Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 32 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- Seite 539 (sequence 5)
- Language
- German
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533 Die „Schuld am Zu^mmenbru Ludendorffs 3^ e t t u n g s a n k e r. v ♦ 2TI3 der Stern Ludendorffs im Erloschen und der Zusammen« dnich Deutschlands kaum abwendbar war. schien für ihn schon der Wea vorgezeichnet zu sein, auf dem er jetzt so unentwegt geht. In der denkwürdigen Kronratssitzimg des 1-1. August 191?, die von Wilhelm H. einbcrufen war. um eine unaeschminlte, Bllanz des Krieges m ziehen, und die gleichsam den Anfang der einige Monate spater eingetretenen Katastrophe bildete, berichtete General Ludendorsf für die Oberste Kriegsleitung. lind nach den Aufzeichnungen des Staatssekretärs Paul v. Hintze. des damaligen Leiters der deutschen Außenpolitik, die im „Werk des ttntersnchnngsauöschnsses" soeben veröffentlicht werden, glaubte Ludendorsf den Krieg noch durch drei Maßregeln retten zu können, worunter sich als letzte die befand: ..Ersatz — Auskämmung, mehr Heranziehung des noch freien jungen Judentums"'. Lndendors ist nie als Freund von Tatsachen in der Qcfsentlichkeit ausgetreten, sonst hätte er als Generalstabschef wissen müssen, daß die jüdische Bevölkerung in Deutschland anteilmäßig fast cbcnsovieke Feldzugsteilnehmer gestellt hat wie die Gesamtbevölkerung. Und wenn er sich etwas mit Statistik beschäftigt hätte, was man von einem Mann, der an der Spitze des deutschen Heeres stand, hatte er« warten müssen, mußte ihm bekannt sein, daß große Unterschiede in der Altersgliederung der deutsch-jüdischen Devöllerung und der Gesamtbevölkerung infolge der entgegengesetzt verlaufenden Devolkerungsvorgänge bestanden. Aus amtlichen Statistiken deutscher Länder kann man den Beweis erbringen, daß von hundert männlichen Christen unter 15 Jahren etwa 35, von hundert männlichen inländischen deutschen Juden nur 25 unter 15 Jahren waren, daß die Altersklasie 15 bis 29 Jahren bei den Juden nur 23 Prozent gegenüber 26 Prozent bei den Andersgläubigen aufwies, hingegen die 30- bis 49jahrigen 29 Prozent der jüdischen Bevölkerung gegenüber 25 der anderen allsmachten, vor allem aber die Gruppe der über 50jährigen bei den Juden um nicht weniger als um 9 Prozent stärker beseht war. Aus diesen Zahlen und dem fast gleichen Prozentsatz der Feldzugsteilnehmer bei Juden und Fristen ist nur der Schluß zu ziehen, daß alle Juden am Kriege restlos tengenommen haben, die mrr irgend dazu imstande waren. Also ein Auskämmen — um un§ des Ludendorsfs-Deutsch za bedienen — war bei den deutschen Juden nichtmehr möglich. Aber die Aeußerung Ludendorffs entsprach den Gedankengängen der Antisemiten schon während des Krieges, und ihre Agitation gegen die Juden feierte ihren Triumph in der bekannten Judenauszählung, deren Resultate, einseitig gezogen, der Verdächtigung Tür und Tor öffneten. ~ Ludendorsf ist das Opfer seines Ehrgeizes. Wie rnt Ertrinkender sich am Strohhalm zu retten so beharrt Ludendorf arrs dem Wege seiner Täuschung mrd schiebt die Jaden als schuldige Opfer vor, um sich reinzmvaschen. Was aber die deutschen Juden unter den antisemitischen Anpöbelungen von hoch und niedrig unter den Fahnen zu leiden hatten, ist noch zu wenig bekannt: unser Archiv wird uns bald Gelegenheit geben, darüber ungeschminkte Wahrheit zu verbreiten. Dr. Julius Rothholz. 50 Jahre Hermanns-Denkmal. Pastor Münchmeher (Borkum) hält die Festrede. Lippe-Detmold hat wieder einmal Anlaß zu feiern. Am 10. August 1925 werden es 50 Jahre sein, daß das Denkmal auf der Grotenburg bei Detmold von Ernst v. Bändel sertiggestellt uiw feierlich hi Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeiveiht wurde. Das Hermanns-Denkmal ist nach dem verlorenen Weltkrieg das Mekka der nationalistisch.antisemitischen Wallfahrer geworden. Mit Wehmut blicken alle wahrhaften Vaterlandsfreunde auf dieses Symbol deutschen FreiheitSwitlens, das von Phrasenhelden zum Tuuunelplatz ihrer nationalistischen Parteigefühle herabgewürdigt wird. Auch dieses Mal wieder wird es keine allgemeine Volksfeier geben, bei der alle Kreise des Volkes gemeinsam der Erinnerung leben, sondern eine Parade der „nationalen" Verbände. Em Büchlein, betitelt: ,.50 Jahre Hermanns-Denkmal, Amtlich vestschrist 1925" ist dazu erschienen, das uns nur die dem Ausschuß, der sich amtlich nennt, obgleich keinerlei Staats- oder sonstigen Behörden etwas mit ihm zu tun haben, genehmen Veranstaltungen der genehmen Verbände kund und zu wissen tut. „ So werden denn am 8. und 9. August die vaterländischen Verbände „Stahlhelm" und „Jnngdeutscher Orden" hier feiern und sich ilc?c Seite 27 der Festschrift) von dem sattsam bekannten Pastor :* Lu nchineyer (B o r k u tu) in die nötige Stimmung versetzen lapen — von dem wütenden Hetzer gegen Juden und Katholiken. Die Festschrift an sich enthält sehr interessante Beiträge und ist ourci'-aus anerkennenswert. Nur Geheimrat Dr. Kiewning der- Zcltiger Direktor der Lippischen L a n d e s b i b l i o't h e k und des 7 a n d c ka r ch i v 5 , Hai wohl geglaubt. der Stimmung der uattouarististbeu Verbände Konzessionen machen und antisemiteln zu müssen. In seinem Beitrag: „Vor 50 Jahren" teilt er den Lesern folgende welterschütternde Begebenheit mit (siehe Seite 76). Aber auch alltags hielt man ihn (Bändel) auf. Meist. wenn Fremde nach ihm fragten, gab er ihnen den Bescheid: ,Er ist unten in Detmold', und schob sie damit ab. Einmal kam ein Jude, gerade als Bändel sein neues Ansbacher Ehrcnbürgerdiplom betrachtete — doch es wirkt natürlicl-er. lvenn der alte Herr dw Sache selbst erzählt: ,Jch hatte eben das Ehrenbürgerdiplom erhalten und war voll Freude darüber, da kam in Gestalt eines vornehmen Juden mit zwei Damen Israels ein Freudendämpser. „Wollen '<sc mer ausmacheu zu den Kops?" Ich erwiderte, der Kopf sei zerlegt und liege außen. „Wer ist der alte ungezogene Mensch", krächzte er mir entgegen. — Nun — er ward recht bayerisch bedient und wird des Alten sreundlichst gedenken'." Herr Geheimrat, wollen Sie ettva Ernst v. Bändel zum Antisemiten machen, oder wollten Sie die Gelegenheit benutzen, um für den Antisemitismus Propaganda zu machen? Ohne auf den Tatbestand naher einzugehen, möchten wir denn doch noch eine weitere Frage an den Herrn Gcheimrat richten: Halten Sie, Herr Archiv- und Landesbibliotheksdirektor, die Begebenheit für so wichtig und einschneidend, daß Sie es unbedingt der Mitwelt verkünden mußten? Dient allda s wirklich dem Wollen Ern st s v. V a n bei? Er, der dem Schwerte des Hermann die Devise ausgeprägt hat: „Deutsche Einigkeit — meine Stärke, meine Stärke — Deutschlands Mach t", er wollte dem Einheitsstreben der deutschen Lande ein leuchtend-es Symbol geben. Einigkeit — mehr denn je ist uns heute notig, Deutschland kann nicht genesen, wenn Zwietracht in den eigenen Landen herrscht. Doch solches Tun treibt stets aufs neue Keil auf Keil in die Bevölkerung und fälscht die Idee des Hermanns-Denkmals. — x d.. Die /lustreibung öer deutschen GpLcmten. Der 7. August '1925 war für diejenigen Bewohner der abgetretenen Gebiete, die sich für die deutsche Staatsangehörigkeit erklärt hatten, aber noch in Dolen verblieben waren, ein kritischer Tag, Er war für die Optanten, die kein Grundeigentum hatten, die letzte Frist, bis zn der sie ihre Heimat verlassen mußten. Unter den Auswanderern, die über die deutsche Grenze fluteten, wird sich noch so mancher unserer Glaubensgenossen befunden haben. Ter weitaus größte Teil der deutschen Juden hatte aber den letzten Tag nicht abgewartet. Mehr als fünf Jahre sind seit dem Inkrafttreten des Vertrages von Versailles verstrichen. Bis zum letzten Tage zurückgeblieben war nur ein kleiner Rest, den trügerische Hoffnung nicht früher den schweren Entschluß fassen ließ. Leicht war unseren jüdischen Mitbürgern P o s e n s und Westpreußens wahrlich nicht der Entschluß geworden, die Wuvzcln ans dem Heirnatboden auozureifcen, wo feit vielen Jahrhunderten ihre Urvater gelebt ntü> stolz gepflegte Fcrrnilicntraditionen geschaffen hatten, wo ihre Toten zur ewigen Ruhe gebettet sind, wo sie in ihrer Gesamtheit sich Lichtung und Anerkennung erworben, wo sie die Grundlagen einer soliden Existenz gesunden hatten. Stärker als diese Erwägungen erwies sich aber das Gefühl ihrer unlösbaren Verbundenheit mit dem deutschen Volke und der deutschen Kultur. Der u n« trügliche Instinkt ließ sie erkennen, daß in der jetzigen Zeit nur die Zugehörigkeit zum deutschen Staate die Gewähr dafür bot, daß ihnen und ihren Kindern auch das Deutschtum erhalten blieb. Das rein verstandesgemäße Interesse ließ es ratsam erscheinen, in Polen zu bleiben, wo die Möglichkeit einer gesicherten Existenz und die Aussicht auf wirtschaftliche Erfolge bei weitem lasier waren als in dem nach dem unglücklichen Kriege zusammengebrochenen deutschen Vakerlande. Entscheidend war aber auch bei Zweiflern der Gedanke an die Kinder: die künftigen Geschlechter sollten deutsch bleiben, wie es die Eltern gewesen sind. Mo Me das Geschlecht der Gegenwart Not, Kummer und Artnut ertragen, wenn nur für die Generationen der Zukunft das deutsche Volkstum gerettet wurde. Die altehrwürdige Posener Gemeinde, die im Jahre 1918 mehr als 5000 Seelen umfaßte, wird nach Ablaus der Auswaudcrungsfristen, einschließlich der aus Kongreßpolen Zugewanderten, nur noch nach Hunderten zählen. Aehnlich liegen die Verhältnisse in den anderen jüdischen Gemeinden Pojens und Westpreußens. In dieser geschichtlichen Stunde ist die Feststellung geboten, daß die Juden der abgetretenen Gebiete Persönliche Vorteile und eine sorgenfreie Zukunft bedenkenlos zum Opfer gebracht haben für ihre und ihrer Kinder d e u t s ch e Z u k u n s t. B. H.