nur gegen die Juden, kaum Hilfe schasst, so muß zur Rettung dieser Millionen auf anders geartete Abhilfe Bedacht genommen werden. ..r- Wie diese Hilfe beschaffen sein muß, darauf habe ich in der Oeffentlichkeit bereits wiederholt hingewiesen. Eine Abhilfe großen Stils liegt heute nur in einer östlichen Binnenwanderung dieser Juden. Das Sowjetreich ist groß, ist dünn bevölkert, und riesige Gebiete können noch riesige Massen im Osten, bis an den Ural, bis an den Kaukasus und darüber hinaus, bis nach Jnnerasieno und bis an den Stillen Ozean aufnehmen, und diese zum Teil sehr reichen, diese vielversprechende:! Gebiete können den Ostjuden eine neue Heimat gewähren. Diese Binnenwanderung organisieren zu helfen und ihr stützend zur Seite zu stehen,' das wäre eine gewaltige, jüdische Menschenm a s s e n r e t t e nd e Aufgabe des Westen s. ' Daß diese Aufgabe nur in U e b e r e i n st i m m u n g mit der Sowjetrepublik und nur unter A u s s ch a l hu n g alter und jeder politischen Nebenabsichten eingeleitet und gelöst werden kann, ist für jeden politisch' Denkenden selbstverständlich, sott sie nicht bei den ersten. Schritten steckenbleiben und statt Glück und Aufschwung finsterstes Unglück für die östlichen Juden horausbeschwören. Diesen Gedanken verfolge ich jetzt seit Jahren. Ihn in die Wirklichkeit zu übertragen, ist nicht leicht. Das verarmte Deutschland, die gleichfalls verarmten jüdischen Deutschen, bieten nicht mehr die finanziellen Voraussetzungen, für solche großen Unternehmungen. Unter diesen Urnständen ist es ein Glück, daß die anierik a n i s ch e n I u d e n jetzt solche Pläne in Angriff genommen haben. Sie haben einen ersten Schritt getan, um in Südrußlanb Kolonien an'.ulcgeu, in der Krim und parallel der rumänischen Grenze. Das ist bei ihrer Energie und ihrer Umsicht und bei ihrer finanziellen Kraft, und da die leitenden Personen — ein Deutscher und ein eingewanderter Amerikaner von Autorität auf landwirtschaftlichem Gebiet — zweifellos in hohem Grade geeignet finb, außerordentlich vielversprechend.' Diese O stj u d e n h i l fe, die im Augenblick einzig mögliche

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