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Central-Verein-Zeitung · 1925-08-07 · 32 (7.8.1925) · p. Seite 538

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
32 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
Seite 538 (sequence 3)
Language
German
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538 Gericht Charlottenburg zu drakonischen Strafen angeregt w-.rd, erkläre ich, daß solches Pathos, das mit Niesettgcstchützen ans Mikroben schießt, einfach lächerlich ist. Und u?cmt an anderer Stelle im F e t t d r u cf (1) steht: „T a s Indent u m i ft d i e Religion der Gerechtigkeit. HerrMarx! Werd en Si e er st I u d e!!" so hoffe ich, daß Freund Marx uoer genug gesunden Humor verfügt, um n i ch t das Schöffengericht Karlsruhe zu einem Wettstreit mit dem Schöffengericht Charlottenburg zu veranlassen. Derartige ulkige Ueberlreibungen wirken selbstverständlich nur als neue Beweise dahin, dag vom Erhabenen zum Lächerlichen ein ganz kleiner Schritt ist. Lohnt es sich, den Krimskrams persönlicher Angriffe und ihre Widerlegung weiter zu berühren? Nur ein letztes spaßiges Beispiel. Prcyser beklagt sich bitter, daß ein Kritiker, Pardon Lästerer" der nationaldeutschen Inden, namens Friedrichs nebst einem Pfarrer Lrodt unauffindbar und damit fingierte Persönlichkeiten seien. Ob sic nur von den verlästerten Nationaldeutschen oder auch vom Schöffengericht Charlottenburg gesucht worden sind, gibt er leider nicht an. Es sei aber die Gegenfrage gestattet, wer denn der nationaldeutsche B a u r a t S. H o b r e ch t („I hob" recht") i st, der wegen seiner in der „Kölnischen Zeitung" veröffentlichten Liebenswürdigkeiten von vielen ostjüdischen Kreisen dringend und herzlich gesucht wird. Sieht nicht auch Pcpftr ein, wie sinnlos es ist, nur derartiger Kleinigkeiten des politischen Kampfes willen pathetisch zu werden? Erkennt nacht auch er, daß wir uns wahrhaftig über andere Dinge anseinanderscßen müssen, und daß es an der Zeit ist. das Schöffengericht Eharlottcnbnrg wieder auszuschalten? Auf einiges Grundsätzliches sei auch hier hiugcwiesen. Wenn Pehser" die Entstehung der nationaldeutschen Bewegung lediglich aus den Verhältnissen der Nachkriegszeit, ans der Einstellung jüdischer Kreise zur deutschen Not erklärt, so berührt er lediglich ein Teilproblenr. Es hätte ihm doch aufsallen müssen, daß es nicht die fest im religiösen Judentum wurzelnden Elemente sind, an? denen die nationaldeutschen Ideen hervorgcganaen sind, sondern — einzelne Ausnahmen wie Pehser persönlich ändern nichts an den Dingen — die große Schar derer, die mit ihrem Judentum so lose verbunden und, daß sie ernsthaft darüber diskutieren können — der Antrag ist allerdings abgelehnt worden —, ob nicht ihr jüdischer Verband auch ehemalige Juden aufnehmcn könne. Der Ausgangspunkt der Bewegung ist nicht im Judentum, sondern in der Rücksicht auf die Mentalität der in Deutschland zurzeit leider herrschenden reaktionären Kreise zu suchen, und ihr Sr besteht darin, daß sie ewige jüdische Werte in das mstesbett dieser Rücksichtnahme pressen will. Die Ostfrage. die Palästinauntcrstützung, die jüdische Dotks- ,u)me berühren gewiß auch Gegenwartsfragen deutscher Politik, aber sie wurzeln vor allem in fundamentalen Grundsätzen der jüdischen Religion, und wenn auch keineswegs gesagt werden kann, daß diese Grundlage in den oben berührten und noch anderen Dingen eine bei allen Juden einheitliche Stellungrmhrne herbeisührt, so steht doch fest, daß der Verband natioualdeutscher Inden diese Imponderabilien des Gemüts, der religiösen Entwicklung und der religiösen Zukunft derart vernachlässigt, daß er ganz instinktiv einen tiefgehenden Widerwillen in den positiv jüdischen Seelen jeglicher Richtung — die Nationaljudcn scheiden natürlich hierbei ganz aus — Hervorgerufen hat. Und der Widerwille wird durch den Hang zum Dcnunziakorischen erheblich gesteigert. Ob einer für Anslandszwecke Geld spendet oder nicht, ob einer für konfessionelle Schulen eintritt oder nicht, ob einer sich der Interessen seiner Glaubensbrüder fremder Staatsangehörigkeit annimmt oder nicht, kann vrn so weniger Ursache sein, daß ein Jude dem anderen die Tiefe und die Ehrlichkeit seines Deutschseins abspricht, als es Ja doch im deutschen Christentum genau so ist. Fast die Hälfte des deutschen Volkes zahlt erhebliche Summen für die Er- .Haltung der katholischen Kirche im Ausland und steht fest 'auf dem Boden der konfessionellen Bolksschule. Wenn es aber in politischen Kreisen als wenig vornehme Denunziation gilt, die so denkenden Katholiken als „uHeamontan" zu bezeichnen, so darf man es den angegriffenen Juden nicht verwehren, wenn sie sich gegen die denunziatorische Klassifizierung als „Zwischenschichtler" erregt wehren. Pehser hätte uns wirklich erklären sollen, wie er die ganz unglaublichen Worte »rit fernem guten Namen decken konnte, daß neben dem Tentralverein eine Organisation bestehen Müsse, dievondernnbeirrtenPflegedeutsch er Tesinnnng nicht nur spricht, sondern auch in der Praxis mit ihr Ernst mache. Der Verband natioualdeutscher Juden ist natürlich ein Kind seiner Zeit, und audj in ihm wirkt jener nur in Deutschland übliche traurige Grundsatz politischer Parteien, ihre Sonderziele mit den Erfordernissen wahren Deutschtums zu verwechseln und ein hundertprozentiges Deutschtum den Parteigrnnosätzeu gemäß zu proklamieren, dein in unserem Sondersalle mindestens neunzig Prozent des deutschen Volkes nicht genügen. Und das ist peinlich! Wenn kleine Minderheiten die großen Mehrheiten über die Grundlagen ihres Seins belehren wollen, ist das anmaßend und reizt zum Spotte. Der Begriff „Deutschtum" ist wirklich weiter und freier als der volksparteiliche Standpunkt, den im Grunde die nationaldeutschen Juden vertreten, und es geht nicht au, daß man den Kampf gegen den Internationalismus nach dem Vorbilde der Rechtsradikalen derart auf das Gebiet des Kulturellen ausdehut, daß der Gott des Judentums sich auch als „deutscher Gott" legitimieren muß, nur vor den Augen der nationaldeutschen Juden Gnade zu finden. Es wäre sehr wichtig gewesen, daß Pehser sich zu den Begriffen „Deutschtum" und „jüdische Religion" etwas eingehender geäußert hätte, als es in seiner Broschüre geschehen ist. Die vielfachen Korrekturen, durch die insbesondere Naumann seinen ursprünglichen Standpunkt geändert hat, sind ein sprechender Beweis dafür, daß man sich im Verbände erst allmählich in das Wesen der grundlegenden Begrifft vertieft. Auch der Sinn des jüdischen Emanzipatiouskampses ist dem Verbände rächt offenbar geworden, und das Büchlein' von Pchftr propagiert die Rückkehr irr den Ghettogeist und das Ghettorecht, wenn es von den Inden verlangt, daß sie von Kommunisten, Nationaljuden und ähnlichen Leuten „ab rücken" sollein Al? größte Errungenschaft der Emanzipation feiern wir die Aushebung der solidarischen Haftung, und wir sollten uns unserer Freiheit begeben und sie aus einem Umweg einführen? Von der Naivität der Auffassung, daß sich alles, alles wenden müsse, wenn man nur „abrücke", sei hier nicht die Rede, wohl aber von ihrer Gefahr, der politischen wie der seelischen. Sie bedeutet das Zugeständnis einer Zusammengehörigkeit, die gerade jene nicht anerkennen, von denen man abrückt, sie bedeutet eine stete Verleitung für die Majorität, die vermeintliche Sünde der Gegner an der Gesamtheit ihrer Klasse rächen zu wollen, sie raubt der Minderheit, die jeden Tag von etwas anderem abrücken muß, Ziel und Haltung, sie macht die Seele, die ängstlich auf des Bruders Gesinnungen und Taten lauschen muß, schwach und zag. Für freie Menschen bedeutet ein solches Verlangen etwas Unwürdiges. Diese Politik des Schutzjudentums ist zu verwerfen, und das gilt übrigens auch, wenn Marx in begreiflicher Erregung verlangt, man solle vom Verbände nationaldeutscher Juden abrückcn. Trotz des Judenhasses, den er durch sein überhebliches, geschäftiges und denunziatorisches Verhalten in der Welt erregt, trotz der Erbitterung, die er im Judentum erzeugt, wollen wir von ihm nicht abrücken, auch darum nicht, um nicht das Bewußtsein seiner eigenen Wichtigkeit in ihm zu steigern. Dieser Schrei nach dem „Abrückcn" bestätigt aber auch für das historische Gebiet, wie gefährlich es ist, 'wenn ein jüdischer Verband sich lediglich nach Strömungen der Außenwelt orientiert und nicht nach den Forderungen jüdischer Lehre u n b den Lehren der i ü d i s ch e n G e s ch i ch t e! Einige wenige Punkte habe ich herausgogriffen, die auf iieftrliegcnde Quellen der nationaldeutschen Bewegung weisen. Im Nahmen eines Zeitungsartikels das ganze System auszuzeigen, ist unmöglich. Marx hat in seiner Broschüre unter genauen Angaben von Belegen die ganze Gefahr des nationatzüdischen Verbandes geschildert, die im Innern verhebend wirkt und nach außen hin das Ansehen und die Stellung' der deutschen Juden ernstlich gefährdet. Peyser hat sachlich kaum etwas geantwortet, und hat im übrigen sieh an formelle Verstöße — meist freilich mir vermeintliche — geklammert, die er derart ausbauscht und so eingehend behandelt, daß er zu einer sachlichen Würdigung der Argumente und ber Folgerungen unseres Freundes Marx gar nicht kommt. So müssen denn diese zunächst als unbestritten gelten. Und wir hoffen, daß Pehser uns recht bald durch eine neue, bessere Broschüre die Gelegenheit geben wird, eine wirkliche Gedankenwelt zu kritisieren. Mögen Pehser und seine Freunde sich aus die Pflichten jüdischer Geistigkeit besinnen und sich hoch über das Kampsseld erheben, das im Sitzungssaal des zum Symbol werdenden Schöffengerichts Eharlottenburg liegft

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