Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 33 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- Seite 549 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 14.^ugust 1925 I V.Jahrgang * Nr. 33 Einzelnummer IS HolöpferinrI PULS? fiMKsMKÄÄW^j > Allgemeine Zeitung des Oudenrums STioriüiealor.ncmcnt 40 Goldpfcnnig . zuzüglich Bestellgeld -—_f . Zz-rlag u. SchriftlcUung: Berlin 8Vi' 63, Lindenstr. 13. . Fernsprecher: Am! Dönhoff 3594 3595 .: Postscheckkonto: Berlin 30472. .:. Bankkonto: Dresdner Dank, Lech'.e . y J J stube O, Berlin S5V 68, Lindenstr. 7, und von GoId>chnndt'RotlpchUd Co., Berlin 4,5 8. orrr^TTi.'tf* An'k-r.^nai'nollml" Annoncen-Crvcdition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90für die 7gespaltene Zeile nach RudolrMones ZormakL^ Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralnereins 0,45 JlotL, *ic 90 mm breite Neklamezerle 4,b0 J,A. ....,i- .. ii i"1 -rr....rr..-7-r-- pLiMtmIlsTee. völkische ^gitationsversuche. Eine UnterreSung mit öem Lagerkommandanten. Ueber 109 jüdische Flüchtlinge. 3hre Unterbringung und Verpflegung. Trübe Zukunftsaussrchten. Der Zerfall der pofener jüdischen Gemeinden. 9S Prozent optierten für Deutfchlanö. Hilfe tut not. Tie Meldung über völkische Agitation trn Tchneidemüljlcr Optuntenlager veranlagte den (sentralverein, sofort einen Alitar'beiter an Ort und 3telfc zu entsenden, der Hand in Hand mit der Ortsgruppe des Centraloereins die nötigen Schritte Lun sollte und getan hat. Gleichzeitig war seine Aufgabe, die Anzahl jüdischer Tonischer, die zu den Vertriebenen gehören und in Schneidemühl eingetroffen sind, einwandfrei festznstellen. Die S ch r i f t l e i t u n g. Schneide m ü h l, den 9. August 1925. Bor einigen Tagen ging die Meldung durch die Tagespresse, daß der. bekannte völkische Agitator Wilhelm Köhler aus S ch n e i d e m ü h l ein Treugelöbnis und einen Hilferuf an General L u d e n d o r s f gesandt habe. Tiefes Telegramm, verbunden mit anderen Gerüchten, mußte den Anschein erwecken, als ob im Sch n e id em ü h ler Optanten lagervölkische Agitation getrieben und von den leitenden Stellen geduldet würde. Schneidemühl selbst hat eine starke Zahl Völkischer. Gin Viertel der Stadtverordnetensiüe gehört ihren Vertretern. Wilhelm Köhler, ein ehemaliger Valtikumofsizier, hat sich zu einem eindrucksvollen völkischen Werberedner entwickelt, dem es gelang, sich einen namhaften Anhang zu schassen. Vor einigen Monaten wurde er, wie die Tageszeitungen berichteten, wegen Vergehens gegen Z 175 StGB, rechtskräftig verurteilt, und diese Tatsache hatte ersichtlich neben anderen zur Folge, daß bei den letzten Wahlen die Zahl der völkischen Stimmen in Cchneidemüht von 5000 auf 4000 sank. Tie Gerüchte, daß die Völkischen ihre Macht auszuüben versuchen, um die Optanten AU sich hinüberzuziehen, mußten also wahrscheinlich klingen. Eine Unterredung mit d e m Kommandanten des Lagers und eigener Augenschein konnten mich davon überzeugen, daß im Lager selbst jede p o l i t i s ch e A g i t a - t i o n aufs ft r e ii o ft c unterbände n i st. Tas Hauptlager in den Halten der früheren Albatros-Werke und die beiden Filialen, das Priesterseminar und eine Schule, sind jedem zugänglich. Die Optanten selbst haben naturgemäß volle Bewegungsfreiheit. Cie dürfen, so viel es ihnen beliebt, in die Stadt hineingehen, so daß eine Kontrolle wegen politischer Agitation nicht leicht durchführbar ist. In den ersten Tagen des Massenanstnrms hat sich unter diesen Umständen vielleicht, wie der Lagerkommandant, Oberst Engelin,in liebenswürdigster Weise anseinandersetzte, hin und wieder ein politischer Agitator eingeschlichen, jetzt wird aber bei der Bewachung das Augenmerk ans solche Versuche gerichtet, und jeder, der im Lager für irgendeine Partei zu agitieren versucht oder Anschläge für Werbeversammlungen ankleben will,, wird rücksichtslos ans dem Lager entfernt. (Die völkische Partei veranstaltet natürlich gerade jetzt in Schneidemühl große Versammlungen.) Unsere Schneidemühler Freunde konnten nur bestätigen, daß diese Maßnahmen streng durchgesührt werden, daß die Plakate, die die Völkischen in den ersten Tagen angeschlagen haben, entfernt sind, und daß auch die Versammlungen in der Stadt, deren Besuch niemandem verboten werden kann, nicht viele Optanten angelockt haben, trotzdem man bei deren Unterhaltungsbedürfnis _ natürlich damit rechnen muß, daß sie in jede Versammlung, sei es auch nur aus Langerweile, gehen würden. Auch einige j ü d i s ch e Optanten, die gerade in der sogenannten „hakenkreuzlerecke" des Lagers untergebracht sind, fühlten sich in keiner Weise belästigt oder zurückgesetzt. In dieser Lagerstadt der 6000 Optanten verschwinden die etwa 100 Inden vollständig, so daß einige der leitenden Personen erstaunt fragten, ob denn überhaupt Juden da wären. Bei der Aufnahme wird wohl nach der Religion gefragt, aber die Listen werden selbstverständlich nicht konfessionell getrennt geführt. Nur die Fürsorgerin, Fräulein v. F el d m a n n , sammelt die Namen der Frauen und Kinder, die sich hilsesuchend an die Fürsorgestelle wenden, gesondert nach den Religionen, um den konfessionellen Verbänden Mitteilung von den Bedürftigen ihrer Religionsgemeinschaft geben und sie, wenn nötig, in den entsprechenden Heimen unterbringen zu können. So hat sich Fräulein v. Feldmann auch in Notsällen an die Jüdische Gemeinde in Schneidern ü h l gewandt und die Unterbringung kranker und alter jüdischer Optanten mit Hilfe unserer Schneidemühler Freunde telüfi 3m Schneidemühler Optantenlager. Von Or. Margarete Sdelheim. Für die notleidenden Optanten! Seite 551. palasiinalolonisation / Ostjudenhilfe. Von Or. Paul Nathan. Seite 552. Der Selbstmord bei den Juden. Von Dr. Julius Vothholz. Seite 556.