Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- Seite 528 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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528 Dis Hüt/m IuöW. Don Arthur EllöergleiL (Derlin-Zehlendorf-MitLe> Der unseren Lesern bekannte Verfasser gibt in den „Harfen Judas* poesievolle Schilderung deS Seelenlebens deutscher Dichter jüdischen Glaubens, der wir gern Raum geben, wenn wir auch nicht an allen Stellen mit seiner Typisierung über« einstimmen. Die Schristleitung. Manchem unbefangenen christltchen Leser der Werke eines jüdischen Dichters würde es nie einsallcn, nach der Relrgwn chre^ Verfassers zu forschen, so innig weiß er sich nrit ihm durch allgemein men Wiche Beznchnngen oder geistig und seelische Harnwnren verbunden, daß er diesen im Ilnterdewußtsein für einen Glaubensgenossen hält. Dennoch läßt sich kaum leugnen, daß dre ^ahrtousendstunnren der Religion, ihrer heiligen Schriften und ^lttlichkeit^geseße noch heute das Geistes- und Empfmdungrpleben und sonnt auch die Schöpfungen zahlreicher Mischer Dichter durchschwingen; die jeweilige Starke dieser mystrschen Musik und dieser Einflüsse auf jeden einzelnen ist, wie jede mustjche Begaoung rn ihrer besonderen Sprachsarbe, Rhythmik, Melodie und Form, verschieden und auch zuweilen zeitlichen Schwankungen unterworfen, je nachdem ein jüdisck-er Dichter sich einnial mehr seinen religiösen Gesühlen oder ein anderes Mal feinem deutschen Kulturbewußt;em nähert. Das gemeinsame Erlebnis des jüdischen Dichters ist die Tragik seiner ewig ruhelosen Ahasvcrseele, seine Schick; allgemeinßchaft in der ihm von zahlreichen Gegnern seit Jahrhunderten aufgenötigten Verteidigungsstellung sowie die Auseinandersttzung nnt hinein Deutschtum und' Judentum. Die Erkenntuis der Rot- Wendigkeit seiner Stellungnahme Zil den Mächten des Nrväterblutes und den Gegenwartsgewalten mag dein einzelnen früher oder später aus Traumticsen ausdämmern oder von der uncrmüd- Üchen Angrisfswut seiner Gegner ausgedrängt werden: sie bleibt ihm nicht erspart, und seine Bemühungen, durch eine Synthese von Deutschtum und Judentum seine Zerrissenheit zu/überwinden, sind ih-m ebenso durch Selbstschutz wie durch Ge fühl schlichten gobc-ten. Betrachten wir einmal die Entwicklung des deutschen Dichters jüdischen Glauben! Er ist erfahrungsgemäß frühreif, deshalb ü-berrascht er uns oft durch seine Leistungen in jungen Jahren. schrieb Hugo v. Wut strömt, als lautwellen gewiegtes, . , . ~ . der Wind durch die Alleen", den schwenuutneren „Tor und wod und in rascher Folge seine lyrikreWn Dramen voll dekorativer Gesten, Sprachpru nientsaltung und südlichsüß-er, fast italienischer Klanaroize. Ter christliche Dichter sck)en!t iins^meist sinnlich nawe, der Mische sentimentale, betrachtsame Poesie gemäß Friedrich Schillers kritiWn SckMungen der Dichtuugsarten. Eben-weil der jüdische Dichter meist stärkere Beziehungen zum Geist als zur Natur im Sinne d-er Ursprünglichkeit hat. nähert er sich ihr oft in Gleichnissen. Und da alles Denken bekanntlich in einem Ablauf von Bildern erfolgt, ist der deutsche Dichter jüdischen Glaubens, von der Lebens- und Legendenfülle von Orient und Okzident viÄfach beschenkt, ja überhäuft, meist sehr bilderreich. Sein Gehirn hegt die Kostbarkeiten tausendjähriger Erinnerungen gleich einer Schatzkammer und gleich einem Mnsenm, durch besten der Gegenwart geöffnete Fenster ein starker Freiheitssturm stößt und die arabeskenreichen Wandteppiche seiner Träume schwellend aufblaht. Er dnrchmißt den Weg vom Einzelornament zum GesamtbiD der Welt mit der Kühnheit und Schnelligkeit seines Jahrlausendahnherrn, des ewigen Wcltdnrchrasers und Wettläusers Ahasver. Ihn kennzeichnet ebenso eine mystische Fernsicht zu den Wolkenthronen Jehovas wie eine die Dinge und Menschen seiner Zeit fast mit Röntgenstrahlen durchdringende, gegenwartsbcwnßte Scharsäugigkeit, die ihn Einzelheiten wirklichkeitsgetreu erspähen und lmsenschars widerstrahlen läßt; der Zwang zu ewiger Gegen- «bwehr lehrte chn jede Bodensalte seines landschaftlichen, geistigen und Wischen Terrains überaus sorgsam zu sondern und sich einen jeden Winkel zum Unterschlupf und zur Verteidigung zu sichern. Leicht beweglich, rasch wendig, vielseitig und Proteus ha ft in seiner ständigen Verwandlungskunst ist er ein Meister in der Modulation rnLNNlgfachster Empfindungen, denen er aber meist einen geistigen Unter- oder Hintergrund gibt, und er weiß Geschichte und Natur, Leben und Landschaft, Menschen und Dinge mit der Besonderljeit ferner seelischen Essenzen und Arome so zu tränken und zu würzen, daß sich unter den deutschen Dichtern jüdischen Glaubens kaum Zwei finden dürsten, die auch nur im Wesentlichen ihrer Art und ihres Stils — und bekanntlich ist dieser noch innner das Kennzeichen des Menschen — mit einander vergleichbar oder einander ähnlich wären. Natürlich meine ichhier nutbiebcutschen Dichter jüdischen Glaubens, nicht etwa die Lrleraten oder Feuilleton: st en, die zahlreich «nd meist gleichförmig wie Sand am Meeres- Ufer sind. In der Kunst rhapsodischer Lyrik unterwies den Urenkel Israels Ver Harfenspieler König David, im fprachkurvenreWn und manschenden Redeschwung die ivort gewaltige Schar der Propheten, in der klassischen Geschlossenheit und Monumentalität der Erzählung die Bibel, im Drama das an adlerhasten Aufschwüngen mrd jähen Nieder stürzen reiche und erschütternde Schicksal seines Volkes, in der Feierlichkeit und Weihe sakraler Gebärden (siche Richard Beer-Hofmann) der Hohepriester, im ncrl-öfcu Flackern sowie im Impressionismus der Seele und Sinne (siehe Max Vrod, Stefan Zweig und viele andere) Hiob. Tie Sinfonien des deutschen Dichters jüdischen Glaubens durchbraust der Drei klang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ost jagt es den Sänger durch alle Bezirke der Zeit, als suchte er in Mer den Messias, der chn von seinen dumpfen Trieben und seiner Sehnsucht erlöse, und hetzt und wirbelt ihn durch mannigfackze Welten und durch die verschiedensten Ltossgebiete, in deren geistiger, seelischer sowie stilistischer Besiedlung er ebenso Geschmeidigleit wie zähe Kraft offenbart. Mit gleicher Hingabe äußerlich und innerlich zwei Neichen dienstbar, der Jahrtausondheimat seiner Urväter und dem Lande, in dem sich seine Vorfahren durch Leistungen, Opfer an Gut und Blut seit langer Zeit Menschenrechte sicherten, scheint er gleichsam doppelbödig und wahrt dennoch beiden im gleichen Maße die Treue, indem er seinem Deutschtum alles gibt, was innige Verbundenheit von ihm erheischt, feinem Judentum alles, was es von ihm fordert. Jenem weiß er sich durch die Sehnsucht seiner Träume, diesem nickst nur als Hüter und Kämmerer seiner Sprachschätze, deren urtümliche Schimmer er in immer neuen Spiegeln aus bl in len läßt und oft zu verjüngen und zu stärkeu sucht, sondern auch durch Gemeinschaftsleben und Landschaft, persönliche Nähe und Wirksamkeit, gemeinsame Sitten und kulturelle Einordnung in die Gefüge der Gesamtheit, für deren Wohl er trotz einiger Verleumdungen ein unermüdlicher Kämpfer bleibt, sowie durch Dankbarkeit für das Geschenk der Befreiung seiner Ahnen vom Ghettojoch sichtbar und geheimnisvoll verbunden, und die Verinnerlichung stiner Beziehungen zu seiner neuen Heimat gebieten ihm ebenso freudiger Seelendrang wie Lebensnotwend igle! t. Aber zu breit ist die Spanne, zu stark die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit, für deren Erhöhung und Vertiefung er seine besten Kräfte einsetzt, zu mystisch tief und wolkenhoch sein Zukunjtsglaube, als daß ihm diese gualvolte Kluft zwischen seinen Seelcnzeiten nicht die romantischen Reize einer dreistimmigen Erlöser sch n sucht schenkte. So wird er ein Rufer von Ufer zu User: man denke an Heinrich Heines Vielstimmigkeit ß,Tie Lorelei" und „Hebräische Melodien"), an Richard B e e r - H o f m a n n . der sowohl den „Grasen von Charolais" als auch „Jakobs Traum" schrieb, an Stefan Zweigs „Jeremias" und seine zahlreichen anderen Werke, an Else L a s k e r c dj ü I c r , wie Peter Hille sie nannte, den gleitet und Spruche Psai auf den Wetleuhebungen und -senkungen deutscher men und Hohelieder zum Preise der Heiligkeit Zions ausranscht, an die Bücher Arthur S ch n i tz l e r s , Martin B u b e r s . Jakob Wassermanns, Arnold Z w e r g s , Georg H e r r m a n n s, Mar D r o d s , Ernst Weiß', Arno Nabels, Albert E h r e n st e i n s . Ludwig M e i d n e r s und vieler anderer, und man wird die neuen Orchestrierunge?i deutscher Sprachmusik durch Juden und die Bereicherung deutschen Schrifttums »um neue Motive, neue Weltdurchblicke und -cinsichten, neue Rhythmen und Farben anerkennen müssen, welches Persönliche Werturteil auch immer der einzelne Leser über einen jeden der hier genannten Dichter fällen mag, und welche seelische oder geistige Einstellung er zu jedem finden kann. Dom jüdischen Dichter fehlt einstweilen die Urwüchsigkeit und Erdschwere des deutschen Landmannes und Bauern, da seine Väter meist in Städten, selten in Dörfern und aus der Scholle lebten; seine Triebdumpfheit wurzelt in einer mystischen Seelenlefangenheit und südenroüchen Verstrickung mit Vergangenheit und Gegenwart. Er kann keiner ihrer Gewalten innerlich entrinnen, denn noch in einem neuen Zion wäre ihm der deutsche sonne überhaupt der abendländische Geist Lebensnotwendigkeit. Das ihn scharf atzende Bewußtsein des grotesken Gegensatzes zwischen seiner pathos-- starken und romantischen Vergangenheit voll Heldengestalten, erhabenen Sängern, Hohepriestern und Propheten und zwischen der nüchternen und nicht selten feindlichen Gegenwart, die ihn oft demütigt und ihm daher Abtvehr gebietet, sucht er in einer Art von Wirklichkeitsflucht durch die Mittel der Selbstironie oder der Ironisierung anderer wie durch ein Gegengift zu betäuben. So treibt er mit der Wollust scharfer Selbstbeobachtung das Spiel mit seinem eigenen, ursprünglich ungebrochenen Ich fast bis zur völligen Selbstzersaseruug; so vertreibt er sich selbst aus dem Paradiese der Einfalt und eines monumentale!: einfachen Stils, zuweilen auch Lebensstils, so wird er ein aufmerksamer Analytiker, der auch in der Dichtung mit fast wissenfcL>aflltcl/cr Gründlichkeit und wissenschaftlichen Methoden zu arbeiten weiß. Um jedoch seine durch Erkenntnistrieb und kritischen Sinn längst verlorene Einheit und den Glauben an die Wundergewalten seiner Vergangenheit wiederzugewinnen, ersehnt er zuweilen wie etwa der mystisch tiefe Martin Vuber oder neuerdings Alfred Döblin jenen Welturstand zurück, da noch Traum und Mychos als dumpfe gärende Kräfte in den ersten Menschen herrschend hausten, Finsternis über den Weltgewüssern braute und der Mensch wie Tier, Stern, Pflanze und Quell lediglich seiner Seelen Unschuld lebte. Diele deutsche Dichter jüdischen Glaubens' suchen in den Schwingungen ihrer seelistl^cn Magnetnadeln nach den goldenen Kuppeln Zions, einige in den Adlerhöhen und Aeihern ihrer Metaphysik nutz