Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 33 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- Seite 550 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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550 besonders des unermüdlichen SLadtrats Schneider, in der .Stadl erreicht. Bisher sind etwa 1 0O j ü d is ch e O p t a n t e n in Schneidemühl eingetrofsen, Greife und Greisinnen, Familienväter mit Frauen und Bindern jeden Alters, bis hinunter zu dem drei Monate alten Säugling. Tie wohnen, wenn sie nicht selbst genügend Geldmittel habein um sich in der Stadt unterzubringen oder, wenn nicht, wie schon gesagt, Alter und Krankheit besondere Unterbringung erforderlich machen, in dem großen Lager, je nachdem, ob sie früher oder später^/ kommen sind, mehr oder weniger günstig untergebracht. Tie Flugzeughallen sind, wie ja auch schon in den.Tageszeitungen geschildert wurde, durch Bretterwände in einzelne Zimmer abgeteilt, deren jedes eine Familie beherbergt. Hier haben sie ihre notwendigsten Möbel untergebracht, ^Betten, einige Schränke, wenn es „sehr elegant" ist, auch Tisch und Stuhl. Das sind die besten Wohnungen. Tie NeNeingetrosfenen. für die solche freien Zimmer nicht mehr vorhanden sind, wohnen auf Strohsäcken in Holzgestellen. H-' / H ' Für alle attcn und' kränklichen Leute, zu denen unter den jüdischen Optanten eine prozentual auffallend große Zahl gehören, sollen jetzt besondere Baracken ausgestellt werden?. Außerdem wird das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, sie möglichst schnell weiter zu befördern. Daß so viel alte Leute sich gerade unter den Juden befinden, kann man wohl mit auf den bekannten jüdischen Familiensinn zurücksühren. Tie Kinder wollten die alten Leute nicht unversorgt bei den Polen lassen, die alten Leute wollten Kinder und Enkel nicht allein in die Fremde ziehen lassen; so gingen die Alten mit. v Für ihre Unterbringung und Weiterleitung innerhalb Deutschlands gelten natürlich die gleichen Grundsätze wie für die arideren Optanten. Ter preußische Innenminister hat in einem kategorischen Rundschreiben an die Regierungspräsidenten diesen zur Pflicht gemacht, innerhalb weniger Tage Unterkommen für die Optanten, besonders für die Alten und Bedürftigen, die nicht mehr Arbeitsfähigen, frei zu machen. Es wird den Regierungsbezirken eine bestimmte Zahl zugewiesen, die sie unterbringen u.ud erhalten müssen. Tie sogenannte gehobene Fürsorge, Kleinreninersürsorge und dergleichen, hat in diesen Fällen einzngreifen. Taßda neben d e n K i r che n g e m e i n d e n und k o n f e s s i o n e l e n Verbänden noch reichlich Gelegenheit zur Unterstützung dieser Verdrängten bleibt, v e r st e h t s i ch v o n selb st. Stets wird diese Unterstützung aber in einer Form zu leisten sein, die jedes Beschämende ansschließt. . Gerade für unsere jüdischen älteren Optanten werden ja in erster Reihe die Kinder sorgen, die schon vorher in Deutschland ansässig waren, aber auch die jüdische Allgemeinheit ist verpflichtet, soweit es in ihren Kraft e n steht, sowohl für die jüdischen wie für die nichtjüdischen Optanten, deren Schicksal uns in gleicher Weise rührt, mitzusorgen. Bei den arbeitsfähigen jüdischen Optanten werden, wie bei allen anderen, zunächst die Wünsche berücksichtigt, die sie selbst für ihre neue Heimat hegen. Die meisten haben sich schon ein ungefähres Zukunftsbild gemacht; sei es, daß sie Verwandte in bestimmten Städten haben, in deren Nähe sie ziehen möchten, sei es, daß besondere Orte ihnen für die Weiterführung ihres Berufes am geeignetsten scheinen. Ein ehemaliger Viehhändler sucht natürlich in einer kleinen Stadt Uttterzukommen, Schuhmacher, Mechaniker oder fonftxgc Handwerker werden sich eine Gegend suchen, in der sie auf Möglichst große Kundschaft rechnen können. Berlin erscheint denen als erstrebenswerte Zukunft, die Kinder in Handel und Gewerbe unterzubringen haben, während anhanglose, kaufmännische Angestellte, Verkäuferinnen, Schneiderinnen und dergleichen, eben dort hingehen werden, wo sich ihnen eine Stellung bietet. Die Unterbringung dieser jüdischen Optanten ist vielfach deshalb schwieriger als die der anderen, weil sie Mach allen ausgestandenen Schikanen jetzt nicht wieder in Gebenden verpflanzt werdet? dürfen, in denen ausgesprochener Judenhaß herrscht, hauptsächlich aber deshalb, weil der Durchschnitt dieser jüdischen Optanten dem Mittelstände und gehobeneren Berufen angehört als die Masse der nichtjüdischen Optanten. Der Leiter der Arbeitsvermittlung im Optantenlager, Direktor Zirkel, erkannte die Notwendigkeit, gerade diese jüdischen Optanten individueller zu behandeln, durchaus an und nahm deshalb den Vorschlag, sie zunächst durch Stadtrat Schneider beraten zu lassen und daun mit ihm Hand in Hand zu arbeiten, mit dankbarem Entgegenkommen au. Unsere Freunde in Schneidemühl haben sich der jüdischen! Optanten bereits in vorbildlicher Weise ange-; n o m m c ii. Ter Israelitische Frauenbund hat eilten ritt! e t- > len Nt ittagsti s ch errichtet, zu dem zunächst nur die jüdii scheu Optanten kamen, die die Speisen im Lager aus religiösen! Gründeil nicht essen konnten. Aber bald sprach ^es sich > herum, wie herzlich die Ausnahme bei der rituellen Speisung! sei, wie gern auch dort die Glaubensgenossen gesehen würden, j die sonst nicht rituell zu essen pflegen, und wie gern matt das Essen auch denen verabreichte, die im Augenblick noch nicht ' aller Barmittel ledig sind. So wurde diese Speisung der Trefsj pnnkt der jüdischen Optanten, und während an der erfteit I Speisung nur fünfzehn teituahmeu, werden jetzt in innner! steigender Zahl siebzig, achtzig und mehr jüdische Optanten verpflegt. Selbst Greisinnen scheuen den halbstündigen Weg vom Lager zum Logcnhaus nicht, denn diese Stunde, in der sie au tätigen, säubern Tafeln sitzen, plaudern und sich beraten können, ist ihnen allen eine Stunde seelischer Erholung nach all den Verfolgungen und Peinigungen.! Hier gehen sie atu meisten aus sich heraus und schildern,! was sie in ihrer alten, lieben Heimat verlassen, toie sie dort zum Teil gelitten haben. Viele, die eigene Häuser und gutgehende Geschäfte hatten, mußtensie unter dem ständigen Truck der Polen ' ver'chleudcrn. Ihre mühsam erarbeitetes und erspartes Geld haben, sie teils bei der deutschen, teils bei deiy polnischen Inflation verloren. Ter Erlös ans Hans und Geschäft tonrde von den Polen säst ganz weggesteuert, und manchen von ihnen pfändete noch im letzten Augenblick die Behörde die Möbel tragen angeblicher rückständiger Stenern. Mit Mühe und Not nur konnten sie die Sachen verpacken, und mancher mutzte not etliche 100 Zloty hinterlegen, um angebliche Ansprüche von Gläubigern sicherzustcllcn. Sie sollen Berdrängunasschäden von der deutschen Regierung ersetzt bekommen. Niemand weiß aber, wann diese Auszahlung erfolgen wird, und die früher selbständig waren, brauchen das Geld wieder zur Niederlassung. Gerüchten nach sollen sie noch Auswertungen für Hypotheken und andere Werte von den Polen erhalten, aber noch ist das Aufwertungsgesetz in Polen nicht angenommen. So sind selbst vermögende Leute jetzt in großer Bedrängnis, und außer den Wohnungen ist das nötigste, was ihnen fehlt, Geld. Manch einer äußert den Wunsch, ein Darlehen zu erhalten, denn sie alle haben den Mut und die Hoffnung, daß sie sich wieder hinausarbeiten werden, und es ist ihr Stolz, das möglichst mit eigener Kraft zu tun, wenn man ihnen nur die erste Planke bietet, an die sie sich anktammern können. Diese jüdischen Optanten sind in vielen kleinen jüdischen Gemeinden die letzten einer einst stattlichen Gemeinde gewesen. Jetzt bilden fast nur noch Kongreßpolen, die nach der Abtretung der Gebiete dorthin gezogen sind, die jüdischen Gemeinden in Ortschaften, die früher große deutsch-jüdische Gemeinden hattenck So sind in Lissa, wo zur Zeit der Option, also vor fünf Jahren, noch etwa 150 dentsch-jüdische Familien waren, noch sechs von diesen alten jüdischen Familien. Sie sind Mußpolen geworden; alle anderen haben für Deutschland optiert und sind ausgcwandert. In Wongrowitz waren 1910 87 jüdische Familien, heute sind noch neun oder zehn dieser alten Familien dort; und so sieht es fast in allen jüdischen Gemeinden ans. Man kann ohne Uebertreibung sagen, b a sz d u r ch schnitt-- l i ch 9 0 Prozent aller deutschen Juden aus den abgetretene!? Gebieten f ü r Deutschland optiert haben. Fragt man sie, weshalb sie für Deutschland optiert haben, so erhält man nur die eine Antwort: Polen ist doch keine Zukunft, wir sind doch Deutsche. Und die jungen Leute fügen noch hinzu: Sollten wir etwa bei den Polen Kriegsdienste gegen Deutschland leisten? So wunderten sie lieber von Hans und Hof in die ungewisse Zukunft nach Deutschland, als daß sie Polen geworden wären. Die meisten der jüdischen Optanten haben schon gleich nach der Option die Heimat verlassen und haben sich schon längst in Deutschland angesiedelt. Andere werden noch mit den nächsten Transporten in drei bis sechs Monaten erwartet, je nachdem ihnen die Aufenthaltsdauer bewilligt ist. Jetzt gilt es, denen, die heute schon Unterstützung und Hilfe ihrer deutschen Glaubensgenossen brauchen, zu helfen und zum Empfang derer gerüstet zu sein, die noch erwartet werden. D r. M a r g a r e t e E d e l h e i m,