Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- Seite 529 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ü29 kosmischen Träume rh-re Erlösung, ärgere wie Georg Kaiser ül^ersteigern ihre eigene Spannung zu dramatischer Ueberspannung, zahlreiche, von denen hier nur Hugo Salus genannt sei, spielen nls Virtuosen und Stimmungskünstler im WÄtkonzert jlMsche wie allgemeine Weisen mit ebensolcher Gewandtheit wie eigentlich seelischer Unverbindlrchkeit. Manchem aber wie Walter CalL wurde das jüdische Leid zum Lied, indem er paganinihaft bald aus der Nerven-, bald auf der Gefühlsseite seiner Mcistergeige seine Tragik Persönlichster Einsamkeit und ewiger Schwankungen zwischen Deutschtum und Judentum ausschluchzen ließ. So entrauschten den Harfen deutscher Dichter jüdisck^en Glaubens Gesänge des Geistes, der Geschichte sowie des Zeit- und Schicksalsgeistes, alle aber dürfte das Weltgeistlied Goethes übcrbrausen: Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident! Novd- und südliches Gelände Ruh-t im Frieden seiner Hände. firn öer guten alten Feit. Ein Brief der Rahel V a r n h a g e n. Wir deutschen Juden sind heute weit über hundert Jahre nach der formellen Emanzipation. Auch heute ist sie großenteils leider noch immer formell, weil die Emanzipation des Geistes unserer llmwelt in zahllosen Fällen noch nicht eingetreten ist. In einen Zeitabschnitt, der in seiner inneren Gestaltung der Gegenwart ähnelt, führt uns ein Schreiben zurück, das Na Hel Varn- Hagen am 3. Juli 1815 verfaßt hat: Berlin, den 3. Juli 1815, Montag Abends um 6 Uhr. „Hier sollte vorgestern ein Stück gegen die Juden, „Unser Verkehr" betitelt, erscheinen, der Staalstanzle r1) wurde aber sehr böse, und verbot die Aufführung, zuletzt mit eifriger Heftigkeit, weil Graf VrühE) sich nicht gleich wollte bedeuten lassen. Man sagt, Jakobsohn sei schon früh morgens deshalb zum. Staatskanzler gefahren, gewiß ist aber, daß dieser, Stügcmannck) und Jordan sich aufs beste dabei benommen haben; bei Tische, beim Staatskanzler, wurde gesagt,der und jenerJude sei in der letzter! Schlacht geblieben, andere ehrenvoll verwundet; ob das eine Zeit sei, die alten schändlichen Vorurteile zu erneuern? Darüber f in b nun aber viele Leute böse,' denn Judenhaß und Adelstolz flackern nun im Verlöschen noch zu guter Letzt einmal recht au {!" Goethe und Rahel. Ein anderes Dokument aus vergangener Zeit: Die Antisemiten bemühen zur Bekräftigung ihrer ju den fei üblichen Behauptungen, auch Goethe. Wie es um des großen Dichters angeblichen „Antisemitismus" in Wahrheit stand, das bewerft ein Brief Johann Peter Eckermanns an den Verleger Heinrichshofen vom 24. August 1848, worin folgendermaßen zu lesen steht: „Ich erinnere mich, mit ihm (Darnhagen) und Nahes bei Goethe ein gemütliches Diner gehabt zu haben, wo er mir nachher über beide viel Gutes sagte, und besonders von letzterer rühmte, daß sie eine der Ersten in Deutschland gewesen, die ihn verstanden und erkannt habe, und die mit treuer Neigung fortgesahren, an ihm zu halten." (H. H. Houbeu: „I. P. Eckermann, sein Leben für Goethe.") W. K. Das Gebrechen. A u B Martin B u b e r % neuem B u ich ß. Martin Buber bereitet fernen Freunden eine große Freuds Und einen wirklichen Genuß durch sein neuestes Buch „Das verborgene Licht" (Nutten & Löning, Frankfurt a. M.). Es handelt sich wiederum um eine Sammlung chassidifcher Legenden. Wir lesen zum Beispiel „Das Gebrechen". Einer kam zum Rabbi und brachte sein Leidwesen vor: „Die Leute nennen mich einen Frömmler. Was ist das für ein Gebrechen, das sie mir zuschreiben? Warum ein Frömmler und nicht ein Frommer?" „Der Frömmler", erwiderte der Rabbi, „macht aus der Hauptsache der Frömmigkeit eine Nebensache und aus ihrer Nebensache die Hauptsache." Das Buch wird in allen Kreisen anregend und belehrend wirken. *) Karl August, Fürst vou Hardenberg, preußischer Ctaaisnllnnter <1750 bis 1822). 2) Friedrich Moritz Paul, ttraf von Brühl (1722-18:57), Motor im General »tob int Feldzug 1813, 1815—1828, 0>cneralintc:want der fgl. Sdvais» nuele, 1830 der kgl. Museen, s) Friedrich August v. Slägemann, preußischer Staatsmann (1763-1840). hiermann Löns, der niederdeutsche Dichter und Wan derer. Bor einiger Zeit hat Erich Griebel, der Derfaster der im Naturschutzverlag, Berlin-Lichterfelde, erschienenen Biographie, „Worte der Abwehr" in dem Kampf um die Person des Dichters in der „C.B.-Zeitung" (Nr. 6) veröffentlicht und in dankenswerter Weise dargelegt, wie von nationalistischer Seite mit dem Andenken des Dichters politischer Mißbrauch getrieben wird. Vergeblich wird man in seinem gesamten Schaffen — so führt Griebel aus — auch nur eine Andeutung suchen, die Löns als Anhänger des geifernden Rassenhasses kennzeichnen könnte. Aber es wäre nichts verfehlter, als wenn wir uns mit dieser negativen Feststellung begnügen wollten. Löns übt in seinen Romanen und Naturschilderungen, mehr noch in seinen Gedichten und Liedern einen ungeheuren Einfluß auf die Seele des deutschen Volkes, vor allem der Jugend, aus. Aus der wirtschaftlichen Not des Alltags, aus dem Lärm der Großstadt und des parteipolitischen Treibens führt er sie in die majestätische Stille von Wald und Heide und auf die Höhe reinen und freien Menschentums. Und die Liebe, die den Namen Löns mit den Herzen der wandernden, suchenden Jugend verbindet, mag uns ein Zeichen dafür sein, daß das Gute in ihr nicht ganz erstorben ist. In vorzüglicher Weise versteht es Griebel, Verständnis für den Menschen, Freude an seinem Werk zu vermitteln. Alles trocken Biographische ist in den Anhang des merkwürdigen Buches verbannt. Vergeblich wird man darin irgendein System, ja nur Ordnung suchen — genau so vergeblich wie in des Dichters Land und in seiner im Lieben und Hassen starken Seele. Und gerade darum gibt es ein künstlerisch wertvolles Bild in der Unmenge von^ Einzelheiten, die Griebel bald mit starkem, bald mit feinem Strich zu einem lebenswahren Gemälde vereinigt. Wer aus dem Staub der Straßen in die schöne Gottcsnatur strebt, wer sich durch die Gehässigkeit, sei es dieser, sei es jener Gegner, die Freude am Vaterland nicht vergällen lassen will, dem sei das treffliche. mit vielen reizvollen Zeichnungen geschmückte Buch bestens empfohlen. , F. A. S. „Müsver In Nom". In der trostlosen Lage der Gegemoart, da es gilt, eine enlscheidende Wendung nach der sittlichen -^eite unserer Lebenshaltung zu vollziehen, ist die Herausgabe von Robert Hamerlings „Ahasvar in Rom" durch Professor Eugen Wölbe für die Deutsche Bibliothek ein Geschenk, das Nur um so dankbarer begrüßen, als dieses Epos heute mehr noch als zur Zeit seines ersten Erscheinens wie ein Blitz in dunkler Nacht unseren Lebensweg erleuchtet. In den fünf Gesäugen gibt uns der Dichter ein Bild des alten Noms ans jener Zeit, da die überreife und übersättigte Kultur des Altertums auf dem Turchgangspunkt zum Christentum unter dem machtvollen, schicksalsschweren schritt der neuausstrebenden Ideen zmammenbricht. Aber in diesem Ausschnitt aus der Meuichbeitsbeschichte sehen wir den Strom des allgemeinen Weltgeschehens iluten. Der erste Gesang, „die Schenke Locustas", gewährt uns einen Einblick in das vertierte Treiben der damaligen Römerwelt und kann so füglich als die Exposition zum ganzen Epos bezeichnet werden. Tenn wenn auch "diese Schenke nur ein kleiner Waffe rtropfen der ungeheuren römischen Lasierpsühe ist, so spiegelt sicheln ihr doch bereits die ganze Roma. In machtvoller Steigerung layen d:e folgenden Gesänge das dem Untergang geweihte Nömertum mit all seinen Entartungen und Lastern vor unserem Auge vorüberziehen. Im Mittelpunkt steht Nero, der Lüsterne, Unersättliche, Machthungrige. Seine oft ans Titanenhafte grenzende Natur kennt kein anderes Ziel, als die schrankenlose Befriedigung Tines Ich. die ihn von Begierde zu Genuß und vom Genuß zu neuer Begierde treibt. In seinem Uebermenschentum glaubt er sich frei und losgelöst von allem bindenden Gesetz. Alnr mit unerbittlicher Strenge und zwingender Notwendigkeit vollzieht sich auch an ihm der Lauf des Schicksals. Ahasver. Spiegelbild der Menschheit, unsterblich wie sie, spottet der zügellosen Lebenssehnsucht ches Gottmensckien. In ihm verkörpert sich der Genius der Menschheit, der Wünsck>e wähnt.' Dort Nero, der Lebenshunarige, der doch dem Tode seinen Tribut entrichten muß —. hier Ahasver, der Lebensmüde, der den T<Ä) sucht und doch nicht sterben kann. Wenn Hamerlings Werk heute wieder seinen unvergänglichen Zauber über uns breitet, so liegt das nicht nur an der farbigen Pracht der Schilderung, der hinreißenden Glut seiner Empfindungen, der meisterhaften Zeichmma der Charaktere, der musikalisck>en Beweglichkeit seiner Sprache. sondern weit mehr noch an der philosophischen Liese der Gedanken, welche in der Form einer idealen Lllclt- und Geschichtsausiassung in das Epos hineingewoben sind. Mit verhaltenem Herzschlag und fliehendem Atem liest man lein Epos, weit hier bereits die ganze schwere Problematik unserer Tage in kühnen Strichen vorge,zeichnet ist. Wir Juden spüren bei der Lektüre mit steigendem Zwange die ganz besonders tiefe Bedeutung und Verpflichtung unserer Sendung, die das Schicksal uns auserlegt. Wie das kleine Häuslein Christen gegenüber einer leeren, in sich hohlen und haltlosen, scheinbar übermächtigen, in Wahrheit