Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- Seite 527 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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527 Das Theaters. Eine Theatergründung für Berlin. Von Fritz Cngel. Nach einem Wiener Beispiel hat sich in Berlin eine Gruppe vStt .Persönlichkeiten" zusammcngetan, die auch in der Hauptstadt der deutschen Republik ein rassereines Theater ins Leben rufen wollen. Spielplan arisch, Schauspieler arisch, Zuschauer arisch. In dem Aufruf, den Generaldirektoren, Grafen, frühere Staatsminister, Geheimrate, Professoren, Bürgermeister, Geistliche unterzeichnet haben, unter diesen auch der wendige Pfarrer Traub, wird die Absicht nicht so deutlich ausgesprochen. Man umkleidet das hagere Knochengerippe mit einem Phrascnmantel, man will die „Kunstfreunde^ aus den nicht ganz Ultrarechts stehenden Parteien nicht gleich mit der Stirn ans den doch immerhin etwas gefährlichen Hauptpunkt stoßen. Man spricht von der Gründung einer „Deutschen Nationalbühne" und legt damit, gleichwie man das Nationalgesühl gepachtet hat, auch aus eine seit hundert Jahren und mehr von den wertvollsten K u n st - menschen gehegte Idee Beschlag, die bei der besonderen Eigenart des deutschen Volkes bisher noch nie hat verwirklicht werden können, der aber doch eine bezwingende Reinheit inncgewohnt hat. Jetzt wird dieser Gedanke verunreinigt. Er soll Dampf aufmachen in der brüchig gewordenen Maschine eines politischen Klüngels, der nur im Negativen bestehen kann, wie gewisse Tiere nur im Schlamm ' zu atmen vermögen, der jedoch im Positiven vollkommen versagt. Er wird auch hier versagen, auf dem Gebiete der Kunst, die diesen Unternehmern durchaus fremd sein nun), wenn sie auch nur versuchen, sie in ihrem dumpfen und stmupfen Wirkungskreis einzubezieheu. Das Wesen der Kunst wurzelt im Grenzenlosen. Sie dehnt sich triebhaft über die Horizonte der Partei, sie weitet sich über die Schlagbaume selbst ihres Ursprungslandes. Es gibt gewiß eine „nationale Kunst", jedes Kulturvolk hat „seine" Klassiker, aber in ihren höchsten Spitzen ist „nationale Kunst" immer zur i n t e r * nationalen geworden, um von da aus die ganze Menschheit zu übersonnen. Frankreichs M o l i ö r e ist als Kunstschöpser und Kunstspender längst kein „Franzose" mehr, Englands Shakespeare und von seinen lebenden Volksgenossen Bernard Shaw gehören ebenso dem gebildeten Russen, wie dem wissenden Engländer die Russen Gogol und Tolstoi vertraut sind, und das größte dramatische Gedicht der Deutschen, Goethes „Faust", wird in fernen Wüsten geliebt. Das sollte Tertianerweisheit sein und ist es immer gewesen. Wer die Kunst verengen will, wer sie parteidogmatisch ausschrotet, wer sie in den Stacheldrahtkäsig des Bürgerhasses sperrt, steht unter dem Tertianer. Dom Standpunkt der Kunst aus gesehen, ist er Analphabet. Die Herren werden nun ihr Zelt ausschlagen, sie werden in dem tzroßen und herrlichen Bestände unserer deutschen Literatur manches finden, was vor ihnen längst entdeckt und wahrscheinlich sogar von Judenhirnen gefördert worden ist. Sie werden vielleicht auch Goethe spielen, obschon sich in antisemitischen Kreisen das Gerücht erhält, daß dieser dunkeläugige Mann, dessen Großmutter eine geborene Lindthaler gewesen, in der Blutfrage nicht zuverlässig ist, ganz abgesehen von seiner Freundschaft mit dem „Fremdkörper" Felix Mendelssohn. Sie mögen vorerst auch Geld haben, denn sie zählen Generaldirektoren zu den ihren, obschon Generaldirektoren von den Kapitalien, die sie investieren, immer gern und bald Zinsen sehen wollen. Man wird einen Saal und deren drei mieten, mau wird sich von jedcnr Regisseur und Schauspieler eine unbeschnittene Begabung bis hinauf zum Ururnrgroßvatcr durch Erklärung an Eidesstatt zu sichern lasten. Aber niemals wird man der Kunst ein Diener sein, sondern man wird sie durch alle diese Einschränkungen nur versklaven, und die kühnen Reformer werden verstmnmen müssen, wenn sie neben den Großen, die uns allen gehören, nun auch die Le b e n d e n suchen, die ihnen allein zu eigen find. Denn hier herrscht das Nichts. In diesen Kreisen wird im besten Falle ein für Dereinsabende ausreichender Patriotismus gedichtet; wenn er noch gar antisemitisch durchsäuert wird, müßte sich die letzte Faser echter Dichtung zersetzen. Unter den deutschen dramatischen Talenten, im ganzen schon so gering an Zahl, daß jeder um unsere Bühneukunsr Bemühte niemals frei von einem hoffnungslosen Hungergefühl wird, sind nur ganz wenige, die sich überzeugungsgemäß auf jene Seite stellen. Sofern sie etwas können, werden sie auch von denjenigen geschätzt, die politisch auf einer anderen Linie stehen. Die Mehrzahl unter diesen Wenigen kann aber nichts. Sie werden der „Nationalbühne" nicht Helsen, denn die Säle des Herrn Traub werden leer bleiben. Wir haben da§ bei den Berliner Versuchen des Bühnenvolksbundes erlebt, der dem neuen -christlich-deutschen" Projekt mit der ganzen selbstlosen Liebe begegnen wird, die zwischen geistesverwandten Konkurrenten zu herrschen pflegt. Das Publikum solcher Vereinsgründungen geht immer nur eine Weile wiit. Es läßt sich zur Wahlurne und in die Volksversammlungen Meppen, aber nicht ins Theater, nicht auf die Dauer, wenn ihm nichts .„geboten" wird. Die „Gesinnung" allein hat im Theater noch nie gezogen, und die durchaus berechtigte Selbstsucht des zahlenden Zuschauers wacht schnell auf, wenn er sich um das hohe oder niedere Vergnügen gebracht sieht, das er suchen gegangen ist. Das deutsche Bühnenwesen hat viele Schäden. Sie können nur von Kunstmenschen, von Nichts-als--Kunstmenschen geheilt werden. Don ihnen muß der Angriff gegen das „Eeschäftstheater" eingeleitet und siegreich durchgeführt werden. „Hier gilt's der Kunst!" Es ist nicht ohne Humor, die These Siegfried Wagners zitieren zu dürfen, die er jetzt an den Bühnentempel seines großen Vaters angeschlagen hat in diesem Jahre, nachdem er sich die Finger an dem qualmenden völkischen Feuer tüchtig verbrannt hat. Parteibonzentheatergründungcn können den Gesuudungsprozeß nur aufhalten. Sie sind nichts als ein Spaltpilz, der den Gesamtkörper einer Nation und damit auch ihrer Kunst vergiftet. Und das ist die Gefahr dieses garantiert „arischen" Theaters. Grundsätzlich muß daraus aufmerksam gemacht werden; Praktisch wird bei den Strapazen dieser BaterlandZretter nicht viel herauskommcn. Der Hinterweltlsr. Antisemitismus als „verkappte Religio n.\; In dem im Verlage von F. A. Perthes erschienenen Buche „Verkappte Religionen" von Carl LH. Bry, lesen wir folgendes hübsche §topitcl. Alle verkappten Religionen sind Monomanien. In tausend Formen, die immer wieder wechseln, stellen sie einen Gedanken in die Mitte und suchen von ihm ans und durch ihn den Menschen zn formen. In der Mitte dieses zum Teil ganz ungeheuren Gedankengebäudes der verkappten Religionen steht immer eine Nichtigkeit, meist selbst eine Wahrheit. Sie wird dadurch in ihrer „Wirkung" gestärkt und um ihre Wirkung gebracht, daß sie alle anderen Gedanken einschluckt. Für jeden entflammten Anhänger jeder Religion gibt es nichts mehr, das mit seinem Glauben nicht irgendwie im Zusammenhang stünde. Das rundet ihm sein Weltbild und gerade der Umstand, daß sein Glaube alles umfaßt, alles belebt, daß nichts mehr ihm gleichgültig ist, diese Wirkung seiner Religion beglückt ihn. Ter wahrhaft religiös Ergriffene sieht die ganze Welt neu; sieht sie. als ob sie für ihn gemacht wäre. Auch der Hinterweltler. der Anhänger der verkappten Religion, sieht die ganze Welt neu. Aber ihm dienen alle Tinge nur zur Bestätigung seiner Monomanie. Dem Religösen wird die Welt größer. Er findet noch im Entlegensten eine neue Seite seines Glaubens, die ihm bisher nicht ausgegangen war. und in diesem neuen Licht leuchtet ihm auch das Fremdeste in strahlendem Glanze auf. Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung. Das Ding selbst ergreift ihn nicht mehr. Er kann nicht mehr ergriffen werden; soweit ihn die Dinge noch an gehen, ist es als Schlüssel der Hinterwelt. Man kann das beinahe experimentell Nachweisen. Man spreche einmal mit einem Menschen, dem etwa der Antisemitismus zur •my -j"1.. . / ’T .jweiy11 u.?' ■«..* i\ »r X'm 1 wyit: y; j» JifQ-u jy» Der Morgen Fier au sicher tm'd Schriftleitunij: Professor Pr. Julius GoHsfelu, Darmstadt, Beckstr. 87. Verlag: Philo-Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. III. / Pos tscheckkonto: Philo-Verlag, Berlin 83512./ Druck: Boetherdruck G. m. b. H., Darmstadt, Bleickstr. 24. Heft 3 erscheint am 1. August Einzelheit 2,25 2iX. Jahresabonnement 12 31, Zu beziehen durch Philo-Yerlag, Berlin SW 63. verkappten Religion geworden ist, über das Salzfaß auf dem Eßtisch und sein besessener, nach Bestätigung hungernder Geist wird nach zwei Sätzen bei der Aeußerung angekommen sein, daß etwa schon die alten Juden beim Salzhandel aus Phöuizien betrogen hätten oder daß der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen natürlich viel zu hoch sei. Er ist positiv unfähig geworden, das Salzfaß zu sehen. Er erblickt es nicht mehr in seiner ^Nüchternheit oder in seiner Schönheit als Salzbehälter oder als Behälter von Streit und Tränen, als Gradmesser der ehelichen Liel>e, als Anzeiger der Reinlichkeit im Haushalt oder als Mittet, Flecken aus dem Tischtuch zu entfernen. Er sieht darin nur noch etwas, was ein anderer auch bei regster Phantasie und Findergabe in dem Salzfaß nicht finden kann: den Juden. Auch der Fromme (falls er nicht, was häufig vorkommt, seine Religion zur verkappten Religion macht) sieht vielleicht das Salzfaß nicht als Salzfaß. Sieht vielleicht in ihm den heiligen Gral, oder es geht ihm die Bedeutung des Wortes vom Salz des LebenS auf, die er bisher nicht ahnte. Er sieht das Salzfaß neu. Für den Hinterweltler aber ist es einfach verschwunden, nicht da, weggezanbert. Auch alle Religionen und Philosophien haben einen Gedanken in der Mitte, ganz wie die verkappten Religionen; aber es kommt darauf an, was dieser Gedanke mit der Welt ansängt.